Kaiser-Erlaß „Cunctos Populos“ mit verheerenden Folgen

WEIMAR. (fgw) Von der vorherrschenden Geschichtsschreibung West- und Mitteleuropas bewußt verschwiegen bzw. in seiner Bedeutung kleingeredet wird ein Erlaß des römischen Kaisers Theodosius (347-394). Am 28. Februar des Jahres 380 dekretierte dieser weltliche Herrscher (seit 379) mit „Cunctos Populos“ zum einen die Verknüpfung von Staat und „christ-katholischer“ Kirche und zum anderen verbot er alle anderen christlichen Jesus-Bewegungen als „ketzerisch“.


Auf diesen Erlaß und seine verheerenden Folgen für Europa und schließlich große Teile der Welt geht der Historiker Rolf Bergmeier, einst Oberst i.G. der Bundeswehr (!), in seinem neuesten Buch „Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche" ein.

 

Warum diese Erwähnung von Bergmeiers früherer Tätigkeit? Ganz einfach deshalb, weil er Dinge und Verhältnisse „auf den Punkt bringt", also nicht moralisierend schwafelt oder sich mit frommen Legenden zufrieden gibt. Sondern weil er als Geschichtswissenschaftler das Handwerkszeug eines Generalstäblers konstruktiv anwendet, beginnend mit Sachstandsaufnahme - gepaart mit vorurteilsfreier Analyse - um daraus zu objektiven Schlußfolgerungen zu kommen.

 

Religionen sind Menschenwerk! Sie, die Religionen (und auch die christlichen Kirchen) kommen nicht aus sich heraus und sie wirken auch nicht aus sich heraus. Als Menschenwerk sind Religionen zuvörderst Machtinstrumente der Herrschenden, egal was die Verkünder über vorgebliche edelmütige, wohltätige etc. Inhalte behaupten. Wer wie und warum eine konkrete Religion zur Alleinseligmachenden erhob, darum geht es in Bergmeiers Analyse über die Anfänge des Katholizismus. Worum es den Machthabern dabei ging, das zeigt die Geschichte der sogenannten Christianisierung (nicht durch das Kreuz, sondern in erster Linie durch das Schwert!) Europas und der europäischen Kolonien: Unterwerfung durch Taufe oder aber Tod!

 

Zum Erlaß vom 28. Februar 380 ergänzt Bergmeier in der Einleitung: „Cunctos populos eröffnet einen Reigen von mehr als sechzig Erlassen, in den Gott, Kirche, Staat und Kultur untrennbar miteinander verbunden werden und die Dominanz der katholischen Religion in allen Phasen des Daseins verordnet wird. (...) Der Erlaß wird tiefgreifende Spaltungen und Zerwürfnisse provozieren, Religionskriege entfesseln, Kreuzzüge heiligen und Kulturen vernichten. (...) Davon spricht dieses Buch: Wie ein römischer Kaiser in einer zerstückelten Religionslandschaft eine [allein von ihm selbst; SRK] ausgewählte Religion zur machtvollsten der Welt aufsteigen läßt. Wie eine Allianz aus Thron und Altar den Menschen beherrscht und bis in die Schlafzimmer hinein dirigiert..." (S. 8)

 

100 Wahrheiten und die Christentums-Szene im 4. Jahrhundert

Im ersten Kapitel geht Bergmeier auf die religiös-weltanschaulichen Verhältnisse im Römischen Reich ein. Bis ins 4. Jahrhundert habe gegolten: „Eine einzige Wahrheit gibt es nicht, der römische Himmel breitet sich über alle Anschauungen aus, und neue Götter sind willkommen, wenn sie zum Wohle des Reiches tätig werden. Sie werden nicht geleugnet, sondern assimiliert. Der Gedanke, fremde Götter könnten falsche oder überhaupt keine Götter sein, liegt den Römern fern. (...) Selbst die Götter können irren und kein Römer empfindet dies als einen himmlischen Makel. In einem solchen Klima kann kein religiöser Haß wachsen. Die römische Toleranz ist wohlkalkuliert. Nur unter den Bedingungen der praktizierten Religionsfreiheit und -gleichheit können innerer Frieden und politische Stabilität in allen Teilen des riesigen Imperiums aufrechterhalten werden." (S. 15) - Und von solch einem hohen Freiheits-Niveau können wir in der „Kirchenrepublik Deutschland" (Carsten Frerk) immer noch nur träumen...

 

Weiter heißt es: „In einem solch religionsoffenen Umfeld entwickeln sich Mitte des 1. Jahrhunderts innerhalb des Christentums jüdisch und hellenistisch geprägte Jesus-Bewegungen ('Gemeinden'), die zwar alle an Jesus als Religionsgründer glauben, aber sein Verhältnis zu Gott unterschiedlich auslegen. Man streitet sich (...) Und wenn es eines Beleges bedürfte, wie lückenhaft unsere heutigen Kenntnisse über das frühe Christentum, wie unzuverlässig das Wissen und die Quellenlage darüber sind, was tatsächlich in den ersten Jahrzehnten des Christentums gesagt und geschrieben worden ist, dann sind es diese Dutzende von Jesus-Bewegungen aus den ersten Jahrhunderten, die sich alle auf Jesus berufen und behaupten, den wahren Christus zu vertreten..." (S. 18)

 

Bergmeier geht dann kurz, aber prägnant, auf die Historizität dieses Jesus und die Glaubwürdigkeit der unzähligen Evangelien nach. Hierauf soll aber nicht weiter eingegangen werden. Dem Autor ist dieses wichtiger: „In dem Maße, wie sich die Jesus-Gemeinden vermehren, kommt es zu weiteren Spaltungen und Absonderungen. Jeder will seine eigene Partei haben, jeder beansprucht, den rechten Glauben zu besitzen. (...) Und so kann es nicht verwundern, daß sich ein Blumenstrauß von Jesus-Bewegungen bildet, die sich gegenseitig als 'Häretiker' diskriminieren. (...) Die Anschauungen, Dogmen und Lebensformen sind so vielfältig und so konfliktbeladen, daß man das damalige Christentum nur im Plural definieren kann. (...) Die Spannungen in den Gemeinden und die Rivalitäten zwischen den Auffassungen und den Bischöfen dauern rund vierhundert Jahre." (S. 20-21)

 

Und das ist des „Pudels Kern" in Bergmeiers Analyse: „daß das damalige Christentum nur im Plural zu definieren" ist! Das sollte man sich stets vor Augen halten, wenn Theologen immer wieder nur von „dem Christentum" schwätzen und wenn schlichte Gemüter glauben, das wäre immer schon alles so gewesen wie von den Kanzeln gepredigt!

 

Übrigens, und darauf macht Bergmeier dezidiert aufmerksam: „Der Streit wird im Ostteil des Imperiums ausgetragen, dem Geburtsort des Christentums, in Antiochia, Alexandria. Nicaia und Konstantinopel.

Rom und der Westen haben in den ersten vier Jahrhunderten praktisch nichts zu bestellen. Der Bischof von Rom, später Papst genannt, ist noch nicht einmal bei den Konzilen des 4. Jahrhunderts zur Bestimmung des Wesens Gottes anwesend." (S. 21) - Soso, einen Stellvertreter Gottes auf Erden kannten die diversen christlichen Richtungen seinerzeit also gar nicht!!!

 

Im weiteren (S. 22-30) geht es in der Analyse um die seinerzeitigen feindlichen Brüder (Arianer und Katholiken) und ob es damals eine Hauptströmung innerhalb der Jesus-Bewegungen gegeben habe. Was die Geschichtsschreibung angehe, so sei die selbst heute noch zu großen Teil „im Netz der Kirchenhistoriker gefangen". Es sei also angesichts von wenigstens achtzig Jesus-Bewegungen in jener Zeit „irreführend, vom 'Christentum' zu sprechen".

 

Der Staatskirchenerlaß

Das zweite Kapitel wendet sich dem Erlaß Cunctos populos und der Person des Kaisers Theodoius im Detail zu.

 

Bergmeier schreibt: „Dieser Kaiser voller Bekehrungs- und Missionierungsdrang (...) beendet am 28. Februar 380 das religiöse Chaos. (...) Theodosius, der von Theologie wohl noch weniger versteht als vom ursprünglichen Christentum (...) verbietet mit dem Erlaß Cunctos populos aus eigener Initiative und ohne Konsultation kirchlicher Stellen alle heidnischen Religionen, widmet den bisher umfassenden konfessionsfreien Begriff 'katholisch' in eine Konfessionsbezeichnung um und schaltet die vom Katholizismus abweichenden christlichen Varianten mit Zwangsmaßnahmen aus." (S. 33)

 

Es folgen Bemerkungen über die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Erlasses, nicht ohne daß Bergmeier nochmals feststellt. „Der Katholizismus setzt sich nicht durch, sondern wird durchgesetzt von einem römischen Kaiser!" (S. 34) Der Autor setzt sich hier auch noch mit kirchlichen und kirchenhörigen Geschichtsklitterungen auseinander. Er geht ferner auf strafrechtliche und sogar kalendarische Folgen dieses Erlasses ein.

 

Zusammenfassend heißt es: „Der Kaiser hat gesprochen, die Sache ist beendet. So also wird der Katholizismus zur Staatsreligion. Kein Petrus, auf dessen Felsen die Kirche erbaut wurde, läßt sie zur Weltmacht aufwachsen, kein Papst, der im 2000 Kilometer entfernten Rom residiert und sich vom Bischof von Mailand die Butter vom Brot nehmen läßt, keine Mehrheit aufgebrachter Katholiken, sondern ein selbstermächtigter Kaiser gibt dem Katholizismus Namen und Macht." (S. 42) - Für Bergmeier hat sich damit eigentlich die katholische Kirche vom Christentum gelöst... Und, für den Kaiser war eben diese von ihm auserkorene Konfession das aus seiner Sicht am besten geeignete Mittel, die Herrschaft des sich der Agonie nähernden Reiches - und damit die des Kaisers - zu sichern.

 

Und natürlich gibt es auch in diesem Fall Gewinner und Verlierer. Die Gewinner sind in erster Linie die Bischöfe, letztlich die Priesterkaste als solche, die nun an staatlicher Macht teilhaben dürfen und die sich auf diese Weise wirtschaftlich immens bereichern dürfen.

 

Die „Verlierer sind das ursprüngliche Christentum, das weder im Gottesbild noch in seiner sozial-humanen Komponente widerzuerkennen ist, und der Polytheismus, der dem Imperium Romanum mehr als fünfhundert Jahre religiösen Frieden gebracht hatte." (S. 43)

 

Politische, ökonomische und soziale Folgen

So ist das dritte Kapitel, der Hauptteil des Buches, überschrieben. Bei der Betrachtung und Wertung der Folgen geht Bergmeier wirklich ins Detail und unterlegt seine Feststellungen mit Belegen. Auf all das kann hier leider nicht im einzelnen eingegangen werden.

 

Ging der Autor zuvor auf Gewinner und Verlierer allgemein ein, so muß er jetzt konstatieren, daß ein anfänglicher Gewinner nun zu den Verlierern zählt. Und das für mehr als tausend Jahre. Der große Verlierer ist der Kaiser, ist der Staat. Denn schon bald nach dem Erlaß kommt es zu einem bisher für unmöglich gehaltenen Machtkampf. Die Kirche, sprich die „Priesterkaste", gibt sich mit der Teilhabe an der Macht nicht zufrieden, sie will sich über den Staat stellen. Und sie setzt sich mit allen Tricks auch durch.

 

Den Inhalt dieses Kapitels, schließlich sind die Folgen bis heute weitgehend wirksam, sollte sich jeder Leser aufmerksam selbst erschließen. Daher sollen hier nur die Überschriften einiger Unterabschnitte, die für sich sprechen, genannt werden:

 

- Machtkampf. Der Kaiser steht nicht über der Kirche

- Bischöfe als neue Führungsschicht in den Städten

- Rezession. Der ökonomische Abschwung in Mitteleuropa

- Kriege und Invasoren

- Kontrast. Der Reichtum der neuen Kirche

- Maßlos. Schenkungen

- Spanien und die Indios

- Sozialpolitische Folgen. Der Feudalismus

- Kainsmal. Der kirchliche Feudalismus

- Sklaven in Kirchenhand

- Krönung: Die Kirche als von Gott eingesetzter Eigentümer der ganzen Welt

 

Verlust der kulturellen Vielfalt - Neues Menschenbild

Mit dem Verlust nicht nur der antiken Hochkultur, sondern mit dem Verlust der bisherigen kulturellen Vielfalt befaßt sich das vierte Kapitel. Auch hierauf soll nicht näher eingegangen werden, hat Bergmeier diesem Thema doch bereits ein eigenes Buch, „Schatten über Europa", gewidmet. Dessen Inhalte ruft er an dieser Stelle kurz in Erinnerung. In engem Zusammenhang steht dazu das von der Kirche propagierte neue Menschenbild.

 

Für die vorchristliche Zeit galt im mediterranen Raum: „Die Antike stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Er ist das Maß aller Dinge. (...) Freude am Leben, das ist das antike Bild vom Menschen, der selbst im Tode noch Würde zeigt." (S. 135)

 

Ganz anders die Zeit nach 380: „Von all dem ist die neue Religion eher das Gegenteil. (...) Statt Gemeinsinn verlangt sie Gehorsam gegenüber Gott und seinen Dienern." (S. 136)

 

Bergmeier wendet sich im Anschluß dem Begriff (und Wert) der Menschenwürde zu. Und dem Kampf um die Menschenrechte. Daß diese eben nicht von „Gott" gegeben worden seien, sondern daß diese von Menschen gegen die Anmaßungen von Kirchen und kirchenhörigem Staat erkämpft werden mußten. Und noch immer erkämpft werden müssen.

 

(Kirche schmückt sich) Mit fremden Federn

„Christlich" wird hier und heute nach wie vor mit „edel und gütig" assoziiert. Doch ist dem so? Was ist originär von der ursprünglich jüdischen Sekte der ersten Jesus-Jünger, was von den späteren unzähligen Jesus-Bewegungen in Bezug auf Wertauffassungen und menschlichen Handlungsweisen geschaffen worden?

 

Eigentlich nichts! Denn die christlichen Kirchen schmückten und schmücken sich, wenn es wegen der eigenen Macht, der Herrschaft über Mensch, Gesellschaft und Staat, nötig ist, mit „fremden Feder", wie Bergmeier es auf den Punkt bringt. Wenn es also nötig wird, dann wird Fremdes übernommen und für eigene Zwecke umgeformt, sein ursprünglicher Inhalt meist total entleert.

 

Bergmeier führt Beispiele für christliche Lügen und Verfälschungen auf, u.a.:

 

„Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werden die 'christlichen Werte' beschworen (...) die 'Zehn Gebote' und die Aussagen der Begrpredigt wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. (...)

Das Christentum sei eine Religion der Liebe und hebe sich deshalb von anderen Weltanschauungen ab. Aber bereits die Philosophie Zarathustras, der je nach Wissenschaft oder Ideologie irgendwann zwischen 1000 und 500 Jahre vor Christus gelebt haben soll, basiert auf den drei Grundsätzen gut denken, gut reden und gut handeln." (S. 157)

 

Ein anderes Beispiel wird im Unterabschnitt „Von der römischen Armenfürsorge zur Caritas" beleuchtet.

 

Bergmeier ist ohne Wenn und Aber zuzustimmen, wenn er meint: „Teilen und Helfen ist im Menschen angelegt und Teil nahezu jeder Gesellschaftsordnung. Vermeiden wir also den in der kirchlichen Vergangenheit allzuhäufig vergessenen Begriff der 'Nächstenliebe' und nennen das, was die Menschen miteinander verbindet, Menschlichkeit, Wohltätigkeit, Güte, Mildtätigkeit, Mitgefühl, Humanität, Philanthropie, Mitleid, Freundlichkeit, humane Gesinnung, Idealismus." (S. 160) - Oder auch so: Solidarität!

 

Es bedarf nicht des Christentums, um Gutes zu tun!

„Mitgefühl und Fürsorge sind also kein christliches Spezifikum, sondern ein weit verbreitetes Merkmal menschlicher Gesellschaft und universelles positives Kennzeichen der meisten Staaten und Religionen. (...) Helfen ist kein den Religionen eigentümliches Kennzeichen, sondern hat sich im Laufe der sozialen Entwicklung des Menschen als unverzichtbarer Überlebensfaktor entwickelt", faßt Bergmeier zusammen. Und daher sei festzustellen: „Auf dieses stammesgeschichtlich erklärbare Gruppenverhalten bauen auch Religionen auf. Meist werden hier allerdings nur Mitglieder der eigenen Religion in das Hilfs- und Schutzmuster eingegliedert und andere Religionen schroff abgelehnt. Dieses gruppenspezifische Verhalten ist bei monotheistischen Religionen besonders ausgeprägt, während philosophie-ähnliche Religionen ohne ausdefinierte Gottheit eher zu einer umfassenden Humanität bereit sind." (S. 164 -165) - Und noch mehr gilt letzteres für nichtreligiöse Weltanschauungen, das sollte an dieser Stelle unbedingt noch hinzugefügt werden.

 

Mit klarem Blick auf die heutige bundesdeutsche Realität fügt der Historiker mit Verweis auf Caritas und Diakonie hinzu: „...die Dienste der zu einer lukrativen Besorgnisindustrie aufgewachsenen sozialen Organisationen mit Karrieremustern, Lobbyarbeit und allem Drum und Dran werden gut enlohnt und die Kirchen müssen die Bereitschaft zu helfen mit anderen Anschauungen, Religionen und vielen Menschen teilen, die still und unbeachtet ohne Trompetenbegleitung und nerviges Selbstlob Empathie vorleben." (S. 165) - Man beachte den letzten Nebensatz!

 

„Es bedarf absolut nicht des Christentums [also der christlichen Kirchen und ihrer betriebswirtschaftlich agierenden Sozialkonzerne; SRK], um Gutes zu tun, es bedarf nicht einer Kirche, um über Sitte und Moral mit Tiefgang zu sprechen. Die uns heute wichtigen Werte und Normen, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, das Recht auf Selbstbestimmung, die Gleichberechtigung der Frau und die Anerkennung homosexueller und lesbischer Veranlagung, die Religions- und Wissenschaftsfreiheit, die gesamte Rechtsstaatlichkeit, nichts davon steht in der Bibel [auch nicht im sogenannten Neuen Testament, den 'Zehn Geboten' oder der 'Bergpredigt'; SRK], alles mußte den Kirchen in verlustreichen Kämpfen abgetrotzt werden." (S. 165)

 

Des Christentums bedurften das untergehende Sklavenhalter-Imperium, der Feudalismus, der kolonialisierende Frühkapitalismus zur Machterhaltung, zur Machtlegitimierung. Und auch die heutige kapitalistische Gesellschaftsordnung bedarf angesichts unzufriedener Menschen des Christentums. Da dürfen sich Pfaffen an die Spitze von Bewegungen setzen, damit diesen die sozialrevolutionären Inhalte genommen werden: Um Gnade beten statt für Rechte kämpfen. Das gilt in Brasilien ebenso wie in Bundesdeutschland!

 

Bergmeier geht auch noch auf einen anderen Herrschaftsaspekt des Christentums, nicht nur seiner katholischen Ausprägung, ein:

 

„Über Jahrhunderte versucht die katholische Kirche, Einfluß auf das Geschehen im Schlafzimmer und auf die Trauung zu gewinnen. Im 16. Jahrhundert gelingt es der Kirche schließlich, den gesamten Trauungsakt ins Gotteshaus zu verlegen." (S. 168) Es ist also bewußt geschürte Irrglaube, daß die kirchliche Trauung ein urchristliches Ritual ist! Auch die Kindstaufe und der Sonntag als Feiertag sind erst gegen Ende des 4. Jahrhunderts eingeführt worden.

 

Warum also die Unterwerfung des menschlichen Sexuallebens unter klerikale Dogmen? Ganz einfach, weil freie Sexualität auch eine Gefahr für die Herrschaft der Diener Gottes über angeblich „sündige Menschen" darstellt!

 

Den von Bergmeier so genannten Abfall des Katholizismus vom Christentum beleuchtet er in einem gesonderten Unterabschnitt. Da geht es nicht nur um theologische Spitzfindigkeiten, sondern um Grundsätzliches:

 

„Art, Intensität und Länge der Nötigung Andersdenkender sind in der Menschheitsgeschichte einmalig. Keine andere der Jesus-Bewegungen hat ein derart konsequent-grausames Repertoire von Erpressungs- und Folterinstrumenten entwickelt und angewendet wie die Papstkirche. Kein Arianer, kein christlich-orthodoxer Gläubiger, keine altorientalisch-christliche Kirche, kein Jude und kein Muslim hat den Begriff der Nächstenliebe so sehr und so lange entwertet wie die katholischen Bischöfe." (S. 175)

 

Und heute?

Bergmeier ist Wissenschaftler und eben auch geschulter Generalstäbler, also schlägt er nicht die Schlachten von Gestern oder gar Vorgestern, sondern wendet Geschichtswissen auf das Hier und Heute an. So konstatiert er objektiv, daß sich der Katholizismus im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt habe: „Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962) ist der deutsche Katholizismus gemäßigt." (S. 177) - Ja, aber nur in Äußerlichkeiten, wohlfeilen Kanzelreden und TV-Worten zum Sonntag.

 

Real ist stattdessen nach wie vor dieses:

 

„Heute", so Bergmeier in aller Deutlichkeit, „haben wir in Deutschland wieder eine Staatskirche. Zwar verbietet das Grundgesetz diese, aber in der Praxis feiert sie (...) eine wenig fröhliche Auferstehung. So als hätten wir aus der Geschichte nichts gelernt, ist die [Bundes-; SRK]Regierung des Jahres 2018 ohne Ausnahme mit bekennenden Protestanten und Katholiken besetzt. Kein Vertreter der Aufklärung hat sich in diesem Religionskabinett eingefunden. (...) obwohl rund 35 Millionen Bürger nicht Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen sind. Stattdessen Kirchenfunktionäre zuhauf. Nun also umarmen sich deutscher Staat und Kirche wieder. Ethikkommissionen sind nicht mit Philosophen besetzt, sondern von Theologen unterwandert. (...) Von einer Säkularisierung, wie in der Verfassung vorgeschrieben, kann keine Rede sein." (S. 178-179)

 

Und warum ist dies so? Weil eben diese christlichen Konfessionen nach vor bestens geeignete Herrschaftsinstrumente sind, um unzufriedene, unglückliche Menschen angesichts globaler Krisen (Stichwort Prekariat) zu vertrösten. Und vor allem, weil eben diese großen Kirchen seit der Spätantike mit Abstand die größten Grundeigentümer sind und über Kapital in zig-facher Milliardenhöhe verfügen. Sie sind also Teil der spätkapitalistischen Wirtschaftsordnung. Dies erwähnt Bergmeier leider nicht. Aber an anderer Stelle kommt er dennoch darauf zu sprechen: „...es kann einem Christen seinen Glauben verleiden, wer er hört, daß allein das Bistum Köln auf einem Milliardenvermögen sitzt, die Hälfte der Kölner Haupteinkaufsstraße besitzt und gleichzeitig mit der Arroganz der Wohlgenährten zum Opfer für die Armen auffordert, ohne auch nur ein einziges eigenes Grundstück zu verkaufen." (S. 198)

 

 

Es ging auch anders. Es kann auch anders gehen!

Daß es auch anders ging, das hat Bergmeier bereits in seinem Buch „Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende" dargelegt. Daraus stellt er im siebenten Kapitel wesentliche Inhalte vor, wenn er auf zivilisatorische Entwicklungen ab Mitte des ersten Jahrtausends im christlich-orthodoxen Byzanz, im muslimischen Bagdad und auf der zeitweise arabisch-islamischen iberischen Halbinsel hinweist.

 

Im achten Kapitel, wie auch im Epilog, zieht Bergmeier ein Resümee, das schlichten Gemütern, auch kirchenfernen, nicht unbedingt schmecken dürfte. Glauben doch zu viele Politiker selbst der LINKEN an die Märchen, die ihnen klerikale Propaganda ungebrochen wie eh und je auftischt:

 

„Es ist keinesfalls so, als habe der Staatskatholizismus quasi vor der Türe des Imperiums gestanden, energisch an der Kaiserpforte geklopft, und der Kaiser habe gar nicht umhin gekonnt, dem Katholizismus das Ruder zu übergeben... (...) So ist es eben nicht gewesen. Weder sind die heidnischen Massen in die Kirchen geströmt, noch gibt es Anzeichen, daß der Monotheismus vom Volk herbeigesehnt wird... (...) Im Gegenteil. Cunctos populos ist ein Erlaß gegen die Mehrheit der Bewohner des Römischen Reiches. Denn der durchschnittliche Anteil der Christen dürfte um 350 bei fünf bis fünfzehn Prozent gelegen haben. Zumal diese Durchschnittszahl alle christlichen Konfessionen, auch die 'häretischen', subsumiert. (...)Der Katholizismus wächst also nicht aus der Gesellschaft heraus, ist kein Konstrukt seiner Zeit, sondern wird verordnet." (S. 189-190)

 

Daraus leitet Bergmeier Forderungen an die Politik ab, insbesondere zur endlichen Erfüllung des Verfassungsauftrages von 1919 (und damit auch des Grundgesetzes), die Trennung von Staat und Kirchen sowie die Trennung der Schule von der Kirche betreffend. Sein Schlußsatz fällt leider pessimistisch aus, wenn er „von einer intellektuellen Agonie quer durch alle Parteien" spricht, die sich so zeige: „Von der Kanzel herabzuspringen und sich der Aufklärung in die Arme zu werfen, an die sich Christen wie Nichtchristen unbehindert durch die geistliche Ebene gleichermaßen beteiligen können, das schaffen sie nicht, die deutschen Politiker." (S. 200)

 

Nichtsdestotrotz sollte auch hier ein Spruch aus Bauernkriegszeiten und aus der frühen Arbeiterbewegung gelten: „Uns aus dem Elend zu befreien, das können wir nur selber tun." Insofern sind Bücher, wie die von Rolf Bergmeier, fundierte geistige Handreichungen mit Denkanstößen für humanistisches, freigeistiges selbstständiges Handeln.

 

Der Erlaß „Cunctos populos" in deutscher Übersetzung sowie eine weiterführende Bibliographie runden Rolf Bergmeiers überaus empfehlenswertes viertes Buch ab.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Rolf Bergmeier: Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche. Vom Sieg des Katholizismus und den Folgen für Europa. 280 S. m.Abb. Taschenbuch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2018. 16,00 Euro. ISBN 978-3-86569-292-4

 

 

 



 
03.10.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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