Kajas neuer Thriller: Vielleicht ist alles doch ganz anders...

WEIMAR. (fgw) Kaja Bergmann, die 24jährige Lehramtsstudentin, kann es nicht lassen, als begnadete Autorin jedes Jahr einen packenden Thriller für Jugendliche auf den Buchmarkt zu werfen. Nunmehr liegt ihr viertes Buch „30 Sekunden zu spät“ vor. Ein Buch, das seine Leser durchaus zu verwirren mag. Vielleicht ist das sogar der eigentliche Sinn dieses gut erzählten Thrillers.


Die Protagonisten sind Nepomuk und seine feste Freundin Miranda, beide bereits bekannt aus dem „Mephisto-Deal" (2014). Und dann ist da auch noch ihre alte Klassenkameradin Liliana. Sie haben trotz des seinerzeitigen Horrors inzwischen ihr Abitur gemacht, studieren oder befinden sich wie Liliana in einem Praktikum.

 

Die Autorin gibt zunächst vor (in einer handschriftlichen Mitteilung auf Seite 5) - aus nicht näher bekannten Gründen - unter Nepomuks Kopfkissen einige herausgerissene Seiten aus dessen Tagebuch gefunden zu haben. Auf diesen Blättern, datiert vom 10. bis 13. September sowie mit dem 25. September, erzählt Nepomuk (auch nur Nepo genannt) seine Geschichte:

 

Nepo besucht regelmäßig seinen Opa im Pflegeheim, wo der alte Mann wegen seiner Demenz lebt. Ein sinnvolles Gespräch kommt aber nicht zustande. Im Heim trifft Nepo seine frühere Mitschülerin Liliana wieder, die dort gerade ein Praktikum absolviert. Es kommt zu einem „small talk", währenddessen Nepos Freundin Miranda eintrifft. Das Freundespaar begibt sich in ihre Wohnung, wo sie den Fernseher einschalten. Dort läuft eine Dokumentation u.a. über den „grünen Zipfelfalter", aber Nepo ist in Gedanken mehr bei seinem Opa und dessen verwirrte Worte.

 

Das löst eine Spontanreaktion aus. Nepo will sofort nach Büsum an die Nordsee fahren, Miranda soll ihn begleiten. Denn in Büsum hatte der Opa seinerzeit der Oma einen Heiratsantrag gemacht. Und Nepo will in Büsum etwas suchen. Was, das erfährt der Leser nicht. In der Hektik des Aufbruchs kommt das Paar 30 Sekunden zu spät auf den Bahnhof. Dort ereignet sich ein folgenreicher Zusammenstoß mit einer anderen Person. Aus der gemütlichen Bahnreise wird nichts, stattdessen gewissermaßen ein Horrortrip. Unterwegs begegnen ihnen verschiedene Personen; weiteres soll hier aber nicht erzählt werden... Vor allem aber klagt Nepo über zunehmende Kopfschmerzen und verschläft einen großen Teil des Wegs. In Büsum begibt er sich auf die Suche, während Miranda sich dort ständig beobachtet und verfolgt fühlt. Miranda fordert ihn wiederholt auf, sich wegen der ständigen Kopfschmerzen zum Arzt zu begeben. Was Nepo aber nicht tut. Als er nach einigem Herumirren wieder in ihr Behelfszelt kommt, findert er dort seine Freundin erstochen vor. Bei der Beerdigung etwa zwei Wochen später sinniert er, was wäre, wenn...

 

Es folgt auf Seite 93 eine weitere handschriftliche Mitteilung der Autorin, in der sie mitteilt, sie habe hinter einem Bild in der Büsumer Kreisverwaltung Notizen von Miranda gefunden.

 

Und diese erzählen die bekannte Geschichte erneut, aber aus einer anderen Perspektive. Insbesondere die Anreise nach Büsum hat sich lt. Miranda völlig anders abgespielt, abgesehen von der Verspätung auf dem Bahnhof... Man erfährt schließlich noch, was Nepo konkret in Büsum suchte und daß er das Gesuchte sogar gefunden habe. Was vor allem aber anders ist: In Büsum trafen die beiden unerwartet auf Liliana, die in den weiteren Geschehnissen eine bedeutendere Rolle spielt. Und am Ende ist es Nepo, der tot im Zelt liegt. Folglich verläuft auch die Beisetzung etwa zwei Wochen später ganz anders...

 

Auch Miranda sinniert am Ende ihrer Notizen über ein „was wäre wenn" - mit einem markanten Unterschied. Denn während es bei Nepomuk zum Fernsehen heißt „Wenn ich die Fernbedienung gefunden hätte" steht bei Miranda geschrieben: „Wenn die Fernbedienung verschwunden wäre".

 

Kaja Bergmanns Thriller endet mit einer dritten handschriftlichen Notiz, in der sie lakonisch u.a. formuliert hat: „Tja. Und jetzt? Was ist denn nun passiert? Wer lebt noch? Wer nicht? Mich darfst du nicht fragen. Ich kann dir nur sagen, daß ICH noch lebe. Ist auch gut so, denn ab morgen muß ich wieder in den Kindergarten. Mein FSJ dauert schließlich noch ein paar Monate..." (S. 165)

 

Tja, was ist nun wirklich geschehen? Ist eigentlich wirklich etwas geschehen? Oder ist alles nur eine Fiktion in der Fiktion? Geht es vielleicht nur um mögliche Alpträume? Oder ist das ganze nur eine Fingerübung, wie Delirium, Schizophrenie und Paranoia funktionieren könnten? Was ist eigentlich, was uneigentlich? All das bleibt offen, so daß sich jeder Leser selbst eine dritte Lesart zusammenreimen kann, so er mag.

 

Kaja Bergmann hat mit diesem Buch erneut bewiesen, daß sie gut und spannend schreiben kann. Daß sie es vermag, außergewöhnliche Begebenheiten literarisch stimmig zu komponieren, und darin sogar unterschiedliche Sichtweisen unterbringend. Denn absolute Wahrheiten gibt es ja nicht, sondern immer nur subjektive, individuelle. Aber, die junge Autorin sollte sich künftig stilistisch weiter ausprobieren. Denn sonst verläuft sie sich möglicherweise noch in ein Hamsterrad der ewig gleichen Erzählstrukturen und -weisen. Das wäre schade angesichts ihres großen Talentes.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Kaja Bergmann: 30 Sekunden zu spät. Roman. 166 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2016. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-075-4

 



 
02.01.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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