Kann Max den unschuldigen Freund vor der Hinrichtung retten?

WEIMAR. (fgw) Damit der Militärarzt Stefan von Brühl rechtzeitig zur Hochzeit seiner Schwester ankommen kann, tauschen er und sein Freund, der schwerverletzte Rekrut Max Freiherr von Riedenfels, im September 1918 die Urlaubsscheine. Das ist schon angesichts der Endphase des I. Weltkrieges ein sehr riskantes Unterfangen. Doch auch Max gelingt die Fahrt von der italienischen Front in die Heimat, trotz einer bedrohlichen Situation auf dem Bahnhof in Südtirol.


Aber kaum ist Max am Sommer-Wohnort der Brühls angelangt, wird er mit einer schlimmen Nachricht konfrontiert: Der Bräutigam, Edgar Maienbach, ist dort erschossen aufgefunden worden und die Tatwaffe gehört Stefan. Nun wird der Tausch der Urlaubsscheine ein echtes Politikum, denn Max wird schon bald zumindest der Mitwisserschaft verdächtigt. Schließlich hatte er durch diesen leichtsinnigen Gefallen, seinem Freund (unbewußt) ein Alibi verschafft. Max ist aber von Stefans Unschuld überzeugt. Da die Polizei jedoch nur in Stefans Richtung ermittelt, will er seinen zweimonatigen Genesungsurlaub nutzen, um auf eigene Faust den wirklichen Mörder zu finden.

 

Der 19jährige Max ist leidenschaftlicher Leser von Kriminalromanen und von Karl Mays Abenteuerromanen. Und so fühlt er sich (in seinem jugendlichen Leichtsinn) durchaus für kompetent, als Privatdetektiv tätig zu werden.

 

Daneben muß er jedoch noch einem ganz besonderen Auftrag nachkommen. Der Militärarzt Dr. Wegscheid, der ihm bei einer Kontrolle auf dem Bozener Bahnhof behilflich war, hatte ihn gebeten, seiner Verlobten einen Brief zu überbringen. Max, neugierig wie er ist, hatte den Brief geöffnet und las darin sozialdemokratisches Gedankengut. Max sucht also schnurstracks auch diese Verlobte auf: Eveline Kratky, ist 27 Jahre jung, studiert Medizin und arbeitet als Hilfkraft in einem Spital. Der so viel jüngere Max verliebt sich sofort in diese Frau. Es ist seine erste schwärmerische Liebe. Auch wenn ihn Politik nicht interessiert, so läßt er sich doch wegen dieser Verliebtheit von Eveline animieren, sie zu souialdemokratischen Parteiveranstaltungen zu begleiten. Eveline nimmt ihn auch auf Krankenbesuche in Wiener Arbeiterviertel mit. Der Sohn aus höherer adliger Beamtenfamilie ist entsetzt. Denn solch ein Elend hatte er sich trotz Fronterlebnisse und der allgemeinen Versorgungsengpässe nicht vorstellen können.

 

Max erfährt während seiner Recherchen, daß der Ermordete - Sohn einer reichen Fabrikanten-Familie - kein unbeschriebenes Blatt war. Dieser nutzte seine gesellschaftliche Position schamlos aus, um junge Fabrikarbeiterinnen und Haushalthilfen zu verführen. Und zumindest in einem Fall auch zu schwängern. Und eben jene junge Frau kam ebenfalls ums Leben. Könnte deren Familie ein Motiv haben, Rache zu üben? Max geht vielfach ungeschickt vor, wird auf Beobachtungstouren gestellt und selbst für kurze Zeit festgenommen.

 

Max ist aber zumindest soweit Detektiv, daß er sich insbesondere diese Frage stellt: Wer zieht einen Vorteil aus Edgar Maienbachs Tod? Es soll sich schließlich herausstellen, daß diese Frage im Grundsatz zwar richtig ist, aber irgendwie doch falsch gestellt ist...

 

Mitte Oktober kommt es zum Kriegsgerichtsverfahren. Stefan wird schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Max selbst kommt unbeschadet aus dem Prozess, in dem er als Zeuge gehört wird, heraus. Er ist schockiert und jetzt noch mehr motiviert, Stefans Unschuld beweisen zu wollen. Da kommt ihm ein Zufall zur Hilfe. Er erkennt, wer den Mord an Stefans Schwager in spe begangen hat und warum. Und nun stellt er die Grundsatzfrage neu.

 

Er hat aber nur noch 14 Tage Zeit, denn am 1. November muß er wieder an der Front sein. Also stellt er dem Mörder eine Falle. Beide treffen sich in einem Kaffeehaus zu einem „Melange ohne". Der Mörder gibt ihm gegenüber die Tat sogar zu. Der nach wie vor naive Max appelliert an ihn, sich zu stellen und das Leben des Unschuldigen zu retten. Doch Max rechnet nicht mit der Heimtücke und Entschlossenheit des anderen. So gerät er selbst unvermutet in einen Hinterhalt, in höchste Lebensgefahr. Doch Rettung ist rechtzeitig zu Stelle. Die Hinrichtung Stefans kann nach Überführung des Mörders verhindert werden.

 

Und just in diesen Tagen muß die Donau-Monarchie einen Waffenstillstand akzeptieren; Max braucht also nicht mehr an die Front. Und so erlebt er in Wien gemeinsam mit Eveline Kratky die Ausrufung der zunächst sozialdemokratisch gefärbten Republik Deutsch-Österreich mit. Doch nun überkommt ihn eine neue Sorge. Schließlich wird ja bald auch Evelines Verlobter Dr. Wegscheid wieder in Wien eintreffen... Was wird dann aus seiner Liebe zu der jungen Frau?

 

Auch wenn ein Mordfall, die diesbezüglichen polizeilichen und privaten Ermittlungen den Hintergrund für die erzählte Geschichte abgeben, so ist dieser Roman dennoch kein Krimi. In erster Linie hat Ursula Heinrich ein Buch über Freundschaft und Liebe geschrieben. Und dies mit großer Empathie für die Protagonisten; dies aber nicht nur, bloß weil die Zeiten an sich so schlimm waren. Nein, es geht um Bewährungssituationen, in denen sich erweisen muß, ob Gefühle wirklich echt.

 

Und so sind auch die nicht wenigen Nebenfiguren sehr differenziert und glaubhaft angelegt: Maxens und Stefans Familie, die Maienbachs und all ihre jeweiligen Dienstboten, Nachbarn, Beamte, Sozialdemokraten, Arbeiter, je selbst die Leute auf der Straße oder bei Demonstrationen...

 

Ursula Heinrich klammert die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, also die Agonie der Donau-Monarchie in der Endphase nicht aus. Im Gegenteil: Max überkommen immer wieder Erinnerungen an seine Fronterlebnisse, das elendige Dasein der einfachen Landser, ihr sinnloses und grausames Verrecken. So wird er instinktiv zum Pazifisten - auch wenn das nicht explizit zum Ausdruck gebracht wird. Der Roman gewinnt dadurch an Kontur, wird zum Gesellschafts- und Antikriegsroman. Alpträume mit Frontreminiszenzen verbinden sich tagsüber mit Maxens Eindrücken über die Verhältnisse und die Alltagsnot, ja des Hungers, in fast allen Schichten der Wiener Gesellschaft.

 

Was wird die Zukunft bringen - nicht nur für Max, den abgebrochenen Gymnasiasten, und seine erste Liebe? Diese Frage bleibt offen.

 

Um so mehr aber regt Ursula Heinrichs fulminanter Roman zum Nach- und Weiterdenken an. Zumal sich ihr Protaganist noch ganz andere Fragen stellt. Eine wie diese: „So ein Lebensmittel-Boycott als politisches Druckmittel war genau so grausam wie Waffengewalt. Vielleicht noch grausamer, traf er doch viel mehr Menschen. Ganze Familien, so wie Emils. Kinder. Er sah den kleinen Moritz vor sich." (S. 238)

 

Und was seinerzeit gegen das Kaisertum Österreich zur Anwendung kam, um es zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen, das ist seither „ganz normale" Waffengewalt der USA und der NATO gegen unliebsame Staaten/Regierungen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Ursula Heinrich: Melange ohne. Roman. 280 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2320-8

 



 
14.10.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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