Killerfrauen – Wie auch Frauen in Serie morden können

WEIMAR. (fgw) Stephan Harbort, Jg. 1964, ist Kriminalhauptkommissar und als solcher ein namhafter Fachmann, was Serienmorde angeht. Hierzu hat er bereits mehrere Sachbücher veröffentlicht. Heuer ist nun sein Buch „Killerfrauen“ erschienen.


Im Vorwort befaßt Harbort sich mit dem Thema allgemein und leitet von da zum Spezifischen: „Die aktuelle 'Polizeiliche Kriminalstatistik' des Bundeskriminalamtes weist für 'Mord und Totschlag' lediglich zwölf Prozent 'weibliche Tatverdächtige' aus. (...) Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnten hierzulande [gemeint ist damit allein die Bundesrepublik; SRK] mindestens 212 Mordserien aufgeklärt werden, allerdings beträgt der Frauenanteil bei den Verurteilten nur 18 Prozent. (...)

 

Frauen, die in Serie morden, passen nicht in diese Schablonen, weil sie sich von männlichen Tätern beispielsweise durch andere Motivationen und Tatverhaltensweisen gravierend unterscheiden. Einerseits lassen sich die Motive von Serienmörderinnen nicht ohne weiteres herleiten..." (S. 9-10)

 

„...habe ich zu Beginn meiner Untersuchungen vor etwa zwanzig Jahren eine eigene Definition entwickelt und im Laufe der Zeit modifiziert. Demnach liegt ein Serienmord vor, wenn der/die voll oder vermindert schuldfähige Täter/Täterin alleinverantwortlich oder gemeinschaftlich mindestens zwei versuchte bzw. vollendete Tötungsdelikte begeht (...), die jeweils von einem neuen Tatentschluß getragen werden und in keinem inneren Zusammenhang stehen." (S. 11-12)

 

Harbort hat für sein Buch sieben exemplarische Fälle, davon je einen aus Österreich und der Schweiz, herangezogen, die „sämtliche Facetten dieses spektakulären und außergewöhnlichen Deliktbereiches abbilden." (S.12)

 

Dazu hat er intensiv die polizeilichen und gerichtlichen Akten studiert und mit den betreffenden Täterinnen Interviews geführt, letztere meist nur brieflich. Bei seinen Recherchen geht es Harbort insbesondere um diese Fragen:

 

Wie häufig passieren weibliche Serienmorde? Warum morden auch Frauen in Serie? Gibt es in bezug auf Täterinnenprofile eine Art Grundmuster? Ist es möglich, und wenn ja, wie lassen sich Serienmörderinnen typisieren und charakterisieren? Wodurch unterscheiden sie sich von männlichen Tätern? Unter welchen Umständen morden sie und wie gehen sie dabei vor? Gibt es Tatmuster? Wer sind ihre Opfer? Und nicht zuletzt, wie läßt sich dieses Gewaltphänomen erklären?

 

Wenn man die sieben ausgewählten Fälle betrachtet, dann wird deutlich, daß jede Täterin und jede Tat sehr individuell und speziell sind, daß man dies alles „nicht über einen Kamm scheren kann". Das Ergebnis kann sich sehen (lesen) lassen: Harbort vermag nicht nur packendzu erzählen und tiefgründig zu analysieren, was Motive und Hintergründe angeht. Mehr noch gibt er sehr „beklemmende Einblicke in die Abgründe der weiblichen Seele", wie es im zurecht im Klappentext heißt.

 

Der Autor läßt seine Leser teilhaben an den Ergebnissen seiner Recherchen, indem er im Anhang (S. 215-228) ausführliches und aufschlußreiches statistisches Datenmaterial „Kriminologie der Serienmörderin - Bundesrepublik Deutschland 1945 - 2015" zur Verfügung stellt. Wer sich intensiver mit der Thematik Serienmorde, weibliche Serienmorde, beschäftigen möchte, für den hat Harbort eine umfangreiche Literaturliste zur Verfügung gestellt. (S. 229-240)

 

Auf die einzelnen Fälle soll hier aber nicht ausführlich eingegangen werden, diese möge sich jeder selbst erlesen; wobei im Buch alle Namen anonymisiert worden sind.

 

Im ersten Fall, „Die Schmetterlingsfrau", geht es um die Überführung einer äußerst raffinierten Kindesmörderin, die nur durch den Einsatz eines verdeckten Ermittler möglich wurde. Harbort erzählt hier, wie auch später, nicht nur die Geschichte, sondern beendet die einzelnen Kapitel mit soziologischen und psychologischen Betrachtungen. Zu diesem Fall heißt es u.a. „... bedarf es einer vertiefenden Nachbetrachtung aus kriminal-psychologischer Sicht, denn eine Reihe wichtiger Fragen sind [in der Gerichtsverhandlung; SRK] unbeantwortet geblieben: Warum wurde Jennifer Kramer immer wieder schwanger, obwohl sie Kinder grundsätzlich ablehnte und spätestens nach der Tötung [ihres dritten Kindes; SRK] realisiert haben mußte, daß weitere Kinder ihre Lebensqualität abermals negativ beeinträchtigen würden?" (S. 38)

 

„Gefangene Prinzessin" ist der Fall aus Österreich überschrieben, in dem eine Eisverkäuferin systematisch ihre Ex-Männer ermordet hat. Zum Beziehungsverhalten der Täterin schreibt Harbort u.a.: „Auch ihre Erwartungshaltung an den Partner ist maßlos überzogen, märchenhaft unrealistisch. (...) Und weil Maria Morata aufgrund ihrer pathologischen Persönlichkeit und Weltsicht nur sehr bedingt Entscheidungsspielraum wahrnimmt, erscheint ihr die radikale Lösung als die einzig erfolgversprechende. Letzter Ausweg: Mord." (S. 76-77)

 

Den dritten Fall könnte man statt mit „Die Venusfalle" auch mit „Schwarze Witwe" überschreiben. Hier geht es mehrfache Morde aus Habgier, die die Täterin nicht selbst beging, sondern dazu einen von ihr abhängigen geistig minderbemittelten Mann anstiftete. Marianne Wild, eine ehemalige Prostituierte, hatte sich nach dem Ende ihrer Karriere auf ein anderes Geschäftsmodell verlegt: Per Annonce suchte sich sehr viel ältere - und vor allem sehr vermögende - Männer, von denen sie sich heiraten ließ... Kurze Zeit waren diese tot und Maria Wild die Alleinerbin von Immobilien und Bankkonten sowie Empfängerin von „Hinterbliebenen-Renten".

 

Der vierte Fall, „Gemeingefährlich" führt in die Schweiz, wo ein Züricher Parkhaus am 26. Juni 1991 „zum Ort eines mysteriösen, spektakulären Kapitalverbrechens wird, das in der Schweizer Kriminalgeschichte bis zum heutigen Tag einmalig bleiben und die Bevölkerung des Landes viele Jahre in höchstem Maße beunruhigen soll." (S. 100-101) Es geschehen verschiedenste Verbrechen, die zunächst in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen und für die man stets nur Männer als Täter ins Auge faßt. Schließlich kann man der Täterin in der Anklageschrift insgesamt nachweisen: „...mehrfache vorsätzliche Tötung, mehrfach versuchte vorsätzliche Tötung, strafbare Vorbereitungshandlung zu einer Tötung, Dutzende Brandstiftungen [mit Schäden in zweistelliger Millionenhöhe; SRK], aber auch Raub, Gewalt und Drohung gegen Beamte in drei Fällen, Körperverletzung, versuchte Körperverletzung, vollendete und versuchte Diebstähle, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Carla Steiner sprengt alle juristischen Maßstäbe, eine Angeklagte jenseits der Vorstellungskraft..." (S. 120-121)

 

Der fünfte Text, gibt - immer mit Bezug auf Auszüge aus dem Urteil - das Interview Harborts mit einer Krankenschwester wieder, die sich der mehrfachen Tötung ihr anvertrauter Patienten auf der Intensivstation schuldig gemacht hatte. Dieser Fall und insbesondere die Motivationen dieser Frau kann man aber nicht so einfach sehen und verurteilen. Denn hier werden Fragen aufgeworfen, die unsere Gesellschaft, Gesetzgebung und Rechtsprechung insgesamt betreffen. Gemeint ist die aktive Sterbehilfe - im konkreten Fall aber ohne direkte Aufforderung des Patienten zum Tun...

 

Hier sollen deshalb einige doch sehr nachdenklich stimmende Passagen aus dem Interview zitiert werden:

 

„Hatten Sie manchmal das Gefühl, daß [in der Klinik; SRK] eher das Sterben verlängert wurde und nicht das Leben? - Das Sterben wird verlängert, ja. Nicht das leben. - Wann beginnt denn für Sie das Sterben?" (S. 134) „Was ist für Sie würdevolles Sterben? Wie stellen Sie sich diesen Prozess vor? Keine Apparatemedizin mehr?" (S. 147) „Ich habe nicht das Leben verkürzt, ich habe das Sterben verkürzt." (S. 150) „Das Erlösen von Leid hat Sie beruhigt? - Das hat mich beruhigt. Ich habe viele Menschen furchtbar sterben sehen. Vielleicht wollte ich das nicht mehr hinnehmen. Aber ob das jetzt die richtige Methode war?" (S. 153) „Haben Sie in diesen Fällen Sterbehilfe geleistet? - Das, was ich getan habe, war keine Sterbhilfe. Das hätte ich mir schriftlich geben lassen. Ich habe in einen Prozess eingegriffen, ohne dazu berechtigt gewesen zu sein. Ich wünschte, es wäre Sterbehilfe gewesen." (S. 154-155)

 

Der sechste Fall, „Geboren, um zu sterben", zeigt einen weiteren Fall mehrfacher Kindestötung durch die Mutter auf.

 

„Jutta zwei", so hat Harbort den siebenten Fall überschrieben. Was hier so harmlos klingt, das läßt wohl selbst dem hartgesottensten Leser das Blut in den Adern erstarren. Nur so viel: Es geht um die Geschaftsgebaren sowie Gepflogenheiten in einer „Drückerkolonne", die von zwei Frauen geführt wird, um Abhängigkeiten, Gewalt gegen „Loser" und schließlich um gemeinschaftlich und höchst sadistisch ausgeführten Mord.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stephan Harbort: Killerfrauen. 240 S. brosch. Knaur-Verlag. München 2017. 9,99 Euro. ISBN 978-3-426-78866-0

 

 



 
08.03.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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