„Killerkarpfen“ – ein überaus köstlicher Waldviertel-Krimi

WEIMAR. (fgw) Gleich vorweg sei gesagt: Trotz des kategorischen Titels „Killerkarpfen“ handelt es sich bei diesem Krimi aus Österreich und seinem malerischen Waldviertel weder um einen mordenden Fisch noch um einen Fisch als Mordwaffe.


Maria Publig hat mit diesem 442-Seiten-Roman über die Amateurdetektivin wider Willen Walli Winzer erneut ein überaus köstlich zu lesendes Buch vorgelegt. Köstlich zum einen, weil ihr Erzähl- und Schreibstil trotz mörderischem Hintergrund immer wieder zum schmunzelnden, augenzwinkernden Nachdenken anregt. Köstlich zum anderen im wahrsten Sinne des Wortes, weil sich die Autorin an vielen Stellen auch über etliche kulinarische Genüsse ausgiebig ausgelassen hat. Und die Wertung köstlich trifft nicht zuletzt auf die Szenen mit Filou zu, in denen sie feinbeobachtet die Interaktionen zwischen Walli und ihrem Kater richtig bildlich miterlebbar werden läßt. Schließlich ist da noch die Namenswahl... Der Handlungsort heißt Großlichten, einer der Akteure, der Advokat - äh - Rechtsanwalt bekam den Namen Winkelbauer verpaßt... Das einzige, was wirklich stört, ist die modische „politisch korrekte geschlechtgerechte Sprache", wie „Wienerinnen und Wiener", „Urlauberinnen und Urlauber"... Nebenbei gefragt, muß unsereiner künftig etwa „Wiener und Wienerinnen Würstchen" verlangen, um den kleinen Hunger zu stillen?

 

Wenn man nach der Lektüre nochmals alle Kapitel Revue passieren läßt, dann kann mit Fug und Recht eingeschätzt werden, daß Maria Publig mit diesem Waldviertler Krimi nicht zuletzt eine sehr treffende Gesellschaftsbeschreibung des heutigen Österreich vorgelegt hat. Österreich zwischen Globalisierung, für die u.a. ja die Protagonistin, die exzentrische Wiener PR-Lady Walli Winzer steht, und provinzieller Verschlafenheit, also die scheinbar heilige Dorfidylle. Doch hinter solcher Fassade brodelt es mächtig. Übrigens, wenn man sich das Agieren der Walli Winzer, ihren Kleidungsstil, ihren Markenartikel-Fimmel etc. genauer anschaut, wird man unwillkürlich-zwangsläufig an die britische TV-Serie „Agatha Raisin" erinnert.

 

Walli Winzer hat sich nach den aufregenden Erlebnissen im Vorgänger-Roman „Waldviertel-Morde" erst einmal in Schweden erholen müssen. Dort hatte sie sich in einen heißen Urlaubsflirt mit einem Mann, der ihr Sohn sein könnte, gestürzt. Jetzt, wieder zurück in Großlichten, will sie ihr dortiges Domizil, ein früheres Schulhaus, zuende einrichten. Soll heißen, zum Gebäude muß auch noch ein passender Bauerngarten her.

 

Doch bevor eines frühen Morgens der örtliche Gartenbau-Unternehmer Florian Wagner, unterstützt von Romy Steiner, so richtig mit Vorschlägen für die Umgestaltung des verwilderten Gartens loslegen können, macht Kater Filou auf sich aufmerksam und führt Walli und die Gärtner zu einer Vogelscheuche. Dort finden sie daran sitzend und festangebunden einen gewissen Franz Stöger vor. Was keiner damals so richtig zur Kenntnis nimmt: Der Tote ist in Kreuzform „drapiert" worden.

 

Erst am Vortage war Walli Zeugin geworden, wie Franz Stöger im Dorfgasthaus sich mit diversen Gästen angelegt hatte, darunter mit seiner Ex-Freundin und dazu noch mit der militanten Öko-Lesbe Alice Mittner. Stöger war kurz zuvor wegen Renitenz von seinem Arbeitgeber, dem örtlichen Zementwerksbesitzer, entlassen worden. Zugleich hatte Walli mitbekommen, daß es einen Rechtsstreit zwischen diesem Unternehmer und dem Schloßherrn Eduard Waldstetten gibt. Hintergrund ist die Umweltverschmutzung durch das Zementwerk. Der Industrielle wird dabei vom Anwalt Friedrich Winkelbauer vertreten. Waldstetten betreibt eine Karpfenzucht, die aber wegen der Umweltbelastung immer defizitärer wird.

 

Im Dorfe tuschelt man derweil, wer wohl Stögers Mörder sein könnte. Dorfpolizist Chefinspektor Sepp Grubinger muß seine übergeordnete Dienststelle informieren; und die nimmt erst einmal auf spektatuläre Weise eine junge Nachbarin von Walli fest.

 

Walli sieht sich als persönlich Betroffene veranlaßt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Denn sie glaubt nicht an die Schuld der jungen Nachbarin. Zu dem Zweck tut sie sich mit einem ebenfalls in Großlichten lebenden Klatschjournalisten, Harry Kain, zusammen. Und sie reaktiviert auch die im vorigen Fall geknüpften Kontakte zu Grubinger.

 

Doch noch am selben Tag, als Walli von einem Auswärtstermin heimkehrt, muß sie eine weitere grausige Entdeckung machen: Von der Straße aus sichtbar hängt an einem Baum kopfüber aufgeknüpft eine weitere Leiche - ebenfalls in Kreuzesform. Es handelt sich um Alice Mittner.

 

Wer ist der Mörder? Welches ist sein Motiv? Was verbindet beide Opfer, denen übrigens jeweils ein Gänseblümchen ins Knopfloch gesteckt worden war? Die Spekulationen nach dem ersten Mordfall stellen sich wegen des zweiten Mordes als irrig heraus. Aber alle Welt tappt im Dunkeln. Sogar ein aggressiver urlaubender Mountainbiker gerät kurz in Verdacht.

 

Derweil spielt sich ein weiteres Drama ab. Romy Steiner aus der Großstadt, die in Großlichten geboren wurde, ist auf der Suche nach ihrem Vater, ihrem Erzeuger. Ihre Mutter, die sie alleinerziehend großgezogen hatte, offenbarte ihr kurz vor ihrem Tode, daß Romy die Frucht einer Vergewaltigung wäre. Täter sei ein angesehener Großlichtener. Romy sucht, um die Wahrheit heauszufinden, die örtliche und schon uralte Hebamme auf. Letztere wird kurz nach Romys Besuch überfallen und zusammengeschlagen, kann aber überleben.

 

Walli wird ihrerseits immer aktiver in ihren Recherchen, aber nicht fündig. Dennoch findet sie Zeit, sich in eine heiße Affäre mit dem ebenfalls viel jüngeren Gärtner zu stützen - obwohl sie eigentlich doch auf den baldigen Besuch ihres Schweden wartet.

 

Romy sucht zeitgleich Eduard Waldstetten auf, aber vom Grundstück verwiesen. Kurz darauf wird auch der Mann tot aufgefunden. Bei seinem Karpfenteich liegend, ebenfalls in Kreuzesposition gebracht und mit einem Gänseblümchen im Knopfloch. Und jetzt erfährt der Leser, daß Advokat Winkelbauer vor 15 Jahren eine finstere Intrige gesponnen hatte, der seine Tochter Julia zum Opfer fiel. Und damit auch Romy Steiner. Aktuell intrigiert Winkelbauer, um Geschäftspläne von Walli Winzer zu durchkreuzen. Außerdem unternimmt der Advokat alles, um den Verdacht auf Romy zu lenken. Diese aber ist verschwunden. Jedoch nicht geflohen wie vermutet, sondern weil der Mörder sie mit List und Tücke in seine Gewalt bringen konnte.

 

Wer kann dieses Knäuel unterschiedlichster Interessenskonflikte, dunkler Geheimnisse und zwischenmenschlicher Beziehungsprobleme lösen? Ja, es ist nicht das Landeskriminalamt. Es ist ausgerechnet die exzentrische Amateurdetektivin Walli Winzer dank ihres gesunden Menschenverstandes und in Kooperation mit durchaus fähigen Leuten wie Grubinger und Kain.

 

Neben diesem Hauptstrang, also den drei Morden, einem Mordversuch, der schweren Körperverletzung und sogar einer solchen Bedrohung gegenüber Julia Mühlthaler, laufen noch diverse Nebenhandlungen, das ganze dörfliche Leben abdeckend, und es agieren noch eine ganze Reihe weiterer Charaktere. Erst das alles zusammen macht das Bild rund, die Geschichte glaubwürdig.

 

Was dieses Buch aber noch anderweitig besonders interessant und wertvoll macht, das ist die deutliche Kirchenkritik, die man in einem eigentlich ganz konventionellen Krimi nicht vermuten würde. Diese Kirchenkritik ist aber auch dramaturgisch bedingt, weil nur so die Verhältnisse im österreichischen Mikrokosmos „Großlichten" erklärbar werden. Ja, diese Gesellschaftsordnung in der realen Alpenrepublik ist eben durchaus nicht so liberal und demokratisch, wie sie sich in Sonntagsreden von Politik und Medien gibt. Daher sollen hier einige bezeichnende Zitate angefügt werden.

 

Der Rechtsanwalt Friedrich Winkelbauer wird von der Autorin wie folgt charakterisiert: „Recht bestimmte sein Leben. Und Anstand. (...) Gesetze waren ja nicht vornherein da. Sie wurden von Menschen gemacht. Von solchen wie ihm, mit einem verliehenen, weltlich-göttlichen Funken. (...)

Sprachrohr Gottes zu sein, war seine Mission. Er war Kirchgemeinderatsvorsitzender. (...) Er hatte nicht nur etwas für die Welt der Mächtigen übrig, in der er mitspielte, sondern auch für jene der Armen und der Schwachen. Aber nur dann, wenn sie seine moralischen Werte teilten oder zu übernehmen bereit waren. Andernfalls konnte er erbarmungslos sein, schmunzelte er selbstgewiß in sich hinein." (S. 78-79)

 

Dies wird unterstrichen durch Überlegungen, die sie seinen Schwiegersohn und Sozius anstellen läßt: „Alexander Mühlthaler schloß daraus, daß sein Chef keinem vertraute. Auch ihm nicht. Nur sich selbst. Er hielt sich höchstwahrscheinlich für den Stellvertreter Gottes auf erden. Den mahnenden Gott. Einen Gott, der dafür sorgte, daß die Zehn Gebote eingehalten würden und die Menschen den regelmäßigen Verlockungen widerstanden. Gelang das nicht, sorgte er aufgrund seines Plädoyers dafür, welches Strafmaß sein Mandant oder seine Mandantin vor Gericht ausfaßte." (S. 81)

 

Winkelbauers Tochter sieht ihren Vater jedoch gänzlich anders und schleudert ihm diese Worte ins Gesicht ins Gesicht: „Immer deine Vorhaltungen. Das höre ich nun schon mein ganzes Leben lang. Alles dreht sich immer nur um dich und deine Moral. Ist es wirklich moralisch, jemanden um sein Glück zu bringen? Menschen ihre Liebe zu untersagen, die Verantwortung füreinander übernehmen wollen? Wegen Kirchengesetzen, die weder Gott noch Jesus je so geschrieben haben und auch nie so gewollt hätten? Sondern Männer, die vor langer Zeit ein klerikales System erschufen, das Frauen bis heute in die zweite Reihe verbannt? Und homosexuelle Menschen diskriminiert. Ist das Nächstenliebe, frage ich dich? Findest du das als Anwalt, der für Gerechtigkeit stehen sollte, gerecht?" (S. 360)

 

Dagegen ist Winkelbauers Adlatus Patrick Burger voller Euphorie für seinen Chef: „Er beschützte ihn. Wie der liebe Gott. Bei ihm war er überzeugt, daß er für die Menschen da war. Vor allem für die Anständigen. Die sich an die Gebote Gottes hielten und dabei der Kirche treu verbunden waren. So wie Patrick auch. Mit den schwarzen Schafen der Justiz verdiente Winkelbauer als Anwalt zwar sein Geld, aber er wußte, daß das nicht für alle Fälle gottgewollt war. Gottgewollt war nur sein Talent, Menschen den Weg aus der Gesetzeshölle zu weisen. Gott gab ihm die Eingebung, welche es wert waren, ungeschoren wieder aus ihrer Misere herausgeholt zu werden. Er, Winkelbauer, fand den geeignetesten Weg dazu und verdiente damit Geld. Sehr viel Geld.

Das war auch gottgewollt." (S. 139)

 

Wie es einige der Akteure mit der Kirche halten, auch das deutet Maria Publig dezent, aber deutlich an. So wenn sie zu Chefinspektor Sepp Grubinger schreibt: „Jetzt ging er allerdings kaum mehr in die Kirche. Und wenn, dann nur zu Ostern oder zu Weihnachten, zu den wichtigen Feiertagen eben. Das machte er seiner Frau, der Resi, zuliebe. (...)

Denn diese Dogmen und was sonst so mit der Amtskirche zu tun hatte, was der Winkelbauer als Vorsitzender des Kirchgemeinderats immer einforderte, das interessierte auch seine Resi nicht. Und die Lena ja schon gar nicht." (S. 119)

 

Walli Winzer läßt die Autorin so sinnieren: „Seinen Schmerz in sich zu vergraben und so zu tun, als wäre die Tote nur eine enge Freundin gewesen. Und das deshalb, weil die Umgebung nichts davon wissen durfte. Und nichts wollte von einer lesbischen Liebe im Dorf.

Eine christliche Dorfgemeinschaft!

Weil man die Beziehung jahrelang vor der sogenannten Gemeinschaft geheim halten mußte, um nicht noch mehr von ihr ausgeschlossen zu werden. Denn als Sonderlinge galten zwei Frauen, die zusammenwohnten, immer. (...)

Alles auf die Kirchen zu schieben, wäre falsch, war sich Walli sicher. Wie sie auch in Großlichten beobachtete, gingen ja immer weniger Menschen am Sonntag in die Kirche.

Aber warum war Homosexualität in Österreich so sicher mit Ausgrenzung verbunden, wie das Amen den Gebet folgte?" (S. 125-126)

 

Und weiter bei einem sonntäglichen Kirchbesuch beim Beobachten eines Gespräches Winkelbauers mit Waldstetten heißt es zu Walli Winzer: „Normalerweise setzte sie sich immer zielstrebig in die erste Reihe, doch in der Kirche wollte sie es nicht übertreiben. Sie war zwar stets überwältigt von den historischen Kunstschätzen, die so ein Gotteshaus bot. Doch für Heuchelei hatte sie wenig übrig.

Hineingehen - Bußablaß - hinausgehen.

Sie dachte: es war schon gut, wenn man sein Gewissen erleichterte. Nur manche nahmen das bloß zum Anlaß, vor aller Augen mit Gottes Segen so weiterzumachen wie vorher. Von Nächstenliebe war da wenig zu spüren. Und wenn man in Richtung Sakristei schaute, nervten sie bereits einige der Wortfetzen. Die beiden hatten sich immerhin erdreistet, im Türrahmen zu stehen und sowohl vor Gott als auch vor den Besucherinnen und Besuchern ihre ganz und gar weltliche Habgier auszutragen." (S. 145)

 

Schließlich läßt die Autorin auch noch den Mörder selbst zu Wort kommen:

 

„Du trägst ein Kreuz in deinem Leben, Romy. Ich werde dich davon befreien. Gott hat mich dazu auserwählt, Menschen, die nicht hierherpassen, die seine Gesetze nicht beachten, ihm wieder zu seiner eigenen Gerichtsbarkeit zurückzubringen. Ich werde beten und alles für dich tun, damit du nach deiner Läuterung vielleicht noch himmlischen Frieden findest, daher auch das Holzkreuz, auf dem du liegst. Ich werde es nach deinem Tod an der Wand aufstellen. Mit dir. Dann wirst auch du, wie einst der Herr, Gott, der unser aller Vater ist, näher sein. (...) Ja, der Stöger Franz, die Mittner Alice und der Waldstetten. Alle drei. Gott hat es mir aufgetragen..." (S. 413) - Ein Kommentar ist hier überflüssig.

 

Alles in allem ist dieser voluminöse Krimi einfach nur gut und überaus empfehlenswert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Maria Publig: Killerkarpfen. Waldviertel-Krimi. 442 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2411-3

 



 
22.04.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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