KOK Anna Benz ermittelt und „erleidet“ ihren dritten Fall

WEIMAR. (fgw) Aller guten Dinge sind drei, heißt es. Und das trifft leider, leider auch auf die Krimi-Reihe von Silvia Stolzenburg um die Stuttgarter Oberkommissarin (KOK) Anna Benz zu. Obwohl man nun schon wieder Abschied nehmen muß von einer an Herz gewachsenen Protagonistin, so tröstet dieser fulminant gestaltete letzte Band dieser Trilogie doch ein wenig über den Abschiedsschmerz hinweg. Denn eine dramaturgische Steigerung wäre aus heutiger Sicht auch wohl kaum vorstellbar. Aber, man soll ja niemals „nie“ sagen. Vielleicht gibt es in einigen Jahren doch noch Fortsetzungen... Diese Hoffnung zumindest bleibt.


Doch nun zum Buch mit dem Titel „Tödliche Verdächtigungen" selbst. Wie immer sind Stuttgart und seine Umgebung Schauplatz für die diversen Tatorte des Ermittlerduos Anna Benz und Markus Hauer. Und wie bislang, vollzieht sich das Geschehen innerhalb nur weniger Tage. Hier in einer knappen Woche, zwischen dem 7. und 15. November des Jahres 2015:

 

Mitten in der Nacht klingelt Annas Telefon. Am Apparat ist der Maler Roland Kirchberger, Annas „Erzeuger". Der Vater, den sie erst vor kurzem kennengelernt hatte. Kirchberger klingt verwirrt, er spricht von einer Toten in seinem Atelier. Die Tote wäre seine Galerie-Assistentin Marilene... Anna glaubt zunächst an eine psychotische Störung, denn ihr Vater ist in Behandlung und auf regelmäßige Tabletteneinnahme angewiesen. Trotz alledem, Anna eilt zur Villa ihres Vaters. Und was sie dort erblickt, das läßt sie schaudern. Denn dort liegt tatsächlich Marilene tot in ihrem Blut und an der Wand über ihr prangt das aktuelle Bild Kirchbergers, vollendet mit dem Blut der Toten.

 

Anna informiert sofort ihre Dienststelle, schärft aber ihrem Vater ein, nichts über ihre Verwandtschaft verlauten zu lassen.

 

Schon ihr erster Blick, dann auch sämtliche gesicherten Spuren sprechen gegen Kirchberger. Anna ist verzweifelt. Sollte ihr Vater tatsächlich im Schaffenswahn alle Grenzen übertreten haben? Aber ihr Bauchgefühl sagt trotz alledem anderes.

 

Etwas später formuliert ihr innerer Spürsinn: „Wer tat jemandem wie Roland und Marilene so etwas an? Was war das Motiv? Wer profitierte von Marilenes Tod und davon, daß Roland ins Gefängnis mußte? War das geplant? (...) Je mehr sie die Fakten drehte und wendete, desto weniger Sinn schienen sie zu ergeben." (S. 95)

 

Als Ermittler und Spurensicherer später auch die Wohnung der Ermordeten durchsuchen, stoßen sie dort auf mehr als ein Dutzend Kirchberger-Gemälde. Und das obwohl diese lt. Galerielisten für einen Millionenbetrag an einen gewissen Dorian Gray verkauft worden waren... Ein neues Mordmotiv? Aber wieder eines, das gegen Kirchberger spricht.

 

Unterdessen wird Anna bei ihrem Chef denunziert; ein anonymer Anrufer wies auf das enge Verwandtschaftsverhältnis zwischen Hauptverdächtigem und Hauptermittlerin. Da bekommt Anna wegen des verschwiegenen Umstandes nicht nur ein Donnerwetter zu hören, sondern folgerichtig wird sie auch von dem Fall entbunden. Ihr Kollege Markus ermittelt nun alleine. Aber Anna weigert sich jedoch, nur abzuwarten. Sie folgt ihrem Bauchgefühl und ermittelt parallel zu ihren Kollegen. Doch nach wie vor spricht fast alles gegen Kirchberger, der inzwischen in Untersuchungshaft nach Stammheim gekommen ist.

 

Die Schilderungen von den Regularien in der Anstalt und den Verhältnissen zwischen den Insassen lassen m.E. nach mehr schaudern als die blutige Tat selbst... An anderer Stelle läßt die Autorin (auch auf solche Situationen zutreffend) ihre Heldin dieses offenbaren: „Sie wußte nur zu gut, wie es war, wenn man alleine war mit seinen Ängsten." (S. 140)

 

Trotz aller scheinbar eindeutigen Indizien gegen Kirchberger gelangt Anna mit ihrem wachen Verstand und ihrem analytischen Denkvermögen auf die richtige Spur namens „Sami". Sami, so stellt sich heraus, war der bizarre Freund der Toten Doch damit werden die Umstände noch ominöser. Welche Motive lagen dem Mord im Hause des Malers wirklich zugrunde? Wahn kommt ja nicht mehr in Frage, Erregung wegen der unsauberen Geschäfte der Assistentin scheidet auch bald aus. In den Mittelpunkt treten wegen Sami nun die Motive Rauschgifthandel, Prostitution und Mädchenhandel und Geldwäsche mittels fingierter Kunstkäufe und -verkäufe. Anna kann sogar, begleitet von ihrem Lebensgefährten Jens, Samis Versteck ausfindig machen und dort auch dessen Geschäftspartner sehen.

 

Anna tauscht sich nach wie vor regelmäßig mit Markus aus, so daß die parallelen Ermittlungen gut vorankommen. Inzwischen haben sogar die kriminaltechnischen Untersuchungen ergeben, daß Kirchberger unschuldig ist. Doch gerade da kommt es in Stammheim zu einem Anschlag auf ihn. Kirchberger überlebt zwar, doch kaum hat Anna ihn abgeholt, werden beide von Sami entführt. Für Anna und ihren Vater beginnt ein mordsgefährlicher Alptraum in wachem Zustand. Vor allem darf Sami nichts von Annas Beruf und dem Vater-Tochter-Verhältnis erfahren...

 

Doch... es war Anna gelungen, noch während der Entführung eine Botschaft für die Polizei zu hinterlassen. Annas Kollegen fahnden nun mit aller Kraft nicht nur nach Sami, sondern nach dessen Versteck. Diesen zu ermitteln, erweist sich aber nicht als einfach. Und... was es hat es mit dem städtischen Wertstoffhof auf sich, der kurz auch ins Blickfeld gerät? Doch nun wird es kreuzgefährlich, denn der „weidwunde" Sami ist zu allem entschlossen.

 

Und erst ganz zum Schluß erfährt der Leser das wahre Motiv für den Mord, wer Samis Hintermänner sind und worin ihr Geschäft besteht. Ja, es geht auch um Geldwäsche... Aber das „Geschäftsmodell" ist noch profitabler und raffinierter sowie tödlicher als Drogen und Prostitution...

 

Ja, es ist ein fulminantes Finale, nicht nur dieses Falles, sondern eines der gesamten Trilogie. Und da es auch ein sehr persönlicher Fall für Anna ist, wird der Leser sehr emotional angesprochen. Man kann das regelwidrige Ermitteln auf eigene Faust verstehen und nachvollziehen. Vor allem bleibt die Erzählerin aber auch hier realitätsbezogen, so daß dieser Teil der Handlung nicht aufgesetzt wirkt. Daß sich die Spannung immer wieder aufs Neue aufbaut, braucht wohl nicht extra erwähnt werden.

 

Wie bei den ersten beiden Bänden vermittelt Silvia Stolzenburg sehr anschaulich und realitätsnah Einblicke in tatsächliche Ermittlungs- und Tatortarbeit; das gilt ebenso für die Zugriffsarbeit des Mobilen Einsatzkommandos. Realität und Fiktion (dazu: nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint) gekonnt und lesenswert verbinden zu können, das ist eben eine besondere Stärke der Autorin.

 

Danke, Silvia Stolzenburg, für diesen erneuten, spannungsgeladenen Lesegenuß!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Tödliche Verdächtigungen. Kriminalroman. 258 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2016. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-069-3

 

 



 
20.11.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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