Krimi „Frostmond“: Die sozialen Zustände bleiben aber wie sind

WEIMAR. (fgw) Pendragon-Verleger Günther Butkus hat wieder einmal sein (sehr) glückliches Händchen bewiesen, als er sich zur Herausgabe des Debüt-Romans „Frostmond“ von Frauke Buchholz entschied. Denn dieses Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Krimi der Extraklasse. Stehen doch hier nicht – wie meist üblich hierzulande – die Taten und die Ermittlungen im Mittelpunkt, sondern die Hintergründe, die sozialen Verhältnisse im angeblich so progressiven, so liberalen Kanada unserer Tage.


Montreal an einem Oktobertag. Die Sommersaison ist beendet und ein Jobber macht die Strandbar am Sankt-Lorenz-Strom winterfest. Da macht er eine grausige Entdeckung: Am Ufer hat sich die Leiche eines jungen Mädchens verfangen. Eine aufgedunsene Leiche, der die Augen fehlen. Und bei der Toten muß es sich um eine Ureinwohnerin, eine Indianerin, handeln.

 

Dieser Leichenfund in der Hauptstadt der franko-kanadischen Provinz Quebec ist der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt und die Öffentlichkeit alarmiert. Denn seit fünf Jahren sind entlang der 4.500 km langen transkanadischen Autobahn 19 Frauen, davon 18 Indigene, spurlos verschwunden. Man ging bei allen Fällen von Morden aus; aber kein einziger Fall ist je aufgeklärt worden.

 

Mit den Ermittlungen in diesem Fall wird Jean-Baptiste LeRoux beauftragt. LeRoux ist nicht gerade der hellste Kopf und vor allem damit beschäftigt, „fremdzugehen". Wegen der transkanadischen Dimension wird noch als Profiler der Anglo-Kanadier Ted Garner aus der Provinz Saskatchewan hinzugezogen. Der wiederum ist ein Rassist, wie er im Buche steht. Sein Rassismus bezieht sich sogar auf die Franko-Kanadier. Allerdings hat er seinen Schopenhauer gelesen und kann über diesen klassischen deutschen Philosophen hervorragend parlieren.

 

Durch einen glücklichen Zufall kann die Identität der aufgefundenen Leiche festgestellt werden. Es handelt sich um die 15jährige Cree-Indianerin Jeanette Maskisin. Warum und wie ist diese aus dem weitentfernten Reservat nach Montreal gekommen? LeRoux und Garner müssen deshalb in den unwirtlichen Norden Quebecs fliegen. Dort werden sie mit der harten Realität in den Reservaten konfrontiert. Die christlich-weißen Landnehmer haben die Ureinwohner dorthin vertrieben, wo jene seit Jahrhunderten nur noch vegetieren. Perspektivlos wie sie sind, sind viele dem Alkohol und den Drogen verfallen.

 

Sie stoßen bei ihren Ermittlungen auch auf Jeanettes Cousin Leon Maskiwin. Der will nach dem Vorbild seines Großvaters leben - also selbstbestimmt als Fallensteller in der Natur. Aber wie alle Indigenen gibt sich Leon den weißen Polizisten gegenüber verschlossen. Bekannt ist nur, daß seine Cousine vor der Reise nach Montreal bei ihm war. Verdächtig benimmt sich hier auch ein (weißer) Lehrer der Reservatsschule.

 

Da wird eine neue Leiche gefunden. LeRoux und Garner müssen also zurückkehren. Der öffentliche Druck auf die Polizei verstärkt sich; ein Täter muß her. LeRoux' Vorgesetzter versteift sich unbegreiflicherweise auf Leon als möglichem Täter und schreibt diesen zur Fahndung aus. Doch die beiden Ermittler, wie auch die Reservatsbehörden, scheren sich nicht um diese Weisung.

 

Stattdessen verfolgen LeRoux und Garner nun eine andere Spur. Die aber wird ihnen von der Obrigkeit dezidiert verboten. Dennoch machen die beiden weiter und können tatsächlich einen Mörder überführen, der allerdings nur für vier Taten verantwortlich ist. Mit Jeanettes Tod hat er nichts zu tun. Bei der Festnahme dieses Mörders, eines (weißen) Kriegshelden, kommt der ums Leben und auch Garner wird dabei schwer verletzt.

 

Für die Obrigkeit ist damit die Sache abgeschlossen. Nicht aber für Leon, der sich auf den Weg nach Montreal macht, um den Mörder seiner Schwester ausfindig zu machen. Und um diesen zur Verantwortung zu ziehen. Es gelingt Leon sogar, bis zur letzten Lebensstation seiner Cousine vorzudringen. Dieses doch naive Mädchen war in Montreal in die Fänge eines Bordellbesitzers gelangt, der gerade blutjunge indigene Frauen für besonders perverse Gelüste seiner Oberschicht-Kunden anbot. Indem er sie unter Drogen setzte. Jeanett war aber schwanger geworden und damit nicht mehr von Nutzen...

 

Doch die Handlanger des Bordellbesitzers können Leon stellen und zusammenschlagen. Der überlebt aber und bittet LeRoux um Hilfe. Doch dieser ist mit sich selbst beschäftigt. Leon findet dann den Weg zu Garner, der aber mehr als geschwächt immer noch im Spital liegt. Leon kann Garner jedoch überzeugen. Und so entsteht ein Plan, wie man des Bordellbesitzers habhaft werden könnte. Doch Leon vertraut der kanadischen Justiz nicht und will das Problem auf seine Weise lösen. Der Bordellbesitzer wiederum ist gewappnet und will Leon übertölpeln. Zuguterletzt kann Leon aber alle Beteiligten an der Ermordung seiner Cousine töten. Wie aber zieht sich nun Garner aus dieser Affäre? Denn immerhin hat er ja nun Beihilfe zur Selbstjustiz geleistet... Und was ist mit LeRoux? Und nicht zuletzt: Kann Leon wieder bzw. weiterhin in Frieden leben? Nur soviel sei gesagt: Die Obrigkeit legt die Serienmorde und auch die letzten Tötungen ad acta.

 

Ja, allein schon die Erzählung dieses Kriminalfalles hätte dieses Buch bereits aus der Masse der Krimis herausgehoben. Wie auch die sprachgewaltige Erzählweise, die auch meisterhaft mit Rückblicken eines Ich-Erzählers arbeitet. Also Leons. Während die eigentlichen Kapitel primär aus der Sicht von LeRoux bzw. Garners geschrieben sind. Aber da ist noch mehr: Wie schon oben gesagt, werden hier schonungslos die sozialen Verhältnisse in Kanada offengelegt. Verhältnisse, die einerseits solche menschenverachtenden Verbrechen begünstigen und andererseits für die elendigen Lebensbedingungen der indigenen Völker verantwortlich sind. Frauke Buchholz hat selbst einige Zeit in einem Cree-Reservat gelebt und kann daher aus eigener Anschauung schreiben und werten.

 

Besonders lobenswert ist es, daß Frauke Buchholz die doch so unterschiedlichen Kulturen der christlich-weißen Landnehmer und der indigenen Völker gegenüberstellt. So wenn Garner mit der Frau von LeRoux über Schopenhauer diskutiert. Oder wenn Leon die Mythen seines Volkes lebendig werden läßt. Allein das spricht schon für doch so unterschiedlichen Geistes- und Gefühlswelten von Menschen und Kulturen. Und all das kommt auch noch sehr authentisch 'rüber.

 

Frauke Buchholz vermag es außerdem, sehr einfühlsam Charaktere, Milieus und Handlungen zu beschreiben. Und bei aller Sympathie für die Ureinwohner Nordamerikas idealisiert sie diese Menschen nicht. Nicht zuletzt bekommt hier auch jede einzelne indigene Figur ein eigenes Gesicht! Lobenswert ist unbedingt noch das angefügte Glossar, in dem knapp, aber präzise über den Umgang der Europäer mit den Ureinwohnern berichtet wird. Als Stichworte mögen hier genügen „Highway of Tears" und mehr noch „Residential Schools". Im Text selbst wird dies auch angesprochen, siehe Seiten 49, 98, 124, 191, 230-231.

 

Besonders eindringlich kommt das bei einem Nachdenken Leons zum Ausdruck: „Ich haßte ihre Überheblichkeit. Mein Großvater hatte eine Residential School besucht. Er war dreimal davongerannt, und die Jesuiten hatten ihn halb totgeprügelt. Indianische Kinder und Jugendliche, die in Internaten oder weißen Pflegefamilien aufwuchsen, waren wie Pflanzen, deren Wurzeln verdorrten. Hätten die Weißen nicht unser Land und unsere Kinder gestohlen und unsere Traditionen unterdrückt, wären unsere Familien lebendig und stark." (S. 220)

 

Das mußte unbedingt gesagt werden, denn dieses Buch beschäftigt sich ja in erster Linie mit den sozialen Verhältnissen in Kanada - eben illustriert anhand einer fesselnden Kriminalgeschichte. Trotz aller für manche Leser wohl ungewohnten Sozialkritik ist dieses Buch überaus spannend geschrieben. Auch wenn in dieser Geschichte einige der ungeklärten Falle gelöst werden konnten, so wie es eben in der Realität normal ist, so bleiben doch die sozialen Zustände wie sie sind. Nach wie vor sind die Indigenen in Reservaten zusammengepfercht. Nach wie vor florieren Bordelle für gut zahlende Kunden mit Extra-Wünschen. Und nicht zuletzt zeigen die christlich-weißen kanadischen Machthaber anklägerisch auf angebliche Menschenrechtsverletzungen in - den USA unbotmäßigen - Ländern der sogenannten Dritten Welt. So kann man eben gut von sich ablenken.

 

Dieser doch sehr zum Nach- und Weiterdenken anregende und überaus lobenswerte Kriminalroman möge eine hoffentlich breite Leserschaft finden.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Frauke Buchholz: Frostmond. Kriminalroman. 288 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2021. 18,00 Euro. ISBN 978-3-86532-723-9

 

 



 
25.03.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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