Kriminalistische Bewährungsprobe im eisigen November '49

WEIMAR. (fgw) Der Jurist und Personalleiter Gerald Orthen hat jetzt im Gmeiner-Verlag seinen ersten Kriminalroman, „Trümmerschatten“, veröffentlicht. Dieses Buch ist eigentlich weniger ein Krimi, sondern eher ein zeithistorischer und dazu sehr zeitkritischer Roman. Das allerdings anhand eines überaus komplexen Kriminalfalles. Die Morde im November 1949 – in der gerade erst gegründeten Bundesrepublik – gründen sie doch auf Untaten während der Nazizeit. Auch wenn das zunächst gar nicht ins Blickfeld der Ermittler tritt.


Ja, man liest mit wachsender Spannung, wie sich unter widrigsten äußeren Umständen die Ermittlungen gestalten. Ja, man fiebert mit dem jungen Helden, dem Kommissar-Anwärter Eugen Kranzel, mit. Doch die Beschreibung der Verhältnisse und der Zustände, nicht nur rund um Bonn, dürften sicherlich noch mehr fesseln. Einerseits waren die Zeiten, wertneutral gesagt, in jeder Hinsicht schwierig. Andererseits aber gab es eben keine Stunde „Null" mit jungfräulich neuen Menschen. Nein, die gesellschaftlichen und Eigentums-Strukturen aus der Nazi-Zeit - und der Zeit davor - hatten sich auch unter Besatzungsherrschaft erhalten. Auch wenn es nun keiner gewesen sein wollte, der sich vor 1945 etwas hatte zuschulden kommen lassen hatte. Die hohen Bonzen waren zwar weg, doch die unteren waren geblieben, hatten nur ihr Mäntelchen mehr oder weniger heuchlerisch gewendet. Nicht wenige stramme Nazis waren nun plötzlich ganz parteilich christ-katholisch...

 

Genug der Vorrede. Worum geht es konkret in Orthens Roman?

 

Der übermüdete Kranzel hat nächtliche Rufbereitschaft im Bonner Polizeipräsidium und noch während er über die ausgebliebene Beförderung zum Inspektor sinniert, erreicht ihn ein Telefonanruf. Aus einem Dorf bei Siegburg meldet ein alter Hauptwachtmeister einen Todesfall. Der dortige Dorflehrer sei erschlagen aufgefunden worden.

 

Es kommt wie es kommen muß. Kranzels Vorgesetzter und Ausbilder, der Kommissar Manfred Bräuer, ist nicht zu erreichen. Und so macht sich Kranzel allein auf den Weg in das Dorf. Was seinerzeit gar nicht so einfach ist. An einen Dienstwagen ist nicht zu denken. Also bleibt nur die Eisenbahn. Aber nicht nur wegen des frühen Kälteeinbruchs fahren die Züge nur unregelmäßig und sind dazu noch überfüllt. Im Dorf angekommen, muß Kranzel jedoch zur Kenntnis nehmen, daß der Tote bereits in die Gerichtsmedizin überstellt worden ist. Eine echte Tatortbesichtigung ist daher nicht möglich.

 

Nicht nur vom Dorfpolizisten, auch durch erste Befragungen der Dörfler, wird ihm suggeriert, daß der Lehrer von einem Landstreicher erschlagen worden wäre. Der habe zum Unwillen in des Lehrers Scheune übernachtet.

 

Über den Lehrer ist zu erfahren, daß er Teilnehmer des I. Weltkrieges gewesen sei und vor allem, daß er antiklerikal eingestellt war. So habe er offen gegen die Regierungspläne, alle Schulen als christliche Bekenntnisschulen zu etablieren, opponiert. Was in der katholisch geprägten Gegend nicht gut angekommen sei. Er sei außerdem einerseits ein Prügel-Pauker gewesen, andererseits aber habe er nichts gegen erste Jugendlieben unter seinen Schülern gehabt.

 

Kranzel muß nun unentwegt zwischen Bonn und dem Dorf hin- und herreisen. Und stets mit der Bahn. Nicht zu vergessen in der Tasche auch die Lebensmittelmarken für die Verpflegung vor Ort. Obwohl noch Anfänger läßt der Kommissar-Anwärter sich nicht an der Nase herumführen. Die ihm suggerierte These vom Obdachlosen als Mörder verwirft er bald. In seinen Blickwinkel geraten stattdessen immer mehr etliche Väter von Schülerinnen der 8. Klasse, die etwas gegen des Lehrers liberale Einstellung hatten. Inzwischen ist auch Kommissar Bräuer im Dorf eingetroffen und nun wird gemeinsam ermittelt. Zunächst nicht harmonisch, dann doch gemeinsam. Wobei der Verdächtigenkreis jetzt noch größer wird. Nun deutet sogar alles auf den Lehrer-Sohn als Täter hin. Was aber von größerer Bedeutung wird: Im Lehrer-Arbeitszimmer findet Kranzel einen Zettel mit etlichen Zahlen, die zunächst keinen Sinn ergeben.

 

Auch wenn die Ermittlungen nichts Fallrelevantes zutage bringen, so hellen sie doch die gesellschaftlichen Verhältnisse im Dorfe auf. Wer das Sagen hat, also das große Geld. Und wer mit wem wie verbandelt war bzw. ist. Nur wenige Menschen äußern sich offen gegenüber den Fremden.

 

Welche Rolle spielen der Dorfbürgermeister, der gerne Landrat werden möchte, und ein Großbauer, der zugleich unternehmerisch tätig ist? Und was hat es mit dem leitenden Gemeindebeamten Worms auf sich? Der ja schon vor 1945 dort in gleichem Amt tätig war?

 

Während Kranzel und Bräuer sich langsam näher kommen und sich genauer in der Gemeindeverwaltung umhören wollen, wird ausgerechnet nun der bewußte Beamte tot aufgefunden. Alles deutet auf einen nächtlichen Unfall, bedingt durchs Glatteis, hin. Kranzel will jedoch nicht an einen Unfall glauben. Durch leise Andeutungen von zwei Frauen aus dem dörflichen Café kommt Kranzel jetzt langsam der Wahrheit näher. Schließlich kann er sich aus dem Zettel mit den Zahlen einen Reim machen. Alles deutet auf Ereignisse im Jahre 1944 hin. Ereignisse, die mit Grundstücken zu tun haben. Und auf die der Lehrer sich einen Reim machen konnte.

 

Kranzel begeht nun einen großen Fehler, als sich abends bei Glatteis und Schneetreiben ganz allein auf den Weg zu seinem mittlerweile Hauptverdächtigen macht. Was ihn das Leben kosten kann. Zu seinem Glück wird er aber rechtzeitig von einem Dorfjungen gefunden und so vor dem Erfrieren bewahrt. Jetzt endlich liegt vor den beiden Kriminalisten alles klar auf der Hand. Doch wie das gerichtsfest beweisen?

 

Es soll auch erwähnt werden, daß Kranzel mit seinen zunächst nur vagen Vermutungen ins Schwarze getroffen hat. Die Dorfhonoratioren lassen ihre Verbindungenen spielen. So daß die Bonner Polizeigrößen ihm - und auch Bräuer - die Hölle heiß machen. Was letztlich seine Karriere beenden könnte, bevor sie begonnen hat. Wie Kranzel das trotz allem neutralisieren kann, ist ein guter, weiterer Erzählstrang. Naja, Kranzel muß sich ja bewähren. Aber eben nicht nur als blutjunger Ermittler, sondern auch als Mensch - und Kollege - mit seinerzeit seltener Zivilcourage.

 

Übrigens, Kranzel ist frisch verliebt. Auch diese Beziehung wird in dieser Novemberwoche auf die Probe gestellt - durch Verständigungsprobleme und Mißverständnisse. Die modernen Kommunikationsmittel waren noch nicht erfunden und selbst das altmodische Telefon war nur in den seltensten Fällen greifbar. Diese Liebesbeziehung hat nicht zuletzt sogar mit den seinerzeitigen (Besatzungs-)Verhältnissen zu tun. Denn Lucy ist eine Schwarze! Zwar bei den Besatzungsbehörden tätig, aber dort - bei den Demokratiebringern! - dennoch nur Mensch zweiter Klasse. Wie ganz selbstverständlich wird sie von einem (natürlich weißen) Offizier aus einem Restaurant hinausgeworfen. Es ist Orthen hoch anzurechnen, daß er nicht nur die fortwährende Dominanz nazistischer Kräfte in Wirtschaft und Verwaltung thematisiert, sondern auch solch rassistisches Verhalten seitens der westlichen Besatzer deutlich anspricht.

 

Alles in allem hat Gerald Orthen einen Debütroman vorgelegt, der nicht nur spannend und zugleich zeitkritisch zu lesen ist. Er kündet nicht zuletzt vom schriftstellerischen Potential, das in Orthen steckt. Und so wünscht man sich schon baldige Fortsetzungen. Die sogenannten Wirtschaftswunderzeit begünstigte schließlich auch große und kleine Verbrechen... Welchen Weg also wird Kranzel nehmen?

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gerald Orthen: Trümmerschatten. Kriminalroman. 314 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2767-1

 

 



 
10.11.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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