Kronsnest: Die Zeiten waren seinerzeit alles andere als idyllisch

WEIMAR. (fgw) Dithmarschen in Schleswig-Holstein am Ende der 1920er Jahre; konkret das Dörfchen mit dem idyllischen Namen Kronsnest, gelegen zwischen Elmshorn und der Elbe: In diese Gegend und diese Zeit führt der Debüt-Roman „Kronsnest“ von Florian Knöppler. Dieses Dorf gibt es tatsächlich, die Romanhandlung aber ist fiktiv.


Florian Knöpplers Roman handelt von keinen sogenannten Haupt- und Staatsaktionen, von keinem wichtigen historischen Ereignis, auch von keinem aufsehenerregenden Kriminalfall. Nein, Knöppler erzählt „nur" vom ganz banalen Alltagsleben einfacher Leute vom Lande. Er erzählt dies aus der Sicht des Kleinbauernsohnes Hannes, für den der elterliche Hof, das wenig bevölkerte Dorf und ein, zwei Städte in der Umgebung die Welt darstellen. Zu dieser Welt gehören für ihn, den sehr empfindsamen Jungen - der nicht mehr Kind, aber auch noch lange nicht erwachsen ist, unbedingt die Natur und und auch die Bücher.

 

Die Zeiten sind hart, nicht nur wegen der immer wiederkehrenden Unbilden, wie Sturmfluten. Nein, die Menschen leiden sehr unter der Politik der in Berlin regierenden Parteien, die ganz besonders den junkerlichen Großgrundbesitzern zugute kommt, und daneben auch schon unter der sich andeutenden Weltwirtschaftskrise. Betroffen sind aber nicht nur die Kleinbauern, sondern nicht minder viele Mittel- und sogar Großbauern. Das führt zu Spannungen in der Dorfgemeinschaft, das führt zu Spannungen in der Region. Zumal nicht jeder zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden kann.

 

Man beginnt sich zu wehren, am sichtbarsten in der sogenannten Landvolkbewegung, die mit terroristischen Mitteln gegen die angeblichen Schuldigen vorgeht: als da sind Linke („Bolschewisten") und Juden, aber auch bürgerliche Demokraten). Von diesen Umtrieben wird schon bald die Hitler-Partei, die sich demagogisch „Nationalsozialistische Arbeiterpartei" (NSDAP) nennt, profitieren. Ausgerechnet im lutherischen Schleswig-Holstein und nicht im katholischen Bayern. Bei den Reichstagswahlen im Jahre 1928 erzielt die NSDAP insgesamt weniger als zwei Prozent der Stimmen; in Dithmarschen aber bereits17 Prozent! Hans Fallada hat das ausführlich in seinem 1931 erschienenen Roman „Bauern, Bonzen und Bomben" beschrieben. Bei Knöppler klingt das auf den Seiten 203 und 215/216 sowie 226 ff. an.

 

Vor diesem Hintergrund spielt nun die erzählte Geschichte. Hannes leidet sehr unter seinem gewalttätigen Vater, aber auch unter Demütigungen seitens einiger Mitschüler. Der Vater benimmt sich aber nicht nur gegen ihn so. Unter dessen Gewaltorgien leidet nicht minder das eigene Vieh und sogar der Haushund. Zunächst zieht Hannes sich nur zurück und genießt die Natur, auch wenn die sich nicht immer schön und friedlich zeigt. Er päppelt sogar eine junge Dohle auf. Und er liest - ganz im Gegensatz zu den anderen Dorfjungen - gerne Bücher. Das wird bald noch durch den neuen Dorflehrer befördert. Dieser ist das Gegenteil zu den bisherigen Prügelpaukern. Und so beginnt Hannes bald, sich zu wehren, zwar nur mit eher leisen Dingen - aber immerhin. Positiv beginnt die keimende Freundschaft und erste scheue Liebe zu der Großbauerntochter Mara von Heesen zu wirken. Der feingeistige Herr von Heesen ist nur widerwillig Landwirt geworden. In seinem Hause kommt Hannes in Kontakt zu einer ihm fremden Welt, was Kultur und Kunst und gutbürgerliche Umgangsformen angeht. Ein Mann wie von Heesen gerät wegen seiner linksbürgerlichen Einstellung bald ins Visier der Landvolkbewegung und der Nazis. Am Beispiel Heesens wird erzählt, daß sogar großbäuerliche Betriebe angesichts der Berliner Politik und der Weltwirtschaftslage in Konkurs gehen können.

 

Bei einem seiner Gewaltorgien kommt Hannes' Vater ums Leben. Nun muß sich der gerade erst 15 oder 16 Jahre alte Junge voll um den eigenen Hof kümmern. Was gar nicht so einfach ist. Er wird nun sehr direkt mit den die Ernte beeinträchtigenden Wetterunbilden konfrontiert. Und auch mit zahlreichen Tierkrankheiten. Geld verdienen muß er noch durch zusätzliche Arbeiten für andere Höfe. Dennoch findet er nach wie vor Zeit für Mara und eine halbwegs glückliche Freizeit. Er muß aber auch teilweise sehr schmerzlich erleben, wie sich seine ehemaligen Mitschüler entwickeln. Sogar sein eigentlich bester Freund Thies schließt sich erst dem Landvolk, dann den Nazis an. Noch kann Hannes den elterlichen Hof halten, trotz aller Widrigkeiten und drückender Schulden. Heesens Hof aber kommt „unter den Hammer". Was zur Folge hat, daß Mara das Dorf verläßt und nach Lübeck geht, um sich dort zur Lehrerin ausbilden zu lassen. Der Junge ist zunächst schwer enttäuscht, dann aber kommen sich Lisa und Hannes immer näher... Das Leben geht weiter. Muß weitergehen.

 

Beim Leser aber dürften sich da viele Fragen einstellen: Was wird aus Hannes, wenn schon bald (also 1933) die NSDAP die Regierung bilden wird? Hat er bis dahin seinen Hof halten können? Wie wird er sich in den folgenden zwölf Jahren verhalten?

 

Auch wenn Hannes und seine Eltern im Mittelpunkt stehen, kommen dennoch andere Kleinbauern, diverse Großbauern und nicht zuletzt die Knechte auf deren Höfen ins Bild und werden individuell gezeichnet. Überzeugend sind die Schilderungen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten politischen Lagern; erst nur Parolen schreiend, bald schon handgreiflich werdend. Überzeugend sind aber auch die Schilderungen mitmenschlicher Hilfeleistungen, z.B. bei einem Brand. Es gibt eben nicht nur schwarz und weiß.

 

Ja, die Zeiten waren seinerzeit und noch für viele Jahrzehnte danach alles andere als idyllisch, nicht nur wegen des oben skizzierten „Hintergrundes". In den meisten Häusern gab es kein fließend Wasser, die Notdurft mußte draußen im „Herzhäuschen" neben dem Misthaufen verrichtet werden. Südfrüchte und ähnliches waren eher unbekannt. Viele weite Wege mußten zu Fuß gegangen werden, selten mit dem Fahrrad gefahren. Telefon und Radio oder Zentralheizung waren da noch Fremdworte...

 

All das erzählt Florian Klöppler einfühlsam und glaubhaft, dazu in einem guten klaren Deutsch ohne modische Sprachverhunzungen. Selbst wenn seine Figuren hochdeutsch und nicht plattdeutsch reden: norddeutsche Landschaft und Mentalität sind deutlich erkennbar.

 

Es bleibt zu hoffen, daß dieses gediegen gemachte Buch über den Alltag „kleiner Leute" vor neunzig Jahren doch viele Leser finden möge. Es stellt ja besser als trockene Geschichtbücher oder „Dokus" im Fernsehen die Zeit- und Lebensverhältnisse in ansprechender Weise vor. Zumal es sogar erklären kann, warum seinerzeit nicht wenige Menschen aus den sogenannten unteren Schichten freiwillig den Nazis nachgelaufen sind.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Florian Knöppler: Kronsnest. Roman. 448 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2021. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-746-8

 

 

 



 
27.04.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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