„Leinewebertod“ – ein Spitzen-Krimi mit viel Komik und Satire

WEIMAR. (fgw) Im „Leinewebertod“ geht es bereits um den fünften Fall des Bielefelder Hobby-Detektivs Bröker. Nur mit Bröker will er auch von seinen Freunden angeredet werden, denn seinen Vornamen verschweigt er standhaft. Oder schamhaft? Dieser fünfte Krimiband ist leider der erste aus der Reihe, die dem Rezensenten bis dato unbekannt war. Aber es darf vorweg gesagt werden: Matthias Löwes Krimi bescherte ihm ein wirkliches, ein geistreiches Lesevergnügen. Und was zunächst wie eine Krimikomödie anmutet, das ist im Kern ein überaus gesellschaftskritisches Buch.


Also Bröker ist ein Mann in den besten Jahren, der dank einer Erbschaft lebenslang genüßlich „privatisieren" kann. Keinerlei Arbeitspflichten, dafür stets überreichliche Essen- und Getränkeportionen auf gehobenem Niveau. Nur was die modernen Kommunikationsmedien angeht, da bevorzugt er Geräte, die nicht nur antik, sondern auch nur wenig leistungsfähig sind. Dafür aber hat er ein Hobby, das gegen die immer mal wieder aufkommende Langeweile hilft. Dieses Hobby brachte ihm - dank der lokalen Medien - den Spitznamen „Mr Marple von der Sparrenburg" ein. Gegen die Langeweile hilft dazu die Wohngemeinschaft mit dem mehr als 20 Jahre jüngeren Erzieher Gregor. Wofür die ererbte Villa ja auch mehr als genügend Raum/Räume bietet. Zu Brökers Freundeskreis zählen noch die Journalistin Charlotte „Charly" Lindhorst und der Kriminalhauptkommissar Schikowski, genannt „Mütze".

 

Jetzt aber zu Brökers Fall Numero 5: In Bielefeld tobt gerade der Leinewebermarkt; ein Volksfest mit diversen Buden und Attraktionen. Bröker will sich aber nicht wie Gregor dort verlustieren, sondern lieber Wurst und Bier in Massen, nicht in Maßen, einverleiben. Doch dazu kommt es nicht. Er wird von einer Bekannten erkannt und von dieser genötigt, sich an ihrem Zumba-Gruppen-Auftritt zu beteiligen. Dazu muß sich Bröker in ein viel zu enges und dazu noch pinkiges Kostüm - zum Gaudi aller Umstehenden - hineinzwängen. Doch schon bald kann er mit seinen linkigen Bewegungen aufhören. Denn ein Scheinwerfer an der Bühne geht defekt. Ein schnell herbeigerufener Elektriker steigt mit fahrigen Bewegungen den Mast hinauf. Und stürzt hinab auf die Bühne. In den Tod. Bröker kann entfliehen, er will ja nicht weiter zum Gespött werden.

 

Bröker nahm an, daß der noch junge Elektriker alkoholisiert gewesen sei. Auch die Polizei geht davon aus. Doch bereits die erste gerichtsmedizinische Untersuchung ergibt, daß bei dem Mann einerseits null Promille Alkohol im Blut waren, dafür aber ein gehöriges Quantum sogenannter k.o.-Tropfen.

 

Ein Nebeneffekt des Marktbesuches ist, daß Bröker nach diesem Erlebnis ein altes wohnungssuchendes Pärchen, das ihm dort mit Handzetteln über den Weg lief, vorübergehend in seine „WG" aufnimmt.

 

Nun erwacht Brökers Interesse, schließlich war er erstmalig bei einem Mord sogar Augenzeuge. Wer könnte es auf den jungen Mann abgesehen haben? Eine Gruppe Rechtsradikaler, denen er als „Ausländerfreund" ein Dorn im Auge war? Ein „Kredithai" womöglich? Aber wer bringt einen Schuldner wegen lausiger 10.000 Euro um? Immerhin kann man bei einem Toten erst recht kein Geld mehr eintreiben...

 

Die Polizei rätselt lange herum, zumal „Mütze" nicht im Dienst ist. Auch Bröker tappt lange im Dunkeln. Dabei lag das Motiv doch eigentlich schon früh offen. Aber nicht immer werden Zeichen erkannt, nicht mal wahrgenommen. Als Bröker endlich auf der richtigen Spur ist, gerät er selbst in Lebensgefahr.

 

Matthias Löwe weiß, daß gesellschaftliche Mißstände selten mit bitterernsten Traktaten erhellt werden und so nur wenig unter die Haut des „Normalbürgers" gehen. Schon seit langem ist daher das Stilmittel der bissigen Satire von Vorteil. Die in diesem Krimi dazu noch gekonnt mit glänzend angebrachter Komik verbunden wurde. Dazu gehören skurrile Charaktere, groteske Situationen plus köstlicher Wortspiele und Namensgebungen.

 

Ohne in die Breite gehen zu wollen, soll für die Gesellschaftssatire die Gruppe Bielefelder Ausländerfeinde „BiPa" unter Führung eines Herrn Beckmann genannt sein. Da wird der Leser doch bestimmt sofort an die Dresdner Pegida eines Herrn Bachmann erinnert.

 

Skurrile bzw. groteske Situationen erlebt, ja erleidet, Bröker u.a., als er Zuge seiner Recherchen ein Speed-Dating mitmachen muß. Dort trifft er nach gut 30 Jahren seine erste Jugendliebe, Britta, wieder. Oder noch köstlicher ist diese: Beim Essen bricht Bröker sich ein Stück eines Zahnes ab. Schmerzen hoch drei, doch noch mehr Angst seit Kindertagen vorm Zahnarzt. Seine Britta nimmt ihn an der Hand und sucht eine ihr bekannte Praxis auf. Doch was muß Bröker dort feststellen. Der Dentist ist ein in seinen Augen uralter Mann, und dazu noch klein von Wuchs. Der Gipfel aber: Der Zahnarzt heißt auch noch Wütherich. Kaum auf dem Behandlungsstuhl und die Betäubungsspritze im Blick, kippt Bröker um. Es muß sogar der Notarzt herbeigerufen werden. Aber keine Bange, der Dr. Wütherich ist das Gegenteil seines Namens... Das mag genügen.

 

Achja, bewußt ist der Rezensent mit keinem Wort auf Handlungsstrang und soziales Problem eingegangen, die den Hintergrund für den Mord am Elektriker darstellen.

 

Wie bereits eingangs gesagt: ein lesenswerter und zum Nachdenken anregender Spitzenkrimi, der zugleich für viel Schmunzeln sorgt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Matthias Löwe: Leinewebertod. Krimi. 384 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 13,90 Euro. ISBN 978-3-86532-659-1

 



 
20.01.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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