Lustbarkeiten aller Art begleiten 1814/15 den Wiener Kongress

WEIMAR. (fgw) Der Wiener Kongress, der vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 stattfand, ordnete nach der Niederlage Napoleon die politische Landkarte Europas neu. Dieser Kongress bildet den Hintergrund für Michaela Baumgartners Roman „Debütantenball“.


Im Mittelpunkt des Romans steht die fiktive Wiener Grafenfamilie Wohlleben, insbesondere die drei Kinder Georg, Sophie und Fanny. Eigentlich soll es im Hause Wohlleben nur um die übliche Einführung der Jüngsten, Fanny, in die noble Gesellschaft gehen. Also beim - bis heute stattfindenden - Debütantenball. Doch das allein wäre kein ausreichender Stoff für einen Roman. Stoff bietet vor allem der Wiener Kongress, über den es bis heute heißt: „Der Kongress tanzt". Nach dem Sieg über Napoleon trafen sich dort Monarchen, Diplomaten und begleitendes Personal aus rund 200 europäischen Staatsgebieten. Darunter auch die reale russische Gräfin Katharina Pawlowna Skawronskaja (1783-1853), verwitwete Fürstin Bagration und Cousine des Zaren Alexander I. Diese Fürstin Bagration war nicht nur vertraute Einflußagentin des Zaren während des Kongresses. Sie war auch bekannt für unzählige Affairen. Und gerade dies hat Michaela Baumgartner in die Geschichte derer von Wohlleben einfließen lassen.

 

Georg von Wohlleben ist Offizier und genießt das Leben nach den siegreichen Schlachten gegen Napoleon nun mit seinen Kameraden „in vollen Zügen". Also in vielen Liebschaften mit Mädels aus den unteren Schichten. Immer mit dabei sind seine Kameraden Stanislaus, Karl und Philipp. Sophie - eine in sich gekehrte intelligente junge Frau - trauert um ihren im Krieg gefallenen Verlobten. Sie will eigentlich nicht das Leben einer Adelsdame führen, sondern fühlt sich zu den Wissenschaften und Künsten hingezogen. Fanny wiederum kann ihre Einführung in die gute Gesellschaft, also das Erreichen der Heiratsfähigkeit, kaum erwarten und träumt von der romantischen, großen Liebe.

 

Georg gerät ins Visier der russischen Fürstin und es bahnt sich eine durchaus konfliktreiche Affaire an. Sophie wiederum begegnet bei einem musikalischen Salon ihrer weltoffenen Tante einem jungen englischen Aristokraten. Man mag sich, man stößt sich auch wieder ab, sind doch beide Geistesverwandte. Georgs Kamerad Karl ist ein wahrer „Bruder Leichtfuß", also ein verantwortungsloser und über beide Ohren verschuldeter Lebemann. Er hat es auf Fanny abgesehen, will sie unbedingt verführen. Hilfe bekommt er dabei von der verwitweten reichen Witwe Baronin von Altenburg. Wie sich diese diversen Konstellationen enwickeln und auflösen, das mag sich jeder selbst er-lesen.

 

Der Klappentext verheißt zu dieser Lektüre: »Sinnlich, opulent, dekadent - Liebes- und Heiratsgeschichten, aristokratische Intrigen und erotische Eskapaden...« Und daß die Autorin hiermit das Genre des englischen Regency-Romans um eine österreichische Variante habe erweitern wollen. Dem kann man zustimmen, denn zentrales Thema sind auch hier die Sitten der herrschenden Klasse, also des Adels, und die sozialen Gepflogenheiten der Zeit. Nicht zuletzt was den Umgang mit Dienstboten oder dem kleinen Bürgertum angeht. Im Vordergrund stehen aber die adligen Figuren, ihre Beziehungen zueinander und ihre jeweilige Position im streng hierarchischen gesellschaftlichen Gefüge des Wiener Hof-Adels. Die Aktivitäten der Figuren beschränken sich weitgehend auf Dinge wie Kutschfahrten, formelle Höflichkeitsbesuche, Salons, Empfänge und eben Bälle. Sogar etwas „scheue Erotik", wie das Küssen, gehört dazu.

 

Michaela Baumgartner hat ihren Roman mit leichter Hand geschrieben, wie es sich eben für Unterhaltungsliteratur ziemt. Allerdings dürfte dieser Roman wohl nur das Interesse der weiblichen Leserschaft finden, denn mit einem wirklichen historischen Roman hat man es hier nun doch weniger zu tun.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Michaela Baumgartner: Debütantenball. Historischer Roman aus dem alten Wien. 344 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 13,50 Euro. ISBN 978-3-8392-2807-4

 

 

 

 

 



 
20.03.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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