Machtkämpfe und niedere Gelüste im mittelalterlichen Ulm

WEIMAR. (fgw) Die ehedem sehr reiche Freie Reichsstadt Ulm hat es Silvia Stolzenburg angetan. Wohl daher begann sie ihr literarisches Schaffen mit der „Ulm-Trilogie“ (2010-2012). Heuer läßt sie ihr neuestes Projekt auch wieder in dieser Stadt spielen.


Ulm im April 1412. Der Bau des Münsters ist bereits in vollem Gange, aber was seinerzeit niemand ahnen konnte: Das Münster wird erst im 19. Jahrhundert fertiggestellt sein... Doch um dieses Bauwerk geht es im vorliegenden historischen Kriminalroman nicht.

 

Vielmehr geht es um gesellschaftliche Erschütterungen, um die Klärung von Machtfragen, die den Hintergrund für das fiktive Geschehen darstellen. Noch üben alteingesessene sehr reiche Patrizier (Handelsherren) die fast uneingeschränkte Macht im städtischen Rat aus. Doch inzwischen sind die Zünfte erstarkt und die mittlerweile reichgewordenen Zunftmeister (Handwerker) begehren eine angemessene Vertretung im Rat.

 

Zugleich streiten sich Rat und Mönchsorden um die Herrschaft über wichtige Einrichtungen wie das Spital. Zwar hat hier rechtlich der Rat die Oberaufsicht, doch es ist die Zeit, in der Kleriker immer stärker nach absoluter Macht streben.

 

Und dann gibt es zu dieser Zeit noch einen weiteren Machtkampf. Den zwischen den Mönchsorden und der religiösen Klostergemeinschaft der Beginen. Diese Frauen entstammen den reichen Patrizierfamilien, bringen in ihre Gemeinschaft beträchtliche Vermögenswerte ein, und sind darüber hinaus hochgebildet und überaus selbstbewußt. Sie engagieren sich besonders in der Armen- und Krankenpflege, sind daher den Betbrüdern ein Dorn im Auge. Die Beginen gelten übrigens als Ketzerinnen... Zumal sie sogar ihre Gemeinschaft jederzeit wieder verlassen und sich verheiraten dürfen. Vor allem aber wollen sich die Mönchsorden den Besitz dieser weiblichen Gemeinschaften aneignen.

 

In diesem Zusammenhang sei aber bemerkt, daß Silvia Stolzenburg die Beginen und ihre Gemeinschaften nicht idealisiert. Nein, sie läßt den Leser durchaus lebensnah an der Realität teilhaben: Die immer sehr wenigen Beginen gehen nur ihren Neigungen nach. Die harte Arbeiten „im Haushalt" müssen jedoch zahlreiche Mägde und Knechte verrichten. Darüberhinaus üben die Beginen auch noch feudale Landesherrschaften über Dörfer und Leibeigene aus.

 

In diese Gemengelage also führt Silvia Stolzenburg ihre Leser.

 

Verdeutlicht wird das anhand individueller Schicksale und krimineller Machenschaften, niederer Gelüste. Die Wege der wichtigsten Protagonisten kreuzen sich dabei immer wieder. Dazu entwickelt sich auch noch eine ungewöhnliche, eine verbotene, Liebesbeziehung.

 

Da ist zum einen der Spielmann Gallus, der nach Ulm gekommen ist und der hier sein Glück machen will. Doch eines Nachts wird er Zeuge einer Untat. Zwei Männer schlagen in einem Lagerhaus einen Nachtwächter fast zu Tode. Gallus konnte aber noch etwas anderes beobachten: Die beiden Täter haben etwas in einem Heringsfaß verstaut. Neugierig schaut er später da hinein und muß vor Entsetzen fliehen. Später versucht er, die Täter aufzuspüren und zu erpressen. Das bekommt ihm aber mehrfach gar nicht gut.

 

Der Nachtwächter kam aber nicht zu Tode, sondern konnte noch rechtzeitig ins Spital gebracht werden. Dort wird er vom Mönch Lazarus und Anna, einer sehr jungen Begine, gepflegt. Als man zu wissen bekommt, wer der Mann ist, wird dieser vergiftet. Anna befürchtet nun, daß man diesen Giftmord den Beginen anhängen will, um diese enteignen zu können.

 

Just zu dieser Zeit verschwindet die Bader-Magd Englin spurlos. Der Leser bekommt aber zu wissen, das dieses Mädchen von einem älteren, wohl geistig umnachteten Mann, gefangenen gehalten mißbraucht wird.

 

Vor dem Hintergrund der Machtkämpfe und der sich häufenden Verbrechen kommt es zu ungewöhnlichen Bündnissen, die das Geschehen verkomplizieren. Und es ist vor allem Anna, die sich mit dem Scheinbaren nicht begnügen will. Sie beginnt mit Nachforschungen und kann endlich auch Lazarus überzeugen, dies gemeinsam zu tun. Was sie entdecken, läßt beide schaudern. Vor allem geraten nun sie beide nicht nur in Verdacht, sondern werden ebenfalls mit dem Tode bedroht. Schließlich tun sie sich mit Gallus zusammen, der sie an seinen Beobachtungen teilhaben läßt.

 

Erst fast zum Schluß wird dem Leser offenbart, was es mit dem Mädchen im Prolog auf sich hat, was Gallus in dem Heringsfaß zu sehen bekam und warum und wohin Englin entführt worden ist. Aber wie das Leben so spielt, die Herrschenden, die Auftraggeber für Morde und andere Schandtaten, können dank eines „Bauernopfers" ungeschoren davon kommen. Der innerstädtische Machtkampf geht weiter. Auch die Beginen sind vorerst „aus dem Schneider". Aber Anna ist nun insbesondere einem aufstrebenden Mann gefährlich geworden... Übrigens, Anna und Lazarus haben sich derweil auch ihre Liebe eingestanden. Doch es droht schon wieder Ungemach, wurde doch der junge Mönch darob nach Rom zitiert.

 

Die Geschichte ist damit also nicht auserzählt; die Spannung bleibt erhalten, steigert sich nach Beantwortung einiger Fragen wieder. So daß genügend Stoff für einen oder zwei Folgebände vorhanden ist. Naja, dieser Roman ist eben ein weiterer „echter Stolzenburg". Was heißen soll: eine gut recherchierte, spannend geschriebene und gut zu lesende Geschichte voller Dramatik, die an keiner Stelle Langeweile aufkommen läßt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Begine von Ulm. Historischer Kriminalroman. Klappenbroschur. 310 S. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2552-3

 



 
09.03.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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