Man kabbelt sich in Kiel, aber keinesfalls wegen Sprotten

WEIMAR. (fgw) Ein Jahr nach ihrem ersten gemeinsamen Krimi-Projekt, dem Roman „Blutvilla“, haben nun Stefanie Gregg und Paul Schenke jetzt einen Folgeband, „Schwarze Roben“, vorgelegt. Ihre Protagonisten sind erneut die attraktive Staatsanwältin Elena Karinoglous und der eigenwillige, stets zerknitterte Hemden tragende, Kriminalhauptkommissar Sven Fricke.


„Dürrenbrook. Ein kleiner, aber feiner Stadtteil von Kiel. Wer an diesem idyllischen Fleckchen an der Kieler Förde wohnte, hatte es geschafft. (...) In Dürrenbrook, so schien es, war die Welt noch in Ordnung. (...) Hinter verschlossenen Türen jedoch herrschten Neid und Mißgunst." (S. 7)

 

So beginnt dieser neue Roman. Und genau in dieses Milieu, das der Staatsanwältin durch Juristen-Kollegen vertraut ist, müssen nun die keinesfalls gutsituierten Kriminalisten bei ihren Ermittlungen eintauchen.

 

Was war geschehen?

 

Die Belegschaft der renommierten Kieler Anwaltskanzlei „Bartelsen & Partner" will ihren jährlichen Betriebsausflug unternehmen. Doch als der Fahrer des Mietbusses den Anlasser startet, explodiert eine Bombe. Alle Insassen des Busses sind sofort tot - zwölf an der Zahl. Der dreizehnte Teilnehmer, Markus Lohmann, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht an Bord, wird aber von Splittern getroffen und im Koma liegend ins Krankenhaus eingeliefert. Aus letzterem erwacht bis zum Schluß nicht, steht also als Zeuge nicht zur Verfügung.

 

Solch ein Attentat, zumal mit einer solchen Opferzahl, erregt natürlich Aufsehen und löst bei der Staatsanwaltschaft sofort hektische Betriebsamkeit aus. Der Staatsanwältin ist Lohmann kein Unbekannter. Während ihrer Studentenzeit lebten sie in einer Wohngemeinschaft (WG). Obwohl sie eigentlich persönlich befangen ist, wird sie dennoch auf eigenen Wunsch mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt. Wobei die Befangenheit noch weitgehender ist, als es zunächs scheint. Ihr Vater war mit dem Kanzleichef befreundet. Dem Attentat entgangen ist jedoch ein Anwalt, Karsten Schönborn, ebenfalls früher WG-Mitglied. Und ins Spiel kommt noch ein weiteres ehemalige WG-Mitglied, Dieter Munsch, Nachbar Lohmanns und vor kurzem von diesem aus der Kanzlei gemobbt und nun vor der Insolvenz stehend. Dazu taucht in der Staatsanwaltschaft als neuer Kollege noch Sebastian Birnbaum auf. Auch er seinerzeit Mitglied der Jurastudenten-WG. So die sehr merkwürdige Konstellation von „schwarzen Roben"... Obwohl überaus ungewöhnlich und wohl auch eher unwahrscheinlich im realen Leben, macht aber diese Konstellationen einen ganz besonderen Reiz aus und wirkt nicht künstlich aufgesetzt.

 

Elena Karinoglous will für diesen Fall den besten Ermittler an ihrer Seite haben. Also Sven Fricke. Doch beide sind schon ein seltsames Gespann: Im ersten Fall waren sie mal wie Hund und Katze zueinander, dann mal einander sehr zugetan. So wie Magnete, die sich je nach Lage zueinander mal anziehen, dann aber auch sich mal abstoßend. Deshalb hatte Fricke sich für ein Jahr in die Dienststelle Eckernförde versetzen lassen. Hier wird er nun aus der Wochenendruhe gerissen und nach Kiel beordert. Sein Chef stellt ihm dazu noch den jungen Kommissar Lars Oppermann zur Seite.

 

Und dies alles ist für Fricke Anlaß, sich äußerst mißmutig und übellaunig zu zeigen. Besonders gegenüber „seiner Anwältig" benimmt er sich sehr distanziert, obwohl sie ihn gleich wieder in den Bann zieht. Und bei der Karinoglous ist es nicht wesentlich anders.

 

Die Ermittlungen nehmen ihren Lauf. Verdächtige sind zunächst Munsch, der bleibt fast bis zuletzt als Hauptverdächtiger im Visier der Ermittlungen, und Karsten Schönborn, der als einziger aus der Kanzlei nicht mit auf Ausflug wollte. Angeblich wegen Krankheit. Er scheidet aber bald aus, weil er tatsächlich das Krankenbett hüten muß. Munsch und Schönborn waren Mobbingopfer Lohmanns, hätten also durchaus ein veritables Motiv. Dann kommt noch eine ehemalige Sekretärin in Verdacht, die angeblich mal die verstoßene Geliebte Lohmanns gewesen sein soll. Aber warum denn ein Attentat nicht konkret auf diesen, sondern auf alle Kanzleimitarbeiter, angefangen vom Chef bis zur letzten technischen Hilfskraft?

 

Wer könnte gerade für solch einen Massenmord ein Motiv gehabt haben? Wegen einiger alter Fälle geht man jetzt von der Verwicklung der Mafia in dieses Attentat aus. Zumal sich recht bald herausstellt, daß die benutzte Bombe nach Bauplänen entstanden ist, die ausschließlich von der französischen Fremdenlegion verwendet werden. Ein Auftragsmord also! Aber wer ist dann der Auftraggeber? Um diese Frage kreist alles. In diese Richtung ermitteln Fricke und Oppermann und lassen sich dabei von niemand beirren. Doch sie müssen bald feststellen, daß ihnen das BKA einen Strich durch die Rechnung macht. Alle relevanten Beweismittel hat diese Behörde beschlagnahmt. Als die Kieler dann durch Zufall einen Schnappschuß aus einer Überwacherungskamera zu Gesicht bekommen, auf dem tatsächlich ein Mann beim Anbringen der Bombe zu sehen ist, erscheinen sofort BKA-Beamte und weisen Fricke und Oppermann rüde zurück. Doch letzterer hatte unbemerkt ein Handyfoto machen können. Und so gelingt es auch, den Bombenleger zu identifizieren. Es ist der Kroate Andras Babic, ehemaliger Fremdenlegionär und jetzt als Auftragskiller tätig. An dieser Stelle ein großes Lob beiden Autoren! Denn im bundesdeutschen Klischee sind haben solche Leute immer Serben zu sein.

 

Parallel dazu geht Elena Karinoglous vor. Graphisch stellt sie drei Täterkreise dar: Einen für Kanzleiangehörige, ehemalige wie jetzige, einen weiteren für rachsüchtige Mandanten, in den dritten malt sie lediglich ein Fragezeichen.

 

Es dauert recht lange, bis Fricke die entscheidende Frage stellt: Wer ist eigentlich Nutznießer des Attentates? Aber eine Antwort hat er nicht parat. Die Staatsanwältin stellt sich angesichts der mehr oder weniger deutlichen Verwicklung ihrer WG-Mitbewohner die Frage: Wie haben Geld, Macht und Geltungssucht diese Männer verändert? Aber auch sie kann darauf keine Antwort finden, die vielleicht zur Bluttat führen könnte.

 

Und dann meldet sich noch dieser Babic telefonisch bei Fricke und deutet ominös auf seinen Auftraggeber hin. Doch er wird mißverstanden. Das aber führt nun zur Zuspitzung, die Ereignisse überschlagen sich, es gibt weitere Tote. Und ganz nebenbei kabbelt Fricke sich noch - im wahrsten Sinne des Wortes - mit Staatsanwalt Schönborn, weil dieser „seine Elena" anmacht. Das führt jedoch zu keinem Disziplinarverfahren, sondern bringt die beiden „Königskinder" wieder einander nahe.

 

Nun gerät aber doch eine andere Person ins Visier von Staatsanwältin UND Hauptkommisaar. Eine Person, die sich ihnen gegenüber stets sehr verdächtig benommen hat. Doch auch dies ist nur eine Sackgasse, müssen sie im Finale erkennen. Aber dennoch führt ausgerechnet diese Spur zum Täter, zum Auftraggeber und dessen Motiv.

 

Welches sind die primären Motive für Morde? Eifersucht, Geltungssucht und Habgier... Und um welches geht es in diesem überaus spannenden und flott geschriebenen Krimi? Darüber darf jeder Leser bis zur letzten Minuten sinnieren, knobeln, kombinieren. Nur so viel sei gesagt: Das Autoren-Duo hat genau DAS verdammt gut versteckt. Und so ist man nicht bloß überrascht bei der Auflösung des Falles, sondern mehr noch verblüfft über ihre überaus orginelle Idee.

 

Und was das gutbürgerliche Milieu eines Biotops wie Dürrenbrook angeht, so drücken sich die Autoren deutlich und realistisch, passend zum Prolog, im weiteren noch so aus:

 

„Frauen dieses Schlags fand Elena befremdlich. Sie war sich ziemlich sicher, daß keine von ihnen für ihren Wohlstand selbst arbeitete." (S. 79)

 

Und selbst der Anwalt Schönborn bekennt in seiner Befragung durch Fricke ganz offenherzig:

 

„Lohmann ist in der Zeit, in der er bei uns tätig war, zu einem Raubtier geworden. Für ihn zählte nur der Profit. Er fischte sich stets die Fälle heraus, die für die meiste Publicity sorgten und ihm Gewinn und Rum einbrachten." (S. 99) - Dazu muß man wissen, daß bewußter Lohmann vor Eintritt in die Kanzlei als Staatsanwalt agierte. Aber das Salär eines beamteten Juristen kann sich nun mal nicht mit dem eines Promi-Anwaltes messen... Also wird man ohne Skrupel vom Ankläger in Strafsachen zum Verteidiger von Gesetzesbrechern.

 

Keinesfalls überflüssig oder gar peinlich ist die durchgehende „Beziehungskiste" Elena-Sven. Das Buch lebt ja nicht zuletzt von den Spannungen, den köstlichen Dialogen, zwischen beiden. Es ist das persönliche Spannungsfeld, das das berufliche Miteinander letztlich sogar befördert. Außerdem, selbst der Humor und die Situationskomik kommen nicht zu kurz und sorgen für Kurzweil beim Lesen.

 

Im Anhang geben Gregg/Schenke wie beim ersten gemeinsamen Werk Einblicke in ihre Arbeitsweise und das „Feilen" am Text. Und das ist ihnen auch vorzüglich gelungen, kommt doch die erzählte Geschichte wie aus einem Guß herüber.

 

Und so schreit dieses wirklich empfehlenswerte Buch förmlich nach einer Fortsetzung der produktiven Autorengemeinschaft Gregg/Fricke, konkret nach wenigsten einem weiteren Folgeband von der Kieler Förde.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stefanie Gregg & Paul Schenke: Schwarze Roben. Kiel-Krimi. 252 S. Taschenbuch. Gmeiner-verlag. Meßkirch 2018. 12,- Euro. ISBN 978-3-8392-2336-9

 



 
18.07.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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