Miniaturen von Michael Böhm zu „unsterblichen Namen“

WEIMAR. (fgw) Michael Böhm, der sich mit seinen fabelhaften Romanen um den „Herrn Petermann“ unter Krimi-Liebhabern einen guten Namen gemacht hat, hat jetzt eine Anthologie ganz anderer Art vorgelegt.


Mittels einer „Galerie unsterblicher Namen" stellt er in 22 Texten 25 Männer (keine einzige Frau, leider) vor. Michael Böhm will sich ihnen auf literarische Weise annähern und sie so den „Heutigen" nahebringen. Man kennt viele dieser Namen, man kennt mitunter auch einige ihrer Werke. Aber wer kann sich vorstellen, was diese Menschen seinerzeit privat dachten, was sie so alles im Alltag machten? Man weiß es eigentlich nicht, abgesehen von vielen Legenden und auch Verklärungen.

 

Und so hat sich Michael Böhm vor dem Hintergrund überlieferter Lebensdaten kleine Geschichten „ausgedacht", die Geschichte erlebbar machen sollen. Und daß diese Geschichte das auch können, das ist dem erzählerischen Talent Böhms zu verdanken.

 

Seine Texte sind nicht nur unterschiedlich lang, sie sind auch stilistisch verschieden. Mal reflektiert er lediglich den Lebensweg, mal greift er sich für eine solche Reflexion nur eine wichtige Begebenheit heraus, mal fabuliert er völlig frei in der Fiktion.

 

Was auffällt: Unter den 25 Persönlichkeiten ist keine einzige Frau. Es dominieren europäische Namen aus dem katholisch-protestantischen Kulturkreis, einschließlich eines US-Bürgers. Menschen aus dem „Trikont" und Osteuropa kommen nicht vor. Ausnahmen sind ein biblische Figur, wie Saul, oder der Karthager Hanno. Und fast alle der Porträtierten waren künstlerisch tätig. Dies alles ist zu bedauern, kündet es doch von der nach wie vor eurozentristischen Weltsicht hierzulande. Aber: Böhm will ja nicht generalisieren, sondern er will über die Menschen sprechen, sich mit den Menschen auseinandersetzen, die ihm ganz persönlich wichtig sind. Und das ist ihm auch gelungen mit seinen sehr feinsinnigen und ansprechenden, zum eigenen Nachdenken anregenden Texten.

 

Welche Namen sind für Michael Böhm „unsterblich"? Neben allbekannten Geistesgrößen, wie Goethe, Schiller, Verdi oder Winckelmann, sind dies u.a. Johann Wilhelm von Archenholz und Wilhelm von Wolzogen.

 

Ein wahrer Geniestreich ist Böhm mit seiner Suche nach dem „verschwundenen Philosophen Roderich Axtner" gelungen. Hierzu möchte der Rezensent nicht ins Detail gehen.

 

Das „Alpha und Omega" sind für Michael Böhm in der vorliegenden Anthologie aber der portugiesische Prinz „Heinrich der Seefahrer" und „Hanno der Seefahrer" aus dem antiken Karthago. Mit deren Porträts leitet er sein Buch ein bzw. schließt es ab. Zwischen beiden Persönlichkeiten, von denen der eine eigentlich nie zur See gefahren ist, liegt eine Zeitspanne von fast 2000 Jahren.

 

Von Hanno ist kaum etwas überliefert, es gibt nur Quellen aus zweiter, dritter oder gar vierter Hand. Aus allen geht aber hervor, daß er der erste Seefahrer gewesen sein kann, der das Mittelmeer verlassen hat und damit große Teile der westafrikanischen Küste erkunden konnte.

 

Der längste Text der Anthologie ist dem Prinzen aus Portugal gewidmet. Diesen hat Böhm aber zweigeteilt, erkennbar durch unterschiedliche Schriftarten. Zum einen referiert und reflektiert er so historische Quellen zu dieser Persönlichkeit. Und zum anderen entwirft er rein fiktives Geschehen an Heinrichs letztem Lebenstage. Und das überaus gelungen und lesenswert!

 

Einzig kritisch anzumerken an allen Porträts ist, wie bereits ausgeführt, die eurozentristische Weltsicht, so wenn es z.B. heißt: „...die erkundete Welt viermal größer werden zu lassen." (S. 21) Richtiger wäre es gewesen, zu schreiben: „die von Europäern erkundete Welt." Denn all die Erkundungen durch arabische, persische, chinesische oder polynesische Seefahrer werden durch solchiges mehr als ignoriert.

 

Gnadenlos realistisch wird Böhm in seinem Text über Heinrich jedoch, wenn er ohne Beschönigung auch dieses schreibt:

 

„Es begann die Zeit, die man in Portugal mit dem Begriff des 'Goldenen Zeitalters' schönmalte. (...) Es wurde prunkvoll Hof gehalten. Prachtvolle Kirchenbauten entstanden. Doch ist unbedingt zu relativieren: Profitiert haben davon nur sehr wenige, das einfache Volk am wenigsten." (S. 46)

 

Die übliche eurozentrisch verengte Weltsicht kommt daneben noch im Porträt des Klerikers Alkuin zum Vorschein, wenn Böhm über diesen schreibt, er sei der „größte Gelehrte seiner Zeit" (S. 137) gewesen. Das mag vielleicht für das Reich Karls „des Großen" gelten, nicht aber für die Welt an sich. Wirklich große Gelehrte wirkten seinerzeit stattdessen in der aufstrebenden muslimischen Welt, in Indien und China: als Philosophen, Mathematiker, Astronomen, Mediziner, Techniker...

 

Abgesehen von diesen kleinen Schwächen, die aber dem Autor nicht wirklich anzulasten sind, kann Böhms Anthologie dennoch wärmstens empfohlen werden.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Michael Böhm: Träume am Ende des Weges. Kleine Galerie unsterblicher Namen. 182 S.m.Abb. Klappenbroschur. P&L-Edition im Bookspot-Verlag. Planegg 2019. 9,99 Euro. ISBN 978-3-95669-124-9

 



 
30.10.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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