Mit dem Krimi „Schwarze Reichswehr“ großer Wurf gelungen

WEIMAR. (fgw) Ein wirklich großer Wurf ist Gunnar Kunz mit seinem Kriminalroman „Schwarze Reichswehr“ gelungen. Es geht darin zwar nur um eine fiktive Handlung, die ist jedoch vor dem historischen Hintergrund im besten Sinne realistisch zu nennen. Hinzuzufügen wäre noch, daß es sich hierbei um einen durchaus sehr politischen und gesellschaftskritischen Krimi handelt. Das betrifft sowohl die Ereignisse von 1927/1928 in der „Weimarer Republik“ als auch die in der Endzeit des wilhelminischen Kaiserreiches (1918).


Anfang Dezember 1927: Kommissar Gregor Lilienthal, seine schwangere Frau Diana sowie Gregors Bruder, der Philosophie-Professor Hendrik Lilienthal, schlendern über den Berliner Weihnachtsmarkt. Just zu der Zeit wird dort ein gewisser Golo Bartels erschossen - von einem Mann in einem Weihnachtsmann-Kostüm. Und... dieser Bartels ist für Lilienthal kein Unbekannter. Schlagartig werden ihm dadurch Geschehnisse aus dem Jahr 1918 wieder bewußt. Auch damals gab es einen Toten. Der aber nicht durch „Feindeinwirkung" ums Leben kam. Lilienthal ist sich sicher, daß der seinerzeit verdächtige Personenkreis auch in diesen Mord neun Jahre später verwickelt.

 

Seine Wege führen ihn zunächst ins Reichswehrministerium zu Major von Mörike, denn Bartels hatte eindeutig mit der Finanzierung der sogenannten „Schwarzen Reichswehr", also illegalen völkischen Wehrbänden zu tun. Liegt darin das Motiv für den Mord? Der Leser erfährt, daß im Jahre 1918 an der Westfront zum einen dieser Mörike der Kompaniechef und zum anderen der Leuteschinder Bartels der Unteroffizier des Gefreiten Lilienthal waren. Mörike läßt den Kommissar aber eiskalt abblitzen. Weitere Befragungen führt Lilienthal u.a. bei den ehemaligen Schützengraben-Kameraden Guntram Beier (inzwischen aktiv in den Wehr-Verbänden und Kumpan von Joseph Goebbels) und Franz Hasler (Berufskrimineller und aktuell Führungsfigur eines sogenannten „Ringvereins") durch.

 

Dazu heißt es auf Seite 24 erläuternd: „Es hat damals einen Mord gegeben, ein paar Monate vor Kriegsende. An einem meiner Kameraden. Einem Freund. Ich habe ihn nicht aufklären können. Die Männer, die ich damals verdächtigte... Es sind die dieselben, die ich auch jetzt wieder verhören muß. Ich habe Akten über sie angelegt und sie all die Jahre im Auge behalten, weil ich hoffte, sie irgendwann überführen zu können." - Beim Toten des Jahres 1918 handelte es sich um den Schützen Joscha Luck, der sich auch im Schützengraben als Kriegsgegner bekannte.

 

Der kurze erste Teil des Romans, der drei Wochen des Dezember 1927 Revue passieren läßt, führt aber trotz aller Befragungen durch Lilienthal noch zu keinem Ergebnis: Viele Verdächtige, einige Motive, aber keine handfesten Beweise. Und so läßt Gunnar Kunz seinen Protagonisten in aller Ausführlichkeit nochmals dessen Kriegs- und Nachkriegserlebnisse durchleben. Dem ist ein langer zweiter Teil gewidmet.

 

Was den damaligen Mord angeht: Eines Tages wird in einem Granatentrichter die verstümmelte Leiche eines Soldaten gefunden. Das Gesicht ist nicht mehr erkennbar, weggerissen durch eine Handgranate. Der Erkennungsmarke zufolge muß es sich um Joscha Luck handeln. Weil die Feldgendarmerie anderweitig zu tun hat, wird der Gefreite Lilienthal - im Zivilleben ja Kriminalkommissar - mit den Ermittlungen beauftragt. Als er feststellt, daß ein Messerschnitt ursächliche Todesursache gewesen sein muß, fragt er nach Motiven und möglichen Tätern. Lilienthal kommt aber nicht voran, denn gerade die Hauptverdächtigen haben wasserdichte Alibis. Dafür legt er sich aber mit einigen Vorgesetzten an und wird gemaßregelt. Als seine erste Frau an Schwindsucht starb bekommt er wider Erwarten doch Heimaturlaub nach Berlin und gerät dort in die Wirren und Nachwirren der Novemberrevolution. In Berlin trifft er auch auf seinen Frontkameraden Lothar Fichte. Doch bevor dieser Lilienthal mitteilen kann, was im Mordfall Luck wirklich geschehen war, kommt Fichte durch einen Querschläger ums Leben. und konnte nur noch dies stottern: „Ich ...habe etwas gesehen. Etwas, das deine Ermittlungen auf den Kopf stellt. Du gehst von völlig falschen Voraussetzungen aus..." (S. 217-218)

 

Und damit leitet Kunz zum dritten Teil, der zwischen Heiligabend 1927 und dem 22. Januar 1928 spielt.

 

Ja, es gelingt Lilienthal nun hinter das Geheimnis des ersten Mords zu kommen. Was er erkennen muß, ist wirklich mehr als überraschend und auch für den Leser verblüffend. Nichts war so, wie es schien. Und das ist es 1927 erneut.

 

Doch mit dem gewonnenen Wissen steht Lilienthal vor einem Riesenproblem, einem Komplex von ethisch-moralischen und juristischen Fragen. Er weiß nun, wer Bartels warum getötet hatte. Aber diesen Mann hätte er als Täter nie vermutet. Und er weiß nun auch, wer 1918 warum gemordet hatte. Obwohl der Mörder das nun offen zugibt, kann Lilienthal dieses Wissen nicht verwenden. Was also tun? Wie der Gerechtigkeit genüge tun, wenn das geltene Recht es nicht möglich macht? (Man lese hierzu die Seiten 287ff.) Und so stellt er dem Mörder von 1918, der nicht der von 1927 ist, eine raffinierte Falle...

 

Soweit zum Kriminalfall bzw. den beiden zusammenhängenden Kriminalfällen - obwohl von zwei Tätern verursacht. Diese an Wendungen reiche Geschichte und die eigenen „grauen Zellen" wirklich fordernden Erkennnisse sollen hier nicht weiter offengelegt werden. Nur so viel: es geht in jeder Phase um Kriegs- und Rüstungsgewinnler, worauf der Titel „Schwarze Reichswehr" treffend hinweist. Mit dieser haben u.a. Mörike, Bartels, Hasler sowie der Mörder im Weihnachtsmann-Kostüm zu tun. Gedeckt aber von der herrschenden Politik jener Jahre.

 

Was diesen Roman aber neben seiner wirklich spannend und aufregend erzählten Geschichte wirklich bemerkenswert macht: Er ist zugleich ein Antikriegsroman erster Güte! Wie Kunz das Elend, das Vegetieren, das Verrecken des „Kanonenfutters" in den Schützengräben des I. Weltkriegs beschreibt, das wirkt so authentisch als habe der Autor dies alles am eigenen Leibe erleiden müssen: Mörderische Artillerie-Duelle, Dreck und mangelnde Hygiene in den Unterständen, elender Fraß für die Mannschaften, Luxus für die höheren Offiziere, Kameradendiebstahl, menschenverachtendes Agieren von Offizieren und Unteroffizieren, um sich greifende Verrohungen (die erst Freikorps, völkische Verbände oder SA möglich machten)...

 

Resümierend schreibt Kunz: „Das war der wahre Krieg, nicht ein tapferer Mann gegen Mann, wie es so gern propagiert wurde, sondern ein Abschlachten im Schlamm, bei dem man lebende Zielscheibe für einen gesichtslosen Feind war. Ein Kampf nach Regeln, die niemand begriff. Das Warten auf einen anonymen Tod, von dem man nicht wußte, woher er kam." (S. 107)

 

Und in Verbindung mit dem Charakter des Antikriegsromans stehen etliche Passagen, in denen Kunz anhand der Figur Lothar Fichte aufzeigt, wie gerade evangelische Pastoren zum Krieg hetzten („Gott mit uns") und wie sie manipulierend nicht nur junge Männer, sondern auch deren Familien religiös kriegsreif machten. Drei Zitate mögen hierfür genügen:

 

„Lothar zog ein silbernes Kreuz aus dem Halsauschnitt seiner Uniform. 'Das hier beschützt mich', sagte er mit zitternder Stimme. 'Unser Pfarrer hat es geweiht. Gott ist bei mir.' Er küßte es. Joschka verdrehte die Augen. Franz lachte. 'Meine Familie betet jeden Tag für mich. Außerdem hat meine Mutter mir eine Seite aus der Bibel ins Hemd genäht. Es heißt, wer das tut, ist kugelfest.'" (S. 83)

 

„Lothar zog sein Kruzifix heraus und küßte es. 'Verdammt noch mal, du machst mich wahnsinnig!', stieß Joschka hervor, schnappte sich das Ding, riß es mit einem Ruck ab und warf es zu Boden. 'Glaubst du, Gott holt dich hier raus, bloß weil du ein dämliches Stück Silber küßt? Wach endlich auf!'" (S. 89)

 

„'Gott wird mich schützen. Ich vertraue auf meinen Konfirmationsspruch, weil ich weiß: Ist die Gefahr am größten, so ist Gott am nächsten.' (...) Es ist doch ein gerechter Krieg, nicht wahr? Wir kämpfen für unser Land und die, die wir lieben.' - 'Gibt es einen gerechten Krieg? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr.' - 'Gott würde nicht zulassen, daß all diese schrecklichen Dinge grundlos geschehen.' - 'Vielleicht gefällt es deinem Gott, uns zu quälen.' - Entschieden schüttelte Lothar den Kopf: 'Gott ist gerecht. Er stellt uns vor schwere Aufgaben, ja, aber nur, um uns zu prüfen. Um zu sehen, ob wir reinen Herzens sind. (...) Unser Pfarrer hat gesagt, wir tun ein gutes Werk.' - 'Und du, was glaubst du?' - Lothar zuckte die Achseln: 'Es ist anders an der Front, als man es uns gesagt hat.'" (S. 127)

 

Schwach sind allerdings einige wenige Passagen, die von den Nachwirren der Novemberrevolution künden sollen. Sie aber mindern nicht das große Lob für die Veranschaulichung des historischen Hintergrundes.

 

Für den heutigen Leser dürfte auch noch dieses von besonderem Interesse sein, betrifft doch auch das den historischen Hintergrund: Was es Mitte der 1920er schon alles so an technischen Errungenschaften gab oder wie seinerzeit das frivole Nachtleben aussah...

 

Alles in allem: Dem Gmeiner-Verlag ist für die Herausgabe dieses außerordentlich guten Kriminalromans großer Dank zu sagen und vom Autor ist zu wünschen, daß er noch mehr Bücher von solcher Qualität vorlegen möge!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gunnar Kunz: Schwarze Reichswehr. Kriminalroman. 310 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2257-7

 



 
01.04.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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