MIZ-Schwerpunkt 1/17: Luderjahr und lutherische Kirche

WEIMAR. (fgw) Die Zeitschrift MIZ - Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistInnen - widmet sich in ihrer - erst jetzt mit arger Verspätung ausgelieferten - Ausgabe 1/17 dem Schwerpunktthema „Luderjahr und die lutherische Kirche“. Darin geht es u.a. um diese Frage: „Was ist dran an Luther-Jahr und Reformationsjubiläum?“


„Luther ist wieder in aller Munde - das hat Methode", so hat Nicole Thies ihr Editorial überschrieben. Darin verweist sie u.a. auf das „deutsch-nationale 'Luther-Bild', das vor 100 Jahren die Reformationsfeierlichkeiten inmitten des Ersten Weltkrieges prägte." Und fragt: „Was hat sich geändert? Welches Bild wird heute gezeichnet?" (S. 1-2)

 

Auf diese und andere Fragen gehen die Artikel im Heftschwerpunkt näher ein. So schreibt Carsten Krampitz unter der Überschrift „Jedermann sei untertan - Deutscher Protestantismus. Geschichte wird gemacht":

 

„Der Reformationstag, die Mutter aller deutschen Feiertage, geht auf ein fiktives Ereignis zurück. Warum hätte Luther dergleichen [Thesen-Anschlag an der Kirchenpforte; SRK] tun sollen? In Wittenberg lebten 1517 um die 2.000 Menschen; die allerwenigsten unter ihnen werden des Lateinischen mächtig gewesen sein..." (S. 3)

 

Weiter heißt es: „In den 500 Jahren evangelischer Kirche in Deutschland (...) - sobald es in den Krieg ging, berief sich nie auch nur ein führender deutscher Protestant auf sein Gewissen. Die evangelische Kirche segnete zu allen Zeiten deutsche Waffen und Soldaten." (S. 7-8) Das stimmt. Das stimmt aber auch nicht ganz, denn Soldaten und Waffen in der DDR wurden von ihnen nie gesegnet! Stattdessen gelte für die, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als die fast alleinigen Widerständler ausgaben, dies: „Von keinem Pfarrer, Theologie-Studenten und auch keinem Bonhoeffer-Schüler wurde später bekannt, daß er sich der Einberufung zur Wehrmacht entzogen, d.h. den Kriegsdienst verweigert hätte, oder gar irgendwann desertiert wäre. Im Gegenteil..." (S. 8)

 

Bernd Kammermeier stellt in seinem Beitrag „Martin Luther - Reformator und Volksverhetzer" sein Editionsprojekt vor, das die Haßpredigten („Von den Juden und ihren Lügen") des heuer von rechts bis partei-LINKS über den Klee gelobten Luther erstmals für alle öffentlich und verständlich macht. Untermauert wird das nachfolgend durch Zitate aus Karlheinz Deschners „Opus diaboli": „Die Reformation hat den Wahnsinn nicht gehemmt".

 

Passend zu den überbordenden christlichen „events" macht sich Rainer Ponitka Gedanken zum nordrhein-westfälischen Feiertagsgesetz: „Wer stört hier eigentlich wen?" Bezugnehmend auf die Texte in Weimarer Reichsverfassung/bundesdeutschem Grundgesetz zum Schutz der Sonn- und Feiertagsruhe und der „seelischen Erhebung" schreibt er (welch köstliche Satire!): „...beim Frühstück auf der Terrasse werde ich von markerschütterndem Lärm in meiner seelischen Erhebung gestört; ohrenbetäubendes Glockengeläut schallt aus dem Ort, daß meinem Fünf-Minuten-Ei vor Schreck die Schale springt!" (S. 19) Ponitka plädiert stattdessen für einen modernen Feiertagsschutz, durch den jeder individuell nach eigener Façon selig werden dürfe.

 

Die beiden Durchgänge zur Präsidentenwahl in Frankreich sind gelaufen, so daß der Beitrag von Bernard Schmid über den Kandidaten der religiösen Rechten - François Fillon - eigentlich zu spät kommt. Schließlich schaffte es jener nicht mal in die Stichwahl. Um so interessanter ist dafür dieser im Artikel geäußerte Gedanke: „Langfristig ist auch eine Annäherung der Rechtskatholiken an den Front National (FN) nicht auszuschließen, wo jedoch ebenfalls ein Linienkampf zwischen der eher relativ antiklerialen Linie [!!!; SRK] von Marine Le Pen und dem katholisch-'traditionalistischen' Flügel ihrer Partei tobt." (S. 31)

 

Christoph Baumgarten verdeutlicht mit „Hass-Blasen" anhand von Beispielen aus den USA, Deutschland und Österreich, wie rechte Medien (insbesondere im Internet) Scheindebatten anzetteln und Seriosität „vorgauckeln".

 

Ferner geht Ansgar Martins auf Rudolf Steiners Sozial-Anthropologie 1917-2017 ein, überschrieben mit „'Mitteleuropa' oder die Gesellschaft als Organismus".

 

Für den Rezensenten ist jedoch Gunnar Schedels Replik auf Horst Groschopps „Fünf Thesen" (siehe MIZ 4-16) der wichtigste Beitrag dieses Heftes. Dieser sollte in der „säkularen Szene" wirklich breit diskutiert werden, fordert doch Schedel einen „Humanismus für alle". Denn wer Humanismus zu einer religionsähnlichen Weltanschauung mache - wie eben der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der fessele dessen gesellschaftsverändernde Kraft. Schedel spitzt die Fragestellung so zu: „Humanismus: universelle Idee oder Weltanschauung im Rahmen von Verbandsgrenzen?"

 

Zum Stichwort „konfessionslos" schreibt er: „Zugespitzt formuliert ließe sich sagen, daß der HVD sich mit seiner Betonung des weltanschaulichen Aspekts des Humanismus im Rahmen der Vorstellung homogener Milieus bewegt. Doch dieser Diskurs nutzt letztlich nur den konservativen Kräften.

 

Das Bizarre an der Situation ist, daß der viel größere HVD sich mit einem viel kleineren Wirkungsbereich humanistischer Vorstellungen zufrieden gibt; während er einen Dienstleistungsbereich für Humanisten einrichten möchte (analog zum katholischen, evangelischen und immer wieder geforderten muslimischen), beharrt der IBKA darauf, daß es 'Humanismus für alle' geben muß. (...)

 

Ob die Welt 'human' ist, zeigt sich an den konkreten Lebensverhältnissen der Menschen. Dazu können humanistische Ideen und Ideale viel beitragen. Ob das am besten im Rahmen eines Weltanschauungsverbandes gelingt, bezweifle ich." (S. 41-43)

 

Und diese Zweifel teilt der Rezensent nicht nur angesichts der derzeitigen Verfassung des HVD ohne Wenn und Aber.

 

Daniela Wakonigg glossiert in „Neulich... in Irland" unmenschliche Zustände in dortigen katholischen Heimen für Kinder und minderjährige Mütter. Noch ungeheuerlicher als diese sei es aber um die ach so christliche Moral der Betreiber nach Aufdeckung ihrer Untaten bestellt. Die katholische Kirche sollte, so die Politik, sich an den Entschädigungszahlungen an Mißbrauchsopfer beteiligen. Aber wie kann die weltliche Macht es nur wagen... „Einer der angesprochenen Orden wies diesen Vorschlag in der öffentlichen Debatte nun mit höchster Empörung zurück. Der Orden der 'Missionierenden Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria' erklärte die Forderung der Politiker für ... und jetzt bitte gut festhalten ... unmoralisch." (S. 32) - Kommentar überflüssig, da bleibt einem doch glatt die Spucke weg!

 

Was wäre die MIZ ohne ihre ständigen Rubriken... Im „Blätterwald" werden kurz fünf säkulare Publikationen vorgestellt, während der „Zündfunke" über vier Aktionen und Veranstaltungen informiert. Je eine Rezension steuern außerdem Christoph Lammers und G. Reinsdorf bei.

 

Nicht fehlen darf die von Gerhard Rampp besorgte „Internationale Umschau" mit teilweise kommentierten Nachrichten aus der Europäischen Union, aus Deutschland, Irland, den Niederlanden, Österreich, Polen, der Schweiz, Ungarn, dem Vatikan, aus den USA, Bolivien, Marokko, Ruanda, Südafrika, dem Südsudan, Bangladesh, Indien, Indonesien, Malaysia und Australien.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

MIZ - das bedeutet Materialien und Informationen zur Zeit. Das Vierteljahresmagazin des IBKA (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten) erscheint seit 1972 und kann über den Alibri-Verlag Aschaffenburg bezogen werden.

 

 



 
28.05.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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