MIZ-Schwerpunkt 3/16: Gender als Evas Selbstermächtigung

WEIMAR. (fgw) Die Zeitschrift MIZ - Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistInnen - widmet sich in ihrer - erst am 31. Dezember - ausgelieferten Ausgabe 3/16 dem in unserer Gesellschaft überaus ideologisch aufgeladenem Schwerpunktthema „Evas Selbstermächtigung – Rollenbilder, Genderfragen und Gleichstellung“.


Für ihr Editorial hat sich MIZ-Redakteurin Nicole Thies als Überschrift einen zentralen Satz aus der Kolumne von Juliane Löffler gewählt und damit den Nagel auf den Kopf getroffen: „Macht wird eben niemals freiwillig abgegeben." Sie schreibt in gegendertem Deutsch: „Dieses Heft greift ein Thema auf, das in den letzten Jahren immer wieder in den Fokus geriet: Gender. (...) Und was daran interessiert säkulare Leser_innen? (...) Weil Gender im Deutschen nicht einfach mit 'Geschlecht' übersetzt werden kann, denn dabei ist das soziale Geschlecht gemeint." (S. 1 - 2 )

 

Und das ist ja eben das Problem, die Erfindung eines sogenannten sozialen Geschlechts! Statt richtigerweise von Klassen, von sozialen Klassen, zu sprechen. Denn nur mit Klassenanalyse (einschließlich der Schichten innerhalb derselben) kommen wir den realen Macht- und Herrschaftsverhältnissen auf die Spur.

 

Frau Susanne K., Frau Liz M. oder Frau Friede S. kümmern sich einen Dreck um das imaginierte soziale Geschlecht, sie verstehen sich eindeutig selbst als Frauen UND als Angehörige des Großbürgertums, der obersten Schicht innerhalb der Kapitalistenklasse. Selbst Menschen wie den „Schleckerfrauen" oder der Supermarkt-Kassiererin „Emmely" geht das angebliche soziale Geschlecht „am A. vorbei", auch sie sehen sich einfach als Frauen. Ob sie sich aber als Angehörige der Proletarierklasse verstehen, sich als solche erkennen können, das dürfte fraglich sein. Und so lange sie dies nicht vermögen, ändert sich an den Klassen- und Herrschaftsverhältnissen auch nichts.

 

Und was das Problem Gender noch verschärft, ja lächerlicher macht: das ist nicht nur die Erfindung des sozialen Geschlechts neben dem biologischen, sondern zusätzlich noch die Vermengung von biologischem und grammatikalischem Geschlecht. Eben dies wirkt sich schlimm auf die Verhunzungen der Schriftsprache aus (von der Genderei als „geschlechtsspezifische Sprache" deklariert), die in der gesprochenem Sprache nicht einmal verlautbart werden können. Deshalb verzichtet der Rezensent bei der Wiedergabe der Zitate bewußt auf solche Scheußlichkeiten wie das Binnen-I, den Unterstrich_ oder das Sternchen*.

 

Der Reigen der Schwerpunktartikel wird eröffnet mit Juliane Löfflers Betrachtung „Heiliger Bimbam!": Der NDR-Satiresendung 'Extra 3' gelang der beste Papst-Witz. 'Mann in weißem Kleid und Schmuck besteht auf Unterschied zwischen Mann und Frau'. Die Autorin geht aber auch, und das soll hervorgehoben werden, ein auf „diese noch jungen Studiengänge zum Thema Geschlecht", die „nicht gefeit seien vor der Verwechslung von Ideologie und Wissenschaft", sowohl bei den Lehrkräften als auch den Studenten. (S. 4)

 

Danach wendet sich die Salzburger Professorin Bettina Bussmann in einem längerem Artikel konstruktiv-kritisch dem „Wespennest Genderforschung - Philosophische Rückfragen" zu. Sie schließt sehr richtig mit diesem Satz: „Das Geschlecht darf bei der Verfolgung meiner Lebensziele keine diskriminierende Rolle spielen, was aber die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Klassifizierung 'Geschlecht' angeht, so dürfen diese nicht polemisierend ignoriert werden und in einem Geschlechterkampf enden." (S. 14)

 

Lesenswert ist das Interview, das die MIZ-Redaktion mit der Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz (früher Friedrich-Ebert-Stiftung) führte. Hierin geht es um Rollenbilder, Familienmodelle und Alternativen zur behaupteten Norm. Dazu stehen folgende Fragen im Raum: Wer gehört zu einer Familie? Wer definiert, welche Personen zu einer Familie gehören? Was ist Familismus? Welche sozialpolitischen Konsequenzen ergeben sich aus der (bundesdeutschen) Privilegierung des überkommenen „Vater-Mutter-Kind-Modells"? Und: Welche Rolle spielt die christliche Religion dabei?

 

Frau Notz wird bei der Beantwortung dieser Fragen und der Beschreibung des Ist-Zustandes sehr deutlich. Sie beklagt aber nicht nur das in Politik und Medien vorherrschende christlich-konservative Gesellschaftsbild, sondern sie weist auf Alternativen hin: Wichtig „ist die Anerkennung der bereits vorhandenen vielfältigen Lebensformen. Das ist nur durch die Abschaffung der Privilegien, die mit einer Lebensform (Ehe und Familie) verbunden sind, möglich. (...) Gleichstellung ist erst dann erreicht, wenn keine Lebensform bevorzugt und damit keine benachteiligt wird (...) Es geht um die Möglichkeit von freien Zusammenschlüssen unter freien Menschen (...) Überflüssig würde auch die Familienpolitik, denn es genügte eine Politik für Menschen. Das wäre das Ende des Familismus." (S. 19 - 20)

 

Schwach fallen dagegen ihre Ausführungen über Frauen und Gleichberechtigung, Ehe und Familie in der DDR aus. Hier kann die Autorin ihre westsozialisierten Scheuklappen leider nicht ablegen.

 

Zum Schwerpunktthema gehört noch der überaus informative und detailreiche Überblick des Soziologen Andreas Kemper über den „Organisierten Antifeminismus", in dem er diverse Organisationen und deren Argumentationen vorstellt und klassifiziert. Ferner vermittelt die Nordeuropawissenschaftlerin Brigitte Stepanek einen weiteren Überblick und zwar über das „Gendermainstreaming im Land des 'Gleichstellungsweltmeisters' Schweden" mit der Fragestellung, was denn „Gender Mainstreaming" mit Gleichstellung zu tun habe. Dies neigt teilweise zu einer Idealisierung, so wenn mitgeteilt wird, daß derzeit 13 der 24 Minister Frauen seien.

 

Doch was hat solch ein Fakt mit Gleichstellung, mit einer sozialeren oder friedlicheren Politik zu tun? Was ändert das an den gegebenen kapitalistschen Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen? Nichts!

 

In diesem Heft kann sogar die Rubrik „Rezension" dem Themenschwerpunkt zugeordnet werden. Christoph Lammers bespricht Axel Meyers Buch „Adams Apfel und Evas Erbe". Darin heißt es, und das dürfte nicht nur für Meyer gelten: „Doch trotz seiner profunden Kenntnisse hinterläßt Meyers Buch einen faden Beigeschmack. Denn dort, wo der Autor das Feld der Naturwissenschaft verläßt und sich den aktuellen Diskussionen zur Geschlechterpolitik zuwendet, fehlt es Meyer an der nötigen Sensibilität und Weitsicht. (...) Wenn sich die Naturwissenschaftler, wie es Meyer fordert, 'mehr in gesellschaftliche Debatten einmischen' wollen - und man kann sich nur wünschen, daß dies passiert - dann aber bitte mit der nötigen Weitsicht für die soziale Wirklichkeit, in denen sich die Mehrheit der Bevölkerung befindet." (S. 50 - 51)

 

Der letzte Teil von Lammers' Forderung sollte Maßgabe für jede weitere Debatte sein.

 

Und da wäre der Rezensent beim Thema Qualität. Er muß hier leider auch den schwächsten und schlechtesten Beitrag im aktuellen Heft erwähnen. Es geht um den Artikel des Trierer Jura-Studenten und hpd-Autors Mukeba Muamba „Religiöse Symbole in öffentlich geregelten Räumen wie Schulen und Gerichten polarisieren": Schlecht geschrieben, schwer verständlich (Was will der Autor eigentlich sagen?) argumentativ und juristisch schwach, dazu auch noch ein Unzahl orthographischer Fehler. MIZ-Leser bekommen so aber einen Eindruck vom in den Jahren 2015 und 2014 deutlich gesunkenen Niveau des online-Mediums hpd.de .

 

Zur aktuellen MIZ gehören u.a. noch ein Artikel von Corinna Gekeler zu „Zehn Jahre Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz", Daniela Wakoniggs köstliche Glosse „Neulich... beim Kampf gegen die Überfremdung" durch Fremde aus dem Süden (gemeint ist hiermit die christlich-oktoberfestlich und dirndelnde Bajuwarisierung des Abendlandes), die Rubriken „Zündfunke" mit vier Veranstaltungsberichten, „Termine" (Januar bis März) und „Blätterwald" mit der Vorstellung von vier Publikationen.

 

Hervorzuheben ist die Kurzrezension des Buches „Diese Wirtschaft tötet. Kirchen gemeinsam gegen Kapitalismus" von Franz Segbers und Simon Wiesgickl. In der Wertung heißt es, angesichts der Verklärung des Bergoglio-Papstes : „Man gewinnt den Eindruck, Teile der Linken hätten sich der über Jahrhunderte gültigen natürlichen Feindschaft zum Papsttum in kürzester Zeit entledigt. (...) Den im Sammelband vertretenen Autoren fehlt es zwar an ökonomischen Sachverstand, nicht jedoch am ökumenischen Konsens. (...) ...können die rund 15 Beiträge nicht darüber hinwegtäuschen, daß es an einer selbstkritischen Reflexion der Kirchen bei der Jahrtausenden andauernden Ausbeutung von Natur und Mensch fehlt. So hinterläßt der Sammelband den Eindruck, daß hinter der Kultur des Lebens nichts anderes steckt als ein missionarischer Ansatz im Gewande der Kapitalismuskritik." (S. 34)

 

Hinzuzufügen wäre, daß der Theologe Segbers Mitglied der LINKEn geworden ist und in dieser Partei mit aller Vehemenz und Rabulistik die Laizisten und deren politische Forderungen bekämpft.

 

Und wie immer soll auch auf die „Internationale Rundschau" verwiesen werden, für die Gerhard Rampp verantwortlich zeichnet. Heuer mit Nachrichten aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, den Niederlanden, aus Norwegen, Österreich, Polen, dem Vatikan, aus Argentinien, Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Benin, Simbabwe, Israel, Myanmar und Taiwan. Nicht zu vergessen eine Nachricht aus dem Fürstentum Monaco: Bei einem Treffen in luxuriöser Umgebung haben sich dort die Bischöfe Europas über die „Zurückdrängung der Religion in Europa besorgt gezeigt" und deshalb einen mahnenden Appell an die Regierungen des Kontinents verabschiedet.

 

Zu dieser Nachricht gibt es eine längere Anmerkung der MIZ-Redaktion: „Die Dreistigkeit dieses Appells ist selbst für katholische Bischöfe ungewöhnlich. Erstens drängt niemand die christliche Religion zurück. (...) Zweitens ist es nicht Aufgabe säkularer Staaten, einer bestimmten Religion zu helfen oder sie sogar zu privilegieren. (...) Und drittens zeugt schon die Ansicht, die Kirche könne den Staat für ihre Zwecke einspannen, von seltener Weltfremdheit und Selbstüberschätzung..." (S. 52)

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

MIZ - das bedeutet Materialien und Informationen zur Zeit. Das Vierteljahresmagazin des IBKA (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten) erscheint seit 1972 und kann über den Alibri-Verlag Aschaffenburg bezogen werden.

 



 
01.01.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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