MIZ-Schwerpunkt 4/16: Die Verhältnisse zum Tanzen bringen

WEIMAR. (fgw) Die Zeitschrift MIZ - Politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistInnen - widmet sich in ihrer - erst jetzt ausgelieferten Ausgabe - 4/16 dem Schwerpunktthema „Die Verhältnisse zum Tanzen bringen“. Darin geht es u.a. um den Beschluß des Bundesverfassungsgerichtes zu den sogenannten Stillen Tagen.


In seinem Editorial geht Gunnar Schedel hintergründig auf den „Streit ums Recht auf Tanz und andere unziemliche Tätigkeiten" ein. Darin wird er sehr deutlich, wenn er u.a. dies schreibt: „...der Karfreitag ist kein allgemeiner diesbezüglicher Gedebktag, sondern ein christlicher Feiertag, der nicht begangen wird, damit die Menschen mal für 24 Stunden dem Turbokapitalismus entrinnen können. (...) Die ganze Auseinandersetzung dreht sich letzlich darum, wie der Karfreitag wahrgenommen wird und wer das Erscheinungsbild des Tages bestimmen darf." (S. 1) Schedel weist auf den „ungebrochenen Anspruch" aller Religionen - und nicht bloß von Seiten der jeweiligen Fundamentalisten - hin, „ihre gesellschaftlichen Vorstellungen (zum vermeintlichen Wohl aller) durchzusetzen." (S. 2) „Eine der hierbei erkennbaren rhetorischen Strategien ist die Infragestellung der säkularen Grundlage der Gesellschaft. Säkularität (...) wird als 'Glaubensrichtung' angesehen, die ihrerseits mit den Religionen um ihren Gültigkeitsbereich verhandeln muß." (ebd.) Auf der politischen Ebene sei das damit korrespondierende Bemühen erkennbar, „staatliche Funktionen in den Handlungsbereich der Religionsgesellschaften zurückzuholen". Deshalb sei es „wichtig, daß wir ein Auge darauf haben müssen, daß religiöses Recht sich nicht wieder in Nischen etablieren kann. Denn am End' geht es nicht um die Frage, ob am Karfreitag getanzt werden darf, sondern wer die Verhältnisse generell zum Tanzen bringt." (ebd.)

 

Im weiteren geht es ausführlich um den Beschluß des 1. Senats des Bundesverfassungsrichtes vom 27. Oktober 2016 zur Rechtswidrigkeit des Tanzverbotes am Karfreitag. Dazu äußern sich in einem Interview Assunta Tammelleo vom Münchner Bund für Geistesfreiheit („Natürlich hat sich der Aufwand gelohnt") sowie in einem Fachartikel der ehemalige Verwaltungsrichter Gerhard Czermak („Der Karfreitag, die Heiden und das Bundesverfassungsricht").

 

Auf etwas noch Gravierendes gegen den säkularen Staat weist Vera Muth hin: „Das Verbot der religiösen Voraustrauung". Sie erinnert daran, daß am 1. Januar 2009 das sogenannte „Personenstandsreformgesetz" in Kraft trat, mit dem die Bundesregierung ein wesentliches Prinzip der bereits seit 1875 bürgerlich-rechtlichen en Zivilehe aufhob. Sie konstatiert, daß sich das „bei genauerem Hinsehen als Möglichkeit, religiösem Recht wieder Geltung zu verschaffen" erweise. (S. 15) Für wohl fast jeden der Heutigen dürfte diese Feststellung neu sein: „Bis ins 16. Jahrhundert war es in Europa hingegen üblich, eine Ehe allein durch Einverständniserklärung der Heiratswilligen vor Zeugen zu schließen; eine kirchliche Bestätigung oder Zeremonie war nicht nötig." (ebd.) Dieses Recht hätten sich die Kirchen erst vor 300 Jahren angemaßt.Und erst mit dem Konzil von Trient (1545-1563) seien der sakramentale Charakter der Ehe und deren Unauflöslichkeit festgelegt worden...

 

Arzu Toker geht im Artikel „Wir verteidigen die Rechte der Gottlosen und Buchlosen" auf die Gefahren auch für Leib und Leben, die derzeit in der Türkei Atheisten und Laizisten drohen, ein. Über den Kampf des französischen Aufklärers Paul Henri Thiry Baron d' Holbach schreibt Gottfried Beyvers („Deftige Kritik aus dem feinen Salon"), während Rüdiger Vaas mit „Urknall, Gott und Schwarze Löcher" eine Würdigung des Physikers Stephen Hawking aus Anlaß seines 75. Geburtstages beisteuert.

 

Auf die Debatte um das Verhältnis von Säkularismus, Humanismus und Atheismus geht Horst Groschopp ein, indem er zentrale Aussagen aus dem von ihm mitherausgegebenen „Handbuch Humanismus. Grundbegriffe" sowie seiner Studie „Pro Humanismus" vorstellt. Dazu formuliert er „Fünf Thesen zum Humanismus heute".

 

Über den Film „Salafistes" von Francois Margolin und Lemine Ould Salem schreibt Assia Maria Harwazinski („Kein gesellschaftsfähiger Salon-Islam"), während Christoph Lammers zwei Bücher bespricht: David I. Kertzers „Der erste Stellvertreter. Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus" sowie Karl Hepfers „Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft".

 

Wie immer ein Glanzstück: Daniela Wakoniggs Glosse „Neulich im Lutherland". Die Rubrik „Netzreport" vermittelt sechs Einblicke in der Welt des Internets und der „Zündfunke" gibt einen Rückblick auf vier Aktionen u.ä. Veranstaltungen. Außerdem wird auf diverse Termine in den Monaten Februar bis Mai hingewiesen.

 

Und natürlich darf die von Gerhard Rampp verantwortete und wie stets sehr informative „Internationale Rundschau" nicht fehlen. Heuer mit Nachrichten von den Vereinten Nationen, aus Deutschland, Frankreich, Irland, den Niederlanden (wo jetzt die Konfessionsfreien die absolute Bevölkerungsmehrheit darstellen, was auch für Tschechien und Estland gelte), aus Norwegen, dem Vatikanstaat und dem Souveränen Malteserorden, aus den USA, aus Brasilien, Marokko, China, Indien, Pakistan, den Philippinen, aus Saudi-Arabien und der Türkei.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

MIZ - das bedeutet Materialien und Informationen zur Zeit. Das Vierteljahresmagazin des IBKA (Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten) erscheint seit 1972 und kann über den Alibri-Verlag Aschaffenburg bezogen werden.

 

 



 
07.02.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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