Mörderische Biergeschichten mit und ohne Corona-Geschmack

WEIMAR. (fgw) Alljährlich in der Vorweihnachtszeit legt der Bookspot-Verlag eine Anthologie thematischer Mordsgeschichten vor. Für 2020 war das Thema „Corona“ vorgegeben. Mit „Corona“ werden hierzulande von Politik und Medien verkürzt und damit verfälschend die Covid19-Pandemie und eine Krankheit, die durch das Virus SARS-CoV-2 hervorgerufen wird, bezeichnet. Glücklicherweise sprangen die meisten Autoren der Anthologie nicht auf diesen Zug auf und nahmen lieber Anleihen bei der mexikanischen Bier-Marke „Corona“.


Herausgeber Toby Martins gelang es, zehn Frauen und dreizehn Männer für dieses Projekt zu gewinnen, das 21 Geschichten umfaßt. 20 Autoren stammen aus Deutschland, darunter nur einer aus dem Osten - und der lebt seit 1959 auch im Westen; hinzu kommen je einer aus Österreich, der Schweiz und aus Schweden. Soweit Altersangaben gemacht werden, liegen die Geburtsjahre zwischen 1935 und 1976.

 

Besonders erfreulich ist, daß die Grande Dame des schwedischen Krimis, Maj Sjöwall, für dieses Projekt gewonnen werden konnte. Sie steuerte gemeinsam mit Jürgen Alberts die Geschichte „Hangover in Jever" bei: eine überaus humorvolle Gesellschaftssatire („das erste Bier nur für Frauen"). Ebenso erfreulich ist, daß man langer Zeit auch wieder etwas aus der Feder von Peter Hardcastle lesen kann: „Le Père cruel" (dt. Der grausame Vater).

 

Zu loben sind insbesondere die Geschichten von V.S. Gerling („Corona vom Fass"), Marlies Kalbhenn („Alleweil ein gutes bayerisches Bier"), Toby Martins („Die letzte Flasche"), Manfred C. Schmidt („Bier in grünen Flaschen oder Ostfriesische Kneipenregel"). Der Meister des Thrillers V.S. Gerling beweist hier, daß er auch Kurzgeschichte(n) schreiben kann. Und das auch noch mit philosophischem Tiefgang. Marlies Kalbhenn hat ihrerseits eine Humoreske allererster Güte vorgelegt. Toby Martins glänzt nicht nur mit der Wahl verrücktester Namen für seine Charaktere, er läßt auch die soziale Komponente nicht aus: „Corona" als Vorwand für Personalabbau... Unbedingt muß hier auch der Beitrag von Kai Engelke „Das überaus harte und qualvolle Leben des Harm Schnieders" erwähnt werden. Das Groteske darin offenbart sich am deutlichsten in der Traueranzeige am Schluß...

 

Daß nicht alles nur der kreativen Phantasie entsprungen sein muß, das zeigt sich in der Geschichte „Es begann mit einem Frühstück", die einem das Blut in den Adern gefrieren läßt. Denn Gesine reichstein wählte als Hintergrund für ihren Beitrag das spurlose Verschwinden von 43 mexikanischen Lehrerstudenten am 26. September 2014. Ein Verbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt ist.

 

Nicht wenige Autoren gehen in ihren Texten auf Geschmacksverirrungen in der Bier-Produktion ein, insbesondere die modischen „Craft Biere", und meinen einhellig: Ein Bier muß nach Bier schmecken!

 

Weniger gelungen sind dagegen die Beiträge von Bernd Köstering („Die Insel") und Andreas Reichstein („Das Abendmahl"). Beide geben sich leider der hierzulande verbreiteten Russophobie bzw. dem Antisinismus hin und sind daher eher der Rubrik „billige Propaganda" statt guter Literatur zuzuordnen.

 

Insgesamt aber kann der Rezensent sowohl dem Vorwort des Herausgebers als auch dem Klappentext des Verlages zustimmen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Toby Martins (Hrsg.): Der letzte Schluck Corona. Mörderische Bier-Geschichten mit Geschmack. 256 S. kart. Edition 211 im Bookspot-Verlag. Planegg 2020. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-156-0

 



 
10.01.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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