Mord und Totschlag rund ums Weimarer Bauhaus-Jubiläum

WEIMAR. (fgw) Das beschauliche Weimar im grünen Herzen Thüringens ist immer eine Reise wert. Insbesondere dann, wenn dort Jubiläen anstehen. Heuer sind es jedoch nicht Goethe und Schiller, die gefeiert werden, sondern man gedenkt aktuell des anno 1919 gegründeten „Bauhauses“. Für die im Taunus lebende Schriftstellerin Susanne Kronenberg ist das Anlaß, ihre Wiesbadener Privatdetektivin Norma Tann in Weimar, wenngleich ungewollt, ermitteln zu lassen.


Für Norma Tann sollte „Tod am Bauhaus" - so der Titel dieses Kriminalromans - zum achten Fall werden. Ja, man muß eigentlich im Futurum schreiben, denn die Ereignisse hat die Autorin zwischen dem 6. und 9. Juli des Jahres 2019 angesiedelt...

 

Der gebürtigen Hamelnerin Kronenberg darf man gleich eingangs attestieren, daß das von ihr gezeichnete Weimarer Lokalkolorit, Straßen, Plätze, Einrichtungen etc., wirklich stimmig ist. Und auch die lokalen Akteure sind als glaubhafte Charaktere gezeichnet. Und natürlich kann sich die Autorin auch nicht das schöne Wortspiel bezüglich Weimarer und Weimaraner nicht verkneifen. Sie weiß, wer da wer bzw. was ist! Anders als ein zu Beginn des Jahrtausends nach Weimar eingeflogener promovierter „Wessi", der hier in ein hohes städtisches Amt berufen wurde. Der sprach da ganz stolz von seinen neuen Weimaraner Mitbürgern, was bei den Weimarern absolut keine Begeisterungsstürme hervorrief. Sondern ein Naserümpfen...

 

Doch zurück zum Krimi. Norma Tann reist mit der Bahn nach Weimar, um sich dort mit ihrem Lebensgefährten Dr.Dr. Timon Frywaldt zu treffen. Der ist Spurenspezialist beim hessischen Landeskriminalamt. Norma war mal als Hauptkommissarin in der Mordkommission seine Kollegin. Seit einigen Jahren ermittelt sie jedoch nur noch als Privatdetektivin. Beide wollen sich in der Klassiker- und Bauhaus-Stadt ein paar schöne Tage machen. Denn es sind keine dienstlichen Verpflichtungen, die Frywaldt nach Weimar gerufen haben. Nein, dort ist sein Onkel 89jährig verstorben und der hatte den Neffen im Testament bedacht.

 

Just zu diesem Zeitpunkt wird vor dem Weimarer Nationaltheater ein junger, aufstrebender Landtagsabgeordneter auf offener Straße erschossen. Der Täter ist flüchtig, ein Motiv nicht erkennbar. Und nur kurz darauf kommt noch ein Weimarer Kunsthändler durch einen gezielten Schuß ums Leben. Es ist wie beim Mord zuvor. Die Weimarer Kripo steht vor einem Rätsel.

 

All das bekommt Norma zunächst nur am Rande mit. Sie bewegt nur eines: Ihr Timon hat sie nicht wie versprochen am Hauptbahnhof abgeholt. Und als sie sich auf die Suche begibt, erfährt sie, daß ihr Freund in keinem der Weimarer Hotels und Pensionen abgestiegen ist. Sie begibt sich auch zum Haus, in dem Timons verstorbener Onkel gelebt hatte. Dort begegnet sie den beiden Haupterbinnen aus dem Westen Deutschlands, beides keine liebenswürdigen Menschen. Doch auch sie wissen nichts von Timons Verbleib und haben dessen Erbteil, einen antiken Kinderschrank, für die Sperrmüllabfuhr auf die Straße gestellt. Norma, die sich unterdessen in einer kleinen Pension eingemietet hat, kann den Schrank, der im Verlaufe der Geschichte noch eine bedeutsame Rolle spielen wird, gerade noch rechtzeitig retten.

 

Und weil von Timon immer noch jede Spur fehlt, der von derKripo schließlich sogar noch des Mordes am Kunsthändler verdächtigt wird, nimmt Norma selbst die Ermittlungen auf. Hier nun begegnet sie diversen Weimarer Bürgern, die ihr viel übers Bauhaus und dessen wichtigsten Köpfe erzählen. Sie begegnet aber auch einem nach Weimar gekommenen kunstliebenden Unternehmer aus ihrer Heimat, der hier nach 1990 einen Zweigbetrieb eröffnet hat. Norma fühlt sich derweil verfolgt und kann diesen Verfolger dank ihrer Professionalität stellen. Der gibt sich als Journalist zu erkennen, der zu bestimmten Sachverhalten, das Bauhaus-Erbe betreffend, ermitteln würde. Norma bleibt nichts also anderes übrig, sich wegen gemeinsamer Anhaltspunkte mit ihm nicht nur auf Timons Spur zu begeben.

 

Und diese Spurensuche führt schließlich zurück in die 1920er Jahre bis hin zur Machtübertragung an Hitler. Vor allem geht es um ein wertvolles Gemälde, es soll heuer Millionen Euro wert sein, das dessen in Konkurs gegangener Eigentümer während der Weltwirtschaftskrise einem Verwandten übergeben hatte. Nachkomme dieses Verwandten ist der oben genannte West-Unternehmer. Von dessen Familie fordern die Nachkommen des eigentlichen Eigentümers, eingesessene Weimarer, seit 1990 das Bild zurück.

 

Wie hängt das alles zusammen? Die Morde, Timons Verschwinden, Timons Erbe, der Bilderstreit? Und wer ist wer? Wer ist der zwielichtige Journalist wirklich? Was verbirgt sich hinter der jovialen Maske des kunstliebenden Unternehmers? Und schließlich, wer ist der Mörder? Hat der etwa auch Timon getötet?

 

Fragen über Fragen. Doch langsam beginnen sich die Nebel zu lichten, auch wenn inzwischen Anschläge selbst auf Norma verübt werden. Alles liegt in der Vergangenheit begründet! Und es hat mit einer geheimen völkischen Feme-Organisation, der „Organisation Consul", zu tun. Die gibt es zwar schon seit Jahrzehnten nicht mehr, wohl aber ihre geistige Saat. Und so fügt die Autorin in das aktuelle Geschehen eine fiktive Organisation ein, die mit ähnlichen Mitteln ebenfalls die demokratischen Verhältnisse beseitigen will. Man fühlt sich da teilweise an die reale „NSU" erinnert. Neugierige Leser dieses Romans sollten gerne auch noch näher zur Organisation Consul recherchieren. Nur so viel, so wie seinerzeit solche Gruppen einen gutbürgerlichen, völkischen Hintergrund hatten, so ist solcher auch heute nicht von der Hand zu weisen.

 

Wie sich schließlich alles klärt, und vor allem, wie gerade noch rechtzeitig das Schlimmste verhütet werden kann, das soll hier natürlich nicht verraten werden.

 

Dafür aber soll an dieser Stelle etwas mehr zu den anderen Hintergründen dieser wirklich spannenden Geschichte gesagt werden. Das geschieht insbesondere durch das regelmäßige Einfügen von Tagebuchaufzeicnungen zwischen Januar 1915 und Juni 1936. Aufzeichnungen die Timons Onkel, der seinerzeit als Journalist auch in Weimar tätig war. Dieser fiktive Onkel berichtet darin u.a. über seine Beziehungen zu realen Bauhaus-Persönlichkeiten. Vor allem geht es um Frauen am Bauhaus, um eine ganz bestimmte. Und hier ist es löblich, daß hier nicht nachträglich idealisiert wird, wie es heute leider oberflächlich zu oft der Fall ist. Nein, auch dort wurden Frauen damals von den Männern meist nur als zweitrangig, als Hilfkräfte und nicht als Meisterinnen, angesehen...

 

Zur Hintergrundaufklärung muß man unbedingt das Nachwort zählen, in dem die Autorin im Text erwähnte historische Personen knapp in alphabetischer Reihenfolge vorstellt, u.a. Lyonel Feininger, Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Lucia Moholy-Nagy (!) und deren Ehemann Lászlo Moholy-Nagy sowie ihren späteren Lebensgefährten, den kommunistischen Reichstagsabgordneten und Widerstandskämpfer Dr. Theo(dor) Neubauer. Erwähnung findet ebenso Clara Zetkin. Diese wird hier aber fälschlich nur als SPD-Politikerin vorgestellt. Ja, sie gehörte ursprünglich dieser Partei an, war aber von 1918 bis zu ihrem Tod 1933 eine der profiliertesten Persönlichkeiten der Kommunistischen Partei Deutschlands.

 

Alles in allem, dieser Krimi verbindet auf gekonnte Weise und spannend erzählt reale Zeitgeschichte einst und heute mit einem fiktiven komplexen Mordfall. Im Laufe der Lektüre fügt sich langsam ein Puzzleteil zum anderen und der Leser kann so kriminalistische Ermittlungsarbeit durchaus wirklichkeitsnah nachvollziehen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Susanne Kronenberg: Tod am Bauhaus. Kriminalroman. 284 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2399-4

 



 
05.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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