Morphium, Mokka und Mördergeschichten aus dem alten Wien

WEIMAR. (fgw) Nach sechs Loibelsberger-Romanen um den Inspector Joseph Maria Nechyba hat nun der Gmeiner-Verlag auch einen Band mit Kurzgeschichten aus der Laufbahn dieses (natürlich nur fiktiven) Kriminalisten aus dem Wien zur Zeit des Kaisers Franz Joseph vorgelegt.


Diese Anthologie versammelt dreizehn (!) Geschichten, mit denen Gerhard Loibelsberger beweist, daß er nicht nur großartige Romane verfassen kann, sondern ebenso meisterhaft kurze Erzählungen.

 

Diese „Mördergeschichten" reflektieren fast den gesamten kriminalistischen Werdegang Nechybas:

 

Seinen ersten „Fall" löst er im Jahre 1873, da weilte er als 13jähriger Schüler bei Verwandten auf dem Lande. Als neugieriger und aufgeweckter Junge stellt er dank seiner Beobachtungsgabe fest, daß eine ältere Dörflerin nicht erwürgt worden ist... („Das Gespenst von Kadoltsberg").

 

Die nächste Geschichte führt ins Jahr 1888, da ist Nechyba bereits Polizeiagent im k.k. Polizeiagenteninstitut, wie sich seinerzeit die Wiener Kriminalpolizei nannte. Das neuerbaute Burgtheater soll eröffnet werden, allerhöchste Prominenz wird dazu erwartet. Doch kurz vor diesem Termin sind etliche Handwerker in dem Neubau ums Leben gekommen. Man erwartet daher für die Eröffnungsvorstellung Schlimmes. Nechyba wird deshalb dem Prince of Wales als Leibwächter zugeteilt. Es gelingt ihm auch, einen potentiellen Attentäter unschädlich zu machen. Allerdings, das darf verraten werden, galt der Anschlag nicht dem britischen Thronfolger. Was sich Loibelsberger da bezüglich „Zielperson" und Motiv hat einfallen lassen, das ist einfach genial. Und da nicht immer sein kann, was nicht sein darf, wird die ganze Affäre auf gut österreichische Weise „unter den Teppich gekehrt". Und... Nechyba vorfristig zum Inspector 2. Klasse befördert („Das Phantom des Burgtheaters").

 

1889 stellt sich die Frage, was ist seinerzeit schlimmer: Morphinismus oder Homosexualität? („Salon 29"). Neun Jahre später scheint Nechyba aber seine Menschenkenntnis verlassen zu haben, als er - auf dem Lande, und wie kann es anders sein, in einem Wirtshaus - einem Deserteur begegnet („Mlejnek in Mauer").

 

Grotesk geht es anno 1910 in „Nechybas Nemesis" zu: Der Polizeipräsident hat gerade eine Order erlassen, demzufolge es Beamten strengstens verboten ist, während der Dienstzeit Gabelfrühstücke und diverse Krügerl Bier zu sich zu nehmen. Für Nechyba ein einziger Horror, denn er braucht ja gerade solches tagtäglich und so dreht er tatsächlich durch... Aber gemach, hier ist nicht alles so wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

 

Die beiden letzten Erzählungen führen dann in die Jahre 1916 und 1917. Für Nechyba schlimme Jahre, gibt es doch im dritten und vierten Kriegsjahr, kaum noch etwas zu essen und so gut wie keinen richtigen Kaffee mehr. Und der bis vor kurzem noch gewichtige Mann benötigt nun Hosenträger... Dennoch muß er weiterhin Fälle lösen. Das mag zum Inhalt dieser und der hier nicht erwähnten Geschichten genügen.

 

Das Besondere an diesen dreizehn Mördergeschichten ist, daß einigen von ihnen tatsächliche Verbrechen zugrundeliegen. Loibelsberger hat hier überaus geschickt diese Kriminalfälle mit seinem fiktiven Inspector, später sogar Oberinspector, Joseph Maria Nechyba verwoben. Man kann mitunter sogar meinen, diesen Mann habe es wirklich gegeben. Hilfreich beim Lesen und Werten der Geschichten ist nicht nur ein Glossar österreichischer resp. Wiener Begriffe, sondern auch ein sehr langes Verzeichnis historisch verbürgter Personen.

 

Auch dieses Buch aus Loibelsberger Feder ist wieder ein Genuß, ja ein Hochgenuß, und das nicht allein wegen der exzellenten Krimigeschichten. Für den Rezensenten macht nicht minder die durchgängige Verwendung eines altmodischen Deutsch' und ebensolcher Redewendungen ein echtes Leseverhnügen aus. Es ist einfach herrlich, wie mit sichtlichem Genuß Loibelsberger z.B. solchiges zu Papier gebracht hat: Inspector, Bureau und immer wieder dieses „k.k. Polizeiagenteninstitut" oder eine Wendung wie jene: „verfügte er sich ins Café" anstelle von „er ging ins Café".

 

Außerdem kann einem beim Lesen vor lauter Appetit förmlich das Wasser im Munde zusammenlaufen. Denn Nechyba ist bei all seinem Können und bei seinen anderen Eigenheiten auch, und das nicht zuletzt, ein kulinarischer Lebemann. Genüßlich, ja wirklich genüßlich, beschreibt Loibelsberger die diversen Mahlseiten, die sein Inspector sich einverleibt. Nicht selten ist das verbunden mit teilweise sehr detaillierten Hinweisen zur Zubereitung derselben.

 

Originalität, Spannung, Lesefreude und dazu ein guter Schuß historischen Wissens zeichnen Loibelsbergers Bücher, so auch diese Anthologie, auf einzigartige Weise aus. Man kann einfach nicht genug davon bekommen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gerhard Loibelsberger: Morphium, Mokka, Mördergeschichten. Wien zur Zeit Joseph Maria Nechybas. 180 S.. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 14,50 Euro. ISBN 978-3-8392-2502-8

 

 

 



 
30.08.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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