Mühlviertler Kreuz: Braut in der Hochzeitsnacht ermordet

WEIMAR. (fgw) Eva Reichl hat nun den bereits vierten Roman ihrer Krimi-Reihe aus dem österreichischen Mühlviertel vorgelegt. Darin bekommen es der Linzer Chefinspektor Oskar Stern und seine Mitarbeiter mit einer im wahrsten Sinne des Begriffs „unerhörten Begebenheit“ zu tun.


Unerhörte Begebenheit nicht nur, weil in ihrer Hochzeitsnacht die Braut ermordet worden ist. Auch nicht, weil man sie in einer eigenartigen Position (in Kreuzform zwischen den Bäumen am Abhang des Feierortes, der Burgruine Reichenstein) aufgefunden hat. Unerhört ist diese Begebenheit auch deshalb, weil sich bei den kriminaltechnischen und forensischen Untersuchungen herausstellt, daß die Ermordete in dieser Nacht keinesfalls die Ehe mit ihrem angetrauten Ehemann vollzogen hat. Stattdessen finden sich vaginal die Spuren eines anderen Mannes und auf dem Kleid noch das Sperma eines dritten Mannes...

 

Unerhört ist nicht minder, daß es sich bei dieser Hochzeit um eine von den Vätern arrangierte Eheschließung zwischen der Tochter eines in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Unternehmers und dem Sohn des rettenden „Investors" handelt. Mit formaler Eheschließung fließen dann tatsächlich fünf Millionen Euro auf das Firmenkonto.

 

Aufgrund dieser Hintergründe und etlicher merkwürdiger Umstände geraten sofort die Mitglieder der beiden großbürgerlichen Familien in der Fokus der Ermittlungen. Von Anfang an wird immer klarer, daß da ein jeder etwas zu verbergen hat. Und was sich Stern und seiner Mordermittlungsgruppe Schritt für Schritt offenbart, das ist nichts weniger als eine morbide, dekadente und konfliktgeladene Welt hinter gutbürgerlich-katholischer Fassade.

 

Zuvörderst stellen sich aber dennoch zwei Fragen: Wer profitiert von dem Geld und wer vom Tod der jungen Frau?

 

In Verdacht gerät in ihrer Familie der eigene Bruder. Denn der Patriarch hat nicht ihn, sondern die jüngere Tochter als künftige Chefin des Unternehmens eingesetzt. In der anderen Familie macht sich nicht nur der zwangsverheiratete Sohn, sondern auch dessen Vater verdächtig. Einzig vernünftige Person in beiden Familien scheint allein die Schwester des Frühverwitweten.

 

Aber dann ist da noch der große Unbekannte, mit dem die Braut vor aller Augen in der Hochzeitsnacht angebandelt hat. Selbst ein Musiker aus der da aufspielenden Band ist der Tat verdächtig. Doch kaum scheint ein Verdächtiger vorerst entlastet, so verstärken sich gleich darauf die gegen ihn sprechenden Indizien wieder.

 

Rasant geht es weiter. Schließlich fallen noch in der Villa des Kapitalgebers Schüsse. Es gibt weitere Tote und sogar noch eine Doppel-Entführung...

 

Bis sich zuguterletzt doch noch alles zu einem klaren (Charakter-)Bild zusammenfügt. Manches war nicht so, wie es anfangs schien. Natürlich ging es nur ums Geld und um Macht. Und... die ermordete Braut war nicht nur Opfer.

 

Eva Reichl wird mit jedem ihrer Kriminalromane besser, nicht nur erzählerisch. Ging es in der ersten primär nur um Beziehungstaten im eher privaten Bereich, so kommt im vierten Band doch die reale spätkapitalische Welt deutlich ins Bild. Und das keinesfalls plakativ, sondern überzeugend und glaubwürdig. Selbst die verwickelten Beziehungsgeflechte zwischen den Mitgliedern der beiden großbürgerlichen Familien wirken keinesfalls konstruiert.

 

Natürlich gibt es auch in diesem Roman die beiden bereits gewohnten Nebenstränge einerseits um Oskar Stern als liebevollen Großvater seiner beiden Enkel sowie andererseits um die Beziehungen zwischen seinen Untergebenen. Immerhin steht ja nun auch noch die Eheschließung zwischen seiner potentiellen Nachfolgerin Mara Grünbrecht und dem Kollegen Edwin Mirscher an.

 

Und so manche Textstelle zeigt so ganz nebenbei, was in unserer Gesellschaft ebenfalls nicht in Ordnung bzw. fragwürdig ist - so wie diese auf S. 29, wo es um Smartphones geht:

 

„Der Zehnjährige wischte und tippte auf diesen Gerätschaften herum, was das Zeug hielt. Aber auch Erwachsene hatte dieses Virus mitunter ereilt. Manche schrieben sich lieber Nachrichten, anstatt miteinander zu reden. Die soziale Kompetenz schien jedoch mit dem Zunehmen der sozialen Netzwerke und dem Gebrauch von WhatsApp und Co drastisch abzunehmen."

 

Alles in allem: Es lohnt sich immer von neuem, Eva Reichls spannend und guterzählte Kriminalromane zur Hand zu nehmen. Aber, wenn man einmal angefangen hat mit dem Lesen, dann kann man gar nicht wieder aufhören. Und so bleibt heuer nur zu hoffen, daß Oskar so bald nicht in Pension gehen möge und noch einige knifflige Fälle mit Kollegin Mara zu knacken hat.

 

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Eva Reichl: Mühlviertler Kreuz. Kriminalroman. 312 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 13,50 Euro. ISBN 978-3-8392-0063-6

 



 
05.09.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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