Münchens „Safran“-Sternekoch auf dem Jakobsweg ermordet

WEIMAR. (fgw) Es ist schon erstaunlich, wie erfindungsreich – und damit aussagekräftig – Kaspar Panizza bei der Vergabe von Attributen für Hauptkommissar Steinböcks Katze „Frau Merkel“ ist. Heuer, also im nun bereits sechsten Band, ist diese eine „Gourmetkatz“.


Hierin haben wir es mit zwei Mordfällen zu tun, die auf den ersten Blick rein gar nichts miteinander zu tun haben. Zumal zwischen beiden Tatorten nicht nur viele hundert Kilometer, sondern sogar mehrere Staatsgrenzen liegen.

 

Vom ersten Mordfall bekommt Steinböck nur deshalb Kenntnis, weil ihm die aufdringliche Skandalreporterin Sabine Husup (von allen nur als „Harry Potter" bezeichnet) ein Handy-Video vorführt, daß sie und ihre Freundin und Kollegin „Putzi" aufgenommen haben. Und zwar in Spanien auf dem sogenannten Jakobsweg: Man erkennt, daß eine Person eine andere eine Steilwand herunter stößt. Schon bald kann das Opfer als der Münchner Sternekoch Jakob Kerbel identifiziert werden, einer der beiden Teilhaber des Restaurants „Safran". Kerbel wird aber gefunden und in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er im Koma vor sich hindämmert.

 

In Verdacht gerät sofort der andere Teilhaber, der bekannte (und durchgeknallte) Fernsehkoch Dago Pfalzer, dessen Alibis viele Lücken und Widersprüche aufweisen. Übrigens ein Jugendfreund Steinböcks.

 

Währenddessen verschwindet „Putzi" spurlos; der Leser bekommt aber zu wissen, daß die Reporterin entführt wurde und nun irgendwo gefangengehalten wird. Zudem werden ihre und Husups Wohnung durchwühlt. Das kann nur der Täter gemacht haben. Beide Frauen müssen wohl im Besitz brisanter Dokumente sein. Es wird ferner bekannt, daß „Putzi" nochmals in Spanien war und Kerbel im Krankenhaus aufgesucht hat.

 

Und es geschehen außerdem noch Zeichen und Wunder: Steinböcks Kollegin Ilona Hasleitner, inzwischen frischgebackene Kommissarin, darf eine Dienstreise nach Spanien antreten. Doch mit Kerbel kann sie nicht reden, denn der verstarb kurz zuvor. Auch die Spurensuche verläuft ergebnislos. Dennoch werden diese wenigen Tage für Ilona unvergeßlich werden...

 

Zum zweiten Mordfall: Dem sogenannten Isarphilosophen „Sokrates", vulgo der obdachlose Harti Kleverlä - nebenbei auch ein Jugendfreund Steinböcks, findet unter „seiner" Brücke eine angeschwemmte Leiche. Diese kann als ein moldauischer Erntehelfer namens Constantin Rusu identifiziert werden. In der Gerichtsmedizin offenbart sich, daß diesem ein Teil der Leber sowie eine Niere entnommen worden sind. Folgerichtig gehen Steinböck und Kollegen davon aus, daß der Moldauer Opfer der Organmafia geworden ist. So weisen einige Spuren auf den aus der Türkei stammenden Arzt Dr. Mehmet Mabuse hin.

 

Was haben nun beide Mordfälle miteinander zu tun? Es stellt sich heraus, daß Constantin seine Leber der Schwester Kerbels spenden sollte. Doch es kam nie zu einer solchen Transplantation. Hierüber gibt es verschiedene Ausssagen. Aus denen hervorgeht, daß sowohl Kerbel als auch Constantin betrogen worden sind. Von wem und warum? Außerdem, wie das beweisen? Und vor allem: Wer ist der Mörder? Nun es kann und darf hier gesagt werden, es waren zwei sehr verschiedene Mörder am Werk, die nichts miteinander zu tun hatten. Allerdings war Habgier beider Motiv...

 

Im Laufe der Ermittlungen führen viele Wege nicht nur Steinböck immer wieder ins „Safran". Pfalzer bekocht Steinböck sogar in dessen Wohnung mit teuersten Delikatessen, während er für „Frau Merkel" edle Lachsröllchen im Angebot hat. Und just hier wird ein großes und lange gehütetes Geheimnis publik: Pfalzer spricht Steinböck mit Vornamen an, konkret mit dessen beiden Vornamen. Nun versteht man Steinböcks Heimlichtuerei („Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich ... heiß." - Naja, so etwas wie Rumpelstilzchen ist es aber nicht.)

 

Nebenher tut sich noch vieles, kommen altbekannte Personen ins Spiel und neue hinzu. Es darf verraten werden, daß Steinböck nach der Pensionierung seines Dezernatsleiters mit Lotta Nilson nun eine Chefin bekommen hat. Er selbst wollte den Schreibtischjob aber nicht. Und auf seine alten Tage fängt Steinböck mit eben dieser Lotta ein Techtelmechtel an, das von dieser auch gerne erwidert wird.

 

Ja, nicht nur daran wird deutlich, daß Panizza nichts von sogenannter politischer Korrektheit hält, sondern seine Helden einfach Menschen sein läßt. Er unterwirft sich auch nicht der selbsternannten Gender-Sprachpolizei und führt dem Leser einige solcher Absurditäten vor Augen. Ein Beispiel mag genügen; auf S. 179 heißt es u.a.:

 

„Eine korpulente Frau im Blaumann*frau fegte den Weg vor dem Hauseingang..." - Selten so gelacht, gibt der Rezensent ohne Skrupel zu!

 

Ja, immer wieder brilliert zwischen den Zeilen köstlicher Wortwitz, kommt schwarzer Humor auf gekonnte Weise zum Tragen. Förderlich für die Spannung wie fürs Lesevergnügen.

 

Beide Fälle können schließlich beweiskräftig aufgeklärt werden. Und diverse andere zwischenmenschliche Ereignisse gestalten sich positiv. Und was darf noch verraten werden? Eigentlich nichts. Aber doch, wenigstens das: Der Mord an Kerbel zumindest war für den Täter bereits vor dem Anschlag umsonst. Wobei diese Person bis zu den letzten Seiten gar nicht „auf dem Schirm" von Steinböck und dem Leser war. Ein wahrer - und dazu sogar glaubhafter - Geniestreich des Autors.

 

Dem Liebhaber der Panizza'schen Katzenkrimis stellen sich aber nun zwei Fragen, denn „Frau Merkel" gibt mehrfach kund, daß auch sie den Jakobsweg gehen möchte. Und außerdem endet ja nun die endlose Amtszeit der Bundeskanzlerin gleichen Namens: Geht „Frau Merkel"? Und wenn ja, legt sich Steinböck nun ein neues Haustier zu? Womöglich eine grüne Mamba?

 

Warten wir also mit Spannung und Neugier auf den siebenten Steich des Kaspar Panizza!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Kaspar Panizza: Gourmetkatz. Kriminalroman. 278 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2021. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-0030-8

 



 
29.10.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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