Die Nazi-„Schattenkrieger“ überlebten als Kriegsgewinnler

WEIMAR. (fgw) Harald Jacobsens Roman „Fördekartell“ ist nicht bloß ein Ostsee-Krimi, wie der Untertitel suggeriert. Obwohl sämtliche Ereignisse rund um die Ostsee stattfinden, geht es im Kern um Nachwirkungen des II. Weltkrieges bis in die Gegenwart.


Folglich beginnt der Roman mit einem Prolog am 4. Mai 1945. Der zweite Weltkrieg ist für Europa eigentlich schon zuende, doch in Flensburg residiert nun die noch von Hitler eingesetzte sogenannte „Dönitz-Regierung". Die will vor der bedingungslosen Kapitulation noch retten was zu retten ist, während subalterne Kräfte die Weichen für die Zukunft stellen wollen.

 

An eben jenem 4. Mai des letzten Kriegsjahres werden in Flensburg eine ältere Frau und deren Nichte ermordet. Man erfährt, daß sie einem Umbekannten Unterschlupf gewährt hatten. Dieser ist aber bereits weitergeflohen. Ein Mann in Marineuniform war ihm dicht auf den Fersen. Da die Frauen aber keine Aussagen machen wollten bzw. konnten, tötete der Wehrmachtsangehörige sie. Nur kurz darauf verurteilte ein deutsches Kriegsgericht den Verlobten der jungen Frau wegen Doppelmordes in einem Eilverfahren zum Tode. Obwohl Zeugen andere Aussagen in bezug auf den Täter gemacht hatten.

 

Vom Prolog geht es in die Gegenwart. Bei einem Segeltörn in der Flensburger Förde kommt ein britischer Historiker zu Tode. Alles deutet auf einen selbstverursachten Unfall hin. Und hier setzt nun die eigentliche Handlung ein.

 

Der Kommandeur der Marineschule Mürwik, der dem Historiker Zutritt zum Archiv gewährt hatte, glaubt nicht an die Unfalltheorie. Zumal der Brite sich zwei Themen zugewandt hatte: zum einem dem Doppelmord von 1945 und zum anderen einer geheimnisvollen Gruppe von Kriegsmarineoffizieren, den sogenanten Schattenkriegern. Deshalb bittet der Kommandeur den wegen einer schweren Dienstverletzung frühpensionierten Bundespolizei-Hauptkommissar Henrik Bargen um Hilfe. Bargen ist mittlerweile als Privatermittler tätig und nimmt, da sein Interesse geweckt ist, den Auftrag an. Im Archiv der Schule stößt er bald auf alte Dokumente. Und just in diesem Moment wird er dort (!) überfallen und die Dokumente kommen abhanden.

 

Kurz darauf werden im nahen Glücksburg zwei Männer tot aufgefunden. Zunächst in einem Park ein Mann, der als Enkel eines Kriegskameraden des zweiten Mannes vorgestellt wird. Der jüngere sollte den Alten töten, doch der, 92 Jahre zählend, kommt ihm zuvor. Der Alte ist der letzte Überlebende der Schattenkrieger und damit unbequemer Zeuge. Bald darauf kommt aber auch der Alte in seinem Seniorenheim zu Tode, alles deutet auf einen „häuslichen Unfall" hin.

 

Jetzt und auch später ist der Leser den Ermittlern stets um einige Fakten voraus.

 

Die beiden Glücksburger Todesfälle werden von der Abteilung der Kriminalhauptkommissarin Sonja Martenson bearbeitet. Auch hier fällt irgendwann der Begriff „Schattenkrieger". Und so kooperieren fortan der Privatermittler und die Kripo. Eher unbewußt können sie viele Puzzleteile zusammenfügen, die Ereignisse von 1945 und die aktuellen drei Todesfälle betreffend. Alles scheint irgendwie zusammenzugehören. In den Fokus gerät dabei ein international tätiger Rohstoffkonzern in Familienbesitz, in welchem der Bruder des jüngeren Ermordeten eine Führungspostion innehat. Und vieles deutet darauf hin, daß in der ganzen Geschichte die schwedische Konzerndependence eine besondere Rolle spielt. Also reisen Bargen und Martenson nach Nordschweden, wo gleich zwei Anschläge auf sie verübt werden. Den ersten überstehen sie nur durch Zufall unbeschadet. Den zweiten nur knapp, wobei Bargen so schwer verletzt wird, daß er für lange Zeit an den Rollstuhl gefesselt bleibt. Daher gibt er seinen eigentlichen Auftrag zurück.

 

Unterdessen werden Sonja Martensons Kollegen in einem süddeutschen Militärchiv fündig. Doch auf dem Rückweg wird der betreffende Rechercheur überfallen und ihm die Dokumente gestohlen. Wie man später erfahren wird, gibt es aber Kopien. Was aber auch damit immer offenkundiger wird: Die Nachfahren der Schattenkrieger sind gut vernetzt, wissen über alle Schritte der Ermittler sehr benau Bescheid und sind diesen daher fast immer um einen Schritt voraus.

 

Während Bargen im Rollstuhl sitzt und sich in Selbstmitleid übt, ist ein alter Bekannter von ihm, ein lettischer Polizist, aktiv geworden. Der konnte in Riga den unbekannten Flüchtling von 1945 ausfindig machen und bekam von ihm ein ausführliches schriftliches Geständnis. Mit diesem will er zu Bargen. Doch man ist ihm auf den Fersen und der Lette wird in Wismar ebenfalls ermordet, so wie kurz zuvor auch der lettische Flüchtling von einst.

 

Nun erwacht Bargen aus seiner Lethargie und nimmt die Ermittlungen wieder auf. Doch die Gegenseite hat dafür bereits einen perfiden Plan B parat. Und so wird nun Bargen aller aktuellen Mordfälle bezichtigt; zumal gerade für den Wismarer Mord der Staatsanwaltschaft „unwiderlegbare" Beweise präsentiert werden. So wird der Jäger zum Gejagden, auch wenn Martenson und deren Kollegen nicht an Bargens Unschuld zweifeln. Bargen kann fliehen, begibt sich erneut nach Schweden. Dort kommt er erneut mit einem dortigen Kriminalisten in Kontakt, der ebenfalls von seiner Unschuld überzeugt ist. Und ihm also wertvolle Hinweise und praktische Unterstützung gewährt.

 

Doch die Häscher der Schattenkrieger sind gewarnt und vermuten Bargen ebenfalls in Schweden. Eine gnadenlose Jagd beginnt... Nicht nur auf Bargen...

 

Es wird offenbar, daß es einen sehr einflußreichen Hintermann gibt, der über Leben und Tod entscheidet und der sogar dem Konzernboss Befehle erteilen kann. Doch wer ist dieser Unbekannte, wo ist er zu finden? Und wer ist der Helfershelfer, der viele der aktuellen Anschläge und Morde begangen hat? Das sind die entscheidenden Fragen, auf die Bargen und die Kriminalisten in Deutschland und Schweden schließlich gemeinsam die richtigen Antworten finden. Doch zuvor geraten noch weitere Menschen aus Bargens Umfeld in Lebensgefahr.

 

Worum es geht, das erfährt der Leser natürlich auch noch. Um dem rohstoffarmen Deutschen Reich die Kriegführung zu ermöglichen, mußte man sich im verbündeten Finnland, aber vor allem im neutralen Schweden die entsprechenden Ressourcen sichern. Insbesondere das hochwertige nordschwedische Eisenerz. Darin waren primär geheimdienstlich tätige Marineoffiziere involviert, die sich in den letzten Kriegsmonaten verstärkt mit Geheimdienstlern der Himmler'schen SS zusammentaten. Und natürlich gab es diverse einheimische Kollaborateure, die zuviel wußten, die deshalb mit Kriegsende liquidiert werden mußten. Kollaboratuere wie der flüchtige Lette im Prolog.

 

Diese deutschen Schattenkrieger bestanden das Kriegsende unbeschadet und konnten sich neue Karrieren aufbauen. In diesem Fall eben durch die Rohstoffgeschäfte mit Schweden. Noch dieses: Schattenkrieg dürfte für den Begriff der verdeckten Kriegführung stehen.

 

Insofern hat dieser Krimi, obwohl im Konkreten nur fiktiv, durchaus doch sehr reale Züge, was das bundesdeutsche Wirtschaftsleben angeht. Kriegsgewinnler waren nicht nur Rüstungsproduzenten im engeren Sinne oder Schwarzmarkthändler, sondern nicht minder Beamte bzw. Offiziere, die seinerzeit in relevanten Positionen tätig waren und die so wertvolle Kontakte zu beiderseitigen Vorteilen knüpfen konnten.

 

Zwei Anmerkungen müssen aber bei allem Lob gemacht werden: Warum ist ausgerechnet ein lettischer Kollaborateur von Wehrmacht und SS im Jahre 1945 in seine Heimat geflüchtet, also in die Sowjetunion? Das ist doch sehr unglaubwürdig. Und sehr konstruiert wirken einige generationenbedingte Verwandschaftsverhältnisse bei den Schattenkriegern. Zwischen 1945 und dem Hier und Heute liegen doch immerhin 70 Jahre.

 

Insgesamt aber ist die Geschichte gut erzählt und wirklich spannend erzählt. Sie gewinnt im Laufe der Zeit an Rasanz und spitzt sich immer weiter zu, dabei werden aber die gegen Bargen u.a. „Zielpersonen" angewendeten Methoden und Anschläge nie unglaubwürdig.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Harald Jacobsen: Fördekartell. Ostsee-Krimi. 284 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2311-6

 



 
25.09.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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