Neuer Roman über den "größten Kirchenraub aller Zeiten"

WEIMAR. (fgw) Fährt man von Gera nach Greiz, so liegt etwa auf halber Strecke links neben der Bundesstraße ein großes Gehöft. Am Straßenrand lockt ein Schild zur Einkehr. "Neue Schänke" steht darauf. Etwas kleiner darunter "seit 1498". Als dieser große Gasthof 200 Jahre alt war, Ende 1698, ereignete sich hier etwas ganz besonderes. Nach langem Fahnden und Verfolgen durch die "Polizey" vieler feudaler Staaten des Heiligen Römischen Reiches, wurden in der "Neuen Schänke" zu Wildetaube der Räuberhauptmann Nickel List und ein Teil seiner überaus erfolgreichen Diebesbande überwältigt und gefangen genommen.


Diesen Stoff, basierend auf historischen Überlieferungen, hat nun Bettima Szrama neu erzählt in ihrem historischen Kriminalroman "Die Hure und der Meisterdieb".

 

Wer sind diese Personen? Es handelt sich zum einen um Nikol List, auch Nickel List (* Dezember 1656 in Waldenburg; † 23. Mai 1699 in Celle). List war über Jahre auf der Flucht und machte als Hauptmann seiner Räuberbande große Landstriche vorwiegend Norddeutschlands unsicher. List gab sich den Namen Freiherr von Mosel und zog mit einem kleinen "Hofstaat" umher. In der Nacht des 6. März 1698 landete List mit seinen Kumpanen den größten Kirchenraub aller Zeiten auf deutschem Boden. Mit einem Nachschlüssel verschaffte er sich Zugang zur Michaeliskirche von Lüneburg. Hier lagerte der sagenhafte Schatz der Goldenen Tafel, den die Herzöge und Mönche über Jahrhunderte Stück für Stück zusammengetragen hatten. Zehn Pfund pures Gold und Silber, Perlen und Edelsteine sollen diesen Hauptaltar der Kirche geschmückt haben. List und seine Bande brachten große Teile des kostbaren Schatzes heraus und vernichteten damit das Gesamtkunstwerk.

 

Die andere Hauptperson ist Anna von Sien, einigen Quellen nach eine in Hamburg verheiratete getaufte Jüdin aus Portugal. Mit der Biographie der Anna von Sien geht Szrama aber recht frei um. Das betrifft auch die Umstände des Kennenlernens von List und Anna, die hier etwas zu phantasievoll konstruiert sind. Aber Literatur ist ja Literatur und nicht wissenschaftliche Chronik.

 

Im Mittelpunkt des Romans stehen zunächst eine Liebesgeschichte zwischen List und der Anna. Wenn man Szrama glauben will, dann war List der untreuen Frau bis ins Mark verfallen, während diese mit jedem Mann von Rang und Geld herumhurte. Auch sie wurde von Häschern gefaßt, konnte aber entkommen. Ihre Spuren verwischen sich jedoch bald darauf im Staub der Geschichte. Den einen Quellen nach soll sie sich in Schlesien niedergelassen haben. Bei Szrama ist die Rede davon, daß sie mit einem anderen Liebhaber, dem Verräter, und großen Teilen des Schatzes per Schiff nach Frankreich wollte.

 

Den zweiten Handlungsstrang bildet das Thema Verrat, Neid und Mißgunst. Denn hauptsächlich wegen des Verrats aus den eigenen Reihen und aus der Hehlerschaft gelang es, List auf die Spur zu kommen und zu verhaften.

 

Was angenehm auffällt: Szrama zeichnet ihren List als Menschen, als hochintelligenten sogar. Doch seine Herkunft, die seinerzeit üblichen Standesschranken verhinderten jedoch ein Studium oder ein erträumtes Wirken als Arzt.

 

Dieser historische Roman räumt, sicherlich unbeabsichtigt, auf seinen letzten Seiten auch mit einigen, heute ganz besonders gepflegten, Legenden auf: Die christlichen Kirchen seien die einzig friedensstiftende Kraft, voll von Liebe, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, seien Ursprung von Aufklärung, Toleranz und Menschenrechten. So behaupten es der Ratzinger-Papst oder EKD-Schneider nebst ihnen hörigen Politikern und Medien immer wieder.

 

Doch zitieren wir aus Sramas Roman, der sich bei der Beschreibung der gerichtlichen Folter- und Hinrichtungszenen an die überlieferten Akten hält (Und bei alldem mußte immer auch mindestens ein Pfaffe zugegen sein, wenn diese nicht sogar selbst folterten; siehe Heilige Inquisition!), dann sehen wir, wie es um das Denken und Tun allerchristlichster Herrschaft und Justiz bis in die jüngste Neuzeit bestellt war. (Daß dem heute nicht mehr ganz so ist, dann das ist nur dem Kampf der Menschen GEGEN die Kirchen zu danken. Wobei die Folterhöllen von "Gottes eigenem Land", den USA, noch heute im Irak oder in Afghanistan nicht wesenlich anders funktionen wie 1699.)

 

Da heißt es auf den Seiten 358 und 359:

 

"...Fast ängstlich redete ihm [dem Juden Jonas Meyer, SRK) der Henkerspfaffe ins Gewissen, die Menschen und das weltliche Gericht nicht noch mehr zu reizen: 'Jonas, Ihr seid nun in dem letzten Augenblick zwischen Himmel und Hölle. Wir bitten Euch nochmals um Eurer Seligkeit willen, glaubet an den Messias...'

Aber Jonas, im weißen Büßerhemd, lachte ironisch auf und antwortete mit donnernder Stimme über die Köpfe der Zuschauer hinweg: 'Ich weiß sehr wohl, was Ihr mit Euren Worten bezweckt, doch merkt es Euch endlich: Ich habe mit Eurem Gott nichts zu tun!'

Inzwischen wurde der Galgen vorbereitet. Als man ihn langsam mittels einer Winde am Galgen heraufzog, rief er: 'Ich lebte als Jude und ich sterbe als Jude!'

Er hatte noch viel Kraft in sich. Als er sich dem Querbalken näherte und bereits in der Luft über Tausenden von Zuschauern schwebte, schickte er seinen Lästerungen einen bösen Fluch hinterher: 'Verflucht seien alle, in deren Herzen eine Ader ist, die an Jesus glaubt!' Als er sich mit bereits brüchiger Stimme in ganz ungeheuerlicher Weise an der Kirche verging und sie die Braut des himmlischen Bräutigams nannte, wurde sein unseliger Körper, mit einem letzten Hauch Leben, vom Galgen genommen und noch einmal vor das peinliche Halsgericht geführt.

Dort erging am Tag darauf von den Richtern und Beisitzern und vor dem grölenden Pöbel wegen seiner abscheulichen Lästerungen das Urteil. Man solle ihm die Zunge, das Werkzeug des höllischen Geistes, herausreißen und verbrennen und danach seinen Körper, neben einen räudigen Hund, für alle zur ewigen Abschreckung. Jonas Meyer erlitt erlitt ein qualvolles Ende, denn die arme Kreatur neben ihm verbiss sich in ihrem Schmerz solange in seinen sterbenden Körper, bis beide ihr Leben aushauchten."

 

Kommentar überflüssig!

 

Auch daher sollte man Szramas Roman lesen, trotz all seiner Schwächen: So will vor allem Krimi-Spannung nicht aufkommen. In ihren Beschreibungen und Dialogen ist stets von Niedersachsen und Thüringen die Rede, was für damalige Zeiten nicht üblich gewesen sein dürfte. Eher von Braunschweig-Lüneburg oder Braunschweig-Celle bzw. von den Reußischen Herrschaften oder von Sachsen-Weimar... Eine Landkarte mit damaligen Grenzen wäre hilfreich gewesen, um das Agieren der List'schen Räuberbande sich besser zu Augen führen zu können. Auch wird nicht klar, welches Stedten (es gibt im mittekdeutschen Raum mehrere Ortschaften dieses Namens) denn nun das Rückzugsquartier der Räuber um Nickel List gewesen ist.

 

Ganz nebenbei: Empfehlenswert ist ein Besuch der "Neuen Schänke", die mit einer exzellenten Küche und einem Angebot niveauvoller Kulturveranstaltungen aufzuwarten weiß.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

Bettina Szrama: Die Hure und der Meisterdieb. Historischer Roman. 382 S. Paperback. Gmeiner Verlag. Meßkirch im August 2011. 12,90 €. ISBN 978-3-8392-1214-1

 

 



 
21.08.2011

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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