Neun Erzählungen aus Haiti und über die Welt der Haitianer

WEIMAR. (fgw) Gary Victor ist Haitis meistgelesenster Gegenwartsautor und in Deutschland vor allem bekannt durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen Inspektor Dieuswalwe Azémar. Heuer hat sein Trierer Verlag in überarbeiteter Neuauflage die bereits 2007 erstmals auf Deutsch erschienene Anthologie „Der Blutchor“ herausgebracht.


Diese Anthologie umfaßt neun Erzählungen, die vor allem von einem künden: Von elenden Lage des Landes und seines seit Jahrhunderten geschundenen Volkes. So wie für die Romanfigur Azémar das Leben nur im Suff zu ertragen ist, so wird dort das Leben vieler realer Menschen von Alpträumen heimgesucht, bestimmt. Was nicht selten die Flucht in Wahnvorstellungen einschließt.

 

Und so kommen in den Erzählungen sowohl Reales als auch Phantastisches, sowohl Tragik als auch Satire zum Tragen. Also Alptraumhaftes und Groteskes, Wahn-Sinniges und Wahn-Witziges, Irres, Schizophrenes und Paranoides. Meist ganz individuell auf die handelnden/leidenden Figuren bezogen, mitunter aber auch sehr direkt auf das Volk als Ganzes.

 

In der titelgebenden und recht langen Erzählung „Der Blutchor" geht es weniger um den nur knapp angedeuteten Kindesmißbrauch. Viel mehr geht es um Zwänge, denen in Gesellschaften wie der haitianischen auch eigentlich ganz „normale" Menschen unterworfen sind. Gary Victor wird dazu sehr deutlich, wenn er auf den Seiten 54 und 55 seinen Ich-Erzähler mitteilen läßt:

 

„Lange Zeit später habe ich erfahren, warum mein Vater so großen Wert auf meine Zugehörigkeit zum [christlichen; SRK] Chor legte. Wie im ganzen Land hatte auch in dieser abgelegenen Provinz von Haiti der katholische Klerus einen beträchtlichen Einfluß auf alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Die Priester führten einen erbitterten Kampf gegen das, was sie als Häresie betrachteten, das heißt gegen Protestantismus, den Voodoo und vor allem die Freimaurerei. (...) Ein anderes Problem war, daß die Priester über Mittel und Wege verfügten, die Entlassung jeder beliebigen Person aus dem öffentlichen Dienst zu erwirken (...) Meine Teilnahme an einer so angesehenen Tätigkeit wie dem Chor war für meinen Vater ein Pfand, das er der Kirche gab."

 

Besonders gekonnt verbindet Victor den Glauben vieler seiner Landsleute an Voodoo und Zombies mit realem historischen Geschehen in der Erzählung „Sainsous Pfeife" (S. 33-39); darin heißt es u.a.:

 

„Haiti, Mai 1933. Norton war der zuständige amerikanische Kommandant für die Region (...) Norton hatte einige Wochen, nachdem der Held des Widerstandes gegen die amerikanische Besatzung, Charlemagne Péralte, gefangen genommen und ermordet worden war, sein Hauptquartier in Léogane eingerichtet. (...) Norton hatte sich bei der Witwe eines haitianischen Offiziers einquartiert, der während der Ereignisse, die als Vorwand für die Landung der Marines gedient hatten, ums Leben kam. (...) Norton benahm sich bald wie ein wahrer Sklaventreiber. (...) Die gute Gesellschaft von Léogane behandelte er so verächtlich, daß selbst denen, die aus Furcht vor einem politischen Sieg der bäuerlichen Massen die Schutzherrschaft der Yankees herbeigewünscht hatten, langsam klar wurde, daß die Besatzung möglicherweise nicht die Lösung für die Probleme des Landes war."

 

Als besagter Norton sich dann während einer Inspektionsreise an der 16jährigen Enkelin von Sainsou vergreifen will, geschieht Ungeheuerliches, denn Norton verschwindet spurlos. Zur Erklärung schreibt Victor ganz kurz nur dieses:

 

„Sainsou war der gefürchteste und verehrteste Voodoopriester Haitis. Das wußte Norton nicht. Und selbst wenn er es gewußt hätte: Er hätte den Glauben unseres Volkes bestimmt nur ins Lächerliche gezogen..."

 

Nun, nur wenig abgewandelt könnte sich solch US-typisches Verhalten überall auf der Erde zugetragen haben. Und überall wehrten und wehren sich die von solchen menschenrechtskriegerischen christlich-weißen Freiheits-/Demokratie-Bringern Heimgesuchten auf die ihnen ganz eigene Weise...

 

In der Erzählung um einen hohen Beamten „Corneille Soissons Schwanz" kann man durchaus Bezüge zur irrationalen Macht- und Geisteswelt der Regierenden während der Duvalier-Diktatur (1957-1986) erkennen. Das kann auch für jene Zeit bis in die Gegenwart gelten, wenn man die Groteske „Kleinkriminalität" näher betrachtet.

 

Um das Delirium mit extremen Wahnvorstellungen in Suff oder gar im Drogenrausch geht es in den Erzählungen „Die Kokosnüsse" und „Der Programmierer".

 

Groteskes, ja Mörderisches, spielt sich den beiden Erzählungen „Opfer" und „Die Hand" ab.

 

Und dann ist da noch die Geschichte „Elias und der Mann mit den großen Hörnern", wo ein im Traum geschlossenes Geschäft beängstigende Realität wird. Im Kern eine freie und eigenwillige Bearbeitung des Themas Teufelspakt...

 

Zu diesen Erzählungen äußert sich Gary Victor im Klappentext selbst so: „Der Blutchor ist eine offene Tür (...) in eine andere Vorstellungswelt." Dieses Passageangebot sollte auch der mitteleuropäische Leser annehmen, um Kulturen, Völker und Menschen außerhalb seines eigenen Dunstkreises verstehen zu lernen. Unsere gemeinsame Welt ist eben nicht EU-eurozentristisch!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gary Victor: Der Blutchor. Erzählungen. A.d.Franz.v. Peter Trier. 116 S. Paperback. Überarb. Neu-Aufl. Litradukt-Literatureditionen. Trier 2017. 8,80Euro. ISBN 978-3-940435-23-1

 



 
18.12.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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