Nicht allein „der Bullige“ spielt hier ein falsches Spiel

WEIMAR. (fgw) Jetzt liegt er vor, der dritte und voraussichtlich letzte Band um den eigenwilligen Ermittler Mark Becker, geschrieben von Silvia Stolzenburg. Und auch dieser Roman, „Falschspiel“, atmet echte Thriller-Qualität.


Obwohl Mark Becker mitgeholfen hatte, wichtigen Personen aus dem organisierten Verbrechen das Handwerk zu legen, machte sich der Feldjäger-Oberleutnant bei seinen Vorgesetzten und auch bei den Polizei-Oberen keine Freunde. Und so muß er nun „freiwillig" seinen Dienst in der Bundeswehr quittieren. Andernfalls droht ihm mehr als nur ein Disziplinarverfahren. Doch Becker fällt nicht tief. Denn Michael Kuhn - ein ehemaliger Kamerad vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) - baut gerade eine private Security-Firma auf und unterbreitet Becker ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

 

Derweil sehnt sich die Kriminaloberkommissarin Lisa Schäfer, mit der Becker in zwei vorhergehenden Fällen kooperieren mußte, nach einem neuen Fall. Und sie braucht auch nicht lang darauf zu warten. Dabei handelt es sich um ein versuchtes Tötungsdelikt. Ein junger Mann wurde in einem Wald angeschossen, konnte aber fliehen und in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Bei einer Befragung kann er Lisa aber kaum Auskünfte geben. Kurze Zeit später wird der junge Mann im Krankenbett erwürgt. Die Polizei geht zunächst davon aus, daß das Opfer in den Drogenhandel verwickelt war und sich wohl mit den Hintermännern angelegt haben muß. Später stellt sich heraus, daß er privat mit der Kurdin Ahu Altas privat verbandelt war. Kaum ist das bekannt geworden, wird diese junge Frau erschossen. Ins Visier gerät nun deren Familie: Könnte ein männlicher Verwandter da einen Ehrenmord begangen haben?

 

Und just zu dieser Zeit finden Mark Becker und Lisa Schäfer wieder zueinander. Nicht nur, weil sie sich jetzt in eine Affäre stürzen. Sondern durch den Gang der Ereignisse.

 

Ein Mann, den die Autorin als „der Bullige" einführt und für ihn diese Bezeichnung auch bis zum Schluß beibehält, beobachtet den Ex-Feldjäger auf Schritt und Tritt, hat sogar dessen Auto und Wohnung „verwanzt". Man erfährt nebenbei, daß Becker eigentlich von einer ominösen Organisation zum „Abschuß freigegeben" ist. Und daß „der Bullige", obwohl er Becker auf den Tod haßt, das aus eigenem Interesse immer wieder verhindert. Ein erstes falsches Spiel also. Mark Becker entdeckt aus purem Zufall die Wanze in seinem Auto und vermutet, daß diese vom MAD angebracht worden sei. Warum aber? Das kann er sich nicht erklären.

 

Kuhns Security-Firma hat gerade einen lukrativen Auftrag für ein Sicherheitskonzept für ein großes Volksfest, den „Cannstädter Wasen", erhalten. Als Becker sich vor Ort mit dieser Aufgabe befassen will geschieht dort ein brutaler Überfall auf das Festzelt. Verübt von einer Motorrad-Gang. Zuvor schon hatte Becker einen kleinen Extra-Auftrag erhalten: Personenschutz für eine weibliche Musik-Gruppe vom Flugplatz bis zum Hotel. Vor dem Hotel wird auf diese ein Attentat verübt.

 

Becker beginnt sich zu fragen, wem diese Anschläge wohl gegolten haben. Ging es um den Security-Auftrag, den ein Konkurrenzunternehmen sabotieren wollten? Oder galten beide Anschläge gar ihm selbst? Denn wie die Kriminaltechnik feststellen kann und er später von Lisa erfährt, wurden die Schüsse auf das Opfer im Wald und die vor dem Hotel aus ein- und derselben Waffe abgefeuert. Bei seinen Nachforschungen stößt Becker auf eine Gruppe von Kurden, angeführt vom Verwandten der Ahu Altas. Hier nun verknüpfen sich die Ermittlungen von Lisa Schäfer und die privaten Recherchen von Mark Keller.

 

Was die polizeilichen Ermittlungen angeht, das wird durch ein Zitat illustriert: „'Der Fall scheint jedenfalls immer verzwickter zu werden', brummte der SOKO-Leiter." (S. 209) Kellers Nachforschungen gehen nach wie vor in zwei Richtungen: wer ist der Schütze und wer observiert ihn? Und aus welchem Grunde?

 

Dabei spitzen sich die Ereignisse zu, überschlagen sich. Aus Jägern werden Gejagte. Und immer wieder stellt sich die Frage, wer alles da falsch spielt. Dazu sei verraten, daß das erste Todesopfer gar kein Drogenhändler war und der in seiner Wohnung gefundene Stoff auch kein „Koks". Warum dann die Hetzjagd auf den jungen Mann? Wer aber hat die Anschläge auf den Wasen-Festplatz und vor dem Hotel verübt? Waren es Islamisten, wie es die kurdische Spur vermuten läßt, oder nur ganz gewöhnliche Kriminelle? Oder schlimmer noch, etwa eine breitflächig agierende Bande aus dem organisierten Verbrechen? Und was hat die Organisation „des Bulligen" mit all dem zu tun? Was ist dies überhaupt für eine Organisation?

 

Ehe Antworten auf all diese Fragen gefunden werden können, hat „man" es auf Lisa abgesehen - wissend, daß sie und Mark inzwischen ein Liebespaar sind. Um Lisas Leben zu retten, läßt er wie in früheren Fällen alle rechtlichen Konventionen außer acht...

 

Kurzes Fazit: Spannend erzählt bis zum Schluß, sprach- und wortmächtig gut geschrieben und bei aller Fiktion durchaus realitätsnah dargestellt. Was nicht zuletzt an den für Silvia Stolzenburg obligatorischen intensiven Konsultationen mit Polizeidienststellen liegt. Dazu noch das überzeugende Lokalkolorit (Der Rezensent als Nicht-Schwabe kann aus eigener Anschauung z.B. Mark Beckers Wege in Heidenheim visuell nachvollziehen.) Ja, so muß ein guter Thriller sein.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Falschspiel. Thriller. 278 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 15,00 Euro. ISBN 978-3-83922424-3

 



 
05.04.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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