Nimmt Anankes bizarre SM-Trilogie ein blutiges Finale?

WEIMAR. (fgw) Zwei Jahre nach dem Erscheinen von Band 2 „Clair de Lune“ hat die Autorin mit dem Pseudonym Ananke nun tatsächlich einen dritten Band, „In der Unterwelt“, vorgelegt. In der Besprechung von Band 2 schrieb der Rezensent abschließend: „Eigentlich bedarf diese Geschichte um Linda-Mohnblüte, Claire und Robert eines Folgebandes. Aber welchen Inhalts: Ein Ende mit Schrecken, also die Katastrophe? Oder eine Lösung, die Rettung für alle darstellen könnte?“


Ja, der Folgeband ist tatsächlich gekommen, aber die Frage, ob mit einem Ende mit Schrecken oder einer Rettung für alle bleibt ungesagt. Doch der aufmerksame Leser dürfte selbst den Schlußpunkt setzen können.

 

Bevor der Rezensent sich dem vorliegenden Band zuwendet, möchte er aus seiner Besprechung des zweiten Bandes zitieren. Denn die seinerzeit getroffenen Aussagen treffen voll und ganz auch für Band 3 zu:

 

»Der namenlose „Herr" aus Band 1 ist zu Tode gekommen. Seine junge Witwe Claire hatte ohne Verzug das Zepter im Haus des Grauens übernommen. Sie ist nunmehr Herrin und Protagonistin. Die bisherige Protagonistin, die eingangs noch Linda hieß, ist nach wie vor nur ein lebendes Spielzeug („die Mohnblume") - jetzt aber allein Claires. Mohnblumes Transformation ist weiter forciert worden; durch exzessiven Körperschmuck. Bei solcher Zurichtung fühlt man sich fast an die Ansinnen heutiger Transhumanisten erinnert.

Mittlerweile sind fünf Jahre ins Land gegangen, in denen Claire sich weitere lebende Spielzeuge zugelegt hat: „die Lerche" - eine junge Afrikanerin - sowie Jessica („die Magd"). Und dann hat sie auch noch Lorenz, den einstigen Handlanger des „Herrn", als „Wächter" in ihre Dienste genommen. Allerdings wurde dieser auf ihr Geheiß hin auf radikalste Weise kastriert. (...) Claire langweilt sich und sucht daher nach einem neuen lebenden Spielzeug, nach einer wirklichen Herausforderung. (...) Sie entdeckt Robert, einen attraktiven und kultivierten Schwarzen. Wie aber kann sie ihn sich gefügig machen? Überzeugungskraft allein dürfte nicht genügen. List, Hinterlist wohl auch nicht. Also muß Heimtücke her.«

 

Und sie schafft es, mittels grausamster Praktiken sogar Robert zu domestizieren. In Band 3 tauchen dann aber „die Mohnblume" und „die Lerche" nicht mehr auf. Lorenz ist derweil in Ungnade gefallen, weil er eines der „Spielzeuge" zerstört habe, ist zu erfahren. Und Claire selbst langweilt sich erneut, sucht nach einer neuen Herausforderung, nach einem neuen Spielzeug.

 

Sie lädt ja regelmäßig zu Feiern (= Sexorgien) und zu „geselligen Abenden" z.B. in Form von Kartenspielen ein. Bei einem solchen sind auch Flavio und seine „Sub" Danya, eine Studentin, erschienen. Dieses Paar sticht Claire ins Auge und sie beginnt zu provozieren. So fragt sie die junge Frau: „Sag, meine Liebe, warst du schon einmal wirklich hilflos?" (S. 7) Und als sie sieht, wie sehr Flavio ihre nackte Jessica anschmachtet, macht Claire einen Vorschlag.

 

Wie es denn wäre, wenn man nicht mehr um Geld spielen würde, sondern um wirkliche Einsätze. Sollte sie gewinnen, solle Flavio ihr Danya „nur für einen Abend" zur Verfügung stellen. Sie werde Danya dann in einer Woche bei einer Feier allen Gästen vorführen. Gewinne jedoch er, dürfe er über Jessica „so lange er wolle" verfügen. Es kommt, wie es es kommen muß: Claire gewinnt das Kartenspiel. Nur für einen Abend... Claire sagt aber eher nebenbei, daß Danya jedoch ab sofort hier zu bleiben habe, denn sie müsse ja erst einmal richtig eingewiesen werden.

 

Danya ist sprachlos, daß andere so über sie verfügen. Ihr bisheriges SM-Leben war ja eher eines unter Freunden und Liebenden. Doch sie will sich und vor allem Flavio beweisen, daß sie auch hohen Ansprüchen genügen kann. Dennoch fragt sie ihn bang: „Du wirst doch kommen, nicht wahr? Du wirst zurückkehren und mich abholen?" (S. 13) Man trinkt sich gegenseitig mit schläfrig machendem Wein zu.

 

Als Danya erwacht, findet sie sich in einem kalten und dunklen Kellerverlies wieder. Und jetzt hat Claires Handlanger Lorenz seinen Auftritt. Er soll Danya „einweisen". Das heißt, er werde sie in dieser Woche bis zur Feier „Standhaftigkeit, Duldsamkeit und Verschwiegenheit" lehren. Allerdings könne sie sich jetzt, aber nur jetzt, entscheiden, ob sie bleiben oder gehen wolle. Danya will ihrem Flavio zuliebe bleiben.

 

Wie Lorenz im Teil „Die Hündin" Danya einweist bzw. „abrichtet", das soll hier unerzählt bleiben. Nur soviel: Danya soll zur „Hündin" gemacht werden. Da sie hierbei Fehler über Fehler macht, hagelt es Strafen und barbarisch-unappetitliche „Erziehungs-Maßnahmen".

 

Dann ist es soweit: Die große Feier - genauer: eine zügellose Sex-Orgie, bei der die Gäste sich hinter venzianischen Masken verbergen, nimmt ihren Anfang. Danya sucht dennoch nach Flavio, kann ihn aber nicht entdecken. Sie wird den Abend, die ganze Nacht, entwürdigend zur Schau gestellt; darf von allen Gästen berührt und benutzt werden. Als Claires Handlanger tritt nun Robert auf. Danya ist am Boden zerstört, während Claire triumphiert. Sie nennt das Mädchen jetzt nur noch „die Zaupe", also ihre Hündin. Doch wenn Danya glauben sollte, sie könne nach dieser Nacht - auch ohne von Flavio abgeholt zu werden - wieder in ihr normales Leben zurückkehren, dann hat sie sich geirrt. Denn Claire erklärt ihr lächelnd: „Ich verspreche dir, ehe du dieses Haus verläßt, werde ich dich ganz und gar brechen." (S. 65)

 

Nun wird sie vollends zur Hündin abgerichtet, nicht umsonst ist dieser Teil mit „Die Dressur" überschrieben.. Claire hat sich dabei bereits in der ersten Woche des Pawlowschen Reflexes bedient. Auch Danyas resp. der Zaupes nächste Erlebnisse, besser Leiden, sollen hier unerzählt bleiben. Lorenz ist nun wieder am Zuge und verkündet dem Mädchen: „Wir werden dich ordentlich für die Herrin dressieren - wenn sie eine brave Hündin will, dann soll sie die bekommen." (S. 105) Lorenz erklärt ihr aber ungefragt seine einfache Wahrheit, daß Herrschaft ohne willige, hündisch ergebene Sklaven nicht funktioniere, daß sich beide Pole gegenseitig bedingen... Gerade solche Aussagen machen den Wert dieses Romans aus. - Und am Ende dieses Dressur-Abschnittes freut sich Claire:

 

„Ein Lächeln zieht über das Gesicht der Herrin. (...) Vorsichtig streicht sie ihrer Hündin über die Wange, und weiter hinab, zu dem noch unberührten Busen der Zaupe. 'Nun wirst du mir endlich uneingeschränkt folgen, nicht wahr', fragt sie leise. Sie beobachtet, wie die kniende Gestalt unter ihrer Berühung erschauert, und ihr Lächeln wird breiter. 'Nun bist du mein.'" (S. 145)

 

Wieder ist in Claires Haus eine Feier, eine Orgie, angesagt. Und erneut wird „die Zaupe" vorgeführt. Diesmal jedoch ganz anders, nämlich völlig hilflos gemacht. Was die Autorin sich diesbezüglich ausgedacht hat, das ist durchaus originell und zugleich schauderhaft. Doch dieses Mal ist noch etwas anders. Denn jetzt ist Flavio erschienen, wenngleich uneingeladen. Er will Danya mit sich nehmen. Claire überläßt es ihrer Zaupe, sich zu entscheiden: mit ihm gehen oder bei ihr bleiben. Aber das Mädchen ist bereits so willenlos, daß sie sich nicht einmal mehr entscheiden kann. Das gerade das ist auch nicht im Interesse der Herrin... Für eine ergebene Hündin kann es doch nur Gehorsam geben, der deutlich gezeigt werden muß. Was anschließend geschieht, das soll hier jedoch nicht verraten werden.

 

Der Rezensent kann abschließend auch nur wieder aus seiner Besprechung des zweiten Bandes zitieren, denn die seinerzeit getroffenen Bewertungen finden im vorliegenden Buch ihre Bestätigung:

 

»So funktioniert, auf den Punkt gebracht, Herrschaft über Menschen, wenngleich diese Frage hier literarisch ins Extrem zugespitzt beleuchtet wird. Das mag nicht wenige schockieren - obwohl ja nur fiktive Handlung, doch das sollte man aushalten können. Denn bestialische Grausamkeiten bis hin zu schlimmsten medizinischen Experimenten kennt die Welt ja leider real.

Und daher ist es löblich, daß die Autorin brutal ehrlich erzählt, nicht in ein verlogenes Moralisieren verfällt und dem Leser es überläßt, selbst Antworten auf solche Grundfragen menschlichen Seins zu finden.«

 

Wohl deshalb geht es in dieser Trilogie, erst recht im dritten Band, nur relativ wenig um sexuelle Praktiken im engeren Sinne. Ananke spielt vielmehr auf der Klaviatur der Psyche. Band 3 ist der sprachlich und erzählerisch reifste Band ihrer Trilogie. Wobei gerade der Kontrast zwischen einem überaus gepflegten, altmodischen Deutsch und dem extrem bizarren Inhalt einen besonderen Reiz ausmacht. Auch das regt zum Nachdenken, zum Hinterfragen an.

 

Übrigens, die 1987 geborene, derzeit in Karlsruhe lebende Autorin, hat nach einem Studium der Mathematik und Informatik mehrere Jahre als Software-Entwicklerin gearbeitet. Seit einigen Jahren ist sie hauptberuflich Schriftstellerin, die neben dem Genre SM sich auch historischen Themen zuwendet.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Ananke: In der Unterwelt. Roman. 184 S. Taschenbuch. Verlag Elysion-Books. Leipzig 2020. 9,90 Euro. ISBN 978-3-96000-080-8

 



 
04.07.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ