Oberkellner Leopold, Menschen im Hotel und dazu ein Mord

WEIMAR. (fgw) Der „kriminalisierende“ Wiener Kaffeehaus-Oberkellner Leopold Hofer ist Held einer ganzen Reihe von Kriminalromanen aus der Feder von Hermann Bauer. Nunmehr liegt mit „Mord im Hotel“ bereits der elfte Band über diesen Amateurdetektiv vor.


„Freitag, 6. Oktober. Oberkellner Leopold stand wie ein Wächter auf der obersten der zwei Stufen vor dem 'Café Heller', die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, und beobachtete interessiert das Geschehen auf der Straße." (S. 7) Er erblickt links Polizei, rechts Polizei und dazwischen einen Menschenauflauf. Es hatte eine Bombendrohung gegeben. Diese zielte auf das nahe Floridsdorfer Gymnasium. Doch auch das ebenso nahe Hotel „Floridus" könnte das Ziel sein. Nein, obwohl dieser Krimi so spektakulär beginnt, handelt es sich hier nur um einen blinden Alarm, möglicherweise nur um einen Schülerstreich.

 

Leopold Hofer bewegt dagegen etwas anderes Beunruhigendes. Am Samstag will seine Lebensgefährtin Erika Haller in eben „seinem" Café ihren Geburtstag feiern und hat aus diesem Anlaß eine ganze Reihe ihrer Freunde und Bekannten eingeladen. Menschen, die sie z.T. schon sehr lange nicht mehr gesehen hat. Für die Gäste aus der Ferne hat sie Zimmer im „Floridus" reserviert. Gegenüber dem Rezeptionisten des Hotels bekundet Leopold, er habe wegen der Feier ein blödes Gefühl. Dieses beschreibt der Autor auf S. 37 wie folgt: es sei „seine(r) Theorie, daß große Mengen von Menschen, wie bekannt oder fremd sie einander auch sein mochten, ein Verbrechen geradezu magnetisch anzogen".

 

Und wie zur Bestätigung führt Hermann Bauer nun eine Vielzahl, man kann fast sagen: eine Unzahl, von Menschen ein, die sich zu Erikas Geburtstagsfeier begeben. Und es finden sich dazu etliche uneingeladene Gäste zur Feier ein. Darunter Hotelgäste wie Eberhard Aichholzer, der sich Baron titulieren läßt und dessen Leidenschaft es ist, betuchte ältere Damen anzumachen und hernach auszunehmen. Auch eine gescheiterte Existenz wie Konrad Kiefer logiert im Hotel und taucht im Café auf. Ebenso die Gymnasiasten Emma und Jakob, die im Hotel eine erste Liebesnacht erleben wollen. Im Café erblickt Emma dann ihren Vater, der mit einer Frau, die nicht die seine ist, rummacht. Und schließlich ist da noch Erikas Ex Lorenz Kessler, der Erika sichtlich anmacht und Leopold damit bewußt provoziert. Zu nennen wären da noch etliche Freundinnen aus Erikas Schulzeit... Die Namen sollen hier nicht aufgeführt werden, es wäre zu verwirrend. Eine von ihnen war nicht eingeladen, drängt sich aber förmlich in die Feier. Erika macht hier gute Miene zum bösen Spiel. Eine andere Freundin wird von Aichholzer schon vorher im Hotel angemacht...

 

Zu den vielen eingeführten Personen zählen u.a. die Rezeptionisten Robert Kienast und der junge David Panotta, der Privatdetektiv Gerry Scheit und Inspektor Nobert Bollek, der sich wegen der Bombendrohung im „Floridus" einquartiert hatte. Vorgeblich deswegen. Er will in Wirklichkeit aber nur etwas Abstand vom desolaten Eheleben finden.

 

Und so findet nun die große Fete statt, man sieht sich, will gesehen werden oder auch nicht. Es gibt erste Probleme, Konflikte, Reibereien. Leopolds Theorie scheint sich zumindest in dieser Hinsicht recht früh zu bestätigen.

 

Die Feier ist zur Polizeistunde beendet. Man begibt sich nach Hause. Oder ins Hotel. Ins Hotel eilen aber auch einige, die dort gar nicht logieren. Nachts wird dort aus heiterem Himmel ein Feueralarm ausgelöst. Die Rezeptionisten, Bollek und Scheit haben jetzt alle Hände voll zu tun. Und auch Leopold wird von detektivischer Neugier dorthin gestoßen. Die Hotelgäste sammeln sich vor dem Hotel bis Entwarnung gegeben wird. Aber nicht alle. Vor allem einer wird vermißt: Eberhard Aichholzer. Man entschließt sich, sein Zimmer zu öffnen. Und erlebt eine böse Überraschung. Der Mann liegt dort leblos mit einer Plastiktüte über den Kopf. Wie sich später herausstellt, ist er aber erwürgt worden. Im Zimmer fallen eine Flasche Schampus und zwei Gläser. (Später sollte man darin ein Betäubungsmittel finden, das aber einem anderen Gast gehört hatte.) Mit wem war der Frauenheld verabredet? Mit dieser oder jener? Zwei Frauen geraten sofort unter Verdacht.

 

In Leopold beginnen die „kleinen grauen Zellen" zu arbeiten und er begibt sich trotz härtestem Arbeitstag nicht nach Hause und fängt mit dem Kriminalisieren an. Die realen Ermittlungen hat inzwischen sein Freund, Oberinspektor Richard Juricek, aufgenommen. Der dringt inständig auf den Oberkellner ein, seine Hände von diesem Fall zu lassen. Was der aber keinesfalls tut.

 

Nebenher ereignen sich von Sonntag bis Dienstag eine Reihe von kriminellen Zwischenfällen und etlichen Verdächtigungen. Menschengruppen führen nun mal zu etlichen Problemen, sieht sich Leopold erneut bestätigt. Viele dieser gutbürgerlichen Frauen und Männer haben Probleme unterschiedlichster Art miteinander, die sich gerade jetzt entladen, die jedoch mit der Hauptsache absolut nichts zu tun haben. Diese Nebenereignisse stören aber keinesfalls, sondern fügen sich gut in das offenbarer werdende Gesellschaftsbild ein, lassen den Leser sogar immer wieder schmunzeln. Die vorgebliche heile Welt des Bürgertums und auch des Kleinbürgertums ist eben keine.

 

Wer aber könnte Aichholzer getötet haben und vor allem warum? Auf beide Fragen wollen sich einfach keine Antworten finden lassen. Das gilt für die Polizei ebenso wie für Leopold. Letzter kommt aber auf eine Idee: Man müßte doch mal ermitteln, wo sämtliche Hotel- und Feiergäste zu Hause sind oder wo sie früher einmal gelebt haben. Damit ist er unbewußt auf der richtigen Spur. Er wird allerdings immer wieder durch Kesslers Provokationen abgelenkt. Was hat es eigentlich mit einigen von Erikas Freundinnen auf sich? Es ist Juricek, der nun Erika bittet, diesbezüglich zu ermitteln... Und nun beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Leopold ahnt es, jetzt ist auch seine Erika in Lebensgefahr. Aber man liegt eigentlich mit dem Verdacht doch ein wenig daneben. Erst spät wird offenbar, was es mit diesem Fall auf sich hat, wer mit wem verbandelt war/ist und wer mit wem noch offene Rechnungen hat. Gerade diese Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen hat Bauer kongenial kombiniert und mit steigender Spannung zur vielleicht totalen Verblüffung der Leser erzählt - und plausibel schließlich aufgelöst. Am Dienstag, 10. Oktober, ist dann alles aufgeklärt und Leopold kann sich endlich ungestört seinem privaten Liebesleben widmen.

 

Und dann ist da noch dieses: Es gibt in diesem Fall ein ganz besonderes Spannungselement: Im Hotel liegen für die Gäste viele Exemplare von Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel" aus. Der Rezeptionist empfiehlt Leopold nach allen Aufregungen der Nacht diese Lektüre. Was dieser zunächst nicht gerade mit Begeisterung tut. Doch dann entdeckt er Ähnlichkeiten der Roman-Charaktere mit den Gästen im „Floridus". Insbesondere was den Typus Aichholzer angeht, wird er fündig. Dieses Buch (im Buch) und etliche Passagen daraus werden in Folge immer öfter direkt oder indirekt „zitiert", zumal Leopold dadurch in seinen privaten Ermittlungen inspiriert und in die richtige Richtung geleitet wird. Ja, es ist ein wahrer Geniestreich von Bauer, auf diese Weise so mit Vicki Baums Roman spielerisch zu arbeiten.

 

Auch kommt der Humor in diesem Krimi nicht zu kurz, zu komisch sind manche Situationen. Höchst vergnüglich bis sogar nachdenklich dazu die knappen erotischen Szenen zwischen jungen und reifen Menschen, wie Emma und Jakob einerseits oder Leopold und Erika andererseits.

 

Der Rezensent bedauert nach dieser Lektüre, daß er auf Bauers Krimi-Reihe erst jetzt gestoßen ist. Was ist ihm bloß zuvor entgangen? Da kann das Fazit also nur heißen: „Mord im Hotel" ist unbedingt zu empfehlen und nach den vorhergehenden Bänden ist gezielt zu suchen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Hermann Bauer: Mord im Hotel. Wiener Kaffeehauskrimi. 280 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2322-2

 

 



 
09.08.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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