Oskar Stern vs. Vampir-„Hype“ aus Blut und Aberglaube

WEIMAR. (fgw) Die Österreicherin Eva Reichl hat jetzt im renommierten Gmeiner-Verlag einen Kriminalroman „Mühlviertler Blut“ vorgelegt, der in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Bemerkenswert nicht nur wegen ihres Erzähltalents und des Inhalts, also des Kriminalfalls an sich. Bemerkenswert auch wegen seiner satirisch-humoristischen „Seitenhiebe“ in Sachen Aberglaube, Religionskritik und Medien – hier nicht nur die sogenannten sozialen Medien.


Was ist geschehen? Im idyllischen oberösterreichischen Kaff Liebenau ist der Gemeindepfarrer tot aufgefunden worden. Und das auf bizarre, groteske Weise. Man hat den Körper - wie einen Kokon mit einem Seil umwickelt - auf den Altar seiner Kirche abgelegt. Und völlig ausgeblutet. Fundort ist gleich Tatort. Wegen dieses doch außergewöhnlichen Falles setzt das Landeskriminalamt in Linz den erfahrenen (und kurz vor der Pensionierung stehenden) Chefinspektor Oskar Stern dorthin in Marsch, begleitet von der jungen Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht.

 

Bei der Untersuchung der Leiche stellt sich heraus, daß dem Pfarrer zwei Einstiche in die Halsschlagader zugefügt worden waren. Spöttisch kommt da die Rede auf einen Vampir als einem möglichen Täter auf. Auch wenn Sterns gesunder Menschenverstand dies deutlich abweist, so greifen doch die Einheimischen das Stichwort Vampir begierig auf. Und innerhalb kürzester Zeit geistert durchs Internet, aber auch durch die etablierten Medien, die Rede vom Vampirmord.

 

Befragungen im Ort zum Pfarrer, möglichen Feinden und Motiven tragen in keiner Weise zur Erhellung des Tötungsverbrechens bei. Die Ermittler erfahren jedoch, daß der Pfarrer einige Zeit zuvor zum Bischof zitiert worden war und daß der Pfarrer ein sexuelles Verhältnis mit einer Frau aus seiner Gemeinde gehabt haben soll. Liegt etwa ein Fall von Mißbrauch und/oder Eifersucht vor? Wie die doch sehr skurrilen Dorfbewohner vorgeführt werden, die alle viel reden, aber nichts zu sagen haben, allein schon das ist lesenswert. Wobei der absolute Clou hier die Person und Erscheinung der Pfarrersköchin Herta Bachmeier darstellt.

 

Inzwischen sind die ersten Journalistenhorden in Liebenau eingefallen und machen aus dem ungewöhnlichen Todesfall immer spekulativer eine Sensation. Und ihnen folgen recht bald schräge Typen, Gothics und andere, die schwarzgewandet und mit Accessoirs wie Knoblauchzöpfen und Kreuzen versehen Liebenau zu einem Wallfahrtsort machen. Selbst die örtliche Verwaltung springt auf diesen Zug auf, um zahlende Touristen anzulocken.

 

Mitten in diese Vorkommnisse dringt die Nachricht, daß in Linz ein toter Weinhändler aufgefunden wurde, der auf ähnliche Weise wie der Pfarrer ausgeblutet und ähnlich theatralisch öffentlich zur Schau gestellt ist. Auch bei ihm finden sich zwei Einstiche in die Halsschlagader. Nur ist hier der Fundort nicht der Tatort. Nun treibt der Hype um die Vampirmorde (jetzt im Plural) weitere groteske Blüten.

 

Oskar Stern stellt sich die Frage, ob es eine Verbindung zwischen beiden Opfern gibt und worin diese bestehen könnte. Doch es ist weit und breit keine Verbindung zu entdecken. Bis die Kriminalisten darüber nachzudenken beginnen, daß man vielleicht weit zurück in die Vergangenheit schauen müsse. Doch auch hier tut sich lange Zeit nichts auf.

 

Die Liebschaft des Pfarrers konnte derweil ermittelt werden, doch aus diesem Verhältnis ergibt sich kein Tatmotiv. Sie kann aber mitteilen, daß der Pfarrer in Linz war und dort eine Begegnung mit dem „Teufel" hatte. Wahrlich Groteskes erleben Stern, die Grünbrecht und der örtliche Polizist, Revierinspektor Josef Plattlbauer, als sie sicherheitshalber doch den Ex der Geliebten des Pfarrers vernehmen wollen. Da Stern auch hier in der Wildnis seine neuen und teuren (aber zu engen)  Kalbslederschuhe trägt und sich an Brombeersträuchern ratscht, handelt er sich blutige Blasen und Schrammen ein. Diese Begegnung im Wald führt aber dazu, daß nun in den „sozialen Medien" auch vom Umgehen des Werwolfes die Rede ist. Sterns sachliche Ausführungen kommen gegen solche sensationsgeilen (und für die Medien finanziell einträglichen) Gerüchte nicht an.

 

Und immer wieder kommt dem Chefinspektor die Köchin Herta Bachmeier unter die Augen. Dagegen bringen die Befragungen von Witwe und Bruder des Weinhändlers keinerlei Erkenntnisse. Dafür benimmt dich dessen Sohn nach einem Erstkontakt mit den Kriminalisten seltsam - er verschwindet von der Bildfläche.

 

Bei den beiden Toten werden im Mund bzw. im Magen je ein Zettel mit einem Zitat gefunden. Über Umwege kommen die Kriminalisten dadurch zum Text eines alten Theaterstücks. Und der Blick in den Stücktext erweist sich als hilfreicher Fingerzeig. Stern und seine Mitarbeiter gelangen so zum Motiv für beide Morde und die Zitate deuten sogar auf den möglichen Täter hin. Man erkennt aber auch, daß das Zitat nicht vollständig ist, daß es daher noch einen weiteren Mord geben wird...

 

Und es kommt bald zu einer völlig überraschenden Wendung: So richtig der Fingerzeig mit dem Theaterstück auch gewesen ist, so liegen die Ermittler in einer Hinsicht dennoch falsch. Denn erst in letzter Minute, als weitere Opfer schon am Ausbluten sind, erkennen sie höchst verblüfft, wer der eigentliche Täter ist. Diese Person hatten und hätten sie niemals verdächtigt! Beim Motiv lagen sie allerdings richtig, auch wenn „es" doch etwas andersherum ist. Allein das macht schon einen gelungenen Krimi aus.

 

Dieser aber lebt zusätzlich durch einen guten Schuß Humor, Ironie und Groteske. Wobei es hier nicht nur einen solchen Schuß gibt. Das betrifft die Charaktere unter den Dörflern ebenso wie die unter den Polizisten und sogar Stern selbst. (Stern bewegt sich u.a. irgendwann blasenbedingt nur noch mit den Lederpantoffeln des toten Pfarrers an den Füßen in aller Öffentlichkeit.) Eine kleine Kostprobe gefällig? „Einheimische pilgerten mit Kreuzen und Knoblauch bewaffnet durch den Ort, um die vermeintlichen Vampire von Liebenau fernzuhalten. Journalisten von fast jeder Zeitung im Land beobachteten das Treiben und mischten die Morde mit den Vampiraustreibungen zu sensationellen Storys - geschüttelt und nicht gerührt." (S. 161)

 

Und sogar ein gerüttelt Maß an Kirchenkritik hat Eva Reichl in ihre gut erzählte Geschichte eingeflochten. Nur wenige Kostproben mögen hier genügen:

 

So geht Stern in Liebenaus Gastwirtschaft auch an den Stammtisch und befragt die Dörfler nach dem Pfarrer und möglichen Motiven:

 

„'Wenn es nicht ums Geld geht und auch nicht um die Liebe, dann geht es um Macht', ließ Hartmeier aufhorchen.

'Wie meinen Sie das? Welche Macht soll ein Pfarrer haben?' Stern wartete gespannt auf die Antwort Hartmeiers.

'...So ein Pfarrer kennt alle Sünden von den Leuten. Schließlich rennen auch alle zu ihm zum beichten wie die Viecher zum Futtertrog. Da ist sicher das eine und das andere dabei, aus dem man Kapital schlagen könnte.'" (S. 44)

 

Noch deutlicher wird das in einem Gespräch unter den Kriminalisten:

 

„...'Denn wie paßt unser Liebenauer Pfarrer da hinein? Ist der etwa auch ein Blutsauger gewesen? Der hat doch gar nicht die Möglichkeit als Geistlicher in der römisch-katholischen Kirche gehabt, als Blutsauger tätig zu sein. Oder hat er etwa den Opferstock geplündert?'

'Kirche und Geld schließen einander nicht aus', brachte Weber als Argument vor. 'Mancherorts gehen sie sogar Hand in Hand. Da hat es in Deutschland doch mal diesen Bischof gegeben, der gar nicht genug vom Reichtum hat kriegen können und sich eine Luxuswohnung um mehrere Millionen hat errichten lassen. Und denkt an das Mittelalter', redete sich Weber in Fahrt. 'Was die Kirche da an Geldern und Kunstwerken zusammengekarrt hat, ist nicht von schlechten Eltern, sag ich euch!'" (S. 69)

 

Und in einem Gespräch Sterns mit seinem neunjährigen Enkel heißt es:

 

„'Wie wissen die Vertreter von Gott denn, was er genau will?', hakte Tobias nach und trank seinen Kakao leer.

Stern überlegte sich seine nächste Antwort genau. Er spürte, daß sein Enkel ihm eine Falle stellte.

...

'Also reden tut er wahrscheinlich mit niemandem. Weißt du, das ist nur bildlich gemeint.'

'Ach ja? Dann braucht Gott die Bischöfe ja gar nicht.' Tobias schob den Rest seines Honigbrotes wie ein Auto in die Garage.

'Gott braucht die Bischöfe vielleicht nicht, aber die Menschen tun es.' Stern nahm eine Serviette...

'Warum?', fragte Tobias? (...)

'Keine Ahnung', antwortete Stern wahrheitsgemäß." (S. 88-89)

 

Aus einem Gespräch mit Sterns Assistentin dieses:

 

„...winkte Stern ab. Er verstand das Entsetzen seiner Kollegin. Er selbst würde sich ebenso wenig in das Bett des Pfarrers legen, ob der nun noch unter den Lebenden weilte oder nicht. Das wäre bestimmt ein schlechtes Omen und bedeutete wahrscheinlich, daß man daraufhin nie wieder Geschlechtsverkehr hatte. Was bei ihm keinen Unterschied machen würde. (...) Obwohl, wenn man den Gerüchten Glauben schenken dürfte, lebte der Klerus keineswegs so zölibatär, wie eigentlich von der Kirche verlangt wurde." (S. 136-137)

 

Wie es vom Verlag heißt, soll es von der Autorin zum Mühlviertel, in dem Stern gerade ermittelt, eine ganze Krimi-Serie geben. Man darf darauf hoffnungsvoll gespannt sein!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Eva Reichl: Mühlviertler Blut. Kriminalroman. 314 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3- 8392-2238-6

 



 
25.04.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ