Ostdeutsche Hoffnungen: Aus Erinnerung Zukunft schmieden

WEIMAR. (fgw) Der Kulturpalast Unterwellenborn des Volkseigenen Betriebs (VEB) Maxhütte war zu DDR-Zeiten ein beeindruckendes kulturelles Zentrum nicht nur für die rund 7.000 Arbeiter dieses Thüringer Betriebes, sondern darüber hinaus für Tausende Menschen in der Region rund um Saalfeld/Rudolstadt. Seit 1990/91 ist das imposante und multifunktionale Bauwerk jedoch dem Verfall preisgegeben. Dieses Schicksal teilt das Unterwellenborner Haus u.a. mit dem ähnlich imposanten Kulturpalast Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) oder dem dörflichen Kulturhaus im mecklenburgischen Mestlin.


Daher gründete sich im Jahre 2013 der „Verein Kulturpalast Unterwellenborn e.V.", der es sich nicht nur zum Ziel gesetzt hat, die Erinnerung an das damalige kulturelle Geschehen wachzuhalten. Vielmehr bemüht sich der Verein darum, daß diesem Hause wieder Leben „eingehaucht" wird und er hat auch diesbezügliches Nutzungskonzepte erarbeitet. Doch der Verein stößt dabei auf wenig Gegenliebe beim bayerischen Privateigentümer der Immobilie und dazu sind auch die Mittel und Möglichkeiten der Gemeinde, des Landkreises und des Landes Thüringen knapp bemessen. Doch man will zumindest aus der Erinnerung Zukunft schmieden.

 

Um die Erinnerung wachzuhalten, hat der Verein unlängst - unterstützt von Karin Rohnstock und ihrem Projekt „Rohnstock Biografien" - drei sogenannte Erzählsalons mit Zeitzeugen durchgeführt. In deren Ergebnis entstand die jetzt vorgelegte Broschüre.

 

Bei aufmerksamer Lektüre erschließen sich inhaltlich und wertend jedoch zwei gegensatzliche Tendenzen. Die eine wird bereits im Grußwort des Thüringer Staatssekretärs Torsten Weil (DIE LINKE) deutlich: „...dass sich die Menschen trotz staatspolitischer Einflüsse ihre gedankliche Freiheit und kulturelle Teilhabe nicht mehmen ließen." (S. 5). Das atmet antikommunistischen Zeitgeist. Denn es sind ja gerade die geschmähten „staatspolitischen Einflüsse", durch die Menschen auch aus der Arbeiterklasse endlich breiteste kulturelle Teilhabe nehmen konnten. Diese Tendenz, dieser bundesdeutsche Zeitgeist spiegelt sich leider auch in einigen moderierenden Zwischentexten.

 

Dem gegenüber stehen die durchweg guten und freudigen Erinnerungen der Menschen, die seinerzeit in dieser Einrichtung gearbeitet haben oder die seine überaus vielfältigen kulturellen Angebote genutzt haben. Wenn da dann auch Zahlen genannt werden, die Baukosten betreffend oder die zur Absicherung des Veranstaltungslebens etc. ausgegeben wurden, dann wird deutlich, daß ein Betrieb wie die Maxhütte tatsächlich Volkseigentum war. Flossen doch die Gewinne nicht in private Hand, sondern kamen einerseits über den Staatshaushalt allen Bürgern zugute und andererseits unmittelbar (betrieblicher Kultur- und Sozialfonds!) allen Nutzern des Kulturpalastes. Natürlich verschweigen die DDR-sozialisierten Zeitzeugen auch nicht, daß die DDR-Gesellschaft kein ideales Utopia war. Nein, wie in allen menschlichen Gesellschaften gab (und gibt es) Widersprüche und Konflikte, gibt es Weitsicht und Engstirnigkeit, gibt es kompetente und inkompetente Führungskräfte. Nur Antikommunisten konstruieren daraus etwas DDR- oder sozialismustypisches Grundnegatives.

 

Die Broschüre selbst ist in drei Teile gegliedert. Im ersten ordnen Simone Hain, Thomas Zill und der DDR-Staatssekretär Klaus Blessing (der seinen beruflichen Werdegang in der Maxhütte begann) den Kulturpalast architektonisch und historisch ein. Vorgestellt werden dazu die Architekten, insbesondere Josef Kaiser, die an der Planung und Ausführung dieses imposanten Bauwerkes, das einer Großstadt würdig ist, beteiligt waren.

 

Im zweiten Teil erinnern sich zwölf Ehemalige an die Jahre von 1955 bis 1990. Sie waren seinerzeit überwiegend Produktionsarbeiter; so auch Reinhard Salzmann, der sich per Studium für die Leitung des Hauses qualifizierte. Sie betätigten sich im Chor, im Singeklub, in der Tanzgruppe, im Fotozirkel und und und... Sie erlebten dort ihre Jugendweihen, Hochzeitsfeiern, Brigadefeiern, Weihnachts- und Silvesterfeiern und Tanzveranstaltungen. Sie erlebten dort Theateraufführungen, Aufzeichnungen von TV-Unterhaltungssendungen und auch Gastspiele ausländischer Künstler. Ihre Erinnerungen sind zusammengefaßt in die Komplexe „Palast Kultur - Kulturpalast", „Palast Theater & Ensemble", „Palast für die Jugend", „Palast Kunst" und „Palast Kultur für alle". Schon diese Überschriften sprechen für sich.

 

In einem dritten Teil „Palast mit Zukunft - Hat der Kulturpalast eine Zukunft?" äußern sich der gelernte Baufacharbeiter und spätere Restaurantleiter Peter Walther, der Diplomingenieur und spätere Unterwellenborner Bürgermeister Horst Sterzik, der Installateur und jetzige Vereinsvorsitzende Torsten Ströher sowie der derzeitige Landrat von Saalfeld-Rudolstadt Marko Wolfram (SPD). Sie reflektieren, wie die wiederhergestellten kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zur Privatierung, zu Schließung und Verfall des Kulturpalastes führten. Und wie sie versuchten und versuchen, das Bauwerk zu sanieren und welche Konzepte sie für eine Wiedernutzung erarbeitet haben. Ergänzt werden ihre Ausführungen durch die zusammengefaßte Diskussion „Hat der Kulturpalast eine Chance?" An dieser hat sich allerdings der Eigentümer trotz Einladung nicht beteiligt.

 

Abgerundet wird die Broschüre durch ein Nachwort des Kulturwissenschaftlers Horst Groschopp, in welchem er Anmerkungen zur Herkunft und Bedeutung der Kultuhäuser in der DDR macht. Seine Anmerkungen sowie die positiven Erinnerungen der Unterwellenborner kann der Rezensent, der zu DDR-Zeiten selbst aktiver Nutzer und Leiter von (wesentlich kleineren) Kulturhäusern bzw. Klubs war, nur bestätigen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Verein Kulturpalast Unterwellenborn e.V. (Hrsg.): Kulturpalast Unterwellenborn - Aus Erinnerung Zukunft schmieden. 120 S.m.Abb. brosch. Unterwellenborn 2020. ohne Preis u. ohne ISBN.

 

Diese Broschüre kann beim o.g. Verein c/o Torsten Ströher, Vor der Heide 50, 07333 Unterwellenborn, gegen eine Spende bezogen werden.

 



 
04.10.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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