Pfaffen-Machtgier: Einmal Canisius, immer (noch) Canisius

WEIMAR. (fgw) Rebecca Abe hat in diesem Jahr mit „Im Labyrinth der Fugger“ einen bemerkenswerten historischen Roman vorgelegt. In den Mittelpunkt der Handlung hat sie Anna Fugger (1547-1587) gestellt. Weitere Hauptpersonen sind u.a. ihre Brüder Philipp und Octavian sowie der Jesuit, Domprediger und Exorzist Petrus Canisius (1521-1597).


Die Handlung des Romans setzt etwa zwei Wochen nach dem Begräbnis des Fugger-Patriarchen Anton ein. Einher damit geht der Streit um das Erbe der bis dato reichsten Familie Europas, wobei dieser Machtkampf insbesondere auch unter dem Deckmantel der Religion (Katholiken vs. Lutheraner) geführt wird. Ursprünglich ist das Erbe gleichmäßig auf alle Nachkommen verteilt worden. Das aber will der kinderlose Christoph, Annas Onkel, nicht hinnehmen. Insbesondere will er seinen Bruder Georg und dessen 13 Kinder ausschalten, denn gerade die vielen Töchter könnten durch Eheschließungen (Mitgiften für die Bräutigame) deutlich schmälern. Seine Intrigen plant er gemeinsam mit Canisius, denn ein Gelingen würde sich auch für „die Kirche" finanziell lohnen. Christoph zieht dazu noch Annas Bruder Philipp auf seine Seite - mit dem Versprechen, ihn als seinen eigenen Erben einzusetzen.

 

Anna Fugger ist eine belesene, wißbegierige, intelligente und künstlerisch überaus begabte junge Frau, die in der Hinsicht ganz nach ihrem Vater Georg kommt, der sie übrigens in jeder Hinsicht fördert. Was seinerzeit alles andere als üblich war.

 

Anna Fugger, das klingt so bürgerlich und schlicht. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß die Fuggers zu jener Zeit schon lange Zeit keine frühbürgerlichen Handelsleute, Bankiers und Unternehmer mehr waren. Durch Kaiserliches Patent waren sie in den hohen Adel aufgestiegen, zu Großgrundbesitzern und so zu Landesherren in ihren Territorien geworden. Georg Fugger ist also mit vollem Namen und Titulation Georg Reichsgraf Fugger auf Weißenhorn und Kirchberg, demzufolge ist Anna ebenfalls eine Gräfin...

 

Rebecca Abe hat zur besseren Illustration damaliger gesellschaftlicher Verhältnisse zwei Charaktere aus der „Unterschicht" eingeführt: den versierten Kürschner Kellenbenz und dessen stumme Tochter Bianka. Beide werden als unwissende Werkzeuge in die Intrige des Christoph Fugger und des Petrus Canisius hineingezogen, queren des öfteren den Weg Annas und kommen schließlich beide auf grausame Weise zu Tode.

 

Leben und Leiden der Anna Fugger

Der Roman gliedert sich in vier Bücher, die die wesentlichen Lebensstationen Annas widerspiegeln:

Erstens, „Adams Rippe": Augsburg und Venedig, 1560-1561;

zweitens, „Teufelsapfel": Augsburg und Kühbach, 1562-1564;

drittens, „Tollkäfig", Augsburg, 1581-1582 und

viertens, „Paradiesvogelfeder", Augsburg und Heidelberg, 1582.

 

Auf das inhaltliche Geschehen soll hier nicht weiter eingegangen werden, zumal sich der historische Roman mitunter wie ein Thriller liest: Was muß Anna, was müssen ihre Schwestern erdulden, ja erleiden? Wie gelingt es Anna, sich trotz aller infamen Perversitäten seitens des Paters und der Nonnen nicht brechen zu lassen? Wie kann es ihr gelingen, schließlich erst aus dem einen, dann auch noch aus dem zweiten Kloster zu entfliehen? Was bedeutet das Bündnis zwischen Papst und Canisius sowie Christoph und Philipp? Das alles sollte sich der geneigte Leser selbst erschließen. Rebecca Abe schont aber ihre Leser nicht. Sie liefert kein weichgezeichnetes geschöntes, verklärtes Bild einer nie vorhanden gewesenen „guten alten Zeit".

 

Hilfreich sind dabei neben einem Personenverzeichnis der historisch verbürgten Figuren noch Erläuterungen seinerzeitiger Begriffe und Worte sowie ein Stadtplan von Augsburg in der Mitte des 16. Jahrhunderts.

 

Dem Rezensenten sind aber auch drei Stellen aufgefallen, die besser hätten vermieden werden sollen. So etwa, wenn Pater Canisius den weit über ihm stehenden Reichsgrafen Fugger stets flapsig anredet, wie es heute vielleicht üblich ist. Hier wären die damaligen Titulierungen absolut angebracht gewesen. Oder wenn ein einfacher Weber weiß, daß Anton Fugger „sechs Millionen Goldkronen" hinterlassen habe. Wissen von heute, aber keines damals. Schon gar nicht unter dem einfachen Volke. Dazu sollte man wissen, daß damals das Jahreseinkommen eines Webers in den Fuggerschen Unternehmen gerade mal einen einzigen Gulden ausmachte. Die Zahl sechs Millionen dürfte dazu für fast alle Menschen eine unbekannten, unvorstellbare Größe gewesen sein. Und schließlich noch dies, als Pater Canisius einer eitlen Äbtissen vorwirft, sie führe sich auf wie die Königin von England. So ein Vergleich ist schon peinlich, weil mehr als ahistorisch.

 

Das aber schmälert keinesfalls die Güte insgesamt dieses Romans, für den Rebecca Abe großes Lob verdient.

 

Was aber wohl niemand vermuten kann: Dieser Roman erzählt nicht nur eine spannende Lebensgeschichte. Nein, Rebecca Aber hat vielmehr - egal ob beabsichtigt oder unbewußt - eine überaus gelungene Kirchenkritik zu Papier gebracht. Gelungen auch deshalb, weil sie - ein durchaus legitimer Kunstgriff - ihre Protagonistin Anna weitblickend sehen und werten läßt. Also nicht mit den Augen des 16. Jahrhunderts, sondern mit zeitlosen Augen und dem Wissen von heute.

 

Stellenweise liest sich dieser Roman wie eine Umsetzung kirchenkritischer Sachliteratur (man denke dabei an Rolf Bergmeier). Denn das Wüten eines Canisius gegen Wissenschaft und Aufklärung (Bücherverbrennungen, Hexenverfolgung etc.) entspricht exakt dem Wüten von Bischöfen und Mönchen 1.000 Jahre zuvor, als mittels Bücherverbrennungen fast das gesamte antike Wissen vernichtet wurde... Nichtsdestotrotz behaupten bis heute Priesterkaste und willfährige Politiker und „Journalisten" dreist, es sei allein das Christentum mit seinen Klerikern, das Humanismus, Menschenwürde, Bildung und Wissenschaft in die Welt gebracht habe.

 

Zu Hilfe gekommen ist der Autorin möglicherweise der anno 2010 aufgedeckte Mißbrauchsskandal im Berliner Canisius-Kolleg, einem katholischen Gymnasium, und vielen weiteren kirchlichen Bildungseinrichtungen. Gemeint sind physische Gewaltorgien sowie sexuelle Mißbräuche, die Jungen und Mädchen von Seelsorgen, kirchlichen Lehrern und auch Nonnen tausendfach zugefügt worden sind. Dieser Canisius (übrigens anno 1925 von Papst Pius XI. Heiliggesprochen!!!) gilt in Kirchenkreisen immer noch als vorbildlicher Lehrer. Wenn man sich aber das Wirken des Canisius allein gegenüber den Fugger-Kindern anschaut, dann erkennt man durchaus, daß solches damals wie heute sowohl in der christlichen Religion als auch im Wesen von deren Priesterkaste begründet ist.

 

Kirchenkritik pur - ausgewählte Zitate

Deshalb soll im weiteren ausführlich auf viele, aber bei weitem nicht alle, Stellen im Roman eingegangen werden, die für eine fundierte Kirchenkritik in einem belletristischen Werk stehen.

 

Es wird ja immer wieder behauptet, die christliche Religion und ihre pfäffischen Träger seien alleiniger Ursprung von Menschenwürde und -rechten; das Christentum sei vor allem durch seine „Nächsten- und sogar Feindesliebe" charakterisiert und daher einzigartig in der Welt... Dagegen sprechen u.a. solche Stellen in Rebecca Abes Roman wie:

 

„...die Hinrichtung vor einigen Jahren, als ein Ratsherr wegen Siegelfälschung in siedendem Öl langsam zu Tode gebracht wurde." (S. 73)

 

„'Seit dieser Beichtvater ständig hier ist, lachen wir kaum noch. (...) ich will keine Nonne werden.' 'Wer sagt, daß du eine werden sollst?'

'Meinst du, dieser Canisius ist aus Nächstenliebe hier? Andauernd schlägt er mir Exerzitien vor, das würde ihm so passen, ich allein mit ihm in einer Kammer.'" (S. 132)

 

„Sidonia lachte. 'Töten ist nach katholischer Sicht keine Sünde, sondern ein Gebot. Eine Todsünde ist es, hier tagaus, tagein solch überflüssiges Zeug zusammen zu sticheln.'" (S. 226)

 

„Vier Ministranten in langen Gewändern trugen Petrus Canisius auf einem an Stangen befestigten Stuhl zum Blutgerüst. (...) Canisius winkte mit seinen beringten Händen gnädig nach rechts und links und gab dem Bürgermeister mit einem Kopfnicken ein Zeichen. 'Henker, walte Er seines Amtes', rief dieser..." (S. 244)

 

„Zwei Nonnen traten mit einer Kerze herein und setzten sich, eine vor sie, eine hinter sie, auf ihr Bett. Ohne Erklärung packten sie sie und rissen ihr den Verband ab. Die Kruste brach auf und ihre Nase fing wieder zu bluten an. Sie hielten ihren Kopf fest und strichen ihr Haar zurück. Heißes Wachs der brennenden Kerze lief ihr dabei ins Ohr. Was sie zuerst für ein Versehen hielt, war Absicht. Sie tropften ihr Wachs ins rechte Ohr. Bei jedem heißen Tropfen zuckte sie zusammen, die Nonnen preßten sie tiefer in die Kissen..." (S. 286)

 

„'Ein großer Mann, Pater Canisius, du kennst ihn?' (...)

' Ja, er ist der Beichtvater unserer Familie.'

' Und so gelehrt!' Die Schwester sah sie mit erwartungsvollen Augen an.

Eher wie ein nie geleerter Abtritt, dachte Anna. Wenn sie das sagte, kam sie gleich wieder in den Karzer.

' Ich durfte einigen seiner Predigten beiwohnen, sie waren geradezu...', die Schwester rang nach Worten.

Nicht nur der Teufelsmönch wohnte einer Magd bei, sondern auch ein Prediger einer Nonne. [dachte Anna bei sich; SRK]" (S. 294)

 

Als Bianka, als weltliche Dienstbotin im Augsburger Kloster, schwanger geworden war, mußte Anna etwas ungeheuerliches miterleben. Und das, obwohl die Augsburger Nonnen - ganz im Gegensatz zu den Kühbachern - als barmherzige Schwestern galten. Aber, wenn es konkret wird, dann sind auch solche vorgeblich barmherzige Schwestern erbarmungslos grausam - wie auch heute noch in diversen katholischen Mädchenheimen:

 

„'Los, Anna nun du!

Er [Canisius; SRK] stieß sie vorwärts.

'Steig auf sie drauf und befreie sie vom Ketzetdämon.'

Sie kratzte und biß. Plötzlich verfing sie sich in seiner Soutane. Ihr graute es, womöglich gleich seinen Bauch zu berühren, aber überall war Stoff, er hatte sich inwändige Beutel genäht. Sie umfaßte etwas kaltes Hartes, den Silberdolch. Du vermaledeiter Stinkbeutel!

Bianka sah sie aus halbgeöffneten Augen an. Ein Rinnsal Blut lief ihr aus dem Mund. Anna wollte ihr aufhelfen. Da trat Demetria vor und sprang mit voller Wucht auf Bianka.

Ihr Brustkorb brach mit lautem Knacken." (S. 414)

 

Für Christianisierung pur, wie die bekannte Drohung „Taufe oder Tod", steht eine Stelle wie diese:

„Gebt mir ein Kreuz und ich küsse es! Gebt mir alle Kreuze, alle besudelten, muffigen Kruzifixe, die ihr in diesem Kloster oder unter euren Röcken verbergt. Ich küsse sie alle, lecke sie ab von oben bis unten, von hinten bis vorne, wenn es sein muß, nur laßt mich hier raus!" (S. 271)

 

Wie die Priesterkaste vorgeht und mit welch obskuren Mummenschanz sie versucht, Menschen „zu bekehren", also sich ihnen zu unterwerfen, das zeigt sich hier:

„Den Einfall mit der Teufelsverkleidung hatte Feddo selbst gehabt, als sie berieten, wie man die Bekehrung in Ursula Fuggers Haushalt anstellen könnte, wo sogar die Dienstboten Heilkräutern mehr vertrauten als der Absolution." (S. 352)

 

Geld- und Machtgier von Kirche und Priesterkaste kommen u.a. in diesen Stellen zum Vorschein:

 

„Dieser Pater regt sie auf. Taucht hier mitten in der Nacht auf und befiehlt allen, sich in der kleinen Stube unterm zum Gebet einzufinden, als hätte er hier das Sagen." (S. 105)

 

„'Möchtest du mir nicht etwas sagen, Anna?' Seine hellen Augen versuchten, sie zu durchdringen, die Pupillen schwammen wie Erbsen in der Iris. 'Hast du in Gedanken und Taten gesündigt?', fragte er.

'Wie kann es Sünde sein, zu denken? (...)'

'Erleichtere endlich dein Herz', drängte er. Dieselbe Floskel, die er in der Dachkammer gebraucht hatte." (S. 152)

 

„'Oder er [Canisius; SRK] braucht die Beutelchen für Geld, damit er den Überblick behält, was von wem gespendet wurde. Eines von den Welsern, von den Rothschilds und den anderen armen Sündern, schlug Virginia vor.'

'Eines...?', unterbrach Sidonia. 'Eher ein Diamant hier, ein Smaragdkettchen da, ein Goldstück hier...'" (S. 227)

 

„...konnte man über die Felder und Wiesen sehen, deren Zehnten die [hörigen; SRK] Bauern dem Kloster abgeben [mußten; SRK]." (S. 310)

 

„Es gab etwas, das lenkte die ganze Fuggerfamilie, und es war nicht Gott oder der Teufel. Und wenn ein Teufel, dann ein nach Eigen-Urin stinkender." (S. 342)

 

Was Kirche und Pfaffen von Wissenschaft und Bildung (und von Frauen) halten, kommt u.a. hierin deutlich zum Ausdruck:

 

„'Mit Verlaub, Graf, das sehe ich anders. Lesen und Schreiben sollte das Weibervolk zwar beherrschen, sofern es von adligem Geblüt ist. Wichtiger ist es hingegen, ihnen die Grundbegriffe des richtigen Glaubens zu lehren. Dazu würde ich mich gerne zur Verfügung stellen. (...) Mir ist es ein persönliches Anliegen, Graf Georg, bei den Weibern Zucht und Frömmigkeit zu fördern, die ihnen von Natur aus, seit das Weib Adam aus dem Paradies vertrieben hat, nicht gegeben ist.'" (S. 145)

 

„Verbotene Bücher, was war das eigentlich, durfte man nicht alles wissen? Seit Canisius im Haus war, war 'verboten' und 'unzüchtig' oft zu hören. Die Unschicklichkeitsliste war lang, für Frauen noch länger, sogar Lesen und Schreiben gehörte jetzt dazu." (S. 168)

 

Was die Priesterkaste unter Bildung und Erziehung versteht und warum sie solch großen Wert auf frühkindliche Indoktrination - als Grundstein für klerikale Macht über Mensch, Gesellschaft und Staat - legt, das zeigt sich in solchen Passagen:

 

„'Vielleicht solltet Ihr all Eure Kinder so früh wie möglich in seelsorgerische Hände geben. (...) Wenn Ihr meinem Rat vertraut, wüßte ich einen Ort, wo sie von jeder Ablenkung fern in Sauberkeit und Gebet aufwachsen könnten. Sittsam und gebildet kämen sie zurück in die Welt oder, was für uns Rechtgläubige Verzückung wäre, verschrieben ihr Leben einzig Gott.'

'Ihr meint ein Kloster?'" (S. 222)

 

„Für ihn waren alle Kinder heilig, formbar wie Wachs saugten sie seine Lehren, dank seines kleinen Katechismus, den er für die einfachen Gläubigen geschrieben hatte, mit der Ammenmilch auf. (...) Endlich hatte er Gräfin Ursula überreden können, ihre Kinder in Klausur zu geben. Auch wenn das Kloster Kühbach seinem Namen Ehre machte. Einfältige Kühe waren diese Betschwestern, ihm ganz und gar hörig. (...) Wenn alles so lief, wie er es eingerichtet hatte, wären bald sämtliche Fuggerbälger zwischen Lech und Wertach verschwunden und es würde wieder einen Regenten geben. Sein Auftraggeber konnte zufrieden sein, ob syphiliskrank oder Sodomit, das konnte Canisius dann gleich sein." (S. 260-262)

 

Das mag genügen. Solches sollte man im Hinterkopf haben, wenn nach wie vor Kuttenträger und ihnen Hörige uns was von Werten, gar christlichen Werten, vorschwätzen!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Rebecca Abe: Im Labyrinth der Fugger. Historischer Roman. 474 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2440-3

 

 



 
18.07.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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