Plädoyer für ein subversives Nein in Liebe und Sexualität

WEIMAR. (fgw) Das Maß der Liebe. Was ist das? Wie mißt man es? Und warum plädiert die Schweizerin Dominique Zimmermann im Zusammenhang mit dem „Maß der Liebe“ in ihrem gleichnamigen Büchlein für ein subversives Nein? Fragen, die eigentlich auch nach Beendigung der Lektüre nicht wirklich beantwortet sind.


Die Autorin wollte - eigenem Bekunden zufolge - Verwechslungen, die der Liebesbegriff häufig provoziere, auf die Spur kommen. Sie fragt, was denn liebende Bejahung ist und in welcher Situation ein „konstruktives" Nein Platz haben müsse. (Ja, was denn nun? Ein subversives oder ein konstruktives Nein? Eine gewollte oder ungewollte Unschärfe der Begrifflichkeiten?) Dominique Zimmermann will aber nicht darüber schreiben, was „Liebe in Wahrheit ist". Ihr geht es mehr um das Wechselverhältnis von Liebe und Sexualität, wobei Sexualität zumeist als selbstverständliche Begleiterin einer Liebesbeziehung vorausgesetzt werde.

 

Aber, „manche Menschen fühlen sich jedoch zu niemandem sexuell hingezogen und befinden sich doch in Liebesbeziehungen und liebevollen Freundschaften." (S. 9) Diesem Personenkreis widmet sie im weiteren ihre besondere Aufmerksamkeit. Und so wird im ersten Kapitel gefragt, ob Ja und Nein zwei Pole seien. Danach geht es um „Die Lüge und die Wahrheit":

 

„Zwar haben sich die Geschlechterstereotypen seit den 1970er Jahren wesentlich geändert, aber solange es die Ehe gibt, gibt es nach wie vor die (...) Tendenz zur Grundlüge über die Natur des Begehrens. Wenn wir die Ehe aber ganz unromantisch und kritisch betrachten, müssen wir uns fragen, ob diese Verbindung von Materiellem mit Gefühlen [wie sie die BGB-Ehe konstruiert; SRK] nicht zwangsläufig zu Problemen führt (...) Nach wie vor ist die Dominanz des christlichen Anspruchs, daß die Ehe [siehe oben; SRK] das einzig richtige Beziehungsgefäß ist, omnipotent." (S. 16/17) - Damit kommt Dominique Zimmermann auf den eigentlichen Kern der Frage, ab hier wird es interessant. Leider nur kurz deutet sie an, daß „Liebesbeziehungen ohne wirtschaftliche Abhängigkeiten grundsätzlich unproblematischer sind" (S. 17) Also Ehen, wie sie weiland in der DDR geschlossen wurden...

 

Die Türkin Aysegül Sah Bozdogan steuert hierzu, emotional ausgehend von den 2013er Unruhen in Istanbul (Gezi-Park), einen Artikel „Abseits von Ja und Nein: Asexualität und Antisexualität" bei. Ihr geht es da insbesondere um Begriffsschärfungen, denn beides sei nicht deckungsgleich. Asexualität sei die Freiheit, keinen Sex - egal welcher Art - mit anderen zu haben. Kritisch geht sie dagegen mit „feministischen Antisexuellen" ins Gericht. Diese würden „jede Art von Sexualität ablehnen, indem sie behaupten, daß Verkehr zwischen Sexualpartnern die geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse stütze." (S. 35)

 

Mehr muß man eigentlich dazu nicht sagen; eine Anmerkung sei aber dennoch gestattet: Und was ist mit lesbischer Sexualität? Ist diese in den Augen solcher verbiesterter „Feministinnen" (blindwütige Gender-Kriegerinnen wäre wohl der bessere Begriff) etwa keine Sexualität? Und wie stützt sexueller Verkehr nur unter Frauen die männlichen (patriarchalischen) Machtverhältnisse?

 

Im zweiten Kapitel geht Dominique Zimmermann auf „Liebeszwänge. Der Liebesschwur und das fehlende Nein in der Liebe" ein. Auch hier geht sie wieder, äußerst knapp, auf die Probleme ein, die die christliche BGB-Ehe mit sich bringen kann: „der erschwerte Zugang zu den Kindern und das finanzielle Fiasko" im Gefolge einer Scheidung. (S. 43) Deshalb würden immer noch „Menschen ihre wahren Bedürfnisse pervertieren" und in einer inhalts- und lieblosen Ehe verharren...

 

Deutlicher, ja gerade zu drastisch direkt, wird sie hierzu im Abschnitt „Das vertrackte Ja-Wort und das Ehe-Ritual":

 

„Bevor man sich einen Hund anschaffen darf, muß man in der Schweiz einen Theoriekurs besuchen, nach der Anschaffung auch einen Praxiskurs. Beim Autofahren verhält es sich nicht anders. Aber in familiären Bereichen werden Menschen ohne Vorkenntnisse möglicher Nebenwirkungen ins kalte Wasser geworfen. (...) Einzige Bedingung für die Ehe ist in unseren Breitengraden Volljährigkeit und, je nach Land, Heterosexualität." (S. 54/55)

 

Und von ab wird es richtig spannend: „Deshalb ist der ausgewogene Nein-Aspekt (...) von größter Wichtigkeit. Es ist zu diskutieren, ob es nicht angebracht ist, die Ehe als staatlich relevanten Status vollkommen infrage zu stellen. (...) Natürlich rufen diese Anpassungsbestrebungen an die Realität den christlichen und konservativen Flügel auf den Plan, der einen Zusammenbruch des gesellschaftlichen Kerns fürchtet, imaginiert in Form einer glücklichen, heterosexuell orientierten Familie mit verheirateten Eltern und leiblichen Kindern. (...) Bedeutet Gleichberechtigung wirklich, daß möglichst alle eine Ehe eingehen sollen, und läßt sich dieses Gefäß so weit umdeuten, daß es als nützliches Instrumentarium in Beziehungssituationen dienen kann? Und wer gehört zu den 'Gleichen'? Vorteile durch eine Abschaffung gäbe es dagegen einige..." (S. 59/60)

 

Gerade diesen Abschnitt sollten sich jene „Gender-KriegerInnen" ausführlich zu Gemüte führen, die hierzulande und medial aufgeblasen für eine „Ehe für alle" streiten. Und die dieses Scheinproblem einer Minorität im Promillebereich zur wichtigsten gesellschaftlichen Frage überhaupt erklären. Dabei wollen ja nicht einmal alle nicht-heterosexuellen Paare und Gruppen eine „Ehe" führen, sondern in freier und freibestimmter Liebe leben.

 

Die Autorin schreibt weiter: „Den Kreis jener zu erweitern, die standesamtlich heiraten dürfen, bringt folglich keine Lösung. (...) Das Eheritual müßte aber deswegen nicht abgeschafft werden. Ob dieses dann zu zweit oder unter mehreren Personen, kirchlich, mit einem Schamanen oder einer Philosophin durchgeführt wird, sollte niemanden kümmern. (...) Materieller Besitz und Gefühle würden dann weniger miteinander vermischt oder verwechselt." (S. 61)

 

Ja, das ist ein guter, ein sehr pragmatischer Ansatz. Es kommt also darauf an, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, wenn man Geschlechterungleichheit abschaffen will. Und nicht aufs Gendern oder Ehe für alle... Dies kommt bei Dominique Zimmer schließlich auch noch zum Ausdruck:

 

„Solange die Ehe eine privilegierte Beziehungsform ist, haben wir es mit einer Form von Diskriminierung zu tun. So wie es Rassen- und Klassendiskriminierung sowie Diskriminierung aufgrund des Geschlechts [und aufgrund der sexuellen Neigung; SRK] gibt, gibt es die weniger diskutierte Diskriminierung aufgrund des Beziehungsstatus." (S. 62/63)

 

Von hier ist es eigentlich nicht weit bis zur Diskriminierung von Weltanschauungsgemeinschaften gegenüber den sogenannten christlichen Amtskirchen, obwohl verfassungsmäßig eigentlich Gleichbehandlung geboten ist...

 

Aysegül Sah Bozdogan geht in diesem Kapitel auf die Asexualität als unmögliche Distanz ein.

 

Um das Ja in der Liebe, um freie Liebe und freies Begehren geht es im gleichnamigen dritten Kapitel. Hier vertieft Dominique Zimmermann ihre Aussagen im Kapitel zuvor und geht erneut auf die „Genderei" ein und auf den sogenannten „Opferstatus" der Frau. Aber ist das nicht bloß ein Scheinproblem von gelangweilten und/oder frustierten Frauen aus der ominösen Mittelschicht (und der Hausfrauen-Ehe mit männlichem Versorger) in West- und Mitteleuropa und den USA?

 

Die Autorin schreibt hierzu: „Es drängt sich die Frage auf, wie viel staatliche Regulation in Bezug auf das Privatleben sinnvoll und nötig ist, welche Gesetze brauchbar sind und was Überregulierung wäre. Anhand des Beispiels der Ehe zeigt sich, daß gesetzliche Formulierungen in hohem Maße von gesellschaftlichen Normen abhängen, die wiederum historischen Veränderungen unterworfen sind: Oft gehen Menschen aber jedoch davon aus, daß die Gesetze und die momentanen gesellschaftlichen Zustände absolut sind und stellen diese zu wenig in Frage." (S. 82/83) Im Übrigen habe aber „die sozialistische Bewegung schon Mitte des 19. Jahrhunderts die Ehe kritisiert und Liebesbeziehungen ohne Einmischung des Staates gefordert. (...) Für den Frühsozialisten Charles Fourier bedeutete freie Liebe die uneingeschränkte Entscheidung für jede Art von Partnerschaft, dies schloß auch Zweierbeziehungen ein." (S. 84)

 

Provozierend ist das vierte Kapitel überschrieben worden mit „Pornosophische Reflexionen". Hier geht es u.a. um „unerotische Lebenswelten" oder um Vibratoren als Vermittler zwischen Autoerotik und virtuellem Sex, während sich Aysegül Sah Bozdogan dem Thema „Asexuelle Pornographie" zuwendet. Ja, gibt es denn so was? Kann es so was überhaupt geben? In ihren Betrachtungen kommt sie zu diesem Schluß:

 

„Entgegen dem verbreiteten Glauben, daß jeder Mensch ein sexuelles Verlangen hat und unbedingt dieses Verlangen in die Tat umsetzen möchte, bieten das Wort 'asexuell' und die 'asexuelle Gemeinschaft' die Möglichkeit, Geschlecht, Sexualität und Geschlechtsorgane im Rahmen der täglichen Propaganda zu überdenken." (S. 108) Ja, das ist ein wirklich überdenkenswerter Ansatz. Und er streift ein Thema, das im organisierten, im praktischen Humanismus noch zu kurz kommt, noch zu wenig bedacht wird: Die Lebens- und Liebesweisen von religionsfreien Menschen. Und welche Lebenshilfe-Angebote ein humanistischer Verband hier unterbreiten könnte.

 

Abgerundet wird das Büchlein durch einen Dialog der beiden Frauen über „Multipolare Beziehungskulturen: Auf der Suche nach einem subversiven Nein". Sie gehen hier auch auf die Gefahren der „Machtmechanismen des Neoliberalismus" ein: Diese würden alle Identitätsbewegungen (egal ob schwul-lesbisch, transgender, Polyamorie und neuerdings Asexualität) zu vereinnahmen versuchen, mit dem Ziel, sie profitabel zu kommerzialisieren und zu instrumentalisieren zur Stabilisierung kapitalistischer Verhältnisse. Solche Gruppen und Bewegungen würden stets als Marktlücke erkannt: „Homosexuelle Männer wurden als interessante Konsumgruppe entdeckt und werden jetzt mehr in die Werbung einbezogen (...) und das sehen wir jetzt auch beim Aufkommen des veganen Essens." (S. 111)

 

Aber warum werde in dieser Schrift von einem subversiven Nein und nicht von einem subversiven Ja gesprochen? Beide Frauen geben hier Antworten aus ihren jeweiligen Lebenserfahrungen. Zusammenfassend heißt es: „Eigentlich muß letztlich jeder Mensch selbst zu Einsichten gelangen. Da sehe ich [Dominique Zimmermann; SRK] eine Grenze des aufklärerischen Gedankens. Menschen müssen Erfahrungen sammeln dürfen und selbst sehen, wo dann Einschränkungen anstehen." (S. 117) Dem kann der Rezensent aber nicht zur Gänze beipflichten! Denn bedeutet Aufklärung nicht, daß jeder Mensch die Welt entdecken soll und kann und sich eben nicht festgefügten Dogmen in sogenannten ewigen „Heiligen Büchern" unterwerfen soll?

 

Zu recht konstatieren Zimmermann/Sah Bozdogan, daß die sogenannte „Genderelite zu weit weg von der Alltagswelt der Menschen ist" (S. 119) Und sie schließen mit diesen beiden Sätzen, denen nichts hinzuzufügen ist:

 

„Je mehr wir aber zu uns selbst Ja sagen können, desto besser können wir mit dem Nein von einem Gegenüber umgehen. Wenn das nicht mehr existenziell ist, sind wir bereits subversiv." (S. 120)

 

 

Siegfried R. Krebs

 

Dominique Zimmermann: Das Maß der Liebe - Plädoyer für ein subversives Nein. 2. Aufl. 128 S. kart. Reihe theorie.org im Schmetterling-Verlag. Stuttgart 2015. 12,80 Euro. ISBN 3-89657-080-3

 



 
24.08.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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