„Pro Humanismus“: Horst Groschopps kritische Kulturstudie

WEIMAR. (fgw) Mit dem Band „Pro Humanismus“ hat Horst Groschopp die von ihm initiierte neue Schriftenreihe „Humanismusperspektiven“ eröffnet. Seine Monographie stellt die erste umfängliche Kulturstudie zum Humanismus in der „säkularen Szene“ und über den Humanistischen Verband Deutschlands dar, incl. einer umfänglichen Dokumentation. Übrigens, zwei weitere Bände sind bereits in Arbeit.


Der promovierte Kulturwissenschaftler Horst Groschopp war von 2003 bis Ende 2009 Präsident der Humanistischen Verbandes Deutschland (HVD) und von 1997 bzw. 2006 bis zur Berentung im Jahre 2014 Direktor der Humanistischen Akademien Berlins und Deutschlands sowie von 1997 bis ebenfalls 2014 Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift „Humanismus aktuell".

 

Eigentlich hätte Groschopp sich als Rentner ein ruhiges Leben machen können. Doch der aktuelle (und durchaus traurig zu nennende) Zustand des HVD (als Bundesverband) und beider Akademien unter neuer Leitung treibt ihn um und so hat er sich als Privatier zur Herausgabe dieser neuen Schriftenreihe entschlossen.

 

Nochmals ein Eigentlich, so deutlich muß der Rezensent das sagen, erledigt der Ruheständler Groschopp damit das, was vor allem die Humanistischen Akademien zu tun hätten. Wie auch das HVD-Präsidium... Horst Groschopp beweist mit seiner Initiative und gerade mit diesem „Eröffnungsband", daß er nach wie vor „geistiger Kopf" und strategische Denker des organisierten Humanismus in Deutschland ist. Auch wenn man nicht alle seine Schlußfolgerungen teil.

 

Doch nun zur Publikation „Pro Humanismus" selbst.

 

Besonders wertvoll: Die Dokumentation

Der Rezensent hat sich, anders als sonst üblich, zunächst dem umfänglichen Anhang (110 Seiten mit insgesamt 24 Dokumenten) zugewandt. Denn das vorherige Studium der dortigen Texte erleichtert das Verstehen von Groschopps kritischer Analyse ungemein.

 

Das erste Dokument vermittelt tabellarisch einen sehr gestrafften tabellarischen Überblick über diejenigen Organisationen, die zur bundesdeutschen „säkularen Szene" gezählt werden. Es folgt ein Aufsatz aus dem Jahre 1990 von Finngeir Hiorth (Freidenkertum und säkularer Humanismus), in dem dieser u.a. feststellt: „Bedeutet dies, daß wir den Ausdruck Freidenker aufgeben sollen? - Meines Erachtens sicher nicht. (...) Es gibt keinen Grund, sich des Wortes Freidenker zu schämen, ganz im Gegenteil." (S. 188)

 

Ebenfalls aus dem Jahre 1990 stammt ein sehr aufschlußreicher Text von Manfred Isemeyer (Vor einer Renaissance des Humanismus?) In diesem deutet sich bereits die Abwendung der Westberliner Freidenker von der Arbeiterbewegung hin zur ominösen Mittelschicht an, wie auch das Bemühen um „Staatsknete"... Was sich später in Entwürfen für das „Humanistische Selbstverständnis" manifestieren wird, so dem illusorischen Satz aus dem Jahre 1998: „Markt und Privatbesitz an Produktionsmitteln haben sich als starke Triebkräfte für wirtschaftlichen Fortschritt und Demokratie erwiesen." (S. 133) Angesichts der kurz darauf einsetzenden Agenda-Politik etc. kann man heute darüber nur den Kopf schütteln und fragen, ob solche Formulierungen bloß Ausdruck von politischer Naivität der HVD-Granden waren/sind.

 

Widergespiegelt wird in mehreren Dokumenten das Entstehen des „Humanistischen Selbstverständnisses" und dessen Weiterentwicklung bis heute, ausgehend von Werner Schultz' zwölf Humanismus-Thesen (1992) und seinem Text „Probleme des Humanismus" (1998). Hervorhebenswert an der 2015er Fassung ist dieses konkrete Bekenntnis: „Wir verteidigen das Recht auf Selbstbestimmung bis zum Lebensende. (...) Bei schmerzhaften und unheilbaren Krankheitsverläufen ist der Wunsch des Betroffenen nach einem ärztlich assistierten Suizid zu respektieren. Wir setzen uns dafür ein, daß in diesem Sinne eindeutige und verläßliche Rechtsgrundlagen geschaffen werden." (S. 280)

 

Desweiteren werden vorgestellt die „Grundsätze humanistischer Sozialarbeit" (1992) sowie Groschopps Aufsatz „Streitfragen im Humanismus" (1998), in dem es um theoretische Herausforderungen und um die Akademie-Arbeit geht. Immer wieder sollte man auch heute noch diese schon älteren Texte im Auge behalten: „Selbstverständnis als Plattform im Konsens" (1999) von Wolfgang Lüder und Horst Groschopps „'Ökumene' der Freigeister?" (2000) sowie dessen Aufsatz „Die 'dritte Konfession' und der organisierte Humanismus" (2004).

 

In diesem heißt es u.a.: „Im Osten ist das, was die Kirchen sagen, nahezu unbedeutend (allerdings nicht in der Politik!). Fragen nach Religion und Kirche werden den Ostdeutschen erst wichtig, wenn die sich mit Hilfe des Staates in ihr konfessionsfreies Leben drängeln (Religionsunterricht, kirchliche Sozialeinrichtungen, Entdeckung der Kirchensteuerpflichtigkeit, versuchte Erzwingung der Kirchenmitgliedschaft bei Arbeitsverhältnissen in Diakonie und Caritas usw.)." (S. 246) Voll und ganz zuzustimmen ist seinem Fazit: „Die Normalität eines guten gottfreien Lebens (...) das ist die eigentliche Kritik zu jeder Religion. Hier hat der Humanistische Verband eine historische Verantwortung." ( S. 248)

 

Zu den besonders hervorzuhebenden Dokumenten zählt Ingrid Matthäus-Maiers Text „Zur Gleichbehandlung" aus dem Jahre 2013 mit einer deutlich ausgesprochenen Warnung an alle freigeistigen Organisationen, nicht nur an den HVD: „Man muß sich klar machen, daß man sich auf eine schiefe Ebene begibt, je mehr Privilegien auch den Weltanschauungsgemeinschaften zugestanden werden und je länger sie dauern.Sie dienen dann der Verfestigung des Systems. Man gewöhnt sich daran. Man kriegt seinen Teil des Kuchens. Es wird dann nichts mehr abgeschafft. Man will es zum Schluß auch gar nicht mehr. Man wagt auch gar nicht mehr, die Trennung von Kirche und Staat zu fordern." (S. 275) - Leider muß man Frau Matthäus-Maier Recht geben, gerade wenn man sich das Agieren vor allem der beiden finanzstarken HVD-Landesverbände und des von ihnen abhängigen Bundes-Präsidiums anschaut.

 

Humanismus als Rettungsanker

Horst Groschopps Monographie als Kulturstudie zu bezeichnen, trifft es genau. Er wendet sich darin der vielfältigen „säkularen Szene" in der seit 1990 größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland zu, und warum der Humanismus, zumindest als Begriff, „Rettungsanker" für viele der seinerzeit bestehenden Organisationen geworden ist. Den Schwerpunkt legt er dabei auf den am 14. Januar 1993 formal gegründeten Humanistischen Verband Deutschlands (HVD). Der Autor skizziert dessen Vorgeschichte und stellt die sehr unterschiedlichen Gründungsverbände und deren z.T. doch konträren inhaltlichen Positionen vor. Dabei geht er auch auf das Humanismus-Verständnis ein: Was ist eigentlich Humanismus? Wer definiert ihn?

 

Er verschweigt damalige Hochgefühle und (auch heutige) Illusionen ebenso wenig wie Niederlagen und Enttäuschungen. Und heute? „Der heutige HVD ist in der Bredouille." (S. 23) Warum das so ist, woran das liegt, das durchzieht Groschopps schonungslose Analyse von der ersten bis zur letzten Seite. Lobenswert ist, daß er sich als langjähriger Protagonist von Analyse und Selbstkritik nicht ausnimmt.

 

Von der Freidenkerei zum Humanismus

Die Gegenwart kann man nur verstehen, wenn man die Geschichte kennt. Also zeichnet Groschopp die Geschichte der deutschen Freidenkerei, insbesondere deren „klassische Phase" zwischen 1840 und 1930, nach. Aber auch die anderen „freigeistigen" Organisationen sind dabei mit im Blick.

 

Der Rezensent muß hier jedoch zwei „Aber" anmerken. Wenn es um den von Max Sievers geleiteten Deutschen Freidenkerverband (DFV) der 1920er Jahre geht, erwähnt er lediglich einen der beiden proletarischen Vorläufer, den 1905 gegründeten Berliner „Verein der Freidenker für Feuerbestattung". Mit keinem Wort kommt bei ihm der 1908 in Eisenach gegründete „Zentralverband Deutscher Freidenker" vor, der seinerzeit in ganz Deutschland wirkte und der sich insbesondere auch um die Entwicklung einer alternativen Gemeinschafts- und Feierkultur kümmerte.

 

Ein zweites Aber gilt der Aussage auf S. 36, daß der „Sozialismus um 1900 bis in die Weimarer Republik in sozialdemokratischen und kommunistischen Kreisen als Kirchen- und Religionsersatz galt". Worauf stützt sich diese Behauptung? Ist Sozialismus im Sinne der Arbeiterbewegung nicht vielmehr eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung?!

 

Und: Groschopp folgt in seiner Schrift leider auch den bundesdeutschen Mainstream-Sprachregelungen, indem er anstatt Faschismus oder deutscher Faschismus den inhaltlich falschen Begriff „Nationalsozialismus" verwendet oder ihn nicht wenigstens in Anführungszeichen setzt.

 

Horst Groschopp wendet sich dann im weiteren diesen Themen zu, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll: Säkulare Szene und gesellschaftlicher Pluralismus; Weltanschauung und Gemeinschaft HVD; Die freidenkerische Säkularisierungsthese; Humanismus als neue Aufklärung, Innovation des „säkularen Humanismus"; Der verdrängte „ethische Humanismus"; Altlast „Weltlichkeit", Neuer „säkularer Humanismus"; Humanistische Wahrheiten.

 

Der HVD und Bekenntnisfragen

Wie sich der HVD positioniert und sich abgrenzt von anderen Organisationen, läßt sich „festmachen" an den ständig veränderten Fassungen des Humanistischen Selbstverständnisses. Dazu heißt es bei Groschopp: „In der aktuellen 2015er Fassung ist Humanismus ausdrücklich keine Reaktion auf gesellschaftliche Krisenerscheinungen und auch kein Heilmittel zu ihrer Bewältigung. 'Krise' ist weitgehend diagnostiziert als individuelles Problem." (S. 87) - Der bezahlte HVD-Funktionärskörper ist also angekommen im ausschließlich neo-liberalen Denken, das alles andere als humanistisch ist. Ein anderer markanter Wandel ist schon Anfang der 1990er erfolgte Wandel in der Einstellung zur Bundeswehr, wo man partout den christlichen Militärpfarrern gleichgestellt werden wollte und heute immer noch will.

 

Dazu paßt Groschopps bittere Feststellung: „Das Profil des im HVD organisierten Humanismus wurde betont parteipolitisch neutral mit der Tendenz, sich aller Stellungnahmen zu enthalten, wenn es nicht um Themen ging, die den Verband unmittelbar betrafen. Sozialpolitische Stellungnahmen, je konkreter sie sein mußten, um verstanden zu werden, hatten und haben aber stets parteipolitische Pointen." (S.87)

 

An anderer Stelle heißt es: „Daß 'Solidarität' im humanistischen Selbstverständnis ein Kernbegriff ist, der sich grundsätzlich von dem der Nächstenliebe unterscheidet (...) ging 2015 verloren und damit ein sogenanntes 'Essential' der humanistischen Weltanschauung. Der Abschied vom Solidaritätsbegriff ist kein Versehen." (S. 95) - Und schließlich sei auch noch dies erwähnt: „In der Fassung von 2015 verzichtet der HVD gänzlich auf eine Trennung von Staat und Kirche." (S. 115)

 

Groschopp schreibt weiter: „Der HVD ist seit seiner Gründung 1993 tatsächlich keine freidenkerische Organisation, die den Laizismus verficht (...) Man kann eben nicht laizistisch Religionsunterricht generell ablehnen und gleichzeitig 'konfessionell' selbst Lebenskunde anbieten als Weltanschauungsunterricht parallel, alternativ und gleichberechtigt zum Religionsunterricht. (...) Was wäre , wenn das Fach 'Lebenskunde' aufgegeben würde und außerhalb von Schule vom HVD als lebenskundliche Bildung angeboten würde? Darin sah die Lebenskunde-Belegschaft eine Bedrohung ihrer Arbeitsplätze und die Debatte wurde des Betriebsfriedens wegen nicht weitergeführt." (S. 120 - 123)

 

Was stellten aufmerksame Beobachter schon vor dem I. Weltkrieg mit Blick auf diverse Organisationen der Arbeiterbewegung fest?: Wenn die Funktionäre nicht mehr für ihre Organisation leben, sondern von ihr, dann hat die Organisation ihren Sinn/Zweck verloren...

 

Passend dazu läßt Groschopp den Leser auch an einem „Blick von außen" teilhaben, und zwar den des katholischen Theologen Florian Baab (geb. 1982) in dessen Schrift „Was ist Humanismus?": „Bei Baab kursiv: 'Der Humanismus als homogene Weltanschauung bleibt eine Illusion.' Zu einem solchen Urteil kommt nur, wer gültige 'Lehrmeinungen', wie sie in der katholischen Kirche üblich sind, auf Humanismus überträgt. (...) Baab geht es um Humanismus unter den Perspektiven von Philosophie und Theologie. Er liefert ein letztlich sehr eng führendes Bild vom Humanismus mit dem Versuch, dessen Ende zu verkünden. (...) Baabs Mängelliste des Humanismus ist lang: Sakralisierung des Menschen, Unterbestimmung der Animalität, Erniedrigung des Menschen, Fehlen eines transzendenten Rahmens, Essenzialismus, Variabilität, Anthropozentrismus, Utopismus." (S. 132 - 137)

 

Naja, dazu kann man nur sagen, der Mann ist doch schließlich Theologe und kann nicht anders... Dennoch, so schreibt Groschopp, sei „das Buch von Baab für den organisierten Humanismus wertvoll (...) durch die detailreiche Auflistung, was einem so auffällt, wenn man von außen auf den HVD sowie in die 'säkulare Szene' schaut und sich ein Urteil bildet, abgerückt von den Selbstdarstellungen und Wunschbildern." (S. 140)

 

Der HVD - eine Frage der Demokratie

Humanisten müssen dagegen eine ganz andere Mängelliste des HVD-Humanismus aufmachen, leider und da geht es um wirkliche Mängel und nicht welche aus „gottgefälliger" Sicht! Groschopps „Auflistung" ist viel ärger und lebensbedrohlicher für den organisierten Humanismus. U.a. konstatiert er bezüglich des HVD, daß schon seit der Gründerphase des neuen Verbandes, neben Illusionen in bezug auf den Masseneinfluß, in diesem „ein als 'Spaltpilz' reflektierter Konflikt wuchs, der sich derzeit hinsichtlich der KORSO-Politik und der bundesweiten Lebenskunde, ein wohl gescheitertes Projekt, innerverbandlich zuspitzt." (S. 141) Den Verband mache „ein fortdauernder innerer Streit nun zunehmend konturlos. Der Sinn des HVD wird unkenntlich, gerade bei den eigenen Mitgliedern." (ebd.)

 

Es folgt eine sehr deutliche Zustandsbeschreibung der einzelnen Landesverbände (S. 140ff), angefangen beim anhaltenden Mitgliederschwund der älteren und dem im Prinzip „Nullwachstum" bzw. der lediglich papiernen Existenz der erst in jüngerer Zeit gegründeten. Der Gesamtverband werde von zwei ökonomisch starken Landesverbänden dominiert und deren Partikularinteressen.

 

All dies habe gravierende Verzerrungen in der Verbandsdemokratie zur Folge gehabt, die sich aktuell sogar noch verschärfen würden („...verändern sich in den großen Verbänden durch die wachsende Zahl der Hauptamtlichen - in Berlin über tausend - die Versammlungen in Richtung Mitbestimmungsinstitutionen." / S. 143). Groschopp wörtlich: „Das oberste Gremium Bundespräsidium ist nur formal ein Koordinations- oder gar Leitorgan. Niemand in den Landesverbänden läßt sich dreinreden. Die Folge ist auch hier: Der große Selbstanspruch des HVD ist geblieben, aber die heterogene Realität ist das Ergebnis zentrifugaler Kräfte, des Zweifelns an einem gemeinsamen Kurs, hinzu kommen persönliche Animositäten." (S. 143)

 

Groschopp beläßt es nicht dabei, sondern benennt „Roß und Reiter". Ein Beispiel soll genügen:

 

„Die Existenzfrage für den HVD wird sein, wer über die Perspektiven entscheidet. Formal sind dies die Mitgliederversammlungen bzw. Delegiertenkonferenzen. Doch die ehrenamtlichen Gremien des größten Verbandes Berlin-Brandenburg haben zwischen 2010 und 2012 ihre weitgehende Entmachtung zugelassen und - zugespitzt - eine 'unternehmensabhängige Demokratie' befördert. (...) Die Macht hat, wer über den Haushalt entscheidet. Diese Macht liegt nun beim hauptamtlichen Vorstand..." (S. 145) - Dieser hauptamtliche Vorstand besteht aus zwei Personen, der früheren Geschäftsführung, die den Verband wie ein Wirtschaftsunternehmen führen. Die gewählten Gremien spielen leider nur noch die Rolle eines Aufsichtsrates.

 

Auch „die Geschichte des 'Humanistischen Selbstverständnisses' widerspiegelt diese zunehmende Minderbewertung von Demokratie." (S. 146), heißt es weiter.

 

Hinzukomme, daß die Mitgliederzeitschrift „diesseits", die nur von einer Minderheit der Mitglieder abonniert ist, nur noch eine triviale Hochglanzpostille ist. Groschopp erinnert daran, daß gerade die Zeitschrift in den 1990er Jahren die Klammer zwischen den Landesverbänden und den Mitgliedern gewesen sei. Und daß noch bis etwa 2010 in der Zeitschrift kontrovers und konstruktiv über Ziele und Aufgaben des HVD debattiert worden sei.

 

Im weiteren geht der Autor darauf ein, warum einige freigeistige Organisationen (Bund für Geistesfreiheit, Jugendweihe u.a.) aus der HVD-Gründung ausgestiegen sind. Angesprochen werden nicht minder Differenzen mit anderen Organisationen, wie Giordano-Bruno-Stiftung oder dem Humanistischen Pressedienst oder die jüngsten Alleingänge des bayrischen HVD-Ein-Mann-Vorstandes. Alle HVD-Demokratiedefizite hätten sich ebenfalls bei der Gründung und der Dauerkrise des KORSO (Koordinierungsrat säkularer Organisationen) negativ ausgewirkt.

 

Und was gibt es für den HVD Positives festzuhalten? Leider nur dieses: „So blieb der Eintritt der Humanisten Baden-Württemberg [incl. der Humanistischen Freidenker Ostwürttembergs; SRK] der einzig ins Gewicht fallende Zuwachs..." (S. 150)

 

Über Humanismus-Perspektiven

Trotz der insgesamt doch eher deprimierenden Bilanz verzagt Groschopp nicht und legt vor allem ein deutliches Bekenntnis „pro Humanismus" ab, wenn er schreibt: „Die säkulare Szene' insgesamt sollte sich fragen, wie sie eine nennenswerte Perspektive bekommen kann, eine, die ihren Ansprüchen und ihrer historischen Verantwortung genügt oder ob Genügsamkeit sie dominiert. Alle zusammen sollten ernstlich diskutieren, wie sie es mit dem Humanismus halten." (S. 151)

 

Nach Groschopp lautet die alles entscheidende und zukunftsorientierte Kernfrage: „Worin besteht heute die besondere Leistung spezieller Humanistenverbände? Eine Grundsatzdebatte über diese Zusammenhänge wird den Reformstau in der 'säkularen Szene' vielleicht auflösen helfen." (S. 153) - Da könne man aber nicht bloß sagen, Humanismus sei das, was der HVD praktiziere...

 

Bei aller Kritik am HVD hat Horst Groschopp diesen keinesfalls abgeschrieben und setzt Vertrauen in dessen demokratische Reformfähigkeit, wenn er postuliert: „Der Verband ist der größte deutsche Verein, der sich dem Humanismus verpflichtet hat. Es gibt nur einen HVD. Das fordert von unsereins Behutsamkeit im Umgang mit ihm, aber zugleich scharfe Kritik, eben weil er allein steht. Er muss das aushalten."

 

Eine Lösung für viele innerverbandliche Probleme, so meint der Rezensent, wäre, neben der organisatorischen und finanziellen Stärkung des Bundesverbandes, die Trennung des Mitgliederbereichs vom Geschäftsbereich, so daß z.B. das mehrfach angesprochene Problem Weltanschauungsgemeinschaft vs. Dienstleistungsverband nicht mehr hinderlich im Raum stünde.

 

Es bleibt zu hoffen, daß am organisierten Humanismus Interessierte, egal ob Mitglied im HVD oder nicht, Groschopps Analyse als Anregung zum Nachdenken und vor allem zum Handeln nehmen. Wie gesagt, man muß nicht alle seine Schlußfolgerungen teilen.

 

Und auch noch Pazifismus

Horst Groschopp hat in den Anhang zu diesem Band noch seinen 17-seitigen Text „Humanismus und Pazifismus in der deutschen Freidenkerbewegung" von 2007 (im Jahre 2015 für das „Handbuch Friedensethik" überarbeitet) aufgenommen, weil sein Aufsatz in diesem Handbuch „aus formalen Gründen" nicht publiziert worden ist. Dieser Aufsatz ist eigentlich eine eigene Besprechung wert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Horst Groschopp: Pro Humanismus. Eine zeitgeschichtliche Kulturstudie. Mit einer Dokumentation. Reihe Humanismusperspektiven, Bd. 1. 288 S. kart. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2016. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86569-245-0

 

 

 

 

 



 
20.12.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ