Profundes Handbuch über die antiken griechischen Philosophen

WEIMAR. (fgw) Die von Heiner Jestrabek als Verleger und Herausgeber betreute edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum hat jetzt mit dem Handbuch „Prometheus und die Philosophen“ eine ganz besondere Publikation herausgebracht. Und diese ist aus Sicht des Rezensenten wohl Jestrabeks bis dato reifstes Werk.


Dieses Handbuch gibt einen knappen, aber überaus aussagekräftigen Überblick über die wichtigsten Philosophen und Aufklärer während der griechisch-römischen Antike und stellt sich der Frage: Worin liegen die wirklichen Fundamente der europäischen Kultur? In einer neuerdings immer wieder beschworenen „christlich-abendländischen Identität" oder gar „Leitkultur"? Kritiker dieser Sichtweise, wie Rolf Bergmeier, August Bebel und Karlheinz Deschner, bezeugen andere Schlußfolgerungen: Demnach zerstörte das siegreiche Christentum planmäßig und mit großem Vernichtungswillen das antike „heidnische" Erbe und führte so mit klerikaler Dominanz und Intoleranz jahrhundertelang fast ganz Europa gesellschaftlich, wissenschaftlich und künstlerisch in ein „finsteres" Mittelalter. Erst die Renaissance, eine Zeit der „Wiedergeburt" antiker Wissenschaft, Kunst und Philosophie und die Zeit der Aufklärung befreiten uns schrittweise durch eine Rückbesinnung auf antike Werte.

 

Aber wer, abgesehen von relativ wenigen Spezialisten (professionellen Philosophen und/oder Historikern), kennt heute all jene damals bedeutsamen Namen? Jestrabeks Handbuch faßt deshalb die wichtigsten Vertreter der antiken griechischen und hellenistisch-römischen Kultur und deren Werke zusammen, die letztendlich zur Prägung unserer modernen Zivilisation und Demokratie beigetragen haben:

 

Milesier wie Thales, Anaximandros und Pythagoras, Eleaten wie Xenophanes, Empedokles und Demokritos, Sophisten wie Protagoras, Klassiker wie Sokrates, Eukleides, Platon und Aristoteles, Kyniker wie Diogenes Sinope, Hellenisten wie Theophrastos, Archimedes und Epikouros (Epikur), Stoiker wie Aristarchos, Skeptiker wie Pyrrhon, Eklektiker wie Cicero, Lukrez, Horaz, Seneca und Lukian, Neuplatoniker wie Kelsos und Porphyrios. Sogar zwei Frauen finden in der Auflistung ihren Platz: Hipparchia und Hypatia.

 

Der heutige Leser staunt, über welch materialistische (naturalistische) Weltsicht und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht wenige von ihnen verfügten oder wie sie Religionen und deren Entstehung bewerteten. Zumal ja viele der genannten Personen nicht „bloß" philosophierten und schöngeistige Schriften verfaßten, sondern sich zugleich praktisch mit Mathematik, Physik und der Heilkunde befaßten.

 

So heißt es z.B. zu Thales, daß dieser seinerzeit als Begründer der Philosophie galt, da er als erster die Naturphänomene nicht mehr aus dem Mythos, sondern durch rationale Begründungen zu erklären versuchte. Oder zu Anaximandros, daß diesem zufolge zuerst die unbelebte, danach die belebte Natur entstanden sei. Der Mensch schließlich sei daher in vielen Entwicklungsstufen aus einem fischähnlichen Wesen entstanden. Demokritos habe in den Göttern nicht die Erscheinungen gesehen, die ihnen die Religion (die Priester) gab. Sondern er hielt die Götter für Trugbilder, die von Naturerscheinungen im Menschen erzeugt worden seien. Und bereits Aristarchos habe das heliozentrische Weltbild vertreten - rund 1.800 Jahre vor Kopernikus.

 

Zu Sokrates findet sich etwas ganz bemerkenswertes. Dieser war seinerzeit wegen „Gotteslästerung" angeklagt und zum Tode verurteilt worden. Der Text der Anklageschrift ist überliefert; darin heißt es u.a.: „Sokrates versündigt sich durch die Ableugnung der vom Staat anerkannten Götter..." (S. 47)

 

Man beachte, daß seinerzeit also die Götter vom Staat anerkannt wurden. Oder auch nicht. Welch ein Kontrast zum Kirchen-Christentum, das sich und seinen Gott über Mensch, Gesellschaft und Staat stellt!

 

Das Imperium Romanum hat dann mit seinem Siegeszug rund ums Mittelmeer die hochentwickelte griechische Kultur übernommen und weitergeführt. Denker wie Kelsos und Porphyrios hätten bereits damals begründete philosophische und religionsgeschichtliche Einwände gegen die Dogmen des Christentums erhoben, so habe z.B. letzterer geschrieben: „Die Evangelien sind nicht Berichterstatter, sondern Erfinder der Begebenheiten um Jesus. Sie haben die Geschichte seiner Passion nicht in einer einheitlichen, sondern in weithin voneinander abweichenden Versionen niedergeschrieben." (S. 103) Und dies bereits rund 1.600 Jahre vor entsprechenden religionswissenschaftlichen Forschungsergebnissen im 19. Jahrhundert...

 

Besondere Berücksichtigung finden in diesem kleinen Handbuch, man kann es durchaus auch als Lexikon bezeichnen, Epíkouros und die in seiner Tradition stehenden Epikureer, siehe S. 62ff.

 

Im Textteil werden daher die wichtigsten Schriften des Epíkouros dokumentiert; vorangestellt ist eine Schrift des Diogenes Laertios über den Meister. Es folgen Epikurs philosophisch-naturwissenschaftlichen Lehrbriefe an die Schüler Herodotos, Pythokles und Menoikeus. Für den Denker Epikur sprechen daneben die aufgelisteten „Hauptlehren", 40 an der Zahl, sowie seine 81 „Sinnsprüche".

 

Für heutige Menschen dürfte vielleicht die „II. Hauptlehre: Der Tod hat keine Bedeutung für uns, denn was aufgelöst ist, ist ohne Empfindung; was aber ohne Empfindung ist, das hat keine Bedeutung für uns." von besonderem Interesse sein. (S. 148) Das ist nicht nur eine Absage an religiöse Jenseits-Vorstellungen, sondern zugleich ein gutes Argument für ein selbstbestimmtes humanes Leben und Sterben.

 

Abgerundet wird der Textteil durch Auszüge aus dem Lehrgedicht des römischen epikureischen Dichters Lukrez: De rerum natura. Hieraus sollen nur die Überschriften von einigen Abschnitten zitiert werden: Warnung vor den Priestern; Ablehnung Göttlicher Schöpfung; Kein Götterregiment; Geist und Seele sind sterblich; Der Tod berührt uns nicht; Die Welt kein Götterwerk; Die Welt ein Werk der Natur; Ursprung der Gottesverehrung; Entstehung des Götterwahns; Abwehr religiösen Irrwahns.

 

In einem Glossar schließlich wird auf die Bedeutung der griechischen Sprache und Schrift eingegangen, als einem wesentlichen Element der Herausbildung nahezu aller europäischen Sprachen, und als Träger von Kultur und Bildung, insbesondere der philosophischen Begrifflichkeiten bis in die Gegenwart. Ein Literaturverzeichnis lädt zum Lesen weiterführender und vertiefender Bücher ein.

 

Das vorliegende Buch „Prometheus und die Philosophen. Handbuch Philosophie und Aufklärung griechische Antike" soll, so die Intention Heiner Jestrabeks, als praktischer Leitfaden und Handbuch für Atheisten, Agnostiker, Freidenker, Humanisten, aber auch für noch suchende religions- und kirchenkritische Menschen dienen. Gerade deshalb verdient diese gelungene Arbeit höchstes Lob, vermag sie doch nicht zuletzt Ängste vor der Lektüre dicker Wälzer zu nehmen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Prometheus und die Philosophen. Handbuch Philosophie und Aufklärung griechische Antike - Epikouros' Schriften. 188 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2017. 15 Euro. ISBN 978-3-922589-62-4

 

 



 
22.09.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ