Purer Neid infolge Beutezug in Deutschlands „Wildem Osten“

WEIMAR. (fgw) In der Reihe der unveränderten Neuausgaben der Krimi-Reihe um den Detmolder Hauptkommissar Jupp Schulte ist jetzt auch der im Jahre 2004 erst-erschienene vierte Band „Purer Neid“ erschienen. Hierin geht es, obwohl es sich um zwei Handlungsstränge handelt, um die Folgen typischer Beutezüge von Glücks- bzw. Raubrittern im frisch „kohlonialisierten“ Osten Deutschlands Anfang der 1990er Jahre.


Bereits vorab darf das Fazit gezogen werden, und der Rezensent wiederholt sich hier gerne: Es ist wieder ein echter Reitemeier/Tewes, die beide gemeinsam über ein einmalig gutes und über Jahre anhaltendes unnachahmliches Erzähltalent verfügen, geworden:

 

Verstehen sie es doch immer wieder, eine spannende, an Überraschungen und unerwarteten Wendungen reiche, Kriminalhandlung zu würzen mit einem wahren Feuerwerk aus Wortwitz, Humor, Esprit und Situationskomik, aus Lokalkolorit und skurrilen Figuren. Und heuer dazu noch mit einer deutlichen Gesellschaftskritik angereichert.

 

Bereits im Prolog wird dies überdeutlich, wenn das Autoren-Duo gnadenlos ehrlich die Weltanschauung und die Denkweise einer Vielzahl sogenannter Aufbauhelfer Ost mit Buschzulage zum Ausdruck bringen. Es waren eben nur zu oft die dritte und vierte Garnitur des Personals aus westdeutscher Politik, Verwaltung und „freier Wirtschaft", die im „Wilden Osten" ihr Unwesen treiben durften, dabei selbst aber gründlich für sich absahnten. Den gewesenen DDR-Funktionären wurden - nicht nur seinerzeit - „alte Seilschaften" unterstellt, die den Aufbau behindern würden oder oder oder... Nein, es waren gerade die angeblich nicht existierenden Seilschaften West, die sich im Osten Lukratives gegenseitig zuschanzten.

 

Im Prolog wird der engagierte und biedere Mitarbeiter (Dirk Liebermann!) eines jetzt auch in Zeitz (Sachsen-Anhalt) tätigen ostwestfälischen Bildungswerkes geschaßt. Dieser hatte doch tatsächlich gute Konzepte entwickelt. Aber...

 

Reitemeier/Tewes schreiben hierzu u.a.:

»Zwar hatte man ihm auch hier im Osten wieder einen Chef vor die Nase gesetzt, doch der war weit weg und machte nicht den Eindruck, viel auf der Pfanne zu haben. (...)

Vor nicht einmal zwei Monaten hatte ihn sein Chef von heute auf morgen in die gerade befreite DDR geschickt. Er sollte Bildungsprogramme konzipieren und vor allen Dingen verkaufen. Diese sollten den befreiten Bürgern der Ostzone dazu verhelfen, westlichen Standard zu erreichen. (...)

Der Leiter hier im Osten hatte trotz aller Inkompetenz Einfluß.« (S. 7) - Im Kapitel 23 wird dann noch deutlicher auf diese Thematik Bezug genommen.

 

Soweit ein Rückblick und nun zur Gegenwart. Da begegnet dem Leser zunächst der bereits gut bekannte Detmolder Lokaljournalist Hermann Rodehutskors. Eines schönen Maientages findet er zu Hause ein merkwürdiges, nicht frankiertes und absenderloses Päckchen vor. Dazu einen ähnlichen Brief. Darin kündigt ihm ein „Verein zur Datenvermeidung n.e.V. (nicht eingetragener Verein) OWL" an, im Päckchen befände sich eine ferngesteuerte Briefbombe. Man wolle ihm aber nicht ans Leben, sondern mit ihm zusammenarbeiten.

 

Rodehutskors mißachtet aber eine Weisung und wendet sich dennoch an die Polizei. Die kann die tatsächlich vorhandene Bombe zum Glück entschärfen. Doch gegen Mitternacht erreicht den Journalisten ein Anruf, in welchem der Päckchen-Absender Rodehutskors beglückwünscht. Denn durch sein Handeln habe er sich als richtiger Mann für die Ziele des Vereines erwiesen.

 

Mit dem verhinderten Bombenattentat haben nun die Detmolder Kriminalisten um Maren Köster eine Aufgabe, eine zunächst unlösbare. Denn was hat es mit dem ominösen Verein auf sich? Welche Ziele verfolgt er? Wer verbirgt sich dahinter? Und wofür braucht man den Detmolder Journalisten?

 

Kurz darauf findet ein Bankangestellter im Lipper Land auf einem Schachspielfeld im Park einen Toten. Also ein neuer Fall für Jupp Schulte. Warum aber wurde der Tote gleich zweimal getötet? Erst erschossen und dann noch mit der Figur der schwarzen Dame erschlagen? Und warum so in aller Öffentlichkeit abgelegt?

 

Der Tote war 66 Jahre alt geworden und bereits Pensionär, zuvor als unscheinbarer Angestellter der mittleren Leitungsebene im Landesarbeitsamt von Nordrhein-Westfalen tätig. Die Kriminalisten staunen daher, als sie seine Wohnung in Augenschein nehmen: Alles darin vom Feinsten! Aber auch sehr aufgeräumt... Später, im Laufe der Emittlungen, sollte man noch Unterlagen über große Vermögenswerte finden. Nur nebenbei wird zur Kenntnis genommen, daß dieser Mann 1990 im Osten „mithelfen sollte, ein Arbeitsamt aufzubauen". Schulte geht instinktiv davon aus, daß mit dem Fundort der Leiche eine Botschaft übermittelt werden sollte. Doch welche? Und daß aber mit weiteren Morden zu rechnen wäre.

 

Gleichzeitig bekommt auch Schultes alter Paderborner Freund Willi Potthast zwei Probleme. Zunächst stellt ihm sein Chef eine Frau Dr. Margarete Bülow vor. Diese sei durch einen Unfall erblindet, möchte aber im Polizeidienst bleiben und Potthasts Abteilung als einfache Ermittlerin verstärken. Und das trotz ihres Dienstgrades, der mehrere Stufen über der seinigen liege. Potthast macht nun „gute Miene zum bösen Spiel". Wie sich aber im Laufe der Zeit herausstellen wird, ist diese Paarung keinesfalls skurril, sondern bringt gute Ergebnisse auf den Tisch. Doch dann wird es wirklich ernst.

 

Denn in Paderborn wird in aller Öffentlichkeit, auf einer Parkbank liegend, ein Toter aufgefunden. Die Spurensicherung entdeckt in dessen Mund eine Schachfigur, einen schwarzen Turm. Der Tote war aus nächster Nähe erschossen worden, der Fundort war aber nicht der Tatort. Er kann als ein 58jähriger Witwer identifiziert werden, der im Ordnungsamt der Stadt Paderborn gearbeitet hat.

 

Als sich Schulte und Potthast über ihre aktuellen Fälle unterhalten, „fällt der Groschen". Denn beide Mordfälle haben mit den Schachfiguren eine Gemeinsamkeit. Als dann auch das Haus des Paderborner Toten in Augenschein genommen wird, stellen sich noch weitere Gemeinsamkeiten heraus: Darin ebenfalls alles vom Feinsten. Also kostenmäßig weit über den Einkommensverhältnissen des Mannes liegend. Später entdeckt man gleichfalls weitere große Vermögenswerte.

 

Das führt dann dazu, daß eine gemeinsame SoKo Schachbrettmorde gebildet wird. Mit vereinten Kräften kommt man voran, insbesondere durch eine Dienstreise nach Zeitz. Was die Detmold-Paderborner dort von ihren Kollegen und durch eigene Befragungen erfahren, wird schließlich zur Aufklärung der Mordfälle führen. Also zumindest die Motive betreffend. Und für den Leser wird logisch in knapper Form beschrieben, wie seinerzeit diese Beutezüge im „Wilden Osten" vor sich gingen. Also, wie da gemauschelt und betrogen worden ist. Wie nicht nur die Ostdeutschen, sondern nicht minder auch die „öffentliche Hand" ausgenommen worden sind. Und wie sich viele dieser „Aufbauhelfer" zugleich als neue örtliche Machthaber etablierten... Doch all das soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Das kann sich jeder selbst erlesen, denn die Spannung bleibt ja noch viele Seiten lang erhalten.

 

Wöhrenddessen kommt noch ein weiterer Schauplatz ins Spiel, Bielefeld. Hier wird ein gewisser Dirk Schwabe in einem Parkhaus angefahren, aber nicht tödlich verletzt. Da es sich um einen Fall von Fahrerflucht handelt, wird die Bielefelder Polizei aktiv, konkret der Hauptkommissar Wolfgang Muffen. Brisanz bekommt dieser Fall, als auf den Verletzten - auf der Intensivstation liegend - ein Tötungsanschlag verübt wird, der jedoch mehr aus Zufall verhindert werden kann. Halbwegs genesen entläßt sich dieser Schwabe selbst aus der Klinik und taucht bei Freunden unter. Und eines Tages taucht er nach telefonischer Verabredung mit Rodehutskors in dessen Kurklinik auf. Dem Redakteur war ja mal eine Fastenkur verordnet worden, die er wegen des ominösen Vereins auch notgedrungen angenommen hatte. Der Journalist erleidet aber einen Schock, als den Mann tot - erschossen - im Sessel seines Zimmers vorfindet. Die alarmierte Polizei hält ihn zunächst für den Mörder, erst Maren Köster kann ihn von diesem Verdacht befreien.

 

Dennoch gerät Rodehutskors als vermutlicher Zeuge dieses Mordes nunmehr ins Visier des Täters (es handelt sich um zwei Personen, das darf verraten werden) und flieht mit Hilfe von Schulte auf abenteuerliche Weise aus der Klinik. Doch das Mörder-Duo kann ihn verfolgen und der Journalist muß, durchs Fasten erheblich geschwächt, schließlich um sein Leben rennen. Erst in letzter Minute kann Schulte rettend eingreifen.

 

Und damit rundet sich der komplexe Fall mehr oder weniger ab, denn alle Straftaten und die darin verwickelten Personen hängen zusammen. Wobei der Neid-Faktor nur eines von vielen Tatmotiven ist.Was Reitemeier/Tewes insgesamt auch logisch darzustellen verstehen. Sie haben es auch verstanden, die Charaktere der jeweiligen Personen glaubhaft und überzeugend zu zeichnen.

 

Es gibt in diesem Roman - wie beim Autoren-Duo üblich - nicht nur spannende Fälle und Momente, sondern stets auch viel Komisches und Kauziges. Das zeigt sich nicht nur in einem längeren Nebenstrang um Bauer Fritzmeier, auf dessen Hof bedingt durch kleine Bauarbeiten nun archäologische Ausgrabungen stattfinden: Es war die Vermutung aufgekommen, genau hier könnte sich vor fast 2.000 Jahren die berühmte Hermanns-Schlacht ereignet haben...

 

Gleiches zeigt sich noch in Rodehutskors Erlebnissen, oder sollte man nicht besser sagen Leidensweg, während der Fastenkur. Das ist derart plastisch beschrieben, daß man glauben könnte, die Autoren hätten hier einen Selbstversuch gewagt - wenn sie denn deutlich mehr als 100 Kilo pro Person auf die Waage bringen sollten...

 

Es geht darin aber nicht nur um Rodehutskors Leiden, sondern um Beobachtungen, die so köstlich beschrieben und zu lesen sind, daß der Rezensent unbedingt aus einer solchen zitieren muß:

 

»Wider besseres Wissen hatte er sich überreden lassen, im Rahmen des umfangreichen Sportangebotes „leichtes Walking mit Stöcken" zu belegen. (...) Hätte Rodehutskors gewußt, welchen grotesken Eindruck er dabei auf die „normalen" Kurparkbesucher machen mußte, wäre er nur maskiert mitgelatscht:

Ein ganzes Rudel dicker Menschen, die in einem seltsamen Watschelgang, der für Spaziergänger zu schnell und für Jogger zu langsam ist, durch den Park hasten und dabei völlig unpassend mit Skistöcken hantieren, als seien sie in einer Loipe aus Schnee und nicht auf den gepflegten Wanderwegen der Salzufler Kurverwaltung im Sommer. Wenn ihn hier einer erkannt hätte! Nicht auszudenken!"« (S. 190)

 

Es sind nicht zuletzt solche bildhaften Szenen, die die Krimis von Jürgen Reitemeier und Wolfram Tewes immer aufs neue überaus lesens- und liebenswert machen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Reitemeier & Wolfram Tewes: Purer Neid. Kriminalroman. 304 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 13,90 Euro. ISBN 978-3-86532-709-3

 

 



 
29.07.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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