Reinhold Settele, dem Pazifisten und Freidenker, zu Ehren

WEIMAR. (fgw) Am 21. November 2017 ist in Heidenheim Reinhold Settele nur wenige Monate vor Vollendung seines 90. Lebensjahres verstorben. Ihm zu Ehren hat jetzt die edition Spinoza in erweiterter (und gemeinsamer) Neuauflage Setteles Broschüren „Politische Zeitgedichte und Bekenntnisse“ (S. 6-25) und „Politische Zeitzeugnisse und Zeitdokumente“ (S. 26-79) wieder verfügbar gemacht. Für Menschen außerhalb von Baden-Württemberg dürfte sich da vor allem diese Frage stellen: Wer war Reinhold Settele?


Daher sollen zunächst die wichtigsten biographischen Daten genannt sein:

 

Der Pazifist und Freidenker (was für ihn in untrennbarem Zusammenhang stand) wurde 25. März 1928 in einer Ulmer Arbeiterfamilie geboren. Schon als Schüler und Lehrling widersetzte er sich dem Nazi-Faschismus und leistete sogar, gemeinsam mit seinen Freunden Heinz Feuchter und Fritz Bauknecht,Widerstand - z.B. durch das Anbringen antifaschistischer Losungen. Vor allem aber entzog er sich im Sommer 1944 der „freiwilligen" Meldung zur Waffen-SS. Als ihn dann im April 1945 die Einberufung zur Wehrmacht erreichte, machte er sich - noch als Zivilist - der „Wehrkraftzersetzung und Fahnenflucht schuldig"...

 

Nach dem Krieg absolvierte Reinhold Settele eine Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst und arbeitete zuletzt bis zur Pensionierung 1990 im höheren Verwaltungsdienst beim Kommunalen Versorgungsverband in Stuttgart und Karlsruhe.

 

Politisch engagierte Reinold Settele sich - trotz seiner Beamten-Laufbahn - bei den „Falken", den Jusos und der SPD (seit 1945) und bereits seit 1954 (!) im Verband der Kriegsdienstverweigerer, dessen Bundesvorsitzender er von 1966 bis 1969 war. Die SPD verließ er im Jahre 1979, weil er sich mit ihrem schon seinerzeit eingeschlagenen neoliberalen Weg nicht identifzieren konnte. Damals schloß er sich der „Grünen Partei" an, die er als Landesvorstandsmitglied aber am 25. März 1999 - noch am Tage der völkerrechtswidrigen NATO-Aggression gegen Jugoslawien - unter deutlichem Protest verließ. Als bekennender Atheist gehörte Reinhold Settele auch dem Freidenker-Verband Ostwürttemberg an.

 

In seinen „politischen Zeitgedichten" widmet er sich kritisch den Parteien (so 1946 der CDU in „die neue partei"; 1998 der SPD in „neue mitte" oder 2003 in den „gedanken eines ketzers" den „fraktionen der neoliberalistischen einheitspartei") und dem Zustand der bundesdeutschen Demokratie zu bzw. gibt er seiner Antikriegshaltung Ausdruck.

 

Überaus informativ und zum Nachdenken anregend sind seine Erinnerungen an die Jahre 1943 bis 1945: „Ich möchte nicht zur Waffen-SS!" (S. 31ff.); „Ulm, 17. Dezember 1944" über das Erleben eines anglo-amerikanischen Bombenangriffs (S. 34ff.) und „Mein Marsch durch die Ostalb-Front" (S. 39-48) über das Nichtbefolgen der Einberufung zur Wehrmacht. Gerade seine Flucht vor dem Kriegsdienst hätte mit „standrechtlicher Hinrichtung" enden können. Aber Settele hatte Glück, er überstand sowohl den mörderischen Bombenangriff als auch Begegnungen mit deutschen Streifen.

 

Diese Erlebnisse ließen ihn folgerichtig zum Pazifisten, zum Kriegsgegner reifen und führten ihn nach der Adenauerschen Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr in den „Verband der Kriegsdienstverweigerer". In der Broschüre wird auf den Seiten 51 bis 67 sein Grundsatzreferat wiedergegeben, das er am 30. April 1967 als neugewählter Bundesvorsitzender dieses Verbandes hielt.

 

Dieses Referat ging über vieles hinaus, was seinerzeit in pazifistischen Kreisen üblich war: Kriegsdienstverweigerung nicht nur aus religiös-weltanschaulichen Gewissensfragen heraus, sondern primär aus politischen Grundüberzeugungen heraus. Denn es gelte nicht nur an den Erscheinungen (Militär) Kritik zu üben, sondern an den gesellschaftlichen grundlegenden Verhältnissen, die dieses Militär bedingen würden: „die bestehende Wirtschaftsordnung kapitalistischer Prägung". (S. 55)

 

Zugleich räumt er mit (durchaus auch manipulierten) Illusionen über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland auf, wenn er erklärt:

 

„Aber wir haben uns, glaube ich, oft ein bißchen die Meinung oktroyieren lassen, als sei diese Demokratie das Geschenk derjenigen, die uns wirtschaftlich beherrschen und die uns das Militär serviert haben. Mir erscheint das als einer der entscheidenden historischen Irrtümer. Demokratie ist überall entstanden im Widerspruch zu jenen, die gesellschaftlich und wirtschaftlich herrschten. Sie ist ihnen abgerungen worden in Auseinandersetzungen (...) Demokratie wird von der Herrschaftsmacht nur so lange geduldet, so lange hingenommen, als sie die Machtverhältnisse unangetastet läßt." (S. 56-57)

 

Und etwas weiter auf den Seiten 59 und 60 heißt es: „Militär ist Barbarei, sagte ich. Ich will einen Schritt weitergehen. Barbarei ist auch das, was das Militär hervorgebracht hat: Kapitalismus ist Barbarei! Meine Freunde, was folgert daraus? Es folgert daraus, daß man ehrlich sein muß, wenn man den Krieg ablehnt. Daß man einsieht und erkennt: der Angriff, den wir hier leisten als Kriegsdienstverweigerer gegen die Aufrechterhaltung des Militärs ist nicht nur ein Angriff gegen eine Erscheinung, er ist zugleich auch ein Angriff gegen die Wurzel dieser Erscheinung." Deshalb gelte: „Wir dürfen eben nicht nur Pazifisten sein, wir müssen mehr sein als Pazifisten, wir müssen sozial-kritisch wirksam werden." (S. 63)

 

Zu den weiteren Texten gehören seine Erinnerungen an den Internationalen Vietnamkongress im Februar 1968 in Westberlin. Zur dortigen antilinken Progrom-Stimmung, angestachelt durch Springer-Presse und den von der SPD gestellten Senat, schreibt Settele:

 

„Auch standen anfangs immer noch an Straßenecken angebliche 'Bauarbeiter' mit gelben Sturzhelmen, die einzeln in die Marschreihen sprangen und Demonstranten mit den Fäusten ins Gesicht schlugen. (...) Aber die Demonstranten ließen sich nicht provozieren." (S. 69)

 

Unbedingt lesenswert sind zwei Dokumente auf den Seiten 71 und 72 unter der Überschrift „SPD und Grüne". Das erste ist seine Austrittserklärung aus der Partei der Grünen vom 25.03.1999, darin heißt es u.a.: „Schon seit Jahren der verkommenen Sozialdemokratie auf ihrem Weg der Anpassung an die sozialen Machtverhältnisse folgend, wollen die grünen Führer jetzt offenbar im Galopp die Partei den Interessen der herrschenden Klasse unterwerfen." Als Settele im Sommer 2004 dennoch zur 25-Jahr-Feier dieser Partei eingeladen wird, sagt er nicht bloß ab, sondern schreibt in aller Deutlichkeit: „Vielleicht habt Ihr übersehen, daß ich bereits am Tage des Beginns des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen Jugoslawien, dem auch unter Bruch des Grundgesetzes die Mehrheit der Grünen zugestimmt hat, aus der Partei ausgetreten bin. (...) Schon nach wenigen Jahren folgten die Grünen der SPD in der Anpassung an die sozialen Machtverhältnisse (...) und helfen dem Kapital jetzt auch hierzulande, die von Generationen der Arbeiterbewegung erkämpften Standards zu beseitigen. Sie haben die Frechheit, das 'Reformen' zu nennen, was nichts anderes ist als besitzbürgerliche Restauration."

 

Heute im Jahre 2017 könnte, ja müßte, Reinhold Settele teilweise sehr ähnliches über eine sehr große Gruppe tonangebender Politiker in der Partei, die sich anmaßend „DIE LINKE" nennt, äußern.

 

Die Broschüre reflektiert (im Faksimile) abschließend auf den Seiten 78 und 79 eine Korrespondenz zwischen dem Heidenheimer Oberbürgermeister und Reinhold Settele, betreffend „Eine Gratulation zum 80. Geburtstag... und des aufmüpfigen Bürgers Antwort".

 

Settele bedankt sich nicht nur artig für die Freundlichkeit, ihm wie anderen älteren Bürgern zu solchen Jubiläen zu gratulieren. Aber er kann nicht anders, er muß als selbstbewußter Bürger seine ehrliche Meinung sagen, auch hier Widerstand leisten.

 

Denn bereits im folgenden Absatz schreibt er dem Stadtoberhaupt: „Daß Sie sich für solche Glückwünsche eines Textschemas bedienen, verstehe ich natürlich. Allerings sollte das Schema für alle Fälle passen. Wenn einem Atheisten wie mir 'Gottes Segen' angewünscht wird, so berührt ihn das eher befremdend. Verstehen Sie mich recht: ich unterhalte mich gern mit jedermann, auch mit Ihnen, über Fragen des Glaubens oder Unglaubens; für die bürgerliche Gemeinde gibt es aber keine Gesinnungsmajoritäten; in ihren Schreiben ist für religiöse Floskeln kein Platz!"

 

Angesichts gerade dessen kommen dem Rezensenten aktuelle Vorgänge im Freistaat Thüringen mit seiner zu über 70 Prozent religionsfreien Bevölkerung in den Sinn. Warum widersetzt sich hier z.B. kein Lokalpolitiker ebenso aufmüpfig gegen anmaßende Gepflogenheiten, wie das dreiste gemeinsame „Einsegnen" von neuen Landstraßen oder Sportplätzen durch evangelische und katholische Pfaffen während offizieller staatlicher/kommunaler Protokoll-Termine? Auch deshalb ist eine solche Publikation wie diese vonnöten. Wir können Menschen wie Reinhold Settele am wirksamsten dann ehren, wenn wir uns in seinem Sinne nützen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Reinhold Settele: Politische Zeitgedichte und Zeitzeugnisse. 84 S. brosch. erw. Neuausgabe. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen & Heidenheim 2017. 9,90 Euro. ISBN 978-3-92289-68-6

 



 
23.12.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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