Renoir – Vom Arme-Leute-Kind zum arrivierten Künstler

WEIMAR. (fgw) Zwei Jahre mußten Interessenten auf den dritten Künstler-Band in der Reihe ArtEdition des Münchner Bookspot-Verlag warten. Nun endlich ist er erschienen, Karin Sagners Buch über Pierre-August Renoir mit dem Untertitel „Das Leben ein Tanz“.


Die Kunstwissenschaftlerin skizziert darin den gesamten durchaus wechselhaften Lebens- und Schaffensweg Renoirs von der Geburt am 25. Februar 1841 in Limoges bis zum Tod am 3. Dezember 1919 in Cagnes bei Nizza an der Riviera. Renoir wurde in einer Arme-Leute-Familie geboren und erlernte in Paris zunächst den Beruf eines Porzellan- und Textilmalers. Persönlicher Eifer und geknüpfte Künstler-Kontakte führten ihn recht bald in die hohe Kunst der Bildenden Kunst und er wurde einer der bekanntesten Vertreter des Impressionismus. Im Alter von etwa 40 Jahren löste er sich jedoch von dieser Kunstrichtung und begann nach Studienreisen nach Algerien und Italien seinen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Seine Bilder hingen seinerzeit nicht nur in diversen Ausstellungen, sondern verkauften sich vor allem recht gut. So daß er nicht wie andere Künstler seiner Zeit am Hungertuch darben mußte, sondern einen gehobenen Lebensstil pflegen konnte. Ja, er wurde sogar mit hohen Orden der Französischen Republik geehrt. Trotz einer chronischen Arthritis malte Renoir bis ans Ende seines Lebens. Als einer der vielseitigsten Künstler seiner Zeit war zugleich einer der produktivsten - so hinterließ er z.B. mehr als 6.000 Ölgemälde.

 

Karin Sagner hat ihren sehr anschaulichen und auch für Laien gut lesbaren/verständlichen Künstlerband (mehr als 50 Reproduktionen illustrieren ihren Text) in sieben Kapitel gegliedert. Eine detaillierte, chronologische Biographie sowie weiterführende Lesetips und ein Verzeichnis der abgebildeten Werke runden dieses Buch ab.

 

Was Renoirs wichtigste Werke angeht, so hat die Autorin diese nicht bloß genannt, sondern liefert zu diesen teilweise sehr ausführliche Bildbeschreibungen - einschließlich seiner Arbeitsweisen; verbunden mit Interpretationen und der Einordnung in politische, ökonomische und künstlerische Verhältnisse.

 

Hervorzuheben sind da ihre Ausführungen im zweiten Kapitel „Paris zur Zeit der Belle Epoque" (S. 21ff.) - da heißt es z.B., daß der Preis für Eintrittskarte für einen Opernbesuch in etwa dem Monatslohn eines einfachen Arbeiters entsprochen habe. Ähnlich realistisch stellt Karin Sagner die Verhältnisse im dritten Kapitel „Das irdische Paradies am Montmartre" dar, dem bis heute idealisierten Biotop vieler Künstler. Ausführlich geht das Buch auf Renoirs Frauenbild ein, so in den Kapiteln 4 und 7 „Er hat die Frau von Paris gemalt" bzw. „Tanzende Paare - Sinnbild vitaler Lebensfreude". Da bleibt es nicht aus, daß in diesem Buch auch die wichtigsten weiblichen Modelle des Künstlers Erwähnung finden.

 

Zum von der Autorin gewählten Untertitel gibt ein Absatz auf S. 80 Aufschluß: „Renoirs Tanzdarstellungen sind als Sinnbilder vitaler Lebensfreude und als Gegenbild zur Sinnentleerung der Industrie- und Massengesellschaft zu verstehen. Im Tanz werden die Menschen den Alltagsproblemen entrückt und ihre ursprünglichen - auch erotischen Kräfte - offenbar." Bereits an anderer Stelle heißt es: „Doch ganz anders als Henri de Toulouse-Lautrec oder Edgar Degas hat Renoir die Schattenseiten dieser Zeit ausgeklammert. Seine Bilder zu Themen des modernen Pariser Lebens, die bis zu Beginn der 1880er Jahre entstanden, sind Zeugnisse einer ganzvollen Epoche. Sie schließen bewußt jede Andeutung von Anstrengung und Leid aus." (S. 25)

 

Kapitalistische Ausbeutung, das Leben des Industrieproletariats oder gar der Kolonialismus kommen daher bei Renoir nicht vor. Seine Welt, das sind vor allem die Sphären des kleinen und mittleren Bürgertuns, einschließlich der Halbwelt-Damen in der aufkommenden massenhaften Vergnügungs-Industrie. Aber diese Leerstellen schmälern keinesfalls die künstlerische Qualität dieses Mannes und des von ihm geschaffenen Werkes.

 

Man darf nun gespannt sein, mit welchem Künstlerporträt diese Reihe - hoffentlich auch nicht in zu ferner Zeit - seine Fortsetzung finden wird. Sind doch die bisher erschienenen - und preislich wohlfeilen - Bände eine gute Anregung auch für den „Nicht-Akademiker", sich ohne Scheu eingehender mit Meisterwerken der Bildenden Kunst zu beschäftigen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Karin Sagner: Renoir - Das Leben ein Tanz. 112 S.m.zahlr.Abb. Hardcover. ArtEdition im Bookspot-Verlag. München 2018. 19,95. ISBN 978-3-937357-98-0

 

 



 
22.02.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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