Rosemarie Will zu Ehren: „Worüber reden wir hier eigentlich?“

WEIMAR. (fgw) Wie soll man einen Sammelband besprechen? Wie seinen Inhalt adäqaut wiedergeben? Vor allem dann, wenn dieser Sammelband mehr als 1.000 Seiten „dick“ ist und Beiträge zu doch teils sehr unterschiedlichen Themenfeldern enthält? Diese Fragen stellen sich besonders angesichts der Festgabe für Rosemarie Will, von 2005 bis 2013 Präsidentin der Humanistischen Union. Denn dieser Band gliedert sich in sechs Komplexe mit insgesamt 88 Beiträgen. Da bleibt dem Rezensenten tatsächlich nur, den Inhalt knapp zu refererieren...


Zum Anlaß dieses Buches nehmen die Herausgeber im Vorwort Stellung. Darin heißt es u.a.: „Der Anlass für dieses Buch ist ebenso bemerkenswert wie irritierend: Zum Ende des Sommersemesters 2014 wurde Rosemarie Will als Universitätsprofessorin für öffentliches Recht, Staatslehre und Rechtstheorie in den Ruhestand versetzt. Damit verlässt die letzte Hochschullehrerin aus der DDR ihren Lehrstuhl an der Juristischen Fakultät. 45 Jahre hat sie seit Beginn ihres Studiums an der HumboldtUniversität zu Berlin verbracht. (...)

»Worüber reden wir eigentlich?« - Diese Fragerichtung kennzeichnet das Denken von Rosemarie Will, die auf Theoretisierungen im Vagen und metaphysische Überhöhungen zugunsten eines klaren, strukturierten Analysierens und konsequenten Zu-Ende-Denkens verzichtet.

Aus diesem Grund betitelt diese so wichtige und von Rosemarie Will oft, manchmal unvermittelt gegenüber ihren Gesprächspartnern gestellte Frage diese Festgabe. Das Staatsrecht und die Staatstheorie als grundlegender Gegenstand ihrer Tätigkeit bot und bietet Rosemarie Will die Möglichkeit sowohl wissenschaftlich als auch praktisch-juristisch zu arbeiten und sich einzumischen... (S. 17 - 19)

 

Es folgt ein Prolog mit dem Geleitwort von Christian Waldhoff, Dekan der Juristischen Fakultät, anläßlich der Abschlußvorlesung von Rosemarie Will. Waldhoff führt darin u.a. auf S. 23 aus: „Frau Will ist nicht irgendeine Kollegin, Rosemarie Will gehörte zu den drei Juraprofessoren, die nach der Wende an unserer Fakultät weiter lehr[t]en..." [durften; SRK] Es folgt eine ausführliche Würdigung des Lebens- und Schaffensweges der Juristin.

 

Im ersten Themenkomplex werden in 16 Artikeln „Person, Revolution und Transformation" beleuchtet. Die Beiträge stammen u.a. von Antonio López-Pina (Rosemarie Will - Eine Antwort auf die Deutsche Frage in weltbürgerlicher Absicht); Frank Eveslage (Zwei Gesellschaftsordnungen und vier Karrieren); Andrea de Petris (Der zentrale Runde Tisch der DDR 1989/90. Auf der Suche nach der verlorenen Verfassung) oder Hubert Rottleuthner (Erinnerungspolitik). Der zweite Komplex ist mit „Universität als politischer Raum" überschrieben und vereint 14 Artikel.

 

Sterbehilfe, Religionsverfassungsrecht, Humanismus

Um ein weiteres Tätigkeitsfeld von Rosemarie Will geht es im dritten Komplex „Verfassung und Verfassungsrecht" mit 17 sehr bedenkenswerten Beiträgen. So u.a. die von Martin Kutscha (Die Würde des Menschen ist antastbar - Massenüberwachung, Freiheit und staatliche Schutzpflicht); Michael Kuhn (Im Zweifel für die Freiheit? Entscheidungen über den eigenen Körper und der Mythos der Autonomie); Till Müller-Heidelberg (Selbstbestimmtes Lebensende); Elke Steven (Mein Wille gilt, aber was werde ich wollen? Ein nicht-juristischer Blick auf die Möglichkeiten einer Patientenverfügung und die enthaltenen Schwierigkeiten); Jakub Brukwicki (Zum sozial engagierten Denken und Handeln von Juristen - Am Beispiel der Debatte um die Legalität der Sterbehilfe); Thomas Fritsche (Kulturelle Präferenzen im Religionsverfassungsrecht? Die Auswirkungen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum pauschalen Kopftuchverbot an Schulen für den Kulturbegriff der Religionsverfassungsrechts).

 

Mit den Artikeln des obigen Komplexes korrespondieren die des vierten „Bürgerrechte und Bewegung". Hier gehen Sven Lüders (Rolemodel Rosi - Persönliche Bemerkungen zu einer langen Zusammenarbeit) sowie Helga und Wolfgang Killinger (Und plötzlich warst Du da. Rosi - Humanistische Union - wir) auf Rosemarie Wills jahrzehntelanges Wirken in der Humanistischen Union ein. Verwechselt mit diese Union (HU) wird sehr oft der Humanistische Verband Deutschlands (HVD). Dessen früherer langjähriger Präsident Horst Groschopp steuerte deshalb auch einen Text bei: Wie der Humanismus in die „säkulare Szene" kam.

 

Unbedingt erwähnenswert sind hier außerdem noch die Artikel von Ulrich Finckh (Die Wehrpflicht und ihre Lügen) und Doris Liebscher (Extrem undemokratisch - Extremismus-Konzept und autoritärer Verfassungsschutz gefährden die Demokratie).

 

Recht, Politik, Forschung, Lehre

Im fünften Komplex geht es um das Spannungsverhältnis von „Recht und Politik". Damit befassen sich 13 Beiträge. Sie stammen aus der Feder u.a. von Heribert Prantl (Vom Widerstand in der Demokratie); Dieter Deiseroth (Whistleblowing als rechtfertigende Nothilfe zur Verteidigung von Menschenrechten) oder Volker Gerloff (Von der Abwägbarkeit der Menschenwürde. Kann das Abschiebungsinteresse das Grundrecht auf menschenwürdiges Existenzminimum beschränken?).

 

„Forschung und Lehre" waren trotz allen politischen und gesellschaftlichen Engagements Rosemarie Wills Hauptbetätigungsfelder. Deshalb ist auch der letzte Komplex so überschrieben. Für diesen haben 15 Autoren Artikel beigesteuert. An dieser Stelle soll insbesondere hingewiesen werden auf die von Hermann Klenner (Nach-Denken über Frankreichs Menschenrechte der Bürger von 1789 samt deren Folgen); Rainer Schröder (Ich und Karl Marx); Elena Gricenko (Zwischen zwei Systemen. Ein Beitrag zum deutsch-russischen Rechtsvergleich); Ulrich Brand (Bedingungen und Möglichkeiten kritischer Wissenschaft); Sophie Baumann (Plädoyer für ein demokratisches Jurastudium); Hans Lühmann (Rechtswirklichkeit und Rechtsetzung in der Juristenausbildung. Das Beispiel der Gewährleistung des Existenzminimums für Arbeitsuchende) und Dagmar Schnürer (Das Demokratieproblem, das wir haben. Deutschland seit der Wiedervereinigung - Analysen und Perspektiven).

 

Epilog und Anhang

Abgerundet wird der Sammelband mit einem Epilog, in dem die Gewürdigte noch einmal selbst zu Wort kommt mit „Zwischen Himmel und Erde. Karl Marx über die Grundrechte in seiner Schrift »Zur Judenfrage«" (S. 991ff) und dem Anhang, der kurz den Lebenslauf von Rosemarie Will sowie deren Bibliographie aufzeigt.

 

Siegfried R. Krebs

 

Michael Plöse, Thomas Fritsche, Michael Kuhn und Sven Lüders (Hrsg.): Worüber reden wir eigentlich?. Festgabe für Rosemarie Will. 1062 S. m.Abb. Humanistische Union. Berlin 2016. 21,00 Euro. ISBN 978-3-930416-34-9

 



 
14.02.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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