Sachlich, argumentativ und mit einem guten Schuß Ironie

WEIMAR. (fgw) Es war befürchtet worden, daß nach dem Verkauf des Tectum-Verlages durch Heinz-Werner Kubitza in diesem keine religions- bzw. kirchenkritischen Werke mehr erscheinen könnten. Mit dem aktuellen Buch aus Kubitzas Feder („Jesus ohne Kitsch“) werden die Zweifler jedoch eines Besseren belehrt.


Und wie lautet das Fazit dieses überaus gut zu lesenden und verständlichen Buches? Hier gleich zu Beginn Kubitzas abschließende und zusammenfassende Zeilen:

 

„Wir werden es vermutlich nie erfahren, und eigentlich ist es auch bedeutungslos, warum genau ein religiöser Phantast vor 2000 Jahren letztlich den Tod gefunden hat. Wichtig für uns heute ist es jedoch zu erkennen, daß man die naive Jesus-Verherrlichung, den ganzen religiösen und nichtreligiösen Jesuskitsch endlich als solchen erkennen sollte. Jesus hatte kein Wort für uns. Unsere modernen Werte wiegen mehr als die kruden Vorstellungen antiker Wanderprediger oder irgendwelche Verse in irgendwelchen heiligen Schriften. Die Welt braucht bessere Vorbilder als selbsternannte Propheten. Jesus ist die am meisten überschätzte Person der Weltgeschichte." (S. 248)

 

Wenn es denn diesen „Jesus" überhaupt gegeben hat! Und wenn, dann dürfte sein Name, als aramäisch-sprachiger Jude, wohl Jeschua gelautet haben. Seine angeblichen Taten und Sprüche dürften auch wohl nur den Wert haben, wie die des sprichwörtlichen Hodscha Nasreddin...

 

Kirchenkritiker Kubitza, der ja promovierter Theologe - und daher bibelfest - ist, unterstellt in all seinen Büchern, daß es einen „historischen" Jesus gegeben habe. Dieser habe allerdings mit dem „Jesus der Kirche" nichts gemein... Daher seine These vom Jesus-Kitsch der christlichen Kirchen.

 

Wie die vielen „liberalen" evangelischen Theologen, die als „Neutestamentler" bezeichnet werden, hat auch Kubitza die einzelnen Texte des sogenannten Neuen Testamentes zur Grundlage seiner kirchen- und religionskritischen Arbeiten genommen. Woraus aber beide Seiten schließen, daß trotz aller späteren Bearbeitungen doch etwa fünf bis zehn Prozent der Aussagen in den Evangelien originäre Jesus-Worte sein sollen, ergründet sich dem nüchternen Betrachter des Themas aber nicht.

 

Denn ein Jeschua resp. Jesus hat kein einziges schriftliches Zeugnis aus eigener Feder hinterlassen. Und die Texte, die von seinem angeblichen Wirken künden, sind erst Jahrzehnte nach dem behaupteten Anlaß niedergeschrieben worden. Aus der bewußten Zeit selbst gibt es kein einziges authentisches Dokument, daß irgendetwas von all dem zu belegen vermag. Und die späteren Evangelien können höchstens vom Hörensagen her verfaßt worden sein. Aber selbst aus heutiger Zeit ist ja bekannt, wie sich „Geschichten" (Gerüchte) durchs Weiterzählen in nur wenigen Tagen total wandeln können. Wie also können Zitate des Jesus (z.B. sogenannte Bergpredigt) authentisch sein, wenn niemand diese mitgeschrieben hat? Aber lassen wir Kubitza doch ruhig von solchen Prämissen wie die der rührigen, scheinbar kritischen, Neutestamentler ausgehen. Während diese nur retten wollen, was zu retten ist, geht es Kubitza aber um Aufklärung und Humanismus.

 

Kubitza ist zwar auch Theologe, aber in erster Linie dennoch ein akribisch wissenschaftlich arbeitender Publizist. Daher analysiert er alle Texte des „Neuen Testamentes" eingehend, stellt diese vergleichend einander gegenüber und kann allein schon dadurch -zig Ungereimtheiten und Widersprüche herausstellen. All seine Schlußfolgerungen, siehe oben stehendes Fazit, beruhen auf dieser Quellenanalyse. Und er stellt darüber hinaus - gerade das ist wichtig und notwendig - das behauptete biblische Geschehen der tatsächlich überlieferten Geschichte und den politisch-religiösen Verhältnissen in der römischen Provinz Palästina gegenüber.

 

Was gerade beim jüngsten Kubitza-Buch festzustellen ist: Es richtet sich weniger an „Gläubige" oder formale Noch-Mitglieder der Kirchen. Nein, es ist - wohl auch daher ist die Rede vom Jesus-Kitsch, an kirchenferne Mensche gerichtetn. An Menschen, die trotzdem den seit Jahrhunderten - insbesondere auch medial und politisch - propagierten „Kitsch" verinnerlicht haben. Und für die „Jesus" eine Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel ist: Jesus als Pazifist, Jesus als erster Feminist und Tierrechtler, Jesus als DER Ethiker überhaupt und sogar Jesus als erster Sozialist...

 

Was stimmt von all den, insbesondere heute, in diese Figur hineininterpretierten Behauptungen oder ist wenigsten halbwegs stimmig? Welche seiner vorgeblichen Botschaften machen den Kern seiner Verkündigungen aus? Welche von diesen sind eingetroffen? Worin bestanden seine Irrtümer?

 

Kubitza wendet sich in diesem Buch sowohl den heutigen wohlfeilen „Interpretationen" als auch den oben gestellten Fragen zu, gegliedert in zehn unterschiedlich lange Kapitel. Auf alle diese kann hier leider nicht gleichermaßen ausführlich eingegangen werden. Wobei zumeist schon die Überschriften für deren Inhalt und Aussage sprechen.

 

 

Ein Gottesreich, das nie gekommen ist

Eigentlich ist in Kubitzas Vorwort bereits alles gesagt. Aber dieser Extrakt dürfte wohl die wenigsten Jesus-Verehrer aller Couleur überzeugen und noch nicht einmal zum Nachdenken anregen. Also geht der Autor danach ins Detail.

 

So schreibt er, mit Blick auf jene Jesus-Gläubigen und -Verklärer:

 

„Wenn man eine Umfrage machen würde, was denn die zentrale Lehre [des] Jesus gewesen sei, würden uns die meisten Menschen spontan die 'Liebe', die 'Nächstenliebe' oder die 'Feindesliebe' nennen. (...) Wie sollte also Jesus etwas anderes verkündet haben als die Liebe?

 

Doch hier ist man bereits einem klarem Irrtum aufgesessen. Der Hauptinhalt der Verkündung Jesus' war keineswegs die Liebe, sondern das 'Reich Gottes'" (S. 9)

 

Gemeint ist damit der seinerzeit in der jüdischen Welt grassierende Wahn vom bevorstehenden Ende der Welt und der Errichtung des Reiches Gottes bereits auf Erden. Jesus war aner nicht einmal der erste religiöse Eiferer, der von diesem Wahn besessen war und das kommende Ende der Welt bereits zu seinen Lebzeiten erwartete. Und so lebte und wirkte er in „Endzeitstimmung", wie so viele christliche Sekten sogar im Hier und Heute.

 

Heinz-Werner Kubitza faßt zusammen:

 

„Nun ist es für das Verständnis und die geistesgeschichtliche Einrodnung dieses Jesus aus Nazareth ungemein wichtig, sich klarzumachen, daß sich Jesus, dem die Kirche später u.a. Allwissenheit zuschreiben wird, sich schlicht und einfach geirrt hat. Kein Gott stieg vom Himmel herab, keine Feinde wurden vertrieben, kein Reich der Gerechtigkeit ausgerufen. Wie andere religiöse Phantasten ist auch Jesus einem damals weit verbreiteten Aberglauben aufgesessen, und offenbar war dieser Aberglaube bei ihm besonders stark ausgeprägt. (...)

 

Man muß Jesus wohl in erster Linie nicht als großen Menschenfreund, sondern als apokalyptischen Schwärmer verstehen." (S. 13)

 

Kurz geht Kubitza auch auf die Frage ein, ob ein solcher Jesus überhaupt gelebt habe, ob er nur eine literarische Figur späterer Autoren sei oder ob sich in diesem Jesus vielleicht sogar mehrere Endzeitprediger jener Zeit widerspiegeln könnten. Aber um diese Frage geht es Kubitza weniger, sondern darum, was „christliche" Kirchenväter aus „Jesus" gemacht haben.

 

Deshalb vertieft er seine Jesus-Betrachtungen in einem weiteren Kapitel mit der Überschrift „Jesus als Schüler eines Extremisten" - gemeint ist damit „Johannes der Täufer". Das nächste Kapitel ist überschrieben mit „Ein ungebildeter Prophet".

 

In diesen heißt es u.a.:

 

„Konnte Jesus überhaupt lesen und schreiben? Allein die Frage mag für Gläubige eine Zumutung sein, wo ihr Herr doch quasi als verborgener Gott in der Welt unterwegs ist. (...) Etwas Schriftliches hat Jesus jedenfalls nicht hinterlassen." (S. 29)

 

Sollte es diesen Jesus tatsächlich gegeben haben, so sei er in „einem kleinen und unbedeutenden Dorf mit wohl weniger als 400 Einwohnern" aufgewachsen. „Gab es dort eine Schule", fragt Kubitza rhetorisch... Und als Bauhandwerker habe er noch nicht einmal zur „Mittelschicht" gehört.

 

Kubitza referiert weiter, daß dieser Jesus als Dorfkind nur einen galiläischen Dialekt gesprochen habe. Und daß dies wie auch seine Nichtbildung der Grund sei, warum Jesus so lange nur in ziehmlich unbedeutenden Gegenden umhergezogen wäre und lediglich vor analphabetischen Fischern, Hirten und Bauern gepredigt habe. Dank eines wohl vorhandenen rhetorischen Talentes habe er bei diesen aber, salopp gesagt, Eindruck schinden können.

 

Hier kommt dann auch Kubitzas kongeniales Vermögen, Argumentation mit Ironie zu verbinden, erstmals zum Tragen:

 

„Was würde man heute von einem Propheten halten, der seine Reden vom Reich Gottes gemütlich schwäbelnd oder gar in sächsischem Idiom hält? (...)

 

Und ein Gott, der solches täte, hätte sich zweifellos verlaufen. Weil Namen wie Kapernaum und Nazareth, anders als Glauchau und Langenweisbach, so fremd und geheimnisvoll klingen, ist der Bibelleser von ihnen fasziniert. Zeitgenossen Jesus' dürften aber schon damals die Nase gerümpft haben, als sie hörten, der Prophet oder Messias komme aus Nazareth (Langenweisbach). (S. 34-35)

 

Ein sehr langes Kapitel ist „Jesus und seine(n) Wunder(n)" gewidmet. Auf dieses kann hier wegen der Themen- und Faktenfülle leider nicht tiefer eingegangen werden.

 

Wundertäter habe es schon immer gegeben, betont Kubitza. Und im Laufe der Zeit und der Legendenbildungen seien solche Wundertaten, also Wunderheilungen, immer weiter ausgeschmückt und zahlenmäßig ins Unermäßliche gesteigert worden. Wenn aber an den Überlieferungen via Evangelien etwas dran sei, dann habe sich dieser Jesus primär als Exorzist verstanden und betätigt:

 

„Daß Jesus magische Praktiken bei seinen Heilungen und Exorzismen verwendet hat, scheint einigermaßen sicher. Seine hellseherischen Fähigkeiten sind ihm aber wohl erst durch die Überlieferung zugewachsen. (...) Seltsam nur (aber das fällt Gläubigen nicht auf), daß ein so weitsichtiger Gott nicht auch ein wenig mehr medizinisches Fachwissen zu bieten hat, sondern [höchst unappetitliche; SRK] Heilmethoden anwendet, die sich heute nicht einmal auf Esoterikmärkten finden." (S. 46-47)

 

In diesem Kapitel geht Kubitza auch tiefer auf den Gottesglauben jener Region und Zeit - aber eigentlich generell - ein, stellt Fragen zu dem Schweigen der Götter und ihren um so geschwätzigeren Propheten. Bereits vor dem eigentlichen Kapitel-Fazit schreibt Kubitza in seinem unnachahmlichen Stil:

 

„Nach Milliarden von Jahren der Entwicklung des Universums offenbart sich Gott endlich und ein einziges Mal, und dann sucht er sich dazu ausgerechnet eine trübe Gegend im Vorderen Orient aus? Warum nicht Rom, warum nicht Athen oder Korinth? [Warum nicht in Hochkulturen wie China, Indien oder bei den Maya, um dies mal global, universell zu betrachten? SKK] Wenn er seinen Sohn schon mit Rhetorik gesegnet hat, warum hat er ihn nicht auch ordentlich lesen und schreiben lernen lassen, damit er in der Lage ist, sein Wort, das ja später auch zu seinem eigenen erklärt wird, in Form und Inhalt tadellos rüberzubringen, wie sich das für einen Gott gehört? Warum hat er aus ihm nicht einen Philosophen gemacht? (...) Stattdessen muß der Sohn Gottes 28 von ca. 30 Jahren seines Lebens als Bauhandwerker arbeiten, um dann hoppla hopp umgebracht zu werden? Hätte man das nicht besser machen können? Hätte er seinem Sohn nicht ein paar Tipps mit auf den Weg geben können, damit dieser nicht ständig ein Reich ankündigt, das dann nicht kommen will? (...)

 

Angesichts dieser Mängel ist es auch für einen Gott besser, wenn er nicht existiert. Seine 'heilige Schrift' erklärt sich viel besser ohne ihn - er stünde dem Verständnis dessen, was Religionen sind und wollen, ohnehin nur im Weg." (S. 80-81)

 

 

Über Ethik und Moral des Jesus

Das zweite lange Kapitel beschäftigt sich mit der vorgeblichen Lichtgestalt des Jesus als Urheber von Ethik und Moral schlechthin - wie ja von christlichen Klerikern bis heute unverdrossen behauptet und unkritisch selbst von Menschen, die sich als aufgeklärt und/oder gar als Linke, als Sozialisten verstehen, nachgebetet.

 

Heinz-Werner Kubitza rät nicht nur, die Texte des sogenannten Neuen Testamentes selbst einmal genau(er) zu lesen und nicht bloß die wohlfeilen wenigen Stellen zur Kenntnis zu nehmen. Nein, er stellt gleich eingangs die eigentlich alles entscheidende Frage:

 

„Was würden Sie von einer Ethik halten, deren zentraler Satz lautet: 'Du sollst an Allah, den Allmächtigen glauben, und Du sollst Deine Mitmenschen lieben.' Sie wären irritiert, zumindest dann, wenn Sie kein Moslem sind. [Denn; SRK] Man kann doch nicht den Glauben an irgendeinen Gott zur Grundlage einer Ethik machen, meinen Sie? Doch genau das hat Jesus wie selbstverständlich getan." (S. 108)

 

Etwas später führt er aus:

 

„Religiöse Ethik ist deshalb immer provinzielle Ethik. Sie ist dadurch gänzlich ungeeignet für eine plurale und gobalisierte Welt. Die Ethik des Jesus ist (...) also in ihrem Kern eine rückständige Ethik. (...)

 

Revolutionär wäre es gewesen, hätte Jesus die Ethik von den Ketten der Religion befreit. Aber das hieße wohl zu zuviel zu erwarten von einem, der seinen Gott und dessen kommende Herrschaft ganz in den Mittelpunkt seines Denkens, oder besser Glaubens, gestellt hat. Jesus blieb ganz innerhalb der engen Mauern seiner religiösen [=jüdischen; SRK] Sozialisation. Die Welt kam ihm nicht wirklich in den Blick." (S. 109)

 

Hinzuzufügen wäre, daß das Weltbild eines Jesus, wie das seiner dortigen Zeitgenossen, nur einen winzigen Teil der Welt, also unseres Erdballes, ausmachte...

 

Kubitza geht im weiteren überaus detailliert auf die sogenannte „christliche Nächstenliebe" ein. Und auch darauf, was die diversen Christen-Menschen sich ganz nach individuellem Gusto aus diesem vorgeblichen Ethiker Jesus gemacht haben und immer noch machen. Wenn diese die biblischen Texte wirklich lesen würden, wären sie mehr als schockiert. Denn der sich darin widerspiegelnde Jesus stand weder für die Sklavenbefreiung oder die Emanzipation der Frau noch für Friedfertigkeit oder Toleranz und erst recht nicht für selbständiges Denken.

 

Er zieht eine Zwischenbilanz:

 

„Für Jesus war es offenbar schwer vorstellbar, daß man eine gute Tat nur um ihrer selbst willen vollbringt. Daß man anderen Menschen hilft, nur weil andere Menschen Hilfe brauchen. Ohne zu fragen, was man selbst denn davon hat. (...)

 

Die Ethik Jesus' kann man also keineswegs als altruistisch bezeichnen. Sie ist im Gegenteil durch einen Heilsegoismus gekennzeichnet. Das arme Gegenüber, der Kranke und Leidende, ist nur Mittel zum Zweck. Die Hilfe für ihn erfolgt nur vordergründig selbstlos, im Hintergrund aber aus Berechnung und Kalkül." (S. 137)

 

Heutzutage kann man solches Kalkül konkreter benennen: als steuersparendes PR-Instrument vor allem zugunsten des „Wohltätigen" selbst und damit gesellschaftlich auch alles so bleibt, wie es -gottgegeben- sei. Und als Gegensatz zum Solidaritätsprinzip.

 

Kubitza geht ferner auf die Verfluchungen, also das sippenhafte Bedrohen mit Tod und Feuer derjenigen ein, die dem Propheten Jesus nicht folgen wollen.

 

Und bedingt gelesen werden sollte der Abschnitt über „Jesus und die Frauen". Hierzu hat Kubitza u.a. dies notiert:

 

„Wie hat es Jesus mit den Frauen gehalten? Hier hat vor allem die sogenannte Feministische Theologie viel Kitsch ins Jesusbild hineingetragen. Sie hat Jesus als 'neuen Mann' gesehen, der die patriarchalischen Rollenmuster sprengt, als Frauenbefreier, ja geradezu als Feminist.

Der feministische Jesus ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein gutgemeintes Wunschbild an die Evangelien herangetragen wird, wo man es, wenn man lange genug sucht, auch irgendwann findet.

Auf ähnliche Weise mußte Jesus in neuerer Zeit schon für die Friedensbewegung, die Befreiungstheologie oder die Ökologiebewegung herhalten..." (S. 153)

 

Frauen waren für diesen Jesus zweitrangig, siehe Eva als Ur-Sünderin. Sie waren aber immer gut genug, den vagabundierenden Wanderprediger und seine Meute (d.h. die allesamt männliche Jünger-Schar) beköstigend auszuhalten.

 

An anderer Stelle geht Kubitza dezidiert auf die angebliche urkommunistische Urgemeinde des Jesus ein, also auf Jesus als angeblich ersten Sozialisten. Aber Jesus und seine Jünger haben eben in keiner Weise gemeinsam und gleichberechtigt produziert und dieses untereinander verteilt. Nein, die haben angesichts des von ihnen schon bald erwarteten Weltuntergangs in religiöser Endzeitstimmung nur gemeinsam das verpraßt, was sie sich von Witwen und anderen manipulierten Menschen erschnorrt, ja ergaunert, hatten...

 

So hat Kubitza das nachstehende Kapitel auch folgerichtig mit „Jesus-Kitsch" überschrieben. Hier bringt er es voll auf den Punkt, wenn er betont:

 

„Es sind gerade die kitschigsten Stellen des Neuen Testaments, die für die Gläubigen die wertvollsten sind. (...) Denn aus ihnen holen sich fromme Christen die religiöse Wellness und das gute Gefühl, wie Esoteriker aus Räucherstäbchen und Ölmassagen. Religion scheint um so erfolgreicher zu sein, je kitschiger sie auftritt. (...) Gebildete Vertreter der Religion, zum Beispiel Professoren der Theologie oder Teile der kirchlichen Hierarchie, mögen es nicht so vulgär, sondern bemühen sich um ein 'vor der Welt vertretbares Gottesbild', das selbstverständlich auch 'interkulturell vermittelbar' sein sollte. (...) alles gerne vorgetragen in Verbindung mit theologischer Sprachakrobatik, meinen sie eine höhere Form der Religiosität erreicht zu haben, nun 'verantwortlich von Gott reden zu können'. (...) Sie waren weit besser als die biblischen Vorgaben, auf die sie sich aus Gründen der Tradition berufen müssen. Als wirklich phantasievolle Baumeister haben sie die morsche Hütte der biblischen Überlieferung mit prachtvollen Fassaden versehen. Dabei waren sie so geschickt, daß selbst kritische Zeitgenossen sich zuweilen überlegen, ob man nicht doch in diesen Bau einziehen sollte. Wer anders als Theologen kann schöner über Dinge reden, die es nicht gibt?" (S. 179)

 

Da hat Kubitza recht. Zu ergänzen wäre dies noch durch die Frage, warum diese „pantasievollen Theologen" genau das tun. Nun ja, ganz einfach: Um die Macht der Priesterkaste über Mensch, Gesellschaft und Staat zu erhalten, um ihr immenses Kirchenvermögen zu sichern. Und um erfolgreich oppositionelle Kräfte infiltrieren und „umdrehen" zu können. In den letzten Jahren sehr deutlich zu sehen bei der klerikalen Unterwanderung der Partei Die LINKE durch Theologen...

 

Informativ und argumentativ sind ebenfalls die weiteren kurzen Kapitel über die „Wahnideen Jesus' und der frühen Kirche' (wie z.B. den Geburtslegendenkitsch) und über den „Nachfolgewahn" seiner Jünger (wie z.B. beim Martyriumskitsch). Kubitza wendet sich ferner der Frage zu, ob dieser Jesus auch politisch gewesen sei - als Aufrührer gegen die römischen Besatzer.

 

Ja, dieses Buch sollte unbedingt in viele Hände kommen und aufmerksam gelesen werden. Am besten mit danebenliegender Bibel. Warum? Weil man dann selbst die von Kubitza zitierten und analysierten Stellen überprüfen kann.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heinz-Werner Kubitza: Jesus ohne Kitsch. Irrtümer und Widersprüche eines Gottessohns. 262 S. Klappenbroschur. Tectum-Verlag. Baden-Baden 2019. 19,90 Euro. ISBN 978-3-8288-4339-4

 



 
19.11.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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