Sadist oder nicht Sadist? – Das ist hier die große Frage!

WEIMAR. (fgw) Nur durch Zufall wurde der Rezensent auf ein Buch von Lydia Benecke aufmerksam, in dessen Klappentext es heißt: „Menschen, die sich daran erfreuen, andere zu quälen, ihnen Schmerz oder Leid zuzufügen, nennen wir Sadisten. Aber sie sind nicht alle gleich: Sadisten, die ihre Neigung als erotische Spielart oder Prägung ausleben, lassen sich klar unterscheiden von jenen, die ihre Gewalt- und Tötungsphantasien nicht kontrollieren können, bis hin zu grausamsten Straftaten an unschuldigen Opfern.“


Nach der Lektüre dieses Buches kann eingeschätzt werden, daß es sich hier um eine fesselnde Lektüre handelt, die einerseits durch die „Geschichten aus dem wahren Leben" in den Bann zieht, die andererseits aber auch schaudern läßt. Eben wegen der Kriminalgeschichten aus dem wahren Leben, die sich insbesondere in den USA zugetragen haben.

 

Und auch dies soll schon vorab gesagt sein: Lydia Beneckes Buch ist sehr leserfreundlich, denn es ist gut strukturiert, intellektuell anspruchsvoll und zugleich allgemeinverständlich, informativ und aussagekräftig und es besticht nicht zuletzt durch überzeugende Argumentationen sowie durch zum Nachdenken anregende Fragestellungen.

 

Die Autorin hat ihr Buch, neben dem nicht unwichtigen Vorwort, in zehn unterschiedlich lange Kapitel gegliedert. In jedem der Kapitel finden sich graphisch hervorgehobene Einschübe („Box"), in der sie Begriffserklärungen vornimmt, Hintergrundinformationen vermittelt, Kommentare zu den geschilderten Kriminalfällen abgibt sowie auch aus ihrer eigenen Praxis als Straftäterpsychologin und Ermittlungsberaterin berichtet. Den Kapiteln und dessen Abschnitten sind jeweils passende bzw. treffende Zitate aus der Literatur, aus Liedtexten, TV- und Filmdialogen und sogar aus Vernehmungsprotokollen vorangestellt.

 

Den Kern machen zwei spektakuläre Kriminalfälle aus den USA aus. Der erste ereignete sich im wesentlichen zu Anfang des 20. Jahrhunderts, siehe Kapitel 1 „Sex, Liebe und Mord in New York". Der zweite in der zweiten Hälfte des selben Jahrhunderts, siehe Kapitel 9 „David Parker Ray - Der Spielzeugkisten-Mörder".

 

Kapitel 1 handelt von den Erlebnissen der Evelyn Nesbit mit zwei, eigentlich sogar drei, Psychopathen. Der eine ist Stanford White, ein erfolgreicher Stararchitekt mit Vorliebe für sehr junge Mädchen und einem Hang für sadomasochistische Sexualpraktiken. Auch wenn letztere damals so noch nicht genannt wurden. Der andere ist Harry Thaw, Sohn einer Multimillionärsfamilie mit extremsten Persönlichkeitsstörungen. Beiden Männern ist die junge Evelyn zugetan, läßt alles mit sich geschehen. Mal lebt sie mit dem einen zusammen, dann mit dem anderen. Mit Thaw geht sie sogar die Ehe ein. Doch jener ist derart in seiner Persönlichkeit gestört, daß er schließlich White in aller Öffentlichkeit erschießt. Dabei zeigt er keinerlei Unrechtsbewußtsein, sondern geht vielmehr von einem „ungeschriebenen Gesetz" als seinem Motiv aus. Vor allem meint er, als Angehöriger der obersten Millionärsschicht sogar über dem Gesetz zu stehen. Ausführlich wird über die Gerichtsverhandlungen berichtet.

 

Interessant ist eine Passage im Plädoyer von Thaws Verteidiger: „...'Dementia Americana'. Es ist die Art von Wahnsinn, die jeden amerikanischen Mann dazu bringt, zu glauben, sein Heim sei heilig..." (S. 115) Das paßt doch irgendwie, auf die Gesellschaft übertragen, auf die staatliche Anmaßung, daß die USA in sogenannter Selbstverteidigung jeden anderen Staat bestrafend überfallen oder unliebsame Personen per Drohnenangriff töten dürfen.

 

Im zweiten Kapitel nimmt Lydia Benecke dann den Fall des Harry Thaw unter die Lupe moderner Psychologie. Außerdem referiert sie im Vergleich dazu einen heutigen Fall aus Großbritannien/Deutschland: „Der erfolgreiche Journalist und die junge Praktikantin".

 

Doch nicht jeder Sadismus, nicht jede sado-masochistische Beziehung hat psychopathische Ursachen und kriminelle Dimension. Deshalb geht es im dritten Kapitel um die sogenannten „einvernehmlichen Sadisten". Also um Menschen, für die Sadismus (und Masochismus als passender Gegenpart) in erster Linie ein phantasievolles Liebesspiel ist, das von den Beteiligten auf freiwilliger Grundlage und mit festen Grenzen, die der masochistische/submissive Partner setzt. Was geht in ihren Köpfen vor? Was unterscheidet ihr Tun und vor allem ihr Empfinden von persönlichkeitsgestörten Sadisten, wie sie in den vorangegangenen Kapitel vorgestellt wurden? Zu Wort kommen ein männlicher dominanter Sadist und eine professionelle sadistische Domina.

 

Sado-Maso bzw. BDSM sind seit einigen Jahren „en vogue" bzw. „in". Deshalb nimmt Lydia Benecke im folgenden Kapitel das ganz normale Leben der Sadomasochisten jenseits von „Shades of Grey" unter die Lupe. Dazu schreibt sie u.a. „Der Hype um die Romanreihe 'Shades of Grey' wird von den meisten BDSMlern mit einer Mischung aus Abneigung und Sarkasmus aufgenommen. Denn eine wirkliche sexuelle Neigung ist eben keine Mode-Erscheinung, und echte Beziehungen zwischen BDSMlern entsprechen nicht denen in schwülstigen Groschenromanen." (S. 240) Letzteren Satz sollten sich manch illusionäre Leser dieser Reihe bzw. Zuschauer der Verfilmung ganz einfach hinter die Ohren schreiben, weil die Reihe „im absurden Kontrast zur BDSM-Wirklichkeit" stehe.

 

Einen historischen, sehr informativen und zugleich kritischen Überblick auf das Thema und diverse Theorien einst und heute vermittelt Kapitel 5 „Krank, krass oder kreativ? - Sadismus, Masochismus und die Wissenschaft". Eine Vertiefung erfolgt im sechsten Kapitel „Von ungefährlichen und gefährlichen Sadisten": Was unterscheidet beide „Sadismustypen"? Warum ist eine solche Unterscheidung wichtig und vor allem notwendig? Dazu heißt es: „Die meisten Sexualstraftaten, selbst solche, die auf den ersten Blick 'sadistisch' aussehen, werden NICHT von sexuellen Sadisten begangen. Die Medienberichterstattung erliegt häufig dem Fehler, eine grausame sexuelle Tat reflexartig als 'sadistisch' zu bezeichnen. In vielen Fällen ist diese Wortwahl aus psychologischer Sicht falsch." (S. 280) Es folgt eine kurze Charakterisierung der „vier unterschiedlichen Typen von Sexualmördern". Ferner werden beide Sadismustypen anhand von konkreten Beispielen vorgestellt. Für den „ungefährlichen sexuellen Sadisten" gelte im Gegensatz zum kriminellen, daß er es nicht nötig habe, zu vergewaltigen oder gar zu töten.

 

Eine weitere Vertiefung wird im siebenten Kapitel „Einfacher Sexverbrecher oder doch sadistischer Täter?" vorgenommen. Hierin stellt die Autorin u.a. die wichtigsten „Instrumente" in der Arbeit von Gutachtern und Straftäter-Therapeuten vor. Fortsetzung findet das in Kapitel 8 „Die Sadismus-Formel: Auf der Suche nach dem 'Faktor X'". Hier werden auch erkannte „interessante Gemeinsamkeiten" sowie „entscheidende Unterschiede" zwischen beiden Sadismustypen benannt.

 

Schockierend ist schließlich in Kapitel 9 die Beschreibung des Kriminalfalles „David Parker Ray - Der Spielzeugkisten-Mörder". Auf Einzelheiten des Treibens von Parker Ray und seiner Spießgesellen soll hier deshalb verzichtet werden.

 

Im zehnten und letzten Kapitel wendet sich Lydia Benecke dieser Problematik zu: „Tötungsphantasien, Pornographie und Massenmedien: Erzeugt Gewaltpornographie Sexualverbrecher?" Medialem und auch politischem Stammtisch-Niveau hält sie entgegen: „Die Schlußfolgerung aus sexualwissenschaftlicher Sicht ist klar: Nicht bestimmte Medien [wie z.B. das Internet; SRK] formen den späteren Täter, sondern der spätere Täter beschafft sich die Medien, die zu seinen sexuellen Bedürfnissen passen." (S. 501)

 

Es bleiben aber Fragen und Aufgaben, befindet Lydia Benecke: „Wenn nicht die Phantasie an sich das Gefährliche ist, was dann?" (S. 504) „Der Wissenschaft stellen sich, so gesehen, zwei große Herausforderungen. Erstens, wie können wir die 'Intervention' optimieren? Und zweitens, wie können wir die 'Prävention' optimieren? (S. 514)

 

Sie schließt mit der Aufforderung: „Eine negative Entwicklung möglichst frühzeitig zu verhindern, wäre die umfassendste Art von Schutz. Wenn wir zu verstehen versuchen, anstatt bei Vorurteilen stehenzubleiben, dann werden wir eines Tages vielleicht genug anwendbares Wissen haben, schon Kinder davon zu bewahren, Eigenschaften zu entwickeln, durch die sie sich und anderen schaden. Anstatt vor 'Monstern' Angst zu haben und sie bekämpfen zu wollen, sollten wir lieber daran arbeiten, daß sie gar nicht erst entstehen." (S. 514 - 515)

 

Dazu gehört aber auch dies: Staat, Gesellschaft und jedes einzelne Individuum müssen zu akzeptieren lernen, daß Sexualität in den verschiedenartigsten Facetten gelebt wird. Wichtig ist nicht, wie man liebt, wen man liebt, wo und wann man liebt, sondern einzig, daß man liebt und auch geliebt wird. Selbstverständlich alles auf freiwilliger und einvernehmlicher Grundlage.

 

Auf weiterführende Literatur und Quellen wird im Anhang verwiesen.

 

Etwas unangenehm wirkt aber eine immer wiederkehrende Phrase, Lydia Beneckes Hinweis auf ihr vorhergegendes Buch „Auf dünnem Eis - Die Psychologie des Bösen".

 

Zur Autorin:

Lydia Benecke (geb. 1982 als Ewelin C. Wawrzyniak in Bytom, Polen) ist als selbstständige Kriminalpsychologin in den Arbeitsfeldern Beratung, Behandlung (Psychotherapie), Forschung und Bildung tätig.

Ihre wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Paraphilien, Persönlichkeitsstörungen (vor allem Psychopathie, Dissoziale Persönlichkeitsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung), Traumastörungen, abergläubische Überzeugungen, Subkulturen (vor allem BDSM-Szene, Schwarze Szene, Gothic-Kultur, Vampir-Subkultur) sowie Sekten.

Seit 2010 schreibt sie außerdem als regelmäßige Kolumnistin für das deutschsprachige BDSM-Magazin „Schlagzeilen". In ihrer Kolumne „Psychokiste" befaßt sie sich dort mit unterschiedlichen Fragestellungen zum Themengebiet BDSM aus psychologischer Sicht.

Seit ihrer Studienzeit gehört Lydia Benecke der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) an. In diesem Rahmen beschäftigt sie sich u.a. mit der psychologischen Betrachtung des Vampir-Motivs, der Vampir-Subkultur, des Aberglaubens und der Homöopathie.

 

Und abschließend sei für Thüringer noch ein Veranstaltungstip gegeben:

 

„Die Psychologie des Bösen: Was sind und tun eigentlich Psychopathen?" - Kriminalsychologischer Vortrag von Lydia Benecke am Freitag, 3. März, 19 Uhr, im F-Haus, Jena, Johannisplatz 14.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Lydia Benecke: Sadisten. Tödliche Liebe - Geschichten aus dem wahren Leben. 228 S.m.Abb. Klappenbroschur. Lübbe-Verlag. Köln 2015. 14,99 Euro. ISBN 978-3-03899-6

 

 



 
08.01.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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