Schönbrunner Finale - Über die Agonie der k.u.k. Monarchie

WEIMAR. (fgw) Gerhard Loibelsberger hat sein Buch „Schönbrunner Finale“ um den Oberinspector des k.k. Polizeiagenteninstituts Joseph Maria Nechyba nicht als Kriminalroman bezeichnet, sondern ihm den Untertitel „Ein Roman aus Wien im Jahr 1918“ gegeben. Und dabei hat doch bewußter Nechyba es mit der Aufklärung sogar einer ganzen Reihe von Tötungsdelikten zu tun.


Außergewöhnlich ist, daß es nicht nur einen Prolog gibt, sondern derer zwei! Der erste spielt sich am 14. September 1917 ab. Hier begegnen wir an der österreichisch-italienenischen Front den Landsern Karel Husak und Ambrosius Zach, die später zu den Hauptfiguren zählen werden. Die ehedem in Kaisermanövern so glorreiche österreichisch-ungarische Armee ist jetzt nur noch ein elendiger Haufen; nichts ist mehr von den großsprecherischen Tönen des Jahres 14 zu spüren. Die Landser haben nichts mehr zu fressen, die Uniformen kann man nur noch Lumpen nennen. Doch der Schein muß gewahrt werden und so führen die Offiziere ein verlogenes Spiel auf, als der junge Kaiser Karl I. seine Fronttruppen inspizieren will...

 

Der zweite Prolog spielt in der Zeit vom 10. Jänner (hochdeutsch: Januar) und dem 6. Februar des Jahres 1918. In Wien und schließlich in der gesamten Monarchie Österreich-Ungarn kommt es zu Hungerrevolten und Massenstreiks gegen den Krieg. Diese können aber zunächst noch niedergeschlagen werden, nicht zuletzt durch das Paktieren der sozialdemokratischen Führer mit Regierung und Generalstab.

 

In diesem Prolog werden die weiteren Protagonisten eingeführt: der bereits erwähnte 58jährige Joseph Maria Nechyba, sein langjährige Freund, der gleichaltrige Redakteur Leo Goldblatt, jetzt Leutnant im k.u.k. Kriegspressequartier - also der Militärzensur, dazu der Hofrat Dr. Roderich Schmerda vom Innenministerium (bei dem übrigens Nechybas Ehefrau Aurelia als Köchin angestellt ist). Und schließlich noch Zygmunt Karminsky, Zuhälter und Schwarzmarkt-Großschieber. Da dieser aber nebenbei u.a. Nechyba und Schmerda auf deren Wunsch mit äußerst raren Lebensmitteln versorgt - wenngleich zu Wucherpreisen, so kann Karminsky seinen dunklen Geschäften ungestört nachgehen. Diese sind so einträglich, daß er im Laufe der nächsten Wochen sich ein Mietshaus kaufen kann... Wohl in der Ahnung, daß das Papiergeld schon bald nichts mehr wert sein wird.

 

Die eigentliche Handlung, eingeteilt in vier Teile, findet in den Monaten August bis November 1918 statt. Zach und Husak sind mittlerweile desertiert und haben in Wien Unterschlupf bei Stanislaus Gotthelf gefunden. Just zu dieser Zeit werfen italienische Flugzeuge über Wien Flugblätter ab. Darüber kommt es zum handfesten Streit zwischen Zach und Gotthelf, so daß letzterer bald reglos im eigenen Blut auf dem Boden liegt. Also müssen die beiden Deserteure erneut fliehen. Gotthelf wird tot aufgefunden und Nechyba hat nun den ersten Mordfall einer Serie zu bearbeiten. Alles deutet auf die illegalen „Bettgeher" als Täter hin. Sehr viel später wird man aber erfahren, daß den Mord ein ganz anderer begangen hat. Gotthelf war nur schwer verletzt worden, was aber Zach und Husak in ihrer Panik nicht mitbekommen haben.

 

Jetzt trennen sich die Wege der Deserteure. Husak lernt ein junges Mädchen kennen und mit dieser dann den Karminsky. Dieser schlägt ihnen gegen Kost und Logis ein Geschäft vor: Beide werden in einer ihm gehörenden Fleischhauerei (süddt.: Metzgerei) der Fleischerswitwe zur Hand gehen. Husak kann sich so bis Kriegsende auf ehrliche Weise seinen Lebensunterhalt sichern - bis die Witwe wie so viele Menschen der Spanischen Grippe erliegt. Das junge Mädchen dagegen ermordet recht bald eine hochbetagte Alte, nur so und aus Geldgier. Zach, der Unterschlupf bei der Köchin eines herrschaftlichen Haushalts (die Herrschaft weilt ja auf dem Lande) gefunden, genießt die Freuden nicht nur guten Essens, sondern auch die des Bettes. Aber schon bald wird er unruhig, begibt sich auf Geldsuche und ermordet so seine Vorkriegsvermieterin. Weitere Morde folgen.

 

Im Laufe der Zeit bekommt Nechyba Hinweise, die sich immer mehr zu Gewißheiten verdichten, daß Deserteure, namentlich ein gewisser Zach, hinter der Mordserie stecken dürften.

 

Im vierten Teil schließlich, es ist November geworden, hat Zach für sich ein neues Kapitel aufgeschlagen. Er ist mittlerweile in seiner Vorkriegsarbeitssstelle, der Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung, untergekommen. Da Nechyba ihm aber auf den Fersen ist, muß er erneut fliehen und schließt sich, nun ganz Revoluzzer, der neugegründeten Roten Garde an. Er und Husak begegnen sich in dieser Zeit wieder und Husak wird sein Adjutant. Doch aus dem Vorkriegs-Sozialdemokraten Zach ist jetzt ein Abenteurer, schließlich gar ein gewissenloser marodierender Strauchdieb geworden.

 

Nechyba ist mittlerweile zum Schutz des Kaisers nach Schloß Schönbrunn abgestellt worden. Dort erlebt er die letzten Regierungshandlungen Karls mit und ist diesem bei der Flucht behilflich. Kaum ist die Autokolonne fort, da dringt Zach an der Spitze seines Haufens ins Schloß ein. Nur um dort zu rauben. Jedoch gelingt es Nechyba nun, beide Deserteure festzunehmen. Obwohl im nunmehrigen Deutsch-Österreich alles drunter und drüber geht, kann Nechyba Licht ins Dunkel bringen und alle anliegenden Mordfälle aufklären. Und auch den wirklichen Mörder dingfest machen.

 

Im Epilog, am 28. November, bereitet Nechyba sich auf seinen neuen Dienst im republikanischen Innenministerium vor. Und er läßt dem unschuldigen Husak als seine letzte k.k. Amtshandlung Gerechtigkeit widerfahren. Desertion ist ja nun keine Straftat mehr, zumal der Böhme Husak inzwischen Bürger des neuen techechoslowakischen Staates ist...

 

Loibelsberger hat in seinen Roman neben fiktiven Mordfällen auch tatsächlich verbürgte einfließen lassen. Das verleiht dem Buch durchaus dokumentarische Züge. Und er läßt etliche historische Personen auftreten, teils nur in Reflexionen, teils als handelnde Charaktere. Zu nennen wären da u.a. der damalige Wiener Polizeipräsident Dr. Johann Schober oder der Journalist Egon Erwin Kisch, seinerzeit Armee-Oberleutnant und in Revolutionszeiten einer der Führer der Roten Garde.

 

Dieser Roman ist also weniger ein Kriminalroman, sondern weit mehr ein eindrucksvoll geschriebenes Sittenbild des untergehenden Habsburger-Reiches. Das wird immer wieder sehr anschaulich dargestellt, wenn es ums Beschaffen von Lebensmitteln (zumeist nur aus Ersatzstoffen bestehend) und dem Zubereiten derselben geht. Hier zeigt sich das ganze Elend, das anno 1918 nicht nur die arbeitenden Klassen im Griff hat, sondern in zunehmenden Maße auch das Kleinbürgertum und schließlich sogar gutbürgerliche Schichten.

 

Wie es um diese Monarchie in der Agonie bestellt ist, das wird insbesondere auch in den vielen Kaffeehausdebatten zwischen Goldblatt und Nechyba deutlich - zumeist unter Einbeziehung von realen zeitgenössischen Zeitungsartikeln.

 

Übrigens, der vermeintliche Jude Goldblatt bekennt sich in den Gesprächen mehrfach als Atheist. So wie sich zuletzt Karminsky nicht als Pole und Nechyba nicht als Tscheche, sondern als Österreicher bezeichnen. Heutige Humanisten bzw. Freidenker dürfte eine Äußerung Goldblatts gefallen: „Schon mein Vater hat dem jüdischen Glauben abgeschworen. So wie er bin ich überzeugter Atheist. Wenn ich überhaupt an etwas glaub', dann an das Hier und Jetzt." (S. 167)

 

Und dann ist da noch dieses: Auf den Seiten 209 bis 211 tauschen sich Goldblatt und Nechyba über den Friedensplan des damaligen US-Präsidenten aus unter Zuhilfenahme eines Artikels aus der Kronenzeitung. Unter der Abbildung einer fiktiven Visitenkarte (Woodrow Wilson, Herr der Welt, Washington) steht in einem kommentierenden Artikel u.a. geschrieben:

 

„Solche Visitenkarten möchte sich der Mann am liebsten drucken lassen, der drüben in Washington auf dem Präsidentenstuhl sitzt. Er gebärdet sich wenigstens so, als wäre er der Herr der Welt, und man muß sogar zugeben, daß dieser Herr genug unterwürfige Knechte findet. (...)

Der salbungsvolle Heuchler Wilson, der öffentlich Bußpredigten hält und Psalmen singt und immer vom Frieden der Zukunft, von Freiheit und Brüderlichkeit faselt, hat jetzt sein wahres Gesicht gezeigt. (...) Und er hat auch die Staatsmänner der Entente gezwungen, unseren Antrag auf Einleitung unverbindlicher Friedensbesprechungen abzulehnen. Es blieb ihnen keine andere Wahl, sie müssen eben kuschen..."

 

Auch wenn Österreich-Ungarn seinerzeit Aggressorstaat war und die Kronenzeitung reaktionär kaisertreu, so muß man doch aus heutiger Sicht zugestehen, daß dieser Artikel durchaus visionär zu nennen ist, betrachten wir doch bloß mal das Agieren diverser US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte (und für Entente könnte man in diesem Zusammenhang auch NATO einsetzen).

 

Was macht außer dem bravourösen Erzählerischen den Wert dieses Buches aus? Selbst wenn typische Spannungselemente fehlen, so ist doch die Darstellung der Lebensbedingungen und daraus resultierender Verhaltensweise auch als durchaus spannend zu bezeichnen. Da wären u.a. noch zu nennen das vorangestellte Verzeichnis historisch verbürgter Personen; die literarischen Zitate, die jedem Teil vorangestellt sind sowie das Verzeichnis weiterführender Literatur. Einen besonderen Reiz bildet für hochdeutsche Leser das typisch östereichische bzw. Wiener Vokabular. Dieses wird in Fußnoten und in einem Glossar übersetzt bzw. erläutert.

 

Abschließend eine ganz persönliche Bemerkung: Der Rezensent bedauert außerordentlich, daß er erst jetzt durch dieses Buch mitbekommen hat, daß Loibelsberger eine ganze Romanreihe um Oberinspector Joseph Maria Nechyba geschrieben hat. Aber man ja auch nachholend lesen!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gerhard Loibelsberger: Schönbrunner Finale. 366 S. Klappenbroschur. 2. Aufl. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2210-2

 

 

 



 
09.09.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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