Schüssler deckt mit Caroline in Augsburg Furchtbares auf

WEIMAR. (fgw) Viktor Glass führt mit seinem Roman „Schüssler und die verschwundenen Mädchen“ in das Augsburg des Jahres 1890. Die rasche ndustrialisierung zeitigt ihre Folgen für die Lebensverhältnisse vor allem der „einfachen Leute“. Glass' Protagonist verdient sich seinen Lebensunterhalt als privater Ermittler, was seinerzeit auch noch nicht alltäglich war.


Ludwig Schüssler kehrt wie üblich in seine Stamm-Gastwirtschaft ein, um dort neben dem Genuß seiner geliebten „Virginia"-Zigarre ausgiebig die dort aushängende Tageszeitung zu studieren. Gleich eingangs stößt er auf einen Artikel, in welchem der Autor sich über die unmöglichen und gegen die gottgewollte Ordnung richtenden Bestrebungen im wilhelminischen Reich aufgrund des für ihn üblen Treibens der Sozis beklagt:

 

„Überall verlangte das Hauspersonal jetzt scheinbar Lohn, als ob die Leute nicht schon kostenloses Essen und Wohnen bekämen, manchmal sogar die abgelegte Kleidung ihrer Herrschaft. Was wollten sie also mit zusätzlichem Lohn? Mit Geld könnten Dienstboten doch gar nichts anfangen, da sie schließlich keine freie Zeit hätten, in der sie es ausgeben könnten..." (S. 10)

 

Schüssler kommt jedoch nicht all zu weit, denn ein Soldat faßt sich Mut und spricht ihn an. Augustin Hipp weiß, daß Schüssler als Detektiv tätig ist und bittet ihn, nach seiner Verlobten, dem Hausmädchen Luise Habenicht, zu suchen. Diese sei von ihrer Herrschaft entlassen worden, seither fehle von ihre jede Nachricht und Spur. Schüssler will zunächst nicht, denn just zu dieser Zeit haben schon viele Dienstmädchen ihre Stellung verloren, waren dann zum Teil in die Fremde gegangen oder nahmen sich das Leben.

 

Und zum anderen hat Schüssler gerade einen lukrativen Auftrag erhalten. In einem Textilkaufhaus häufen sich die Diebstähle und er soll die Diebin überführen. Hier beobachtet er das Hausmädchen Caroline Geiger, die jedoch nichts geklaut hat. Vielmehr kann er mit ihrer Hilfe ein großes Betrugs- und Unterschlagungskomplott seitens des Verkaufspersonals aufdecken. Diese Caroline kannte die verschwundene Luise. Etwa zur gleichen Zeit wird Schüssler Zeuge eines Verkehrsunfalls, bei dem der „Mal- und Lebenskünstler" Eginald Berwanger eine vor das Gefährt springende Frau retten will. Und hier trifft er auch auf einen alten Bekannten, den Gendarmerie-Wachtmeister Kilian Huber.

 

All das gibt Schüssler zu denken und nimmt nun doch Ermittlungen auf, assistiert von Caroline. Recht bald stellt sich, aber nur durch Zufall, heraus, daß eine Reihe der verschwundenen Mädchen dem Maler Berwanger als Modell gedient hatten. Und dieser sollte dafür auch recht gut bezahlt haben. Caroline übernimmt die Aufgabe eines Lockvogels und sie sowie Schüssler auf seine Weise kommen einem besonderen Geschäft auf die Spur. Der Maler hat nicht nur die verzweifelten Mädchen sich gefügig gemacht, sondern sie noch willenlos gemacht fotografiert. Die Platten überließ er dem Fotografen Hugo Halbleib, der diese „erotischen Fotografien" dann für gutes Geld an Touristen und Soldaten verkauft. Bei einem Kameraden entdeckt Augustin Hipp ein solches Foto von seiner Luise, hält diese für ein verdorbenes Mädchen, will von ihr nichts mehr wissen und daher auch den Auftrag an Schüssler stornieren. Doch der und Caroline reden ihm zu, zeigen ihm, daß diese Fotos manipuliert worden sind.

 

Es kommt zu Tage, daß in jüngster Zeit insgesamt acht Mädchen verschwunden sind, von denen die Hälfte auch Bildern Berwangers erkennbar zu sehen sind. Daher keimt nun ein schlimmer Verdacht auf: Wurden die Verschwunden Opfer eines Mädchenhandels? Hat man diese nach Frankreich oder gar nach Nordafrika in Bordelle für die Fremdenlegion verkauft?

 

Und dann ist da noch der Steuerinspektor Alois Bader, ebenfalls Stammgast in Schüßlers Lokal. Letzterer bemerkt bei Bader einen originellen Ascher. Bader bekundet, bei einem Ausflug habe er einen Haufen Tierknochen entdeckt und aus einem solchen sei der Ascher gemacht worden. Nun wird Schüssler besonders hellhörig. Hält er doch den Knochen für menschlich. Doch die Polizei will von seinem Verdacht nichts wissen, man verlacht ihn sogar. Doch sein alter Kumpel Huber, dem er erst vor kurzem die Karriere rettete, kommt ihm zu Hilfe. Gemeinsam mit Caroline und Hipp begeben sie sich zu dem bewußten Waldstück. Was sie dort entdecken, läßt sie erschauern. Doch noch größer wird ihr Erschauern, als sie sich dem nahen Bauernwesen nähern. Was sie dort entdecken müssen, ist so furchtbar, daß dafür kaum Worte zu finden ist. Und alle Vermißtenfälle klären sich auf. Ja, es ging um Mädchenhandel. Aber nicht so einen wie vermutet. Und der Vermittler war der Fotograf...

 

Was ist aus Luise geworden? Wie wird es dem Hipp ergehen? Und wie geht es mit Schüssler und Caroline weiter? Gerade angesichts der letzten Frage wünscht man sich einen Fortsetzungsband.

 

Viktor Glass hat mit diesem Roman nicht nur einen außergewöhnlich spannenden Krimi mit verblüffenden Wendungen geschrieben. Er liefert zugleich ein objektives Sittenpanorama der damaligen Zeit: Wie die vorgeblich feinen Leute, die Herrschaften, mit ihrem Gesinde umgingen. Was damals so Usus war in den Lokalen des Kleinbürgertums und der wenigen Facharbeiter (ein Hinweis da u.a., daß seinerzeit auf dem Münchner Oktoberfest „eine Maß Bier" 12 Pfennige - in Worten zwölf Pfennige - kostete). Daß die wenigen Facharbeiter seinerzeit einen Monatslohn von 80 Mark bekamen; die vielen Un- und angelernten aber deutlich weniger. Daß ein Kleinbürger sich zwei oder drei Mal die Woche einen Barbierbesuch leistete. Wie ein möblierter Herr wie Schüssler wohnte. Wie es in einer Großwäscherei zuging und was die Wäscherinnen dort an Schwerstarbeit leisten mußten. Daß damals sich Münzen und Maße reichsweit vereinheitlichten und daß damals die ersten D-Züge in den Schienenverkehr kamen.

 

Natürlich konnten hier die einzelnen Recherchen und Wege von Schüßer und Caroline nicht alle erwähnt werden. Und auch nicht die Lebens- und Arbeitsumstände Carolines. Und so bleibt für den neugierig-geneigten Leser noch genügend Anreiz, sich diesen bemerkenswerten zeithistorischen Krimi zu kaufen und zu lesen. Es lohnt sich wirklich! Nicht nur wegen des furchtbaren Verbrechens, das den Hintergrund bildet.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Viktor Glass: Schüssler und die verschwundenen Mädchen. 296 S. Taschenbuch. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2018. 13,00 Euro. ISBN 978-3-86532-609-6

 



 
10.04.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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