Simon Marquis de Sanslieu ist nicht länger der Quasimodo

WEIMAR. (fgw) Victor Hugos Roman um den buckligen Glöckner Quasimodo, die grazil tanzende Zigeunerin Esmeralda und den Pfarrer Dom Claude Frollo endet mit dem Tod derselben. Nicht so in der Adaption dieses Stoffes durch die Österreicherin Karoline Toso. Daher liegt nun mit „Das Erbe des Marquis“ der zweite Teil ihrer Roman-Trilogie „Esmeraldas Geheimnis“ vor.


Seit den Turbulenzen rund um die Kirche Notre Dame in Paris ist einige Zeit vergangen. Dom Frollo hat sich zur selbstauferlegten Buße als Klausner in ein bretonisches Fischerdorf zurückgezogen. Esmeralda konnte zu ihrer Rettung in ein Nonnenkloster gebracht werden, wo sie die Identität der Nichte der Äbtissin annehmen darf: Agnès Baronesse de Blacheforet. Nur Quasimodo lebt mit seiner wiedergefundenen leiblichen Mutter, der Comtesse Sophie de Mortain und verehelichten Marquise de Sanslieu, vorerst noch auf dem Glockenturm der Pariser Kirche Notre Dame. Sophie ist übrigens die Pflegemutter Esmeraldas. Doch nun fordert die kirchliche Obrigkeit Quasimodo zum Verlassen des Turmes auf, man habe endlich einen neuen Glöckner gefunden.

 

Sophie, ihr Sohn Simon (nun nicht länger Quasimodo) und auch Esmeraldas leibliche Mutter, die geistig verwirrte Paquette (als Klausnerin Schwester Gudule genannt) sowie das Straßenkind Enzo machen sich also auf Weg heraus aus Paris. Ihr Ziel ist die Gegend um Chartres, wo Sophie zur Welt kam und wo sie eine leidvolle Ehe mit dem brutalen Marquis de Sanslieu führen mußte. Der über den fehlgestalteten Sohn Simon erzürnt war und beiden nach dem Leben trachtete. Es ist nur seinem jüngeren Bruder Daniel zu danken, daß beide fliehen konnten. Sophie weiß nicht, was aus der Burg ihres von der Inquisition ermordeten Vaters geworden ist, und auch nicht, ob ihr Ehemann noch am Leben ist. Also müssen alle ihr Inkognito wahren.

 

Aber wie der Zufall es will, treffen rings um Chartres alle Protagonisten des ersten Bandes früher oder später aufeinander.Was der Leser allerdings nicht gleich erfährt: Mittlerweile sind rund sechs Jahre ins Land gegangen! Esmeralda ist unter ihrer falschen Identität als Agnès inzwischen die Ehefrau des Herzogs von Valois geworden. Sie hat eine Tochter bekommen, Claudine, die Frucht der Vergewaltigung durch Dom Frollo. Dennoch hat sie ihre Tochter nach ihm benannt. Der Herzog weiß um die fremde Vaterschaft des Mädchens - das er jedoch wie ein eigenes Kind liebt, denn er ist homosexuell. Aber nach wie vor verschweigt Esmeralda ihre wirkliche Herkunft. Denn die Aufdeckung ihres Geheimnisses könnte sie den Kopf kosten. Man lebt zwar recht glücklich, aber die Herzogin-Mutter bedrängt die jungen Eheleute immer intensiver, endlich einen männlichen Erben zu zeugen.

 

Der Pariser Hof will den Herzog (aus einer Nebenlinie des Herrscherhauses) näher an sich binden, um eine andere Nebenlinie zu neutralisieren. Zu diesem Zweck wird Dom Frollo nach Chartres versetzt. Der aber weiß nichts von den Familienverhältnissen des Herzogs.

 

Nochmals, Sophie ihrerseits weiß nicht, was aus ihrem elterlichen Besitz geworden ist. Und auch nicht, was aus dem Besitz ihres Ehemannes und ob der noch lebt. Daher will sie ihr Inkognito bewahren. Sie wird aber bald erkennen, warum ihr Vater von der Inquisition der Hexerei beschuldigt worden war. Ein brutaler Verwandter des daran beteiligten Klerikers sollte mit dessen Besitz belehnt werden. Dieser Mann behandelt Frau und Kinder so, wie früher auch Sophie. Dom Frollo wird hier aber kurz entschlossen für Abhilfe sorgen... Sophies Ehemann ist verstorben. Ihr Schwager und Retter Daniel will das Schloß nicht erben. Es gelangt mit seinem Einverständnis in den Besitz einer aus Spanien geflohenen reichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Diese hat sich übrigens auf Anregung der Herzogin-Mutter hier ansiedeln dürfen.

 

Und als alle Beteiligten sich jeweils auf den drei Schlössern eher zufällig begegnen, geraten die Gemüter in Aufruhr, tun sich Probleme und Konflikte auf. Insbesondere Esmeralda ist verunsichert wegen des Auftauchens ihres Vergewaltigers. Nur der Leser weiß, daß Dom Frollo Esmeralda aber wirklich liebt und seine Tat bitter bereut. Und erst jetzt wird ihm auch bekannt, daß er, der Priester, Vater ist. Was aber niemand wissen darf.

 

Doch nicht diese Wiederbegnungen und die sich daraus entwickelnden Konstellationen sind der Schwerpunkt dieses zweiten Teils. Nein, im Mittelpunkt steht Claudine. Die Fünfjährige ist ein aufgewecktes, intelligentes Mädchen, das durch seineMutter dazu auch noch unkonventionell erzogen wird. Sehr zum Unwillen der konservativen Herzogin-Mutter. Als der Herzog und seine Frau für einige Zeit an den Pariser Hof gerufen werden, übergibt die Herzogin-Mutter das Mädchen in die Hände eines Nonnenklosters. Dort soll man ihr christliche Manieren beibringen... Was in nur fünf Tagen zur Katastrophe führt. Es ist allein Dom Frollos Mut und Standhaftigkeit zu danken, daß er das Mädchen den Klauen der unbarmherzigen Schwestern entreißen kann. Er kämpft um das Leben des Mädchens, obwohl er nicht sagen darf, warum...

 

Und wie entwickeln sich die Begegnungen der anderen? Das ist nicht minder spannend und nicht selten überraschend. Karoline Toso hat also die Geschichte um Quasimodo „fortgesponnen" in Form eines „was wäre wenn?" Das ist ihr durchaus glaubhaft gelungen, auch wenn das Einführen einer jüdischen Familie doch etwas zu aufgesetzt wirkt und wohl dem heutigen Zeitgeist geschuldet ist.

 

Wichtiger ist, und auch überraschender, daß Karoline Toso mehr noch als im ersten Buch sehr deutliche Religions- und Kirchenkritik übt. Was sie über die Zustände im Nonnenkloster schreibt, und wie man dort mit Kindern umgeht, das geht unter die Haut, das läßt das Blut in den Adern gefrieren. Die vorgeblichen barmherzigen Schwestern brechen mit Inbrunst und voller Bigotterie die Persönlichkeit der ihnen anvertrauten Mädchen. So wie es in der Jetztzeit immer noch üblich ist. Man denke nur an die Kinderleichenfunde vor wenigen Jahren in irischen Nonnenklöstern.

 

Die Rahmenhandlung, Karoline Toso läßt ja darin ihre Version des Stoffes von einem Wiener Literaturprofessor schreiben, ist in diesem Band kürzer gefaßt und setzt sich vor allem mit dem Leben unter Covid-19-Pandemiebedingungen auseinander.

 

Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann ist es das leider mangelhafte Korrektorat.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Karoline Toso: Esmeraldas Geheimnis - Das Erbe des Marquis. Roman. 530 S. Klappenbroschur. Edition Aglaia im Bookspot-Verlag. Planegg 2021. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-137-9

 

 

 

 



 
26.05.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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