Spannend wie bei Agatha Christie, aber nicht nur das!

WEIMAR. (fgw) „Mehr, mehr, mehr! Mehr davon“, möchte man am liebsten nach der Lektüre von Kaspar Panizzas aktuellem Krimi „Hüttenkatz“ ausrufen, ja einfordern. Denn Panizza wird mit jedem seiner „Katzenkrimis“ besser. Das gilt in besonderem Maße für den jetzt vorliegenden vierten Band, was aber nicht nur dem erzählten Fall an sich „geschuldet“ ist. Nur so viel: Ganz nebenbei reflektiert er hierin mit beißender Ironie noch ein bundesdeutsches Pseudo-Problem(chen)...


Hauptkommissar Steinböck ist mit sich selbst unzufrieden. Warum bloß hat er seinem Spezi Peter Obstler nachgegeben? Wenn schon ein Klassentreffen nach 30 Jahren, warum dann aber ein ganzes Wochenende lang in einer abgelegenen Berghütte? Ein Abend im Hofbräuhaus hätte es doch auch getan. Seine Laune wird erst recht nicht besser, als er feststellen muß, daß seine Katze „Frau Merkel" ihn wieder einmal überlisten konnte und es sich auf dem Rücksitz seines altersschwachen Käfers bequem gemacht hat. Letztlich stellt noch der Aufstieg zur Berghütte für ihn eine Zumutung dar.

 

Und wer trifft sich da schließlich so alles? Selbstverständlich ist Steinböcks Intimfeind, der Staatssekretär Ferdel Bruchmayer, anwesend. Natürlich auch die Hüttenwirtin, Heidi Kümmelkorn. Ferner sind gekommen der nunmehrige Ökobauer Klaus-Peter Waldmeister, der Pizza-Bäcker Vito di Pesto oder der Deutsch-Türke Deniz Izmir und auch Bärbel Kleine, nunmehr verehelicht-geschiedene Bärbel Kleine-Macke. Mit solchen Namensgebungen sorgt Panizza schon mal für beredtes Lese-Schmunzeln. Erschienen sind dann noch der Chef einer „Schönheits-Klinik", Dr. Martin Böhmermann, und der Finanzbeamte Florian Pfeiffer.

 

Schließlich trifft noch der große Unbekannte ein; der Mann, der dieses doch etwas ungewöhnliche Wiedersehen initiiert hat: Elias Stenzel. Elias Stenzel? Ist der denn nicht seit 30 Jahren tot? Umgekommen bei einem Surf-Unfall während eines gemeinsamen Ausflugs am Mittelmeer?

 

Alle sind irritiert. Und recht bald nicht nur überrascht, sondern vor allem düpiert. Denn es stellt sich heraus, daß Stenzel jetzt herausfinden will, wer seinerzeit an seinem Surfbrett „herumgefummelt" hatte. Also ihm den Tod bringen wollte. Und warum.

 

Die Überraschung ist allerseits groß. Nicht nur, weil Stenzel damals nicht ertrunken war. Nein, mehr noch, weil sich jetzt in den Gesprächen herausstellt, daß der „Anschlag" gar nicht ihm gegolten hatte, sondern... Und daß das bloß ein harmloser Denkzettel für jemand anderes sein sollte.

 

Stenzel hatte sich auf dieses Wiedersehen sehr gut vorbereitet und so konfrontiert er alle Anwesenden mit ihren dunklen Geheimnissen, mit den vielen „Leichen in deren Kellern". Sogar im Falle Steinböck hat er einiges herausgefunden, aber eigentlich nur Harmlosigkeiten. So u.a. dessen stets verschwiegenen Vornamen. Doch Stenzel nennt diesen nicht. So klingt der Freitag-Abend nicht gerade harmonisch aus. Zumal der Un-Tote seinen ehemaligen Mitschülern noch die eigene Lebensgeschichte nach dem Umfall erzählt, eine höchst unglaubliche sogar: Aufgefischt von Piraten, wird er deren Kumpan. Später geht er zur Fremdenlegion mit Einsatz in Afghanistan und wird schließlich erfolgreicher Schatztaucher in der Karibik...

 

Und am Samstag-Morgen kommt es dann zum richtigen Schock. Stenzel, der saunieren wollte, wird in diesem Raum tot aufgefunden. Den Tod fand hier auch der biedere Finanzbeamte. Einen Unfall kann Steinböck, jetzt wieder ganz der Kriminalist, bald ausschließen. Denn es liegt offen, daß mit einem Schlauch giftige Dieselabgase in die Sauna geleitet worden sind.

 

Wer also hat Stenzel nach dem Leben getrachtet? Wem ist er mit seinen Enthüllungen zu nahe gekommen? Ein Motiv für den Mordanschlag hat ja eigentlich jeder der Anwesenden... Aber Steinböck kommt mit seinen Ermittlungen nicht voran. Denn ein starkes Gewitter, verbunden mit heftigem Schneefall hat die Berghütte über Nacht von der Außenwelt abgeschlossen. Das Telefon funktioniert nicht mehr und selbst der Mobilfunk kann kein Netz finden. Man fühlt sich als Leser wie in einen der besten Agatha-Christie-Krimis versetzt.

 

Irgendwie gelingt es Steinböck aber dennoch, mittels primitiver Anlagen, Kontakt zu seinem Mitarbeiter Emil Mayer aufzunehmen. Welcher schließlich nebst einem Spurensicherer auf höchst abenteuerliche, je halsbrecherische, Aktion zur Berghütte gelangen kann. Das Wetter bessert sich bald wieder, dafür ist aber einer ehemaligen Mitschüler verschwunden und wird kurz darauf erschlagen aufgefunden.

 

Ab Montag kann Steinböck, endlich wieder in München, intensiv in die Ermittlungsarbeit gehen, unterstützt wie immer von Ilona Hasleitner und Emil Mayer. Wichtige Fragenkomplexe sind Lebenslauf und Hintergrund von Elias Stenzel und natürlich die Motivfrage. Alle werden nun erneut bis ins Detail gehend befragt. Und fast jeder ist nun sogar verdächtiger als zuvor. Dabei kommen noch viele weitere „Geheimnisse" ans Tageslicht. Die heile klein- bzw. gutbürgerliche Fassade der Frauen und Männer bröckelt immer weiter ab.

 

Und es kommt, wie es kommen soll - ebenfalls ganz wie bei Agatha Christie: Nichts ist so wie es scheint, nichts bleibt. Fast jeder hat zwar Dreck am Stecken, fast jeder hat Elias Stenzel insgeheim den Tod gewünscht, doch keiner hat den Anschlag gegen ihn verübt.

 

Damit mag es genügen, soll doch die Verblüffung beim Leser bleiben, soll doch die Spannung noch lange nicht gelöst werden. Was sich Panizza mit diesem Krimi erdacht hat, das darf mit Fug und Recht mit einem lobenden Superlativ bedacht werden.

 

Deshalb soll heuer auch nicht weiter auf die Katz' eingegangen werden, das wurde ja bereits in den vorhergehenden Besprechungen getan. Nur so viel: „Frau Merkel" irritiert nicht wenige von Steinböcks alten Klassenkameraden, insbesondere die weiblichen. Verbunden mit den Katzen-Episoden stehen vor allem die sprechenden Namensgebungen für Panizzas köstlichen Humor.

 

Übrigens, neben der Hauptsache kann Steinböck noch einige kleine Dinge regeln. Auf seine Art... Und damit wird die Kriminalgeschichte erst richtig „rund". Daß in dieser auch ein gehörig Maß an Gesellschaftskritik steckt, zeigt sich nicht nur im (Selbst-)Demaskieren der bürgerlichen Fassade der mehr oder weniger etablierten Männer und Frauen. Und wie immer findet man bei Panizza deutliche Kirchen- und Religionskritik, so wie hier z.B. in einem Dialog auf der Hütte:

 

„'Du solltest die christliche Moral nicht als das Nonplusultra hinstellen, wenn du von einem muslimischen Land sprichst.'

'Ich sprech ned von der christlichen Moral, die hat bei uns die CSU schon lang in den Dreck gezogen. Ich mein die menschliche Moral und dafür sind die Weltreligionen alles andere als geeignet.'" (S. 53)

 

Dazu paßt noch diese knappe Wertung: „scheinheiliges Getue der politisch Korrekten" (S. 171).

 

Daß Steinböck und damit sein „geistiger Vater" Kaspar Panizza sich dem Humanismus verpflichet fühlen und daß Steinböck mit seinen teilweise unkonventionellen Handlungen als Humanist, ohne dies groß in Worte zu fassen, agiert, das gehört ebenfalls zu den positiven Seiten der „Katzenkrimis".

 

Für den Humanismus und für aktuelle Gesellschaftskritik steht in besonderem Maße folgendes Zitat, das mit Steinböcks Vorstellung seines Mitarbeiters auf der Berghüttebeginnt:

 

„'Liebe Klasse darf ich euch vorstellen...'

'Emil Mayer junior, Neger, Rollstuhlfahrer und 60er-Fan', vollendete Emil auf seine typische Art.

'Das Wort >Neger< ist heutzutage ein absolutes No-Go', verbesserte ihn Angelika von der Birken.

'Wie wär's mit >Schwarzer<?', fragte er scheinheilig und grinste dabei wie das Rumpelstilzchen.

'Auch nicht viel besser', antwortete sie spitz.

'Also gut, dann probier ich es für die politisch so korrekten Weißen ... Auweia, >Weißen< ist nicht gut. >Bleichgesichter< geht auch nicht und >Langnasen< definiert nicht unbedingt die richtige Farbe. Ich versuch's noch mal:

Gestatten, Emil Mayer junior, mittelstark pigmentierter Afro-Bayer, der aufgrund einer körperlichen Verletzung auf ein Fahrzeug angewiesen ist. Halt, fast hätte ich es vergessen, und 60er-Fan..." (S. 100)

 

Zu diesem Zitat, das abgewandelt noch mehrfach vorkommt, gehört unbedingt Panizzas Anmerkung nach dem Epilog:

 

Bei der Ächtung von Wörtern im Zuge der sogenannten 'Political Correctness' wird ein Sprachwandel vollzogen, bei dem auch Wörter, die nach allgemeinem Sprachgebrauch neutral waren, nun als negativ besetzt und tabuisiert gelten sollen.

 

Dieser Sprachwandel entwickelt sich jedoch nicht - wie es sonst üblich ist - auf natürliche Weise innerhalb der Sprachgemeinschaft als ganzer. Er geht vielmehr von einer kleinen Minderheit vornehmlich Intellektueller aus und wird von dieser - teils mit moralischem Druck - durchgesetzt. Das muß nicht unbedingt schlecht sein, sofern die wirklichen Anliegen einer diskriminierten Gruppe bedient werden. (...) Eine, wie ich meine, sehr treffende Beschreibung eines Problems, mit dem wir alle und auch ich mit meinen Büchern momentan konfrontiert werde." (S. 249-250)

 

Panizza gibt wohl deshalb noch ein Salzkristall hinzu, wenn er eine Hotelbegegnung der Katze so beschreibt: „...sie war lautlos einer Gästin hineingefolgt..." (S. 134)

 

Volle Zustimmung für diese Anmerkung, mit einer Einschränkung allerdings: Es sind nicht „die Intellektuellen", die solchen und anderen Sprachterror (wie auch mit dem grassierenden Genderwahn) betreiben. Es sind lediglich einige wenige halbgewalkte Schmalspur-Akademiker (Generation Bachelor...) aus der ominösen Mittelschicht, die ansonsten nichts Substanzielles zu sagen haben, und deren sich menschenrechtlich dünke(l)nden Nachbeterinnen und -beter...

 

Abschließend sei wiederholt: „Hüttenkatz" ist ein spitzenmäßiger Krimi, dem hoffentlich noch etliche weitere folgen sollten.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

 

Kaspar Panizza: Hüttenkatz. Kriminalroman. 250 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2510-3

 



 
01.11.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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