Spitzenmäßiger Krimi, aber leider mit einem großen „Aber“

WEIMAR. (fgw) Im Gmeiner-Verlag ist jetzt ein spitzenmäßiger, ein außergewöhnlicher, Kriminalroman erschienen, der jedoch beim Rezensenten zu einer überaus konträren Wertung führt. Bei allem verdienten Lob muß leider für Raimund A. Maders Buch „Der König von Weiden“ deutlich auch ein großes „Aber“ gesagt werden.


Zunächst etwas zum Inhalt und Hintergrund: Der in Weiden lebende Gymnasiallehrer Mader hat seinem Roman einen ungelösten Kriminalfall aus dem Jahre 1982 zugrundegelegt. Seinerzeit wurde der damals bundesweit bekannte Weidener Bordellbesitzer Walter Klankermeier erschossen aufgefunden. Der oder die Mörder konnten bis heute nicht ermittelt werden. Klankermeiers Millionenvermögen erbte eine 18jährige protestantische Weidener Pastorentochter. Das geht aus einer Einleitung von Bernhard M. Baron hervor. Und aus diesem ungeklärten Kriminalfall heraus entwickelte Mader seine Täter-Version.

 

Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller - Roman mit Vornamen und aus Weiden stammend, erhält eines Nachts den Anruf eines Unbekannten, der ihn auffordert, zum Fall K. zu recherchieren und daraus folgernd einen Kriminalroman zu schreiben. Roman wird ferner aufgefordert, zu einem bestimmten Termin mit dem Zug nach Regensburg zu kommen; der Anrufer würde ihn dort persönlich kontaktieren. Nach einigem Hin und Her entschließt er sich auch dazu. Doch unterwegs hält der Zug lange auf freier Strecke, keiner weiß warum. Als Roman verspätet in Regensburg eintrifft, erwartet ihn dort niemand. Er fährt also zurück und reimt sich aus diesem Vorfall einen Todesfall auf freier Strecke zusammen. Und er beginnt dann doch an einem Roman zu arbeiten.

 

Nachdem der Ich-Erzähler im ersten Teil berichtete, wie es zu seinem Buche kam, wechselt er in die Rolle eines neutralen Erzählers und läßt seinen fiktiven Protagonisten, Kriminalkommissar Attila Szelem nebst Mitarbeiterin Josefine, freien Lauf. Der Leser erfährt nebenbei, daß die Namenswahl für literarische Helden für das Gelingen eines Buches von besonderer Bedeutung sei.

 

Ab jetzt wird die Wertung „außergewöhnlich" berechtigt, denn Mader hält bis zum Schluß eine außergewöhnliche Erzählstruktur durch: Immer wieder wechseln sich diese beiden Ebenen ab, und so vermischen sich fiktive Realität und die darin eingebettete Fiktivität auf gekonnte Weise. Dieses oftmalige fast Verschwimmen beider Ebenen machen die Geschichte noch spannender. Denn so wie „Roman" immer wieder vom Heute ins Gestern eintaucht, so tut dies auch „Attila", der vom Mord auf den Bahngleisen immer wieder in die vergangene Bordellwelt Klankermeiers gleitet. Dabei entwickeln des fiktiven „Romans" fiktive Helden „Attila" und „Josefine" ein Eigenleben. Die Eigendynamik aber aller Figuren in den Parallelwelten entwickelt sich stetig weiter.

 

So wie sich „Roman", ausgehend vom aktuellen Geschehen, immer mehr den Ereignissen vor über 30 Jahren nähert, so tut es auch „Attila". So entsteht der Eindruck, beide könnten zwei Seiten einer Persönlichkeit sein. Ja, „Roman" befindet sich dabei auch auf dem Weg zu sich selbst, zu seinen Erlebnissen als Kind und Teenager in Weiden, ganz in der Nähe von Klankermeiers Etablissement wohnend.

 

Ein weiteres Spannungsfeld ergibt sich daraus, daß „Roman" nach einem Fieberanfall, die Rede ist gar von einem Zusammenbruch, Wahnvorstellungen entwickelt. Das erfährt der Leser aus einer dritten Erzählebene, die ab Mitte des Buches eingeführt wird: einem Briefwechsel zwischen „Romans" Frau Lena und seinem früherem Lateinlehrer. Darin wird sogar eine „dunkle Vergangenheit" des Ich-Erzählers angedeutet.

 

Und dann wird noch eine weitere Figur eingeführt, „Der Graf" = „Robert Maria Graf, Literat und Feingeist". Diese Figur spielt in allen Erzählebenen eine Rolle. Welche, das offenbart sich erst spät.

 

Ja, warum mußte Klankermeier sterben, wer beging das Tötungsverbrechen? Und warum müssen auf einmal - 30 Jahre danach - potentielle Mitwisser ebenfalls sterben? Warum sollte gerade „Roman" diesen Fall literarisch aufrollen? Wie gehen die zwei Geschichten in einer schließlich aus? Zunächst irritierend, denn es werden letztlich drei Varianten angeboten. Für die Öffentlichkeit eine Vermutung Lenas, wie sich aus neuerlicher Korrespondenz ergibt, dann aber eine ganz andere... Eine überaus verblüffende!

 

Bis dahin kann man Mader nur höchstes Lob für diesen spannenden Roman mit außergewöhnlicher Erzählstruktur aussprechend. Also, vom Literarischen her ein großes, uneingeschränktes Lob!

 

Ja, und nun kommt das große „Aber", denn Mader hat sich dazu hinreißen lassen, in seinem Buch auch das Klischee „Stasi" zu bedienen und das sogar noch bis in Extrem getrieben. Das mindert den Wert des Buches leider außerordentlich. Seine Auslassungen sind nicht nur ahistorisch und peinlich, sie sind vor allem ärgerlich für halbwegs gebildete Leser. Zwar relativiert der Autor an einigen Stellen doch etwas die heute üblichen gängigen Klischees über das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, um dann aber doch gleich wieder Absurderes draufzusatteln. Ja, sogar der dubiose DDR-Außenhandels-Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski wird noch in die Story eingefügt...

Ein Beispiel dafür, wie sich Mader verfälschend dem Thema MfS nähert, ist auf den Seiten 176ff. nachlesbar: Josefine ermittelt, fern vom oberpfälzischen Weiden, in ihrer Heimatstadt Leipzig, und stößt dabei auf einen alten „Stasi-Offizier", u.a. gibt sie ein Zusammentreffen mit diesem bei einer Buchlesung wieder: Manfred Hässler liest da aus seinem Buch „Das verlorene Paradies - Erinnerungen an die DDR". Hier hat sich Mader aus den Lebenserinnerungen des MfS-Oberstleutnants Manfred Liebscher [Hervorhebungen SRK] mit dem Titel „Im Paradies der Erinnerungen... Autobiographie" (NORA-Verlag, Berlin 2002) bedient. Der reale Liebscher war allerdings in seiner Dienststelle mit Ermittlungen über Nazi- und Kriegsverbrechen befaßt; was hat nun der fiktive „Hässler" mit dem Mord an einem nachgeborenen westdeutschen Bordellbesitzer zu tun?

 

Vor allem: Leider geht Mader in seinem Buch mit keiner Silbe auf die Erbin von Klankermeiers Vermögen, eine um 24 Jahre jüngere Weidener protestantische Pastorentochter ein. Gerade dieser Fakt hätte doch von besonderem Interesse für einen spannungsgeladen Krimi sein müssen. Warum erbt ausgerechnet so jemand? Könnte nicht die nicht weiter erläuterter Beziehung zwischen diesen wohl eher grundverschiedenen Lebenswelten auch ein Mordmotiv sein? Damit hat sich der Autor viel vergeben und er macht so seine absurde „Stasi-Version" sogar noch unglaubwürdiger.

 

Naja, von einem „Pastor" als Hintermann für die Weidener Geschehnisse einst und jetzt ist auch die Rede. Aber was Mader da anbietet, das ist zwar irgendwie verblüffend gut, aber primär doch nur absurd und ärgerlich.

 

Wie gesagt, von der literarischen Seite her verdient dieses Buch höchstes Lob. Die Story jedoch verdient über weite Strecken nur einen gesenkten Daumen.

 

Siegfried R. Krebs

 

Raimund A. Mader: Der König von Weiden. Kriminalroman. 280 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2016. 9,99 Euro. ISBN 978-3-8392-1827-3

 



 
01.03.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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