„Stallgeruch“ - ein Eichsfeld-Krimi wirklich vom Allerfeinsten

WEIMAR. (fgw) „Auf drei Dinge reagierte Walter allergisch: auf Mandeln, auf Niederlagen von Hannover 96 und auf die Rechthaberei seiner Frau. Die Nüsse ließ er einfach weg, gegen schlechten Fußball gab es Bier und bei Helga – nun, nicht ohne Grund prangte ein Wanderabzeichen in Gold an seinem Stock.“ So beginnt das erste Kapitel von Dominik Kimyons Kriminalroman „Stallgeruch“.


Ein Krimi? Fängt man so einen Krimi an? Zumindest aber machen diese ersten fünf Buchzeilen neugierig. Und, das sei hier ganz offen verraten, sie führen den Leser in die Irre. Sollen es. Die hier nur erwähnte Helga taucht an keiner Stelle wieder auf. Im Gegensatz zu Walter, der irgendwann tot in einem Waldstück gefunden werden wird. Und das nicht einmal als Opfer eines Tötungsdelikts. Der Mann hat sich bloß auf seiner Wanderung verirrt, irgendwann einen Schreck bekommen und einen Herzinfarkt erlitten. Lediglich seine Leiche wurde bewegt. Und nur dadurch tangiert Walters Schicksal das Geschehen im beschaulichen katholischen (niedersächsischen) Eichsfeld.

 

Wo auf einem Gestüt zu eben dieser Zeit die frisch mit dem Juniorchef verlobte Linda Becker zwischen ihren Alpakas tot aufgefunden wird; stranguliert und ihrer Ohrringe brutal beraubt. Obwohl bei diesem Fall alles klar zu sein scheint, übernimmt jedoch nicht das Duderstädter Revier die Ermittlungen, sondern die Direktion Göttingen. Denn der auch das Gestüt betreuende Tierarzt von Adel hat den großen Chef, einen alten Studien-Spezi, um Hilfe gebeten: man wolle ihm vielleicht etwas anhaben, anhängen wollen. So funktionieren eben alte Seilschaften, der Stallgeruch bleibt ein Leben lang haften.

 

Und so ruft der Göttinger Kripo-Chef den (alleinerziehenden) Hauptkommissar Christian Heldt aus dem Urlaub zurück. Dieser begibt sich mit seinem Kollegen Tomek Piotrowski (gebürtiger Pole und aus der katholischen Kirche ausgetreten) auch sofort nach Duderstadt und bildet dort - nicht zur Freude der örtlichen Kollegen - eine Sonderkommission.

 

Was genau ist auf dem früheren Pferdegestüt der Familie Mohr geschehen? Warum wurde Linda Keller ermordet? Was haben die Familie des Eigentümers und die beiden anderen Angestellten mit dem Fall zu tun? Warum züchtet man im Eichsfeld überhaupt Alpakas? Fragen über Fragen? Ein Motiv ist nicht erkennbar. Aber warum will die Familie Mohr auffällig schnell wieder „zur Tagesordnung" übergehen?

 

Der Autor führt schon früh eine Göttinger Wohngemeinschaft militanter Tierschützer ins Spiel ein. Steht deren Agieren in Verbindung mit dunklen Geschäften von Gestütsbesitzer und Tierarzt? Was wiederum haben die beiden Angestellten zu verbergen? Was der erst spät eingeführte, fernab der Heimat studierende, zweite Sohn der Mohrs?

 

Es stellt sich lediglich heraus, daß Linda über irgendjemand irgendetwas gewußt haben muß, das sie offenbaren wollte. Wieder kann nur in alle Richtungen ermittelt werden, aber nichts ergibt einen logischen Zusammenhang, macht Sinn.

 

Jeder der Akteure - bis auf den eingangs genannten Walter -, die Familie Mohr und Angestellte, das Tierarztehepaar von den Greben, die Tierschützer, könnte ein Motiv haben, zumal alle irgendwie mit allen zu tun haben. Insbesondere, weil alle etwas zu verbergen haben und auch weil fast jeder Verdacht durch eindeutige oder scheinbar eindeutige Indizien erhärtet wird. Welches sind die jeweiligen düsteren Geheimnisse aus Vergangenheit und Gegenwart? Als sich dann auch herausstellt, daß die Ermordete in der zehnten Woche schwanger war, ergeben sich neue Fragen.

 

Und sogar während Heldt auf dem Hof ermittelt, wird auch noch die zweite weibliche Angestellte der Mohrs, Doreen Blist, ermordet in einem Alpaka-Stall aufgefunden? Auch sie soll angekündigt haben, daß sie ein Geheimnis lüften wolle... Heldts Chef und der Staatsanwalt machen Druck, zumal nun die Presse Wind von den Morden bekommen hat und Stimmung gegen rumänische Saisonarbeiter macht.

 

Es ist dann lediglich ein Zufall, der Heldts Truppe auf die richtige Spur führt: In Lindas Asservaten wird ein USB-Stick entdeckt, auf dem ein neun Jahre altes Tötungsdelikt aufgezeichnet ist. Nun, damit ist zwar das Motiv für den Mord geklärt, aber nicht, wer der Täter ist, den man nur undeutlich von hinten sieht. Und ein noch größerer Zufall - buchstäblich auf den letzten Seiten - läßt Heldt erkennen, wer Linda und auch Doreen umgebracht hat. Kann er es diesem aber auch beweisen? Es bleibt spannend bis zum Schluß, denn auf eine wirklich seltene Art und Weise ist es Kimyon gelungen, den Leser die ganze Zeit über im Dunkeln zu lassen. Übrigens, so ganz nebenbei können auch eine ganze Reihe von anderen Straftaten aufgeklärt werden. Denn wie gesagt, fast jeder der Verdächtigen hatte mehr oder weniger „Dreck am Stecken". Und schließlich bekennen sich noch einige der Akteure auf beiden Seiten des Falles zu unbequemen Wahrheiten, die allerdings nichts Kriminelles darstellen. Sondern nur zwischenmenschliche Ehrlichkeit betreffen.

 

Dominik Kimyons Eichsfeld-Krimi ist weit mehr als nur ein biederer Kriminalroman. Er darf stattdessen durchaus als ein facettenreicher und breit angelegter Gesellschaftsroman im Gewande eines Krimis angesehen werden. Gewährt der Autor doch differenzierte Blicke hinter die Fassaden angeblich heiler bürgerlicher Familien ebenso wie hinter die Fassaden deutscher Beamtenstuben und vorgeblich zivilcouragierter Tierschützer. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Immer wieder ergeben sich neue und überaus überraschende Konstellationen in einem scheinbar verwirrenden Beziehungsgeflecht.

 

Aber dieses Verwirrende „zerfranst" jedoch nicht, denn Kimyon versteht es meisterlich, die einzelnen Handlungsstränge zu verknüpfen und dennoch, aber nur häppchenweise, Klarheit zu schaffen. So daß die Spannung bis zur letzten Seite aufrechterhalten bleibt. Ebenso so meisterlich gelungen sind seine poesievollen, feinsinnigen Beschreibungen, Schilderungen von Stimmungen, Gefühlen, Charakteren, Milieus und Lokalitäten. All das macht diesen Roman interessant und spannend.

 

Wann legt Dominik Kimyon einen weiteren Krimi vor? Diese erwartungsvolle Frage bleibt... hoffentlich nicht zu lange im Raum stehen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Dominik Kimyon: Stallgeruch. Kriminalroman. 378 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 12,99 Euro. ISBN 978-3-8392-2033-7

 



 
18.06.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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