Steinböcks dritter Fall, heuer nicht nur mit „Frau Merkel“

WEIMAR. (fgw) Kaspar Panizza hat es sehr hintersinnig mit Katzen. Und daher ist heuer im Gmeiner-Verlag bereits sein dritter Kriminalroman um den Münchner Kommissar Steinböck und dessen ständige Begleitung, seine Katze mit dem eigenwilligen Namen „Frau Merkel“, erschienen. Nach „Saukatz“ und „Teufelskatz“ heißt es nun also „Glückskatz“, wobei diesmal damit aber nicht Steinböcks Haustier gemeint ist.


Mit von der Partie sind auch in diesem Roman Steinböcks weitere Mitarbeiter (für ihn zählt ohne Widerworte zu dulden auch „Frau Merkel" dazu): „Emil Mayer junior, Neger, Rollstuhlfahrer und 60er Fan" - wie dieser sich selbst immer völlig politisch unkorrekt vorzustellen pflegt, sowie Ilona Hasleitner, die inzwischen ihre Ausbildung zur Streifenpolizistin abgeschlossen hatte und sich nunmehr in der Weiterbildung für den Kriminaldienst befindet. Der Autor beschreibt diese - ebenfalls politisch unkorrekt: Mitte 20; immer noch etwas korpulent, obwohl sie seit ihrer Kripo-Tätigkeit schon 15 Kilo abgenommen hatte.

 

Das Leben in der Isar-Metropole und in ihrem Polizeipräsidium könnte so schön sein, wenn da bloß Butter-Brezen auf die Schreibtische kommen würden. Aber das Verbrechen schläft nicht und so müssen Steinböck & Co. selbst an einem schönen Sonntag auf privat-dienstliche Beschaulichkeit verzichten.

 

Denn es „gabat a Leich", wie's eigentlich nur bei den „Rosenheim-Cops" üblich ist. Und bald nicht bloß eine. Ein berüchtigter Abmahn-Anwalt, Hasso Käskopf, ist auf eine doch etwas bizarre Weise vom Leben in den Tod befördert worden. Denn im Mund des Toten stecken Geldscheine im Wert von 2.360 Euro. Über diesen Käskopf heißt es: „Er war jetzt 68, sah aus wie 50 und fühlte sich wie 25. Und er hatte ein großes Vorbild. Donald Trump. Er verehrte diesen Mann. Weil er ein Blender war." (S. 7-8) Im Laufe der Ermittlungen soll sich sehr bald herausstellen, daß als Täter fast ganz München in Frage kommen könnte, so unbeliebt war der Typ bei jung und alt.

 

In Verdacht gerät sogar Steinböcks Intimfeind seit Kinderzeiten Ferdel Bruchmayer, seines Zeichens Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und nebenbei Emil Mayers Onkel. Ein gefundenes Fressen für Steinböck... Doch reale Verdächtige gibt es keine, auch keine echten Spuren.

 

Dann wird am Donnerstag ein weiterer Leichenfund gemeldet. Es handelt sich um Sebastian Kümmerle, einen umtriebigen Altmetallhändler, der sein Geld durch den Export von hochgiftigem Elektroschrott nach Ghana verdient. Kümmerle ist ähnlich wie Käskopf ums Leben gekommen. Auch in seinem Mund befinden sich Geldscheine im Wert von 2.360 Euro. Doppelmord also; die Medien kreischen aber sogleich von Serienmorden. Auch hier gibt es Verdächtige zuhauf. Und dann, am darauffolgenden Montag, heißt es schon wieder „Mir ham a neue Leich." (S. 259) Bei dieser hndelt es sich um den 21jährigen Deniz Demircan, der von einer Exfreundin in einem vorgeblich sozialen Medium als „Loverboy" denunziert worden ist. Und auch in seinem Mund befinden sich Geldscheine...

 

In welchem Zusammenhang stehen alle diese Morde an Menschen, zwischen denen es keinerlei Verbindungen gab? Jedoch schon ab dem zweiten Mord wußten die Ermittler, daß es sich um Racheakte handeln muß. Doch wer ist der Rächer? War derjenige Opfer aller drei Männer oder handelte er als angeheuerte Profikiller. In Verdacht geraten u.a. zwei Filmstudenten, die einen Enthüllungsfilm über Kümmerle beim Fernsehen unterbringen konnten, sowie ein biederer Handwerksmeister, dessen Tochter sich wegen Käskopf das Leben genommen hatte.

 

Und zwischenmang bekommt der Fall sogar noch eine internationale Dimension. Denn Steinböck erhält ein Paket aus Japan, darin eine sogenannte Glückskatz aus Keramik. Das macht „Frau Merkel" aber mehr als fuchtig. Absender ist Watanabe, ein leitender Beamter der Kripo Tokyo, der im vorigen Fall zum Erfahrungsaustausch in München war und Steinböck schätzen gelernt hatte.

 

Steinböck weiß mit der Glückskatze nichts anzufangen. Doch plötzlich erwacht sein Interesse, denn nächtens wird bei ihm eingebrochen. Gestohlen wird da aber lediglich die Keramik-Katze. Zeugen konnten aber erkennen, daß die Einbrecher Asiaten gewesen sein müssen, die dazu mit einem E-Auto geflohen waren. Das könnten Mitarbeiter des japanischen Konsulates gewesen sein. Steinböck erkundigt sich und erfährt, daß es in Watanabes Haus eine Gasexplosion gegeben habe und dieser sei wahrscheinlich dabei ums Leben gekommen. Durch Zufall wird er fündiger und setzt nun eine Skandalreporterin auf Watanabes Spuren, die zu einem Skandal in höchsten Tokioter Kreisen führen werden.

 

Nebenbei tut sich auch noch einiges anderes. So beginnt Steinböck eine Affäre mit Anna Maria Becker, Dozentin für Dokumentarfilm und Mentorin der Filmstudenten im Fall Kümmerle. Darüber hinaus muß Steinböck auch noch die Internet-Bekanntschaften des Gerichtsmediziners und des Polizeipsychologen, Melanie bzw. Sandra, „begutachten". Man ahnt es, daher darf verraten werden, daß es sich um einunddieselbe Person handelt, die die verliebten Männer mit dem „kranke-Mutter"-Trick um einige Tausend Euro erleichtern wird. Es gibt weitere kurze Neben-Episoden, die die Gesamthandlung noch runder machen, eine davon sogar durchgehend.

 

Die Auflösung der Mordserie verblüfft nicht nur Steinböck & Co., sondern wohl selbst die meisten Leser. Das betrifft Täter und Motiv. Da hat Autor Panizza wirklich gekonnt unterschiedlichste Handlungsstränge verwoben. Eigentlich ging es nur um eine einzige Tötungsabsicht...

 

Man erfährt so nebenbei, warum Steinböck seine Katze so eigenwillig benamst hat. Stichworte: Wenn man nichts tut, kann man auch nicht falsch machen. Gehütet bleibt allerdings das Geheimnis um Steinböcks Vornamen, so sehr diverse Personen diesbezüglich insistieren.

 

Die spannende und gut komponierte Handlung gewinnt durch deutlich angesprochene real existierende spätkapitalistische Hintergründe, wie das profitable Abmahn-Unwesen oder die Gift-Müll-Exporte in die „Dritte Welt".

 

Und Panizzas Krimis gewinnen ganz besonders noch durch die ihnen innewohnende Komik und seine humorvollen Stil, wie z.B. die Einbeziehung der Katze. Und daß Steinböck mit dieser redet. Und sie mit ihm. Aber gerade diese Passagen bzw. Dialoge sind so was von hintersinnig, daß man selbst zum mit-, nach- und hinterdenken angeregt wird.

 

Alles in allem: Lesenswert, empfehlenswert. Und fortsetzungswert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Kaspar Panizza: Glückskatz.Kriminalroman. 282 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 12,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2408-3

 

 

 



 
26.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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