Nur Suizide oder doch Morde, das ist in Krefeld die Frage

WEIMAR. (fgw) „Seidenstadt-Morde“, so nennt sich der mittlerweile zweite Krefeld- Kriminalroman aus der Feder von Ulrike Renk, die in ihrer Kurzbiographie wegen eines historischen Romans als „Bestsellerautorin“ vorgestellt wird. Doch auch dieser Krimi bestätigt - wie bereits die „Seidenstadt-Leichen - die alte Weisheit, daß Quantität zu oft nicht mit Qualität einhergeht.


Und wieder hat die Autorin viel, sehr viel, wenn nicht gar alles verschenkt. Ja, die Idee an sich, die Tat (die Taten), das Motiv, das Täter-Opfer-Milieu - sie alle haben etwas für sich und hätten den Stoff für einen wirklich großen Fall (Kriminalroman) geboten. Erzählerisch - im engeren Sinne - ist dies Buch allerdings doch recht gut geschrieben, das muß man Frau Renk lassen. Nur eben, für einen wirklich guten Krimi, der doch ein gutes Maß an Authentizität aufweisen sollte und der auch für gut aufgebaute Spannung steht, hat es wieder nicht gereicht.

 

Doch nun zum Inhalt; worum geht es in der Geschichte?

 

Hauptkommissar Jürgen Fischer ist nun seit einem halben Jahr in Krefeld tätig, als die „Selbstmorde" eines jungen Mannes und einer jungen Frau die Polizei beschäftigen bzw. nicht beschäftigen. Denn diese Todesfälle scheinen ja eindeutig zu sein, zumal die Suizidenten Abschiedsbriefe hinterlassen haben. Daher sollen diese Fälle auf Weisung von oben als erledigt schnell zu den Akten gelegt werden. Doch Jürgen Fischer ist da anderer Meinung und widersetzt sich den Anweisungen des „Chefs": „Ja, zwei Selbstmorde in so kurzer Zeit, das macht mich stutzig. Serienselbstmoirde, eine neue Sportart in Krefeld. Das stinkt. Gewaltig." (S. 13) Und es sind gerade die fast gleichlautenden - und nichtssagenden - Abschiedsbriefe, die ihn stutzig werden und weiterermitteln lassen. Dann stellt sich heraus, daß das Baby der scheinbaren Selbstmörderin noch am Tatort (die Wohnung) im Beisein von Polizei und Ärztin spurlos verschwunden ist. Jetzt erst fühlt sich der „Chef" bemüßigt, „grünes Licht" für intensive Ermittlungen zu geben.

 

Im Laufe dieser Ermittlungen stellt sich heraus, daß die angeblichen Selbstmörder zeitweilig miteinander liiert waren, daß der Mann möglicherweise der Vater des verschwundenen Babys ist. Doch später wird klar, daß er es nicht war. Dafür wird bekannt, daß die beiden Toten Mitglied ein und desselben Schwimmclubs waren. Und sogar die Tochter des „Chefs" ist dort Mitglied.

 

Dann geschehen weitere mysteriöse Dinge: Ein anderes Mitglied des Schwimmclubs wird mit Vergiftungserscheinungen in eine Klinik eingeliefert, wo es kurz darauf noch zu einer Geiselnahme kommt. Diesbezüglich legt die Autorin eine Hanfspur... Aber der Anbau von Cannabis und der Handel der schwimmsportlichen Studenten damit ist nur ein Nebengeschäft von Nebenfiguren. Dennoch, das Stichwort Cannabis sollte der Leser nicht ganz aus den Augen lassen.

 

Und welche Rolle spielt eine Hausärztin in dem Ganzen? Ihre Patienten waren bzw. sind u.a. Fischers Kollegin, die Familie der zuständigen Staatsanwältin, die beiden Toten und sogar der Schwimmclub als Organisation. Sie stellte sogar den Totenschein für die „Selbstmörderin" aus. Und was treibt der Ehemann dieser Ärztin? Fragen über Fragen, dazu Spuren und Nicht-Spuren.

 

Zu allem Überfluß beginnen in dieser Zeit auch noch der Hauptkommissar und die Staatsanwältin ein Verhältnis und sogar Fischers Kollegin benimmt sich seltsam. Wie insgesamt das Privatleben vieler Beteiligter, einschließlich Fischers Mitarbeiter, des „Chefs" und der Ärztin, im Buch viel zu großen Raum einnimmt.

 

Irgendwie unpassend ist der Umstand, daß die Autorin einen Zeugen aus ihrem ersten Krimi nun auch noch zum Augenzeugen des Selbstmordes des jungen Mannes macht. Und daß dieser Herr sogar dessen zurückgelassenen Rucksack an sich genommen hat. Rein zufällig begegnen sich dieser Zeuge und Fischer in einem Restaurant, wo dieser mit der Staatsanwältin speist. Nur, niemand holt dieses Beweismittel ab...

 

All das wirkt zu konstruiert und damit letztlich unglaubwürdig: Krefeld zählt mehr als 220.000 Einwohner, aber im Buch-Krefeld jeder kennt jeden und jeder hat mit jedem zu tun...

 

Natürlich gelingt es Fischer, die beiden tatsächlich zusammenhängenden Fälle aufzuklären und auch das verschwundene Baby, mit dem es eine ganz besondere Bewandnis hat, taucht wieder auf und kann gerettet werden. Die Selbstmorde waren keine, sondern überaus raffiniert begangene Morde. Warum sie verübt wurden und wer der Täter war, das wird schließlich offenbar und überrascht positiv. Gerade das hätte der Ausgangspunkt für einen wirklich überzeugenden Krimi werden können, wenn eben die Geschichte anders „gestrickt" worden wäre. Das Motiv für die Morde (und weitere Straftaten) ist eindeutig und glaubhaft: Alles geschah aus purer Geldgier!

 

Peinlich bleibt dies: Nach wie vor taucht in Kommissariats-Beratungen und sogar im Außendienst der Begriff „Polizeichef" als Akteur auf - und das sogar inflationär. Obwohl es sich bei dieser Figur nur um einen Kriminaldirektor als Chef der Direktion Kriminalität - eine von vier Direktionen im Krefelder Polizeipräsidium - handeln handeln kann oder gar nur um einen Kriminal(-ober)rat als Leiter einer der beiden Inspektionen, die den einzelnen Kommissariaten übergeordnet sind. Dazu, ein Beamter wird von der Autorin als Wachtmeister bezeichnet, obwohl es diese Amtsbezeichnung in der bundesdeutschen Polizei schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

 

Besser geworden ist aber trotz der Einwände oben die Gestaltung der einzelnen Charaktere und der Beziehungsgeflechte der nicht wenigen Haupt- und Nebenfiguren.

 

Nochmals, Frau Renk verfügt über erzählerisches Talent, aber warum bloß legt sie mit ihren nunmehr zwei Krimis solch abstruse Geschichten vor? In denen es dazu noch von vielen gar nicht so schlechten, aber sehr verrworrenen, Andeutungen wimmelt, die leider nicht auserzählt werden. Schade.

 

Daher kann der Rezensent nur dies abschließend erbitten: „Frau Renk, bitte werfen Sie keinen dritten Krefeld-Krimi auf den Buchmarkt. Nehmen Sie sich für andere Krimi-Projekte ein Beispiel an wirklich guten Krimi-Autorinnen, wie Agatha Christie zum Beispiel oder aber auch Silvia Stolzenburg."

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Ulrike Renk: Seidenstadt-Morde. Niederhein-Krimi. 282 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 10,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2260-7

 

 

 

 



 
19.03.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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