Sympathisches „bad girl“ Crissa Stone behauptet sich erneut

WEIMAR. (fgw) Crissa Stone hat viele Gesichter. Sie ist eine harte und professionelle Berufsverbrecherin und gleichzeitig eine bedingungslos liebende und loyale Freundin. Ihr Geld macht sie allein mit Raubzügen. Vier spannungsgeladene, aber auch sehr sozialkritische, Crissa-Stone-Kriminalromane hat der US-Autor Wallace Stroby bislang geschrieben. Nach „Kalter Schuß ins Herz“ (2015) ist jetzt im Pendragon-Verlag auch der zweite Band „Geld ist nicht genug“ um das durchaus nicht unsympathische „bad girl“ der Kriminalliteratur erschienen.


Nur ein gutes Vierteljahr ist seit Crissas überhasteter Flucht vor der Mafia und der Polizei in den Süden vergangen. Hier hat sie recht schnell ein neues „Team" zusammengestellt: Sie und ihre zwei Helfer knacken Geldautomaten. Dabei hat Crissa das System des Bankraubs perfektioniert: Mittels der Schaufel eines Frontladers werden die Automaten aus ihrer Verankerung gehebelt und auf die auf die Ladefläche eines Pick-ups balanciert. In einer abgelegenen Scheune werden die Geldbehälter aufgeschweißt und die Beute aufgeteilt. Als Crissa ihren beiden Helfern mitteilt, daß sie jetzt aufhören wolle, geraten diese aus rassistischen Gründen in Streit und bringen sich gegenseitig um. Crissa kehrt daher mit der gesamten Beute in Höhe von mehreren 100.000 Dollar in den Norden zurück. Sie will auch dieses Geld wieder für die Befreiung ihres Liebsten Wayne und für die Ausbildung ihrer Tochter einsetzen. Auch wenn dieses Geld eigentlich „sauber" ist, will sie es dennoch „waschen". Dabei gerät sie an den schmierigen Gangster Cavanaugh, der sie um fast ihr ganzes Geld betrügt und sie sogar noch umbringen will. Crissa kann die Cavanaugh-Bande aber austricksen, so daß diese von der Polizei ergriffen werden kann.

 

Zeitgleich, ebenfalls irgendwo im Süden, wird der ehemalige Gangster Benny Roth von früheren Kumpanen aufgespürt. Benny war als Aussteiger im Zeugenschutzprogramm und arbeitet nun als 62jähriger recht zufrieden als Koch in einem Imbiß-Lokal. Er ist auch frisch und glücklich verliebt in die erst 25jährige Marta. Aber, und darum geht es, Benny war 35 Jahre zuvor in einen spektakulären Geldraub verwickelt. Von den damals mehrere Millionen Dollar als Beute ist jedoch bis in die Gegenwart kaum etwas aufgetaucht. Der Boss des damaligen Coups hat nun das Zeitliche gesegnet und „man" ist auf der Suche nach dem Versteck. In dieser Situation erinnert sich Gangsterboss Taliferro an Benny und kann diesen sogar aufspüren. Doch Benny und Marta können sich aus Taliferros Gewalt befreien und sie fliehen in den Norden.

 

Dort begegnen sich Crissa und Benny durch die Vermittlung von Jimmy Falcone. Jimmy, ein Gangster alter Schule, lebt als 80jähriger in einem Pflegeheim. Er kennt nicht nur Benny aus früheren Tagen, sondern ist vor allem Crissas Gönner und „Förderer". Jimmy ist der Meinung, daß der nie gefundene Schatz von Crissa und Benny gefunden werden könne und solle. Sie aber zweifelt zunächst an dieser Geschichte, hat Vorbehalte gegen Benny. Doch dann fügen sich viele Puzzle-Teile immer besser zusammen.

 

Womit keiner gerechnet hat: Taliferro hat nicht nur überlebt. Er hat zwei und zwei zusammengezählt, hat Witterung aufgenommen und etwa zeitgleich mit Crissa und Benny das Versteck ausgemacht. Dort kommen sich nun beide „Schatzsucher"-Gruppen in die Quere, wobei Crissa und Benny mit der Beute, es sind nur noch etwa zwei Millionen Dollar und Schmuck, abziehen können. Sie teilen ehrlich halbe-halbe.

 

Doch sie machen Fehler über Fehler. Es soll sich bald blutig rächen, daß Crissa keine Mörderin ist. Und Benny ebenfalls nicht. Der will sogar noch Schulden bezahlen, statt sich sofort abzusetzen... So geraten dieser und Marta erneut in Taliferros tödliche Fänge und jetzt auch noch Crissa ins Visier Taliferros. Wie wird sie reagieren?

 

Das soll hier aber nicht weiter erzählt werden. Bleibt doch die Geschichte bis zur letzten Seite wendungsreich und spannungsvoll.

 

In der Verlagswerbung heißt es u.a.: „Mit sicherem Gefühl für authentische Milieustudien und perfektes Timing schafft Wallace Stroby vielschichtige Figuren, die sich jeglichen Konventionen entziehen."

 

Das kann der Rezensent ohne Abstriche bestätigen und hier nur wiederholen - und ergänzen, was er diesbezüglich schon in der Besprechung des ersten Crissa-Stone-Romans geschrieben hatte:

 

Crissa Stone wird vom Leser eigentlich so gar nicht als Berufskriminelle wahrgenommen. Viel mehr als Frau, die sich in der US-Gesellschaft eben nicht anders behaupten kann. Wenn das gutbürgerliche Leben eben nicht auf „anständige" Art und Weise gesichert werden kann, dann wenigstens „anständig" anders: Durch Raubzüge bei denen, die in Geld schwimmen und dieses meistens auch nicht auf ehrliche Weise erworben und gemehrt haben. Ein ähnlicher Charakter, wenngleich aufgrund anderer Erfahrungen, ist Benny Roth.

 

Bei diesem Charakter und seinem Motiv für die kriminellen Entwicklung bringt Autor Stroby Sozialkritisches ins Spiel, wenn Benny gegenüber Crissa aus seinem Leben erzählt: „Mein Vater hat in Astoria in einer Textilfabrik gearbeitet, am Band, neun oder zehn Stunden am Tag, jeden Tag. (...) Das ist das Spiel, das sie dir aufzwingen. Bleib arm und arbeite, um jemand anderen reich zu machen, und dann stirb." (S. 202-203)

 

Es ist deshalb nie die „action", die in Strobys Romanen für Spannung sorgt. Nein, für Spannung sorgen ganz besonders diese vielschichtigen Charakterzeichnungen, was sich wohltuend vom leider zu oft üblichen Schwarz-Weiß-Schema abhebt. Denn selbst Kriminelle muß man differenziert darstellen, sind doch auch sie Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Empfindungen und individuellen Schicksalen. Das betrifft sogar die absoluten Negativ-Helden, wie Taliferro & Gang.

 

Im Gegensatz zu diesen oder Cavanaugh haben Crissa und Benny Ehre im Leib, wenngleich dies (nur) eine Ganovenehre ist. Auch Jimmy bringt eine solche gegenüber Crissa zum Ausdruck: „Ich meine, es sollte eigentlich um Geschäfte gehen. Was bringt es ein, wenn man einen armen Hund umlegt und seinen Körper zerhackt?" (S.195) Eben deshalb ist des Lesers Sympathie immer wieder auf Seiten dieser beiden Charaktere, obwohl sie laufend gegen das Gesetz verstoßen.

 

Zum Hintergrund für diesen Roman (dem Lufthansa-Fall aus dem Jahre 1978) geht Übersetzer Alf Mayer in einem Nachwort sehr informativ ein.

 

Nebenbei bemerkt, im vorigen Jahr wurden nach der Crissa-Stone-Methode auch in Thüringen, vor allem im ländlichen Bereich, zahlreiche Geldautomaten ausgehebelt...

 

Es bleibt also nur, dem Verlag, seinen Lektorinnen Eike Birck, Eva Weigl und Fiona Dummann sowie dem kongenialen Übersetzer Alf Mayer nochmals zu danken, daß sie Wallace Stroby und „das beste bad girl der Kriminal-Literatur" für den deutschen Leser entdeckt haben.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Wallace Stroby: Geld ist nicht genug. A.d.Amerik. v. Alf Mayer. 352 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2017. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86532-577-8

 

 



 
21.03.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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